4. Thermotaxis.

Wie das Licht gestattet auch die Wärme eine sehr leichte Anwendung

einseitiger Reizung, da die Wärme, sei es, daß sie sich durch Leitung,

sei es, daß sie sich durch Strahlung fortpflanzt, immer mit der

Entfernung von der Wärmequelle abnimmt, so daß in der gleichen Richtung

von der Wärmequelle an zwei verschiedenen Punkten des Mediums stets

Temperaturdifferenzen bestehen.

Die erste Beobachtung thermotaktischer Eigenschaften machte

~Stahl~[525] an den Plasmodien von +Aethalium septicum+. Er stellte

zwei Bechergläser, deren eines mit Wasser von 7°, deren anderes mit

Wasser von 30° gefüllt war, nebeneinander auf und legte einen Streifen

Fließpapier, auf dem sich das Myxomycetenplasmodium ausgebreitet hatte,

in der Weise über ihre Ränder, daß das eine Ende des Plasmodiums in das

kühlere, das andere in das wärmere Wasser tauchte. Alsbald fing das

Protoplasma des Plasmodiennetzwerkes an, aus dem kühlen Wasser heraus-

und in der Richtung nach dem wärmeren Wasser hinüberzuströmen, obgleich

es vor dem Versuch die entgegengesetzte Kriechrichtung befolgte.

Schließlich hatte sich die ganze Protoplasmamasse nach dem warmen

Wasser hinübergezogen. Wir haben also hier einen Fall von positiver

Thermotaxis.

[Illustration: Fig. 245. +Negative Thermotaxis der Amöben.+ _I_ Auf

einem großen Deckglas befindet sich eine Wassermasse mit vielen Amöben.

Das Deckglas liegt über einem schwarzen Grunde, der in der Mitte einen

scharfen viereckigen Ausschnitt hat. Durch Verschieben des Deckglases

kann eine Amöbe gerade so eingestellt werden, daß sie beim Verfolg

ihrer Kriechbahn über die Grenze des Ausschnittes kriecht, _II A_. Wird

dann plötzlich das konzentrierte Sonnenlicht vom Mikroskopspiegel durch

den Ausschnitt gelassen, so kriecht die Amöbe sofort wieder in das

kühle Dunkel zurück, _II B_. Die Pfeile geben die Kriechrichtung an.]

Eine negative Thermotaxis können wir bei +Amöben+[526] beobachten,

wenn wir auf eine Körperstelle eine Temperatur von mindestens

35° C einwirken lassen, während der übrige Protoplasmaleib sich

unter niedrigerer Temperatur befindet. Das ist mittels geleiteter

Wärme kaum zu erreichen. Wir benutzen daher strahlende Wärme und

treffen folgende Anordnung. Ein größerer Wassertropfen, der viele

Individuen von +Amoeba limax+ enthält, wird auf ein großes und

dünnes Deckglas gebracht und über eine mit schwarzem Papier beklebte

Glasplatte gelegt. Das schwarze Papier dieser Platte besitzt in

der Mitte einen kleinen, sehr scharfrandigen Ausschnitt. Unter dem

Mikroskop, dessen Konkavspiegel so eingestellt ist, daß er das grelle

Sonnenlicht auffängt und durch das Diaphragma reflektiert, wird nach

Zwischenschaltung einer undurchsichtigen Platte zwischen Objekttisch

und Spiegel bei auffallendem Lichte eine +Amöbe+ gerade so eingestellt,

daß sie im Verfolg ihrer Kriechrichtung über die Grenze des schwarzen

Papiers kriechen muß. Sobald die +Amöbe+ mit ihrem vorderen Ende

die Grenze des Ausschnittes überschritten hat, wird plötzlich die

undurchsichtige Platte zwischen Spiegel und Objekttisch entfernt,

so daß nun die konzentrierten Sonnenstrahlen auf das vordere Ende

der +Amöbe+ fallen, während das hintere sich noch im Schatten des

schwarzen Papiers befindet. Die Folge ist, daß die +Amöbe+ sogleich

ihre bisherige Kriechrichtung ändert und wieder in den Schatten

zurückfließt (Fig. 245). Daß es sich hier um eine reine Wärmewirkung

und nicht um eine Lichtwirkung der Sonnenstrahlen handelt, ist ohne

weiteres zu entscheiden, wenn man entweder die chemisch wirksamen

Lichtstrahlen durch Zwischenschaltung einer absorbierenden Lösung von

Jod in Schwefelkohlenstoff oder die Wärmestrahlen durch Einschaltung

von Eis- und Alaunplatten ausschließt. Im ersteren Falle ist die

thermotaktische Wirkung ebenso deutlich wie im reinen Sonnenlicht;

im letzteren fehlt sie trotz der großen Helligkeit der Beleuchtung.

