5. Die Wirkungen strahlender Reize.

Kannte bis vor kurzer Zeit die Physiologie nur Licht- und Wärmestrahlen

als Reize, so hat sich das in neuerer Zeit vollständig geändert.

Die neu entdeckten Strahlenarten wie die ~Röntgen~-Strahlen und

~Becquerel~-Strahlen haben sich ebenfalls als wirksam auf die

lebendige Substanz erwiesen. Allerdings sind die Erfahrungen über die

physiologischen Wirkungen der neuen Strahlenarten noch sehr spärlich

und die Angaben zum Teil direkt widersprechend. Immerhin ist es nötig,

heute außer den sehr eingehend studierten Wirkungen der Lichtstrahlen

auch die bisher bekannt gewordenen Wirkungen der anderen Strahlenarten

zu berücksichtigen, soweit einigermaßen gesicherte Erfahrungen darüber

vorliegen.

_Die Wirkungen der Lichtstrahlen._

Wenn in der Physiologie vom Lichtreiz gesprochen wird, so ist darunter

nur die chemische, nicht die thermische Wirksamkeit der Lichtstrahlen

verstanden. In diesem Sinne gefaßt, scheint der Lichtreiz auf den

ersten Blick den anderen Reizqualitäten in gewisser Weise eigentümlich

gegenüber zu stehen, insofern, als nach den bisherigen Erfahrungen

nicht alle lebendige Substanz auf sichtbare Lichtstrahlen reagiert,

während chemische und mechanische, thermische und galvanische Reize auf

alle lebendigen Substanzen Wirkungen hervorrufen.

Bei den höheren Tieren sind es fast ausschließlich die Sinneszellen

der Sehorgane, von denen wir die Fähigkeit, auf sichtbares Licht zu

reagieren, kennen. Die meisten Gewebezellen sind, soweit bisher die

Untersuchungen reichen, nicht für sichtbare Lichtstrahlen erregbar.

Dagegen unter den Einzelligen besitzen viele, auch solche, die keine

besonders für die Lichtperzeption entwickelten Organoide haben,

die Fähigkeit, auf sichtbare Lichtstrahlen zu reagieren, und bei

den chlorophyllhaltigen Protisten und Pflanzen schließlich ist die

Lichtreizbarkeit allgemein verbreitet.

Demnach gibt es genug Zellformen, wie z. B. die Mehrzahl aller

Gewebezellen und aller Wimper-Infusorien, die nach unseren bisherigen

Erfahrungen durch sichtbare Lichtstrahlen, sofern deren thermische

Wirkung ausgeschaltet ist, nicht im geringsten affiziert werden. Allein

man hat in neuerer Zeit eine Beobachtung gemacht, die im Hinblick auf

die Frage nach der Lichtreizbarkeit solcher Zellen, die bisher für

unempfindlich galten, doch Beachtung verdient.

Seit der Entwicklung unserer modernen Elektrizitätstechnik hat man

Mittel kennen gelernt, um elektrisches Licht von ganz ungeheurer Stärke

zu erzeugen, Licht, das an Intensität die Strahlen des Sonnenlichtes

weit hinter sich läßt, Licht, das mit dem Beiwort „blendend“ nicht

mehr genug charakterisiert ist. „Zerstörend“ oder „zerleuchtend“ müßte

man sagen, denn in Elektrizitätswerken, in denen Arbeiter solchem

Lichte ausgesetzt sind, hat man mehrfach beobachtet, daß die Haut

dieser Leute an den unbedeckten Körperstellen echte Nekrose-Prozesse

zeigt. Die Zellen der Epidermis sterben ab, die oberen Hautschichten

schälen sich, und die tieferen Hautschichten zeigen heftige

Entzündungen und Geschwürsbildungen, ähnlich wie bei Verbrennungen.

Und dennoch sind es nicht die thermischen Wirkungen des Lichtes, die

in diesen Veränderungen zum Ausdruck kommen, sondern die chemischen

Wirkungen der kurzwelligen Strahlen des Spektrums, wie man durch

Zwischenschaltung von wärmeabsorbierenden Medien feststellen konnte.

