2. Barotaxis.

Alle mechanische Reizung der lebendigen Substanz besteht in einer

Veränderung der Druckverhältnisse, unter denen sie sich befindet.

Von der Einwirkung der kontinuitätstrennenden Zerquetschung oder

Zerschneidung an bis zur leisesten Berührung und bis zur feinsten

Abstufung des Luft- oder Wasserdruckes kann jede Veränderung der

Druckverhältnisse als Reiz wirken. Bei einseitiger Einwirkung von

Druckreizen, also in allen den Fällen, wo Druck+differenzen+ an zwei

verschiedenen Stellen des Körpers eines Organismus bestehen, sehen wir

daher der Chemotaxis entsprechende Wirkungen zustande kommen, die wir,

da sie sämtlich das Gemeinsame haben, daß sie durch ungleichseitig

wirkenden Druck (βάρος) hervorgerufen werden, als „+Barotaxis+“

bezeichnen können. Auch die Barotaxis, von der wir je nach der Art des

Druckes verschiedene Arten unterscheiden können, kann eine +positive+

oder +negative+ sein, je nachdem der Organismus sich nach der Seite des

höheren oder niederen Druckes hinwendet.

[Illustration: Fig. 235. +Pseudopodium von Orbitolites, in _a_ bei *

durchschnitten.+ _b_, _c_, _d_, _e_, _f_ aufeinanderfolgende Stadien

der Reizwirkung.]

Unter „+Thigmotaxis+“ können wir alle diejenigen Fälle der Barotaxis

zusammenfassen, die durch mehr oder weniger starke Berührung der

lebendigen Substanz mit festeren Körpern zustande kommen. Die

einfachste Form derselben zeigen uns die nackten Protoplasmamassen,

wie Rhizopoden, Leukocyten etc., und zwar liefern diese uns gerade

ausgezeichnete Beispiele dafür, wie die schwache Berührung positive,

die heftige Berührung negative Thigmotaxis hervorruft, wie also auch

hier analog der Chemotaxis die verschiedene Intensität des Reizes von

wesentlicher Bedeutung ist. Lassen wir z. B. einen marinen Rhizopoden,

etwa den schon mehrfach erwähnten +Orbitolites+ (Fig. 111, p. 281),

ruhig in einem Glasschälchen mit Seewasser liegen, so beginnen nach

einiger Zeit aus den kleinen Löchern der Kalkschale Pseudopodien

herauszutreten, die, zunächst ganz kurze Fädchen vorstellend, frei im

Wasser flottieren. Bald aber, indem sie länger und schwerer werden,

senken sie sich mit den Enden auf die Unterlage, haften mittels eines

feinen Sekrets hier fest, und nun beginnt das Protoplasma lebhaft auf

der Unterlage entlang zu strömen, ohne sich je wieder frei ins Wasser

zu erheben. Die lebendige Substanz der Rhizopoden verhält sich also der

+leisen Berührung+ mit der Unterlage gegenüber positiv thigmotaktisch

und wendet sich der Unterlage zu. Die Ausstreckung und reiche

Ausbreitung der Pseudopodien findet, abgesehen von den freischwimmenden

Radiolarien, Heliozoen etc., immer im Kontakt mit irgendeinem Körper

statt, sei es mit der Unterlage, sei es mit dem Deckglas oder dem

Oberflächenhäutchen des Wassers, sei es schließlich mit irgendwelchen

im Wasser liegenden Gegenständen. Umgekehrt können wir durch

+starke+ mechanische Reizung der Spitze eines lang ausgestreckten

+Orbitoliten+-Pseudopodiums, am besten, wenn wir es mit einer Nadel

drücken oder mit einem Messer an der Spitze durchschneiden, eine

negative Thigmotaxis seiner lebendigen Substanz hervorrufen, indem sich

das Protoplasma an der Reizstelle zu kleinen Kügelchen und Spindelchen

zusammenballt und von der Reizstelle hinwegströmt (Fig. 235)[493]. Noch

deutlicher ist die gleiche Wirkung bei einer schneller reagierenden

Rhizopodenform des süßen Wassers, der gehäusetragenden +Cyphoderia+,

zu beobachten, wo das Protoplasma des Pseudopodiums von der Reizstelle

sich mit großer Geschwindigkeit zurückzieht (Fig. 236).

[Illustration: Fig. 236. +Cyphoderia mit lang ausgestreckten

Pseudopodien.+ Bei → gereizt. Das Protoplasma fließt von der Reizstelle

weg.]

[Illustration: Fig. 237. +Positive Thigmotaxis einer Pflanze.+ _a_

Stab, _b_, _b_, _c_, _d_ Ranken. Nach ~Sachs~.]

Die thigmotaktischen Reizwirkungen sind weit verbreitet. Am

bekanntesten sind sie im Pflanzenreich bei den Schlingpflanzen und

Rankengewächsen, deren Stengel und Ranken sich den Gegenständen, mit

denen sie in Berührung kommen, zuwenden, um in stetem Kontakt mit ihnen

weiter zu wachsen (Fig. 237). Allein, schon in dem ziemlich gleichmäßig

gebauten Zellenstaat der Pflanze sind die Verhältnisse so kompliziert,

daß sich bei diesen Wirkungen das Verhalten der lebendigen Substanz in

der einzelnen Zellulosekapsel gegenüber dem Reiz nicht ohne weiteres

übersehen läßt, so daß wir bisher noch nicht sicher wissen, in welcher

Weise die einzelne Zelle an dem Zustandekommen der thigmotaktischen

Rankenkrümmung beteiligt ist.

An den Spermatozoen der Küchenschabe (+Periplaneta orientalis+) hat

~Dewitz~[494] eine positive Thigmotaxis entdeckt. Bringt man die

Spermatozoen dieses Tieres in eine Kochsalzlösung von 0,6 Proz.

zwischen Objektträger und Deckglas, so haben sich nach kurzer Zeit

alle Individuen teils auf der Unterseite des Deckglases, teils an der

Oberfläche des Objektträgers angesammelt und beschreiben hier durch

den Schlag der Geißel kreisförmige Bogen, deren Richtung ausnahmslos

dem Sinne der Uhrzeigerbewegung entgegengesetzt ist. Die Dicke der

Flüssigkeitsschicht bleibt vollständig frei von den Spermatozoen,

welche die Flächen des Glases, nachdem sie dieselben einmal erreicht

haben, nicht wieder verlassen. Legt man eine Kugel in den Tropfen, so

wird auch die Kugeloberfläche von ihnen aufgesucht. Auch wenn man eine

mit Spermatozoen bevölkerte Kochsalzlösung in den Hohlraum einer Kugel

bringt, ist nach kurzer Zeit die ganze Innenfläche von ihnen bedeckt

und die Mitte der Flüssigkeit völlig verlassen. Die ausgesprochene

Thigmotaxis dieser Spermatozoen ist ähnlich wie die positive Chemotaxis

vieler anderer von größter Bedeutung für die Befruchtung der Eier.

Ein Gegenstück zu diesem Verhalten der Spermatozoen von +Periplaneta+

liefert uns folgende Beobachtung an der Wimperinfusoriengattung

+Oxytricha+, deren flacher, biegsamer Körper an seiner Unterseite mit

Wimpern besetzt ist, die das Infusor ähnlich wie eine Assel als Beine

benutzt, um damit auf den Gegenständen im Wasser umherzulaufen. Immer

sieht man diese Infusorien auf dem Objektträger oder am Deckglas oder

auf Schlammteilchen, die im Wasser liegen, geschäftig und rastlos

umherlaufen, ohne daß sie jemals von selbst den Kontakt mit diesen

Gegenständen verließen. Die Episode aus dem Leben einer +Oxytricha+, um

die es sich hier handelt, illustriert aber diese positive Thigmotaxis

ganz besonders. Es lagen in einem flachen Schälchen mit Flußwasser

einige kugelrunde Eier der Flußmuschel +Anodonta+, und gleichzeitig

befand sich eine +Oxytricha+ im Wasser. Diese war auf irgendeine Weise

beim Eingießen in Berührung mit einem der Eier gekommen und rannte

nun unermüdlich auf der Kugeloberfläche des Eies umher, ohne dieselbe

verlassen zu können (Fig. 238 _C_), da das Ei nur mit einem Punkte auf

der ebenen Unterlage ruhte. Stundenlang lief das Infusor so auf der

Eikugel umher und muß -- seinen Weg auf eine gerade Linie übertragen --

eine ganz enorme Strecke zurückgelegt haben. Nach vier Stunden endlich

war es durch Vermittlung eines Schlammteilchens, das an die isoliert

daliegende Eikugel gelangte, in der Lage, seinen Zwangsaufenthalt

wieder zu verlassen. Experimente, die darauf mit anderen +Oxytrichen+

künstlich die gleichen Verhältnisse nachahmten, ergaben ganz analoge

Resultate.

Einen andern typischen Fall von positiver Thigmotaxis hat ~Jennings~ am

+Paramaecium+ beobachtet[495]. Bringt man nämlich unter ein Deckglas,

unter dem sich zahlreiche +Paramäcien+ gleichmäßig im Wasser zerstreut

befinden, ein Fließpapierstückchen oder einen anderen Stoff mit rauher

Oberfläche, so sieht man, daß nach einiger Zeit dieser Körper mit einem

dichten Saum von +Paramäcien+ besetzt ist, die ihn mit ihren Wimpern

berühren, ohne sich vom Platze zu bewegen. Bei Anwendung von stärkeren

Vergrößerungen zeigt sich, daß diejenigen Wimpern, welche in direkter

Berührung mit dem Fremdkörper sind, gerade ausgestreckt vollkommen

stillstehen (Fig. 239 _A_), und daß auch die Wimpertätigkeit am ganzen

übrigen Körperumfange stark herabgesetzt, event. ganz aufgehoben ist.

Wir haben hier also eine sehr ausgeprägte Thigmotaxis der +Paramäcien+

vor uns. Bemerkenswert ist übrigens nebenbei, daß die thigmotaktische

Ansammlung der +Paramäcien+ durch ihre Kohlensäureproduktion immer neue

Individuen chemotaktisch herbeilockt, so daß schließlich die sämtlichen

Individuen des Tropfens (meist schon im Verlauf von 5–10 Minuten) um

den Fremdkörper versammelt sind, ohne daß es den meisten überhaupt

möglich wäre, in direkte Berührung damit zu treten, da derselbe von

einem undurchdringlichen Wall thigmotaktisch gefesselter Individuen

umgeben ist (Fig. 239 _B_). Die Thigmotaxis, welche die zufällig

anschwimmenden Individuen veranlaßt zu bleiben, ist nur der erste Anlaß

für die Ansammlung; die Chemotaxis nach der von ihnen produzierten

Kohlensäure macht die Ansammlung dann vollständig.

[Illustration: Fig. 238. +Oxytricha, ein Wimperinfusorium.+ _A_

Von unten, _B_ von der Seite gesehen, _C_ auf einem Muschelei

umherlaufend.]

Vor einigen Jahren hat ~Pütter~[496] eine ausführliche Studie über die

Thigmotaxis der einzelligen Organismen veröffentlicht, in der er zeigt,

daß die Thigmotaxis sehr weit verbreitet in allen Klassen der Protisten

vorkommt. Als die beiden charakteristischen Wirkungen der Kontaktreize,

die zum Zustandekommen der thigmotaktischen Reizwirkungen wesentlich

in Betracht kommen, sieht ~Pütter~ einerseits die Beeinflussung der

Bewegungsorganoide (Pseudopodien, Geißeln, Wimpern) und anderseits

die Abscheidung eines klebrigen Sekrets an. Letzteres Moment spielt

bei +Oscillarien+, +Diatomeen+, +Desmidiaceen+, +Gregarinen+ und

+Coccidien+ eine besonders wichtige Rolle. Sehr interessant sind ferner

die Untersuchungen ~Pütter~s über die Intensität der thigmotaktischen

Reizwirkungen im Vergleich zu den Wirkungen anderer Reize. ~Pütter~ hat

besonders thermische und galvanische Reize zum Vergleich herangezogen.

Dabei hat sich herausgestellt, daß die hemmende Wirkung der schwachen

Kontaktreize eine ganz unerwartet starke ist, daß die thigmotaktischen

Infusorien beispielsweise bis zu einem sehr hohen Grade für thermische

und galvanische Reize unerregbar sind, daß sie aber sofort ihre normale

Erregbarkeit wieder annehmen, sobald ihr Kontakt mit den festen

Gegenständen unterbrochen ist. Bei vielen Organismen (+Euglena+,

+Chilodon+, +Stylonychia+, +Spirostomum+ etc.) vermögen selbst die

höchsten Temperaturen nicht die Thigmotaxis zu überwinden und die

thigmotaktischen Individuen durch Erregung der Wimperbewegung zur

Aufhebung ihres Kontakts zu veranlassen. Diese Organismen sterben

bei höheren Temperaturen ab, ohne sich aus dem Kontakt zu trennen.

+Paramaecium+ dagegen löst sich bei 37° C, wo die Erregung der

Wimpertätigkeit bei freischwimmenden Individuen einen ganz ungeheuren

Grad erreicht, doch endlich vom Kontakt los und stürmt rasend davon.

Hier überwindet also die durch den thermischen Reiz erzeugte heftige

Erregung der Wimperbewegung die durch den Kontaktreiz herbeigeführte

Hemmung derselben schließlich doch. Die Interferenz der Thigmotaxis mit

der Galvanotaxis und die daraus resultierenden merkwürdigen Vorgänge

werden weiter unten berührt werden.

[Illustration: Fig. 239. +Thigmotaxis von Paramaecium.+ _A_ Ein

Individuum in Berührung mit einer Fließpapierfaser. Die Wimpern, welche

die Faser direkt berühren, stehen vollkommen still. _B_ Ansammlung

von Paramäcien um ein Fließpapierstückchen unter dem Deckglas. Nach

~Jennings~.]

Eine zweite Form der Barotaxis, bei welcher der Druckreiz nicht wie

bei der Thigmotaxis durch Berührung mit einem festen Körper, sondern

durch den sanften Strom langsam fließenden Wassers erzeugt wird, ist

die von ~Schleicher~ entdeckte und von ~Stahl~[497] genauer untersuchte

„+Rheotaxis+“, d. h. die Eigentümlichkeit gewisser Organismen,

fließendem Wasser gegenüber eine der Strömungsrichtung entgegengesetzte

Bewegungsrichtung einzuschlagen. Da die Organismen sich demnach der

Seite des Druckreizes zuwenden, so haben wir in der Rheotaxis nur eine

spezielle Form der positiven Barotaxis zu erblicken. Die Rheotaxis

ist bisher nur bei wenigen Organismen bekannt geworden. Am besten

brachte sie ~Stahl~ bei Myxomycetenplasmodien, und zwar bei +Aethalium

septicum+, durch folgenden Versuch zur Anschauung. Er hängte einen

schmalen Fließpapierstreifen in ein mit Wasser gefülltes Becherglas,

das etwas erhöht aufgestellt war, in der Weise, daß das eine Ende des

Streifens in das Wasser eintauchte, während das andere über den Rand

lang nach unten herabhing. Auf einem solchen Streifen besteht, wie

man sich durch Anbringen einer Farbstoffmarke überzeugen kann, ein

kontinuierlicher, langsamer Wasserstrom, der nach dem herabhängenden

Ende gerichtet ist. Dieses Ende legte ~Stahl~ auf einen Lohehaufen,

in dem sich Plasmodien von +Aethalium+ befanden. Die Folge war, daß

die Plasmodien langsam von dem Lohehaufen an dem Streifen in die

Höhe krochen und sich schließlich über den Becherglasrand hinüber an

der Innenseite des Glases abwärts, bis an die Wasseroberfläche hin,

ausbreiteten. Durch geeignete Kontrollversuche konnte sichergestellt

werden, daß es in der Tat nur das +strömende+ Wasser war, das den Reiz

für diese Bewegung lieferte.

Auch an +Paramäcien+ hat ~Jennings~[498] in neuerer Zeit rheotaktische

Bewegungen experimentell hervorrufen können, indem es ihm gelang,

in engen Glasröhren Wasserströmungen in ihrer Geschwindigkeit so

abzustufen, daß er eine Strömungsgeschwindigkeit erhielt, bei der die

+Paramäcien+ nicht mehr passiv mit fortgerissen werden. Unter solchen

Bedingungen läßt sich eine Strömungsgeschwindigkeit finden, bei der

die Infusorien sich mit ihrer Längsachse in die Strömungsrichtung

einstellen und gegen den Strom vorwärts schwimmen. Es ist anzunehmen,

daß diese Reaktionsweise auf Wasserströmungen auch bei anderen

freibeweglichen Infusorienformen vorkommt.

Leider sind die rheotaktischen Eigenschaften anderer Organismen noch

wenig untersucht. Es ist aber sehr wahrscheinlich, daß die Rheotaxis

weiter verbreitet ist. Unter anderem lag es nahe, anzunehmen, daß auch

die menschlichen Spermatozoen rheotaktisch sind und vermöge ihrer

Rheotaxis den Weg zur Eizelle finden, denn wenn die Spermatozoen in

die Uterushöhle des Weibes hineingelangt sind, so treffen sie hier

auf einen ihnen entgegenkommenden Strom schleimiger Flüssigkeit,

da das Flimmerepithel, das die Uterushöhle auskleidet, eine nach

dem Muttermunde hin gerichtete Schlagrichtung besitzt, mithin einen

nach außen gerichteten Strom erzeugt. Daß es eine Chemotaxis der

Spermatozoen nach dem Ei wäre, die ihnen in diesem Falle den Weg wiese,

wird sehr unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß die Spermatozoen auch

dann im Uterus in die Höhe wandern, wenn das Ei den Eierstock-Follikel

noch gar nicht verlassen hat. In der Tat ist es denn auch ~Roth~[499]

gelungen, experimentell zu zeigen, daß die Spermatozoen und ebenso

gewisse Bakterien rheotaktisch sind, indem er unter dem Deckglas

eine schwache kontinuierliche Strömung erzeugte und dabei sah, daß

diese einzelligen Organismen sich der Strömung entgegen bewegten. Für

Spermatozoen des Hundes speziell hat ~Winterstein~ in anderweitig

nicht veröffentlichten Versuchen diese Angaben ~Roth~s bestätigen

können. Es liegt auf der Hand, welche große biologische Bedeutung der

Rheotaxis der Spermatozoen bei den höheren Wirbeltieren zukommt, und

diese Bedeutung wird, wie ~Kraft~[500] hervorhebt, noch erhöht dadurch,

daß der Flüssigkeitsstrom im Uterus resp. Eileiter gewissermaßen eine

+Selektion+ unter den Spermatozoen ausübt, indem er nur den kräftigen

Exemplaren gestattet, sich den Weg aufwärts, den Weg zur Befruchtung zu

erringen. Die Schwächlinge bleiben auch hier zurück, ohne ihr Ziel zu

erreichen.

Als eine dritte Form der Barotaxis schließlich haben wir die

„+Geotaxis+“ aufzufassen, d. h. die Tatsache, daß sich gewisse

Organismen mit ihrer Medianachse in ganz bestimmter Richtung zum

Erdmittelpunkt einstellen und bewegen. Den Druckreiz liefern in diesem

Falle die minimalen Druckdifferenzen, die sich sowohl im Wasser als

auch in der Luft an Punkten verschiedener Höhe finden.

Die geotaktischen Reizwirkungen sind am längsten in der Botanik

bekannt, denn die Pflanzen sind sämtlich in ausgezeichneter

Weise geotaktisch. Die Wurzeln wachsen dem Erdmittelpunkt zu und

sind +positiv+ geotaktisch, die Stengel und Stämme wachsen vom

Erdmittelpunkt weg, sind also +negativ+ geotaktisch, und schließlich

sehen wir in dem Verhalten der Blätter und in vielen Fällen der Zweige,

die stets im wesentlichen tangential zur Erdoberfläche wachsen, eine

+transversale+ Geotaxis.

An freilebenden Zellen sind besonders von ~Schwarz~[501],

~Aderhold~[502], ~Massart~[503], ~Jensen~[504] und ~Sosnowski~[505]

geotaktische Eigenschaften festgestellt worden, indem diese Forscher

fanden, daß Infusorien und Bakterien in Glasgefäßen mit Wasser teils in

die Höhe steigen und sich ansammeln, teils die Tiefe aufsuchen und sich

am Boden scharen. Bringt man z. B. in eine senkrecht stehende Glasröhre

Wasser, in dem sich zahlreiche +Paramäcien+ befinden, so steigen diese

Infusorien, wie ~Jensen~ fand, in kurzer Zeit in die Höhe und sammeln

sich am oberen Ende an (Fig. 240), mag dasselbe offen oder verschlossen

sein. Die +Paramäcien+ sind also negativ geotaktisch. Umgekehrt

verhalten sich, wie ~Massart~ beobachtete, manche Bakterienformen,

die sich bei gleicher Versuchsanordnung am unteren Ende der Röhre

versammeln. Diese Bakterien sind demnach positiv geotaktisch. Uebrigens

hat ~Sosnowski~ gezeigt, daß sich auch die sonst immer negativ

geotaktischen +Paramäcien+ künstlich positiv geotaktisch machen

lassen, wenn sie unter gewisse Temperaturen gebracht oder mechanisch

durch Schütteln gereizt werden, doch spielt bei dieser Umwandlung der

negativen in die positive Geotaxis auch der Zustand und das Alter der

Paramäcienkultur eine Rolle, die noch weiterer Aufklärung bedarf.

[Illustration: Fig. 240. +Glasröhrchen mit Paramäcien+, die sich

infolge ihrer negativen Geotaxis am oberen Ende angesammelt haben. Nach

~Jensen~.]

Man hat sich bis in die neueste Zeit entweder gar keine oder halb

mystische Vorstellungen darüber gemacht, wie die Schwerkraft die

geotaktischen Reizwirkungen erzeuge, bis ~Jensen~ zeigte, daß es

die Druckdifferenzen an den Punkten verschiedener Höhe sind, welche

diese Wirkungen hervorrufen. Bekanntlich ist der hydrostatische

Druck in einer Wassersäule oben bedeutend geringer als unten. Der

höhere Druck wirkt daher z. B. auf die +Paramäcien+ als Reiz und

veranlaßt sie, sich von den Stellen höheren Druckes abzuwenden und

die Stellen des geringsten Druckes aufzusuchen. Andere Unterschiede

sind, wie jede Ueberlegung ohne weiteres zeigt, zwischen dem oberen

und dem unteren Teil der Flüssigkeitssäule in der senkrecht stehenden

Glasröhre nicht vorhanden. Ein unbefangener Beobachter muß also sofort

in den geotaktischen Reizwirkungen eine Druckwirkung erkennen. Daß

sie das aber in der Tat auch sind, konnte ~Jensen~ durch Versuche

auf der Zentrifugalscheibe zeigen, indem er in horizontal liegenden

Röhren, in denen unter gewöhnlichen Verhältnissen keine geotaktische

Ansammlung der +Paramäcien+ eintreten kann, durch Zentrifugieren in

der Richtung des Zentrifugalscheibenradius den Druck am peripherischen

Ende gegenüber dem zentralen Ende steigerte und so künstlich die

Verhältnisse nachahmte, die nach den Gesetzen der Erdschwere in einer

senkrecht stehenden Röhre herrschen. Der Erfolg war der, daß sich auch

auf der Zentrifuge die +Paramäcien+ bei nicht zu schnellem Drehen

an den Stellen des niedrigeren Druckes, d. h. an dem zentralen Ende

der Röhre, ansammelten, eine Reizwirkung, die ~Jensen~ der Geotaxis

als „+Zentrotaxis+“ an die Seite stellt. Die Ansammlung stellt sich

mit derselben, ja, bei geeigneter Geschwindigkeit häufiger mit noch

größerer Sicherheit ein wie in der senkrecht stehenden Röhre. Wird zu

schnell zentrifugiert, so werden natürlich die Infusorien passiv als

spezifisch schwerere Körper nach der Peripherie hin geschleudert.

Wir müssen schließlich auch die Geotaxis der höheren Pflanzen, die in

der Botanik so lange Zeit eine eigene Stellung eingenommen hat, als

einen speziellen Fall der barotaktischen Reizwirkungen betrachten, doch

liegen hier, wie bei den geotaktischen Reizwirkungen der Metazoen, die

Verhältnisse insofern etwas anders, als bei beiden besondere Organe,

die „+Statolithenorgane+“[506], speziell für die Vermittlung der

geotaktischen Einstellung differenziert sind. Diese Statolithenorgane,

deren Prinzip darin besteht, daß spezifisch schwerere, bewegliche

Körnchen, die immer, der Erdschwere folgend, nach unten streben,

durch ihren Druck gewisse Zellen des vielzelligen Körpers mechanisch

reizen, sind im Tierreich seit langer Zeit bekannt und so, wie

diese Statolithen im Tierreich sind neuerdings gleichzeitig von

~Haberlandt~[507] und ~Němec~[508] die Stärkekörner im Pflanzenreich

als Vermittler der geotaktischen Reizwirkungen nachgewiesen worden.

Allgemeine Physiologie · 第 222 / 283 题