Ueberhaupt sind die +Amöben+, wie sich bei genauerer Prüfung zeigt,

nicht durch Licht reizbar. Dagegen zeigt eine thermometrische Messung

der Temperatur im Tropfen direkt über dem Ausschnitt des schwarzen

Papiers, daß mindestens eine Temperatur von 35° C erreicht sein muß,

wenn die Wirkung eintreten soll.

[Illustration: Fig. 246. +Thermotaxis von Paramaecium.+ In einer

schwarzen Ebonitwanne von 10 cm Länge befinden sich zahlreiche

Paramäcien, die sich bei einseitiger Erwärmung der Wanne auf über

24–28° C alle nach der kühleren Seite hin bewegen. Nach ~Mendelssohn~.]

Die thermotaktische Wirkung verschiedener Temperaturgrade läßt sich

am besten an Wimperinfusorien studieren, die man, wie +Paramaecium+,

in großen Massen züchten und zum Versuch benutzen kann. Bringt

man auf eine Metallplatte eine kleine Ebonitwanne und breitet auf

dieser die paramäcienhaltige Flüssigkeit aus, so kann man durch

einseitiges Erwärmen oder Abkühlen mittels Eis an beiden Enden der

Flüssigkeitsfläche thermometrisch meßbare Temperaturdifferenzen

herbeiführen, die eine ausgeprägte thermotaktische Wirkung zur Folge

haben (Fig. 246). Der unten abgebildete, von ~Mendelssohn~ konstruierte

Apparat gestattet eine Heizung und Abkühlung mit heißem oder kühlem

Wasser (Fig. 247). Mit dieser Methode hat ~Mendelssohn~[527] in einer

Reihe von Arbeiten die Thermotaxis von +Paramaecium+ und später auch

von verschiedenen anderen Infusorienformen eingehend studiert. Dabei

hat sich gezeigt, daß die +Paramäcien+ bei Temperaturen von mehr als

ca. 25–28° C negativ thermotaktisch sind, d. h. von der wärmeren

Seite in Scharen wegschwimmen, während sie bei Temperaturen unterhalb

dieser Grenze positive Thermotaxis zu erkennen geben, indem sie die

abgekühlte Seite verlassen. Wir haben also hier eine der Chemotaxis

und Phototaxis, bei der die Organismen ebenfalls einem bestimmten

Intensitätsgrade des Reizes sich von beiden Seiten her zuwenden,

vollkommen analoge Reizwirkung. Wie geringe Temperaturdifferenzen

an beiden Körperpolen des +Paramaeciums+ übrigens noch eine

thermotaktische Wirkung zu erzielen vermögen, ergibt sich aus einer

einfachen Berechnung, wenn man die Länge der Flüssigkeitsfläche,

die geringsten noch wirksamen Differenzen an ihren beiden Enden und

die Länge des +Paramäcien+körpers kennt. ~Jensen~ fand bei dieser

Berechnung, die freilich immer nur annähernde Werte ergeben kann, daß

die +Paramäcien+ noch thermotaktisch sind, wenn an den beiden Enden

ihres ca. 0,2 mm langen Körpers ein Temperaturunterschied von 0,01° C

herrscht. Es spricht sich darin eine Feinheit der Unterscheidung

von Reizgrößen aus, die in den von ~Pfeffer~ für die Chemotaxis

ermittelten Zahlen, sowie in den geringen bei der Phototaxis wirksamen

Reizunterschieden zwar ein Analogon findet, die aber unsere bewußte

Unterschiedsempfindlichkeit für Temperaturreize weit hinter sich

zurückläßt.

[Illustration: Fig. 247. +Apparat zur Untersuchung der Thermotaxis.+

Auf einer Metallplatte befindet sich, in eine Vertiefung eingelassen,

eine flache Wanne aus schwarzem Ebonit (Fig. 246), in der die

paramäcienhaltige Flüssigkeit ist. Die Metallplatte besitzt 3

Röhren, durch die von einem Becherglase aus mittels eines Schlauches

Wasser von beliebiger Temperatur hindurchgelassen werden kann. Ueber

der Wanne sind an einem Stativ Thermometer angebracht, die in die

paramäcienhaltige Flüssigkeit tauchen und es gestatten, die Temperatur,

die hier an verschiedenen Stellen herrscht, jeden Augenblick abzulesen.

Nach ~Mendelssohn~.]

Allgemeine Physiologie · 第 224 / 283 题