Es kann also kein Zweifel sein, daß wir es hier mit einer sehr starken

Lichtwirkung zu tun haben an Zellen, deren lebendige Substanz durch

die Intensität der Lichtstrahlen, die unter gewöhnlichen Verhältnissen

die Erdoberfläche treffen, gar nicht oder nur in sehr geringem Maße

affiziert wird.

Diese Tatsache ist sehr beachtenswert, denn es muß sich nunmehr die

Frage erheben, ob nicht auch Zellformen, deren lebendige Substanz als

ganz unempfänglich für Licht von unseren gewöhnlichen Intensitätsgraden

gehalten worden ist, bei höheren Lichtintensitäten doch etwa auf den

Lichtreiz reagieren, ja ob nicht schließlich alle lebendige Substanz

ebenso, wie sie auf Wärme reagiert, auch durch Licht beeinflußt wird,

nur in verschiedenem Grade.

Besitzt diese Vermutung an sich schon einen hohen Grad von

Wahrscheinlichkeit, da ja besonders die kurzwelligen Strahlen des

Spektrums sehr intensive chemische Wirkungen hervorrufen, so ist sie in

neuester Zeit durch die grundlegenden Arbeiten von ~Hertel~[422] zur

Gewißheit geworden. ~Hertel~ hat nämlich, von dem Gedanken ausgehend,

daß gerade die kurzwelligen nach dem violetten Teil des Spektrums

hin gelegenen Lichtstrahlen sich durch besonders starke chemische

Wirkungen auszeichnen, geprüft, ob nicht die noch kurzwelligeren

+ultra+violetten Strahlen, die über den sichtbaren Teil des Spektrums

hinausliegen, auch auf Formen der lebendigen Substanz wirken, die

sonst von den sichtbaren Strahlen gar nicht beeinflußt werden. In der

Tat ist ihm dieser Nachweis in glänzender Weise gelungen. Er bediente

sich für seine Untersuchungen des von einem elektrischen Lichtbogen

entworfenen Magnesiumspektrums, und zwar der weit im ultravioletten

Teil liegenden Strahlen von 280 µµ Wellenlänge. Mit diesen Strahlen

vermochte er an den verschiedenartigsten lebendigen Objekten, wie

Bakterien, Infusorien, Cölenteraten, Würmern, Mollusken, Amphibien,

Pflanzenzellen teils erregende, teils lähmende Wirkungen hervorzurufen.

Selbst die histologischen Bestandteile des Nervensystems konnten direkt

durch diese Strahlen beeinflußt werden. Es ist nun höchst interessant,

daß ~Hertel~ auch den Grund auffinden konnte, weshalb die sichtbaren

Lichtstrahlen in so vielen Fällen keine Reizwirkungen hervorrufen. Er

fand nämlich den Grund einfach darin, daß die langwelligeren Strahlen

des Spektrums in den meisten Fällen viel weniger oder gar nicht von der

lebendigen Substanz absorbiert werden. Dazu kommt noch, daß auch die

Intensität eine große Rolle spielt, und daß bekanntlich im Spektrum

die einzelnen Lichtstrahlenarten sehr verschiedene Intensität haben.

~Hertel~ kommt daher zu dem Ergebnis, „+daß die physiologische Wirkung

der Strahlen durchaus nicht an bestimmte Spektralgebiete gebunden ist,

sondern daß allgemein strahlende Energie an sich das wirksame Prinzip

ist. Eine Funktion der Wellenlänge ist die physiologische Wirkung

nur, weil sie natürlich einmal in bestimmtem Abhängigkeitsverhältnis

steht von der in den einzelnen Spektralbezirken sehr variierenden

Gesamtintensität der Strahlung und zweitens vor allem, weil die

Aufnahmemöglichkeit der Strahlen durch die Organismen umgekehrt

proportional der Wellenlänge ist.+“

Schließlich haben die ausgezeichneten Untersuchungen ~Hertel~s auch

höchst interessante Aufschlüsse über den Chemismus der Strahlenwirkung

in der lebendigen Substanz ergeben. Aus den Erfahrungen der Chemie

ist bekannt, daß die chemisch wirksamen Lichtstrahlen besonders

Reduktionsprozesse vermitteln, wie ja z. B. die Reduktion von

Silbersalzen zeigt, die in der photographischen Technik eine so

fundamentale Rolle spielt. ~Hertel~ fragte sich daher, ob nicht etwa

auch die Wirkung der Lichtstrahlen auf die lebendige Substanz in erster

Linie auf Reduktionsprozessen beruhe und er konnte in der Tat durch

eine glänzende Reihe von ebenso einfachen wie planmäßig ausgedachten

Experimenten die Richtigkeit dieser Annahme belegen. Zunächst

überzeugte er sich, daß die Strahlen von 280 µµ ebenfalls Sauerstoff

leicht abgebende Verbindungen reduzieren. Er benutzte dazu das

~Nylander~sche Reagens, das bekanntlich zum Nachweis von Traubenzucker

verwendet wird[423]. In der Tat schwärzte sich ein Tropfen dieses

Reagens bei Bestrahlung momentan. Dann prüfte er die reduzierende

Wirkung seiner Strahlen an Blut. Es trat eine deutliche Reduktion

des Oxyhämoglobins ein. Weiterhin suchte er Reduktionsvorgänge in

lebendigen Zellen durch die Strahlen des Magnesiumlichtes auszulösen

und zugleich mit einem geeigneten Indikator sichtbar zu machen.

Alizarinblau färbt, wenn man es einem lebenden Tier einspritzt, gewisse

Gewebezellen, wie z. B. die Zellen des Zentralnervensystems intensiv

blau, ohne sie jedoch zu schädigen. Durch Reduktion wird Alizarinblau

in das farblose Alizarinweiß übergeführt. Um diese Reduktion in

vitro herbeizuführen, erwiesen sich die von ~Hertel~ benutzten

Strahlen nicht intensiv genug. Dagegen gelang es ~Hertel~ zu zeigen,

daß die lebenden Zellen des Gehirns von Tieren, denen Alizarinblau

injiziert worden war, unter dem Einfluß der Bestrahlung der operativ

freigelegten Gehirnoberfläche das Alizarinblau zu Alizarinweiß

reduzierten. Diese Versuche legten es nahe, daß die Reduktion hier

durch Vermittelung eines katalytisch wirkenden Stoffes erfolgt, ähnlich

wie die Reduktion des Wasserstoffsuperoxyds durch Platinmoor[424] oder

durch das organische Enzym „Katalase“. ~Hertel~ prüfte daher, ob die

Magnesiumstrahlen die Wirkung der Katalase auf Wasserstoffsuperoxyd

etwa steigerten. Das Wasserstoffsuperoxyd direkt wird von den Strahlen,

wie er sich vorher überzeugte, nicht reduziert, dagegen konnte er

sofort eine lebhafte Steigerung der Gasentwicklung beobachten, wenn

er die Wasserstoffsuperoxyd-Katalyse durch Katalase herbeiführte und

die Flüssigkeit dann mit Magnesiumlicht bestrahlte. Daraus geht

also hervor, daß die katalytische Spaltung von Wasserstoffsuperoxyd

beträchtlich durch kurzwellige Lichtstrahlen gesteigert wird, wenn sie

durch einen an sich schon katalytisch wirkenden Stoff in Gang gebracht

ist. Alle diese Tatsachen machen es +im höchsten Grade wahrscheinlich,

daß die allgemeine Wirkung der Lichtstrahlen auf die lebendige Substanz

in erster Linie auf einer Beeinflussung des Sauerstoffwechsels beruht+.

Nach diesen allgemeinen Tatsachen mögen nun eine Reihe von speziellen

Beispielen aus dem Gebiete der Lichtreizwirkungen folgen.

a) Erregungswirkungen.

Die +Stoffwechsel-Wirkungen+ des Lichtes sind es, welche der ganzen

organischen Welt, die heute die Erdoberfläche in unabsehbarer

Formenfülle bevölkert, das Leben gewähren. Nicht mit Unrecht, wie wir

sahen, haben die alten Naturphilosophen in gewissem Sinne die Tiere

als Parasiten der Pflanzenwelt charakterisiert. Zwar nