1. Chemotaxis[477].

Unter „Chemotaxis“ verstehen wir die Tatsache, daß Organismen, die

mit aktiver Bewegungsfähigkeit begabt sind, sich unter dem Einfluß

einseitig einwirkender chemischer Reize entweder zu der Reizquelle

hin- oder von der Reizquelle fortbewegen. Im ersteren Falle, in dem

eine Annäherung an die Reizquelle stattfindet, sprechen wir von einer

+positiven+, im letzteren Falle, in dem eine Entfernung von der

Reizquelle erfolgt, von einer +negativen+ Chemotaxis. Eine einseitige

Reizung ist aber bei chemischen Reizen nur da realisiert, wo die

Konzentration des betreffenden Stoffes vom lebendigen Objekt her nach

+einer+ Richtung hin allmählich steigt.

Von ~Engelmann~ zuerst an Bakterien entdeckt, von ~Stahl~ bei

Myxomyceten beobachtet, von ~Pfeffer~ in größerer Ausdehnung methodisch

studiert und in neuerer Zeit von ~Massart~, ~Leber~, ~Gabritschevsky~,

~Metschnikoff~ und anderen bei Leukocyten verfolgt, ist die Chemotaxis

jetzt als eine Reizwirkung von ungemeiner Verbreitung unter den

verschiedensten Zellen und von außerordentlicher Bedeutung nicht

bloß für die einzelligen Organismen, sondern auch für das Leben im

Zellenstaate erkannt worden.

Unter den +nackten Protoplasmamassen+ wurden die chemotaktischen

Reizwirkungen zuerst von ~Stahl~[478] an den Myxomyceten beobachtet.

Die gelben, netzförmig sich ausbreitenden Plasmodien des in der

Gerberlohe lebenden +Aethalium septicum+ ließ ~Stahl~ auf feuchte

Fließpapierstreifen kriechen und hängte dann einen solchen Streifen

mit dem einen Ende in sauerstofffrei gemachtes Wasser, das durch eine

Oelschicht, die sich völlig indifferent verhielt, von dem Sauerstoff

der Luft abgegrenzt war, während das andere Ende des Plasmodiums mit

der Luft in Berührung stand. Die Folge war die, daß das Protoplasma

der in das Wasser tauchenden Stränge allmählich ganz aus dem Wasser

herausströmte und sich oberhalb der Oelschicht auf dem nassen

Fließpapier an der Luft ansammelte. Es war also nach dem Sauerstoff

der Luft positiv chemotaktisch. Daß es nicht das Wasser selbst war,

was die Plasmodien forttrieb, wie man etwa vermuten könnte, geht aus

der Tatsache hervor, daß die Plasmodien sogar positiv chemotaktisch

nach Wasser sind, und vom Trockenen her immer ins Feuchte kriechen,

so daß man sogar von einer besonderen „+Hydrotaxis+“ gesprochen hat.

Man muß daher die Fließpapierstreifen zu dem Versuch auch stets feucht

erhalten, damit nicht die Chemotaxis nach Wasser mit der Chemotaxis

nach Sauerstoff interferiert. Auch anderen Stoffen gegenüber verhielten

sich die Plasmodien positiv chemotaktisch, vor allem gegenüber

der ihnen zur Nahrung dienenden Lohe. So krochen in den Versuchen

~Stahl~s die Protoplasmamassen stets nach Lohestückchen oder nach

Papierkugeln, die mit einem Loheaufguß getränkt waren, hin und häuften

sich hier an, eine Form der positiven Chemotaxis, die ~Stahl~ als

„+Trophotaxis+“ bezeichnet hat, weil sie, zur Aufsuchung der Nahrung

unter den einzelligen Organismen weit verbreitet, eine wichtige

Rolle spielt. ~Leber~[479], ~Massart~[480], ~Metschnikoff~[481],

~Buchner~[482] und andere haben dann auch an den Leukocyten der

Wirbeltiere chemotaktische Eigenschaften festgestellt, und zwar hat

sich hier ein Verhältnis gefunden, das für die Stellungnahme des

Organismus gegenüber den Infektionskrankheiten von allergrößter

Bedeutung ist. Wie wir an anderer Stelle[483] bereits sahen, scheiden

die Bakterien gewisse Stoffwechselprodukte aus, die in neuerer Zeit

vielfach die Aufmerksamkeit der Forscher auf sich gelenkt haben.

Diese Stoffwechselprodukte der Bakterien üben eine ganz hervorragende

chemotaktische Wirkung auf die Leukocyten aus und veranlassen sie, in

großen Scharen nach derjenigen Stelle im Organismus aus der ganzen

Nachbarschaft hinzukriechen, wo eine Einwanderung und Vermehrung von

Bakterien stattgefunden hat. So findet an dem Herde der Infektion eine

dichte Anhäufung von Leukocyten statt, die in gewissen Fällen, wie

~Metschnikoff~ gezeigt hat, die Bakterien auffressen und den weiteren

Verlauf der Infektion zum Teil bestimmen. Ist die Einwanderung und

Vermehrung der Bakterien nicht zu stark, so können sie im Kampf mit

den Leukocyten, die gewissermaßen die Polizei des Körpers gegenüber

den unbefugten Eindringlingen repräsentieren, unterliegen, und die

Infektion wird coupiert. Erweisen sich die Bakterien als die Stärkeren,

so findet eine Ausbreitung der Infektion und eine allgemeine Erkrankung

des Organismus statt, deren Verlauf dann durch andere Momente bestimmt

wird.

Um uns von der positiv chemotaktischen Wirkung der Bakterienprodukte

auf die Leukocyten zu überzeugen, können wir mit ~Massart~ folgenden

Versuch anstellen. Nach einer von ~Pfeffer~ zuerst ersonnenen

Methode füllen wir ein kurzes Kapillarröhrchen mit einer Kultur des

eitererregenden +Staphylococcus pyogenes albus+ oder +aureus+ und

schmelzen das eine Ende des Röhrchens zu. Darauf legen wir das Röhrchen

in die Bauchhöhle oder unter die Haut eines Kaninchens und lassen es

etwa 10–12 Stunden liegen. Nach Ablauf dieser Zeit finden wir bei der

mikroskopischen Betrachtung des Röhrchens, daß von der offenen Seite

her ein dichter Schwarm von Leukocyten in das Innere eingedrungen ist,

der wie ein dicker weißer Pfropfen die Oeffnung verschließt (Fig.

227). Die Leukocyten sind also, durch die Bakterienstoffe veranlaßt,

aus den Geweben der Tiere in die Kapillarröhre hineingekrochen. Ein

gewissenhafter Forscher muß indessen sofort den Einwand machen,

daß es vielleicht die Nährlösung, in der die Bakterien kultiviert

werden, sei, die chemotaktisch auf die Leukocyten wirke. Aber dieser

Einwand läßt sich widerlegen, wenn wir, wie das ~Massart~ getan

hat, zur Kontrolle ein gleiches Kapillarröhrchen, mit derselben

Nährflüssigkeit, aber ohne Bakterienkultur in das Tier hineinbringen.

Die Einwanderung der Leukocyten bleibt in diesem Falle aus. Auch

daß es nicht bloß die Bakterienkörper selbst, sondern die von ihnen

abgeschiedenen Stoffwechselprodukte sind, welche die chemotaktische

Wirkung hervorrufen, läßt sich beweisen, indem wir eine sterile und von

Bakterienleibern vollständig befreite Kulturflüssigkeit zum Versuch

verwenden, in der sich also nur die gelösten Stoffwechselprodukte der

betreffenden Bakterien befinden. Der Erfolg ist dann der gleiche, wie

wenn die Kultur direkt zum Versuch benutzt wäre: das Röhrchen hat sich

nach einiger Zeit mit eingewanderten Leukocyten gefüllt. Was aber

von den Kulturen des +Staphylococcus pyogenes albus+ oder +aureus+

gilt, das hat man auch bei vielen anderen pathogenen Bakterienformen

gefunden, und es ist zweifellos, daß weiter fortgesetzte Untersuchungen

über die Beziehungen zwischen Leukocyten und Bakterien noch Klarheit

über eine ganze Reihe von Punkten verbreiten werden, die bisher in der

Geschichte der Infektionskrankheiten in tiefes Dunkel gehüllt gewesen

sind.

[Illustration: Fig. 227. +Chemotaxis von Leukocyten nach Eiterkokken.+

Die Leukocyten sind in die Kapillarröhre, welche die Kultur von

Staphylokokken enthält, in dichten Scharen eingewandert, wie besonders

an der Oeffnung der Röhre zu sehen ist.]

Uebrigens zeigen sich die Leukocyten nicht bloß chemotaktisch gegenüber

den Stoffwechselprodukten der Bakterien, sondern, wie ~Buchner~

gefunden hat, auch gegenüber den Eiweißkörpern der Bakterienleiber

selbst und gegenüber einer ganzen Reihe von Stoffen nicht bakterieller

Abkunft. So fand ~Buchner~, daß Weizenmehl- und Erbsenmehlbrei

besonders stark positiv chemotaktisch wirksam sind. Schließlich

hat ~Sicherer~[484] gezeigt, daß die Leukocyten von Warmblütern

unter geeigneten Bedingungen auch außerhalb des Tierkörpers ihre

chemotaktischen Eigenschaften gegen die verschiedensten Stoffe noch

lange Zeit ebenso deutlich äußern wie im lebendigen Tierkörper selbst.

[Illustration: Fig. 228. +Leukocyten bei der Metamorphose der

Fliegenmaden die Muskeln zerstörend.+ Die gekörnten Massen sind

Leukocyten, die gestreiften sind Muskelbruchstücke. Nach ~Kowalevsky~.]

[Illustration: Fig. 229. +Leukocyt, ein Milzbrandbakterium fressend.+

Nach ~Metschnikoff~.]

Eine wichtige Rolle spielt die Chemotaxis der Leukocyten ferner in

der Entwicklung vieler Tiere. Das geht besonders aus den schönen

Untersuchungen ~Kowalevsky~s[485] an Insekten hervor. Wenn sich die

Fliegenmade in die fertige Fliege umwandelt, eine Metamorphose, die

ziemlich schnell erfolgt, werden die alten Organe des Madenkörpers,

wie die Kriechmuskeln etc., überflüssig und beginnen zu degenerieren.

Die mit Beginn dieser Degeneration auftretenden Stoffe wirken aber in

hohem Grade chemotaktisch auf die Leukocyten, die in großen Scharen

in die degenerierenden Organe einwandern, um als echte Phagocyten die

zerfallenden Massen aufzufressen und so die Beseitigung derselben

beschleunigen zu helfen (Fig. 228). Es ist charakteristisch, daß die

Phagocyten nur bei solchen Insekten, bei denen die Metamorphose sehr

schnell erfolgt, diese Tätigkeit entfalten, daß sie dagegen bei anderen

Insekten, wie bei der Motte etc., und ferner bei der Degeneration

des Kaulquappenschwanzes etc. nicht beteiligt sind. Dagegen konnte

~Metschnikoff~ die analogen Vorgänge wieder in der Entwicklung der

Seesterne nachweisen.

Weit verbreitet ist die Chemotaxis bei den +geißeltragenden

Bakterien, Infusorien und Schwärmsporen+. An Bakterien wurde sie von

~Engelmann~[486] zuerst entdeckt und auch gleich in genialer Weise

praktisch verwendet. ~Engelmann~ beobachtete nämlich, daß gewisse

Bakterienformen, die in faulenden Aufgüssen leben, sich in großen

Massen in der Nähe von Sauerstoffquellen ansammeln. So findet unter

dem Mikroskop im offenen Tropfen eine dichte Ansammlung dieser

Mikroben an den Tropfenrändern statt, wo der Sauerstoff der Luft den

nächsten Zutritt hat. Unter dem Deckglas sammeln sich die Bakterien

ebenfalls in der Nähe des Deckglasrandes an und bilden einen dichten,

parallel dem Deckglasrande hinziehenden Wall. Auch Luftbläschen,

die sich unter dem Deckglas befinden, sowie Pflanzenzellen, deren

Chlorophyll im Lichte Sauerstoff abspaltet, wirken in derselben Weise,

namentlich wenn man durch Abschluß der Deckglasränder mit einer

Oelschicht eine gewisse Sauerstoffnot unter dem Deckglas erzeugt

hat. ~Engelmann~ hat diese überaus große Erregbarkeit der Bakterien

durch Sauerstoff benutzt, um darauf eine Methode zum mikroskopischen

Nachweis kleinster Sauerstoffmengen zu gründen, die für die Erkenntnis

der assimilatorischen Wirkung verschiedener Lichtarten in der grünen

Pflanzenzelle von maßgebender Bedeutung geworden ist. In der Tat

erkennt man bei äußerem Luftabschluß in einem bakterienhaltigen

Tropfen die Stellen, an denen auch nur die geringsten Spuren von

Sauerstoff vorhanden sind, sofort an der dichten Anhäufung dieser

Mikroben. Ein schönes Beispiel dafür liefert folgende Beobachtung[487].

In einem Tropfen unter einem Deckglas befand sich im Gesichtsfelde

eine große Diatomee (+Pinnularia+), die, da sie im Lichte durch ihre

Chromophylltätigkeit Sauerstoff abschied, dicht mit einem Wall von

bewegungslos daliegenden +Spirochäten+ umgeben war. Im übrigen Teil

des Gesichtsfeldes waren fast keine +Spirochäten+ sichtbar. Da fing

plötzlich die Diatomee an, eine Strecke weiterzugleiten, bis sie

wiederum ganz still liegen blieb. Die Bakterien, auf diese Weise von

ihrer Sauerstoffquelle im Stich gelassen, lagen zunächst noch einige

Augenblicke ruhig. Alsbald aber trat eine lebhafte Bewegung unter

ihnen ein, und in dichten Scharen schwammen sie wieder zu der Diatomee

hinüber. In ein bis zwei Minuten waren fast alle wieder um dieselbe

versammelt und umgaben sie wie bisher bewegungslos in dichtem Haufen

(Fig. 230 _I_). Aehnliche Beobachtungen hat auch ~Engelmann~ abgebildet

(Fig. 230 _II_ u. _III_).

[Illustration: Fig. 230. +Chemotaxis von Bakterien nach Sauerstoff, der

von Algenzellen im Lichte entwickelt wird.+ _I_ Diatomee im Sonnenlicht

Sauerstoff entwickelnd und von Spirillen umschwärmt. _II_ Diatomee zur

Hälfte beschattet, zur Hälfte beleuchtet. Die Bakterien haben sich

in der beleuchteten Hälfte gesammelt, wo der Sauerstoff entwickelt

wird. _III_ Algenzelle von Bakterien umschwärmt, _A_ im Dunkel, _B_ im

Hellen. _II_ und _III_ nach ~Engelmann~.]

Die ausgezeichneten und methodischen Untersuchungen ~Pfeffer~s[488]

über die Chemotaxis hatten ihren Ausgangspunkt in Beobachtungen an den

Spermatozoen von Farnen, bei denen sich chemotaktische Beziehungen

zu der Eizelle herausstellten, die, wie man jetzt weiß, fast in

der ganzen Organismenwelt Analoga finden und für die Befruchtung

der Eizelle durch das Spermatozoon bei Tieren wie bei Pflanzen als

ungemein wichtige Bedingung fungieren. Das Spermatozoon sucht die

Eizelle auf und wird auf den richtigen Weg geführt fast überall

in der lebendigen Welt durch die positiv chemotaktische Wirkung,

welche die Stoffwechselprodukte der Eizelle auf die freibeweglichen

Spermatozoenzellen ausüben. Daß unter den unzähligen Scharen von

Spermatozoen der verschiedensten Tiere, die an manchen Stellen das Meer

bevölkern, jede Art die richtige, zu ihr gehörige Eizelle findet, eine

Tatsache, die sonst so überaus wunderbar wäre, ist in der überwiegenden

Mehrzahl der Fälle eine unmittelbare Folge der Chemotaxis, und erklärt

sich sehr einfach dadurch, daß jede Spermatozoenart chemotaktisch ist

nach den spezifischen Stoffen, welche die Eizelle der betreffenden Art

charakterisieren. Bei den Säugetieren wirkt auch die Uterusschleimhaut

durch ihre Sekrete positiv chemotaktisch auf die Spermatozoen,

wie ~Loew~[489] jüngst durch Versuche an Ratten, Kaninchen und

Hunden nachwies, indem er unter dem Mikroskop einmal Stückchen der

Uterusschleimhaut, das andere Mal Stückchen von anderen Geweben, wie

Bindegewebe, Leber, Muskeln etc., mit spermatozoenhaltiger Flüssigkeit

zusammenbrachte. Erstere war stark positiv chemotaktisch, letztere gar

nicht oder, wie z. B. alkalische Darmschleimhaut, nur sehr schwach

wirksam. Wir haben hier Anpassungen der einfachsten Art vor uns, die

uns von neuem eine Vorstellung geben, wie ganz außerordentlich tief die

Chemotaxis in alle Verhältnisse des Lebens hineingreift.

[Illustration: Fig. 231. +Zwei pflanzliche Eizellen, umschwärmt von

Spermatozoen.+ Nach ~Strasburger~.]

Der Versuch ~Pfeffer~s an den Spermatozoen der Farnkräuter

war folgender. ~Pfeffer~ füllte ein einseitig zugeschmolzenes

Kapillarröhrchen mit einer Lösung von ca. 0,05-proz. Apfelsäure und

legte es in einen Tropfen, der eine größere Menge von Farnspermatozoen

enthielt, so daß die Apfelsäure aus der Mündung der Kapillare

allmählich in den Tropfen hinaus diffundieren mußte und dadurch

eine einseitig wirkende Reizquelle abgab. Bei der mikroskopischen

Beobachtung zeigte sich, daß die Spermatozoen sofort anfingen, auf die

Mündung der Kapillare loszusteuern und in dieselbe hineinzuschwimmen.

Nach ½ Minute waren bereits gegen 60 und nach 5 Minuten bisweilen etwa

600 Spermatozoen in die Kapillare hineingewandert. Nach 12 Minuten

waren in einem Versuch von 24 Spermatozoen alle bis auf eins, das

sich außerhalb zur Ruhe gelegt hatte, in der Kapillare versammelt.

Die Apfelsäure wirkt also im höchsten Grade positiv chemotaktisch auf

die Spermatozoen der Farne, die sich dagegen allen anderen Stoffen

gegenüber, die ~Pfeffer~ noch auf ihre chemotaktische Wirksamkeit

prüfte, völlig indifferent verhielten. Das legte die Vermutung nahe,

daß es auch in dem die Eizelle bergenden Archegonium Apfelsäure sei,

welche die Spermatozoen zur Annäherung und Einwanderung veranlaßte.

Nun konnte zwar ~Pfeffer~ wegen der Kleinheit der Objekte und des

Mangels mikroskopischer Reaktionsmethoden die Apfelsäure im Inhalt

der Archegonien selbst nicht nachweisen; dafür gelang es ihm aber auf

makrochemischem Wege, in den ganzen die Geschlechtsprodukte tragenden

Pflanzenteilen die Anwesenheit von Apfelsäure festzustellen, so

daß die Vermutung, es sei die Apfelsäure, die auch im Archegonium

die Einwanderung der Spermatozoen veranlaßt, eine an Gewißheit

grenzende Wahrscheinlichkeit gewinnt. Die Spermatozoen der Laubmoose

verhielten sich gleichgültig gegen Apfelsäure, dagegen waren sie in

ausgezeichnetem Grade chemotaktisch nach schwachen Rohrzuckerlösungen.

[Illustration: Fig. 232. +Schema der chemotaktischen Reizwirkung.+

Die Konzentration nimmt von links nach rechts zu; bei _O_ Nullpunkt

der Konzentration, bei † Tötungspunkt. Die Pfeile geben die

Bewegungsrichtung an.]

~Pfeffer~ dehnte später seine Untersuchungen auf eine große Zahl von

Bakterien und Geißelinfusorien aus und gelangte dabei zu einer Reihe

von Ergebnissen, die im höchsten Grade interessant sind. Es zeigte

sich bei diesen Untersuchungen, daß die verschiedensten Stoffe in

ganz verschiedener Weise auf die verschiedenen Mikroorganismenformen

wirken. Stoffe, auf welche die einen reagierten, erwiesen sich für

andere als unwirksam. Manche Stoffe wirkten nur positiv, andere

nur negativ chemotaktisch. Im letzteren Falle entfernten sich die

betreffenden Organismen von der Reizquelle, und die Kapillare blieb

leer. Die Reizschwelle, d. h. derjenige Konzentrationsgrad, bei dem die

chemotaktisch wirksamen Stoffe eben ihre Wirkung zu äußern beginnen,

liegt für die verschiedenen Stoffe und verschiedenen Organismen sehr

verschieden hoch. Was aber das Interessanteste ist, das ist die

+Tatsache, daß viele Stoffe, die in schwächerer Konzentration positiv

chemotaktisch wirken, bei höheren Konzentrationsgraden eine negative

Chemotaxis bei den gleichen Organismen veranlassen. Es existiert also

ein Reizoptimum, dem die Organismen von beiden Seiten, sowohl aus der

geringeren als aus der höheren Konzentration, zustreben.+ Wird die

Konzentration bei diesen Stoffen zu stark, so tritt natürlich der

Tod ein. Wir können also vier wichtige Konzentrationsgrade fixieren:

den Nullpunkt, an dem der betreffende Stoff noch gänzlich fehlt,

die Reizschwelle, an der seine Konzentration eben wirksam wird, das

Optimum, dem die Organismen aus allen Konzentrationsgraden oberhalb der

Reizschwelle zustreben, und den Tötungspunkt, bei dem die Konzentration

zu stark ist, um das Leben noch zu gestatten (Fig. 232). Das Optimum

liegt bei dem gleichen Stoff für verschiedene Organismen meist auch bei

einem verschiedenen Konzentrationsgrad. Dafür hat ~Massart~[490] ein

hübsches Beispiel in dem verschiedenen Verhalten einer Bakterienform,

+Spirillum+, und einer Wimperinfusorienform, +Anophrys+, gegenüber

dem Sauerstoff gefunden. Wenn er beide Organismenformen in größerer

Zahl unter dem Deckglas hatte, so sammelten sie sich zwar beide als

Wall an den Deckglasrändern oder um Luftblasen herum an, aber nicht

unmittelbar an der Grenze zwischen Luft und Wasser, sondern jede Form

in einer anderen Entfernung von der Sauerstoffquelle, die +Anophrys+

näher, die +Spirillen+ etwas entfernter von der Grenze. So kam das

Sauerstoffoptimum für beide auf die deutlichste Weise in der Entfernung

ihrer Anhäufung von der Sauerstoffquelle zum Ausdruck (Fig. 233 _I_

und _II_). Die oben[491] erwähnten „Atmungslinien“ ~Beijerinck~s

sind ebenfalls solche chemotaktischen Ansammlungen von Bakterien in

abgestuften Entfernungen von einer Sauerstoffquelle.

[Illustration: Fig. 233. +Chemotaxis von Bakterien und Infusorien.+

_I_ Luftblase unter dem Deckglas, umgeben von zwei Zonen, von denen

die nähere aus +Anophrys+, die entferntere aus +Spirillen+ besteht.

_II_ Rand des Deckglases. +Anophrys+ und +Spirillen+ bilden die

gleichen Zonen. _III_ Zwei Wassertropfen, die durch eine Wasserbrücke

miteinander verbunden sind. Im oberen Tropfen liegt Kochsalz. Die im

Tropfen befindlichen +Anophrys+ wandern in den reinen Wassertropfen

über, je mehr sich das Kochsalz löst. Nach ~Massart~.]

Unter den Wimperinfusorien sind die chemotaktischen Reizwirkungen

früher weniger bekannt gewesen, doch hat bereits ~Massart~ auch hier

für einige Formen chemotaktische Eigenschaften gegenüber verschiedenen

Stoffen nachweisen können. Es sei z. B. noch die negative Chemotaxis

der bereits genannten Infusorienform +Anophrys+ gegen Kochsalz

angeführt, die sich in sehr einfacher Weise anschaulich machen läßt.

~Massart~ legte an den Rand eines Tropfens, in dem sich zahlreiche

+Anophrys+ befanden, einige Kochsalzkriställchen und verband

den Tropfen auf der gegenüberliegenden Seite durch eine schmale

Wasserbrücke mit einem gleichgroßen Tropfen destillierten Wassers (Fig.

233 _III_). Die Folge war, daß die Infusorien die Stelle, an der das

Kochsalz lag, um so mehr flohen, als das Salz sich löste und in seine

Umgebung diffundierte, bis sie schließlich sämtlich durch die schmale

Verbindung in den anderen Tropfen hinübergewandert waren.

Seit einer Reihe von Jahren hat ~Jennings~[492] sehr umfassende und

systematische Untersuchungen über die Chemotaxis der Infusorien gemacht

und dabei eine Methode angewandt, die in mancher Beziehung große

Vorteile bietet. ~Jennings~ stellt seine Versuche auf dem Objektträger

unter einem großen Deckglase an, das von zwei dünnen Glasstäbchen

unterstützt ist, so daß eine ziemlich dicke Schicht Wasser mit

Infusorien zwischen Objektträger und Deckglas sich befindet. In diese

Schicht, die frei sein muß von allen Beimengungen, bringt er mittels

einer zu kapillarer Spitze ausgezogenen Pipette vorsichtig einen

Tropfen der Lösung, die auf ihre chemotaktischen Wirkungen untersucht

werden soll (Fig. 234 _A_). Die Stoffe dieser Lösung diffundieren

alsbald in die umgebende Flüssigkeit, in der sich die Infusorien

gleichmäßig zerstreut bewegen. Dadurch werden je nach der Wirkungsart

der betreffenden Stoffe ganz charakteristische Wirkungen unter dem

Deckglas erzielt. Sind die betreffenden Stoffe unwirksam, wie z. B.

Zuckerlösungen, so schwimmen +Paramäcien+ ungestört in den Tropfen

hinein, und nach wenigen Sekunden ist die gleichmäßige Verteilung der

Infusorien unter dem Deckglas wieder hergestellt. Wirkt der Tropfen

negativ chemotaktisch, wie z. B. die Alkalien, so bildet sich an der

betreffenden Stelle ein Kreis, der vollkommen frei ist von +Paramäcien+

(Fig. 234 _A_). Wirkt der Tropfen aber positiv chemotaktisch, wie z.

_B_. die meisten Säuren, so schwimmen sämtliche +Paramäcien+, die sich

unter dem Deckglas befinden, in den Tropfen hinein (Fig. 234 _B_).

Ist die wirksame Substanz dabei in einer Konzentration im Tropfen

enthalten, die über dem Optimum liegt, so sammeln sich die Infusorien

in einer Ringzone um den Flüssigkeitstropfen an (Fig. 234 _C_).

Auffallend ist es, daß die +Paramäcien+, wie nach anderen Säuren, so

auch nach Kohlensäure positiv chemotaktisch sind. Bringt man unter das

Deckglas eine Blase chemisch reiner Kohlensäure und gleichzeitig zur

Kontrolle eine gewöhnliche Luftblase, so sammeln sich die +Paramäcien+

in dichter Masse um die Kohlensäureblase, während sie die Luftblase

frei lassen (Fig. 234 _D_). In demselben Maße aber, wie die Kohlensäure

in das Wasser hinein diffundiert und sich zu einer über das Optimum

hinausgehenden Konzentration anhäuft, ziehen sich die +Paramäcien+

in geschlossenem Kreise von der Kohlensäureblase zurück, weil sie

gegen höhere Konzentrationen von Kohlensäure negativ chemotaktisch

sind. Dadurch entstehen dann sehr charakteristische Bilder (Fig. 234

_E_). Da ferner die +Paramäcien+, wie alle Organismen, auch selbst

Kohlensäure produzieren, so werden dort, wo sich viele +Paramäcien+

aus irgendeinem Grunde angesammelt haben, immer noch mehr Individuen

durch die von der Ansammlung produzierte Kohlensäure herbeigelockt. Wir

haben hier also einen sehr interessanten Fall von Gesellschaftsbildung

einfach auf Grund positiver Chemotaxis. In der Tat kann man durch

Uebertragung eines Tropfens reinen Wassers aus einer solchen Ansammlung

unter ein anderes Deckglas mit +Paramäcien+ eine neue chemotaktische

Ansammlung derselben erzielen, von der Art, wie sie Fig. 234 _D_ zeigt.

[Illustration: Fig. 234. +Chemotaxis von Paramaecium aurelia.+ _A_

Chemotaktisches Deckglaspräparat: Mit einer Kapillarpipette ist ein

Flüssigkeitstropfen unter das Deckglas geführt worden, der negativ

chemotaktisch wirkt. _B_ Positiv chemotaktische Ansammlung. _C_

Desgleichen bei zu hoher Konzentration der betreffenden Lösung:

Die Paramäcien haben sich ringförmig im Optimum der Konzentration

angesammelt. _D_ Eine Kohlensäure- und eine Luftblase sind unter dem

Deckglas: die erstere (links) wirkt positiv chemotaktisch; die letztere

ist indifferent. _E_ Dasselbe Präparat einige Minuten später: Die

Kohlensäure ist in das umgebende Wasser diffundiert und hat durch ihre

zu hohe Konzentration die Paramäcien vertrieben bis dahin, wo sie ihr

Kohlensäureoptimum finden. Nach ~Jennings~.]

Schließlich geben uns die chemotaktischen Reizwirkungen ein Mittel

an die Hand, um uns annähernd einen Begriff davon zu machen, wie

verschwindend kleine Reizgrößen es sind, die auf die lebendige Substanz

noch eine sichtbare Wirkung auszuüben imstande sind. ~Pfeffer~ fand in

seinen Versuchen, daß die Farnkrautspermatozoen noch eine deutliche

Chemotaxis bekundeten, wenn er das Kapillarröhrchen mit einer Lösung

von 0,001-proz. Apfelsäure beschickt hatte. Bedenkt man nun, daß die

Apfelsäure erst in den Tropfen diffundieren muß, um ihre chemotaktische

Wirksamkeit zu entfalten, so ergibt sich, daß die Menge, die auf die

Spermatozoen einwirkt, eine noch weit geringere sein muß. Allein noch

nicht genug. Für das Zustandekommen der chemotaktischen Wirkung kommt

es ja nicht darauf an, daß eine bestimmte Menge des betreffenden

Stoffes in der Umgebung des Organismus gleichmäßig verteilt ist,

sondern darauf, daß ein Konzentrationsabfall von einer Stelle her

stattfindet. Es ist also die Größe der Differenz in der Konzentration

an den beiden Enden des Spermatozoons, die für das Zustandekommen der

chemotaktischen Wirkung maßgebend ist. Da aber der Spermatozoenfaden

nur die winzige Länge von 0,015 mm besitzt, so kann man sich ungefähr

eine Vorstellung davon machen, wie ganz außerordentlich gering die

Konzentrationsdifferenz an beiden Polen des Spermatozoons, mithin die

Reizgröße sein muß, die noch eine chemotaktische Wirkung hervorruft.

So geben uns gerade die chemotaktischen Reizwirkungen und, wie wir

sehen werden, auch die analogen Tatsachen aus der Wirkungssphäre

anderer Reize besser als alle übrigen Erfahrungen eine Vorstellung

davon, wie überaus schwache Reize noch eine merkliche Wirkung auf die

lebendige Substanz hervorrufen. Die lebendige Substanz ist ein ganz

außerordentlich feines Reagens auf die geringsten Einwirkungen.

Allgemeine Physiologie · 第 221 / 283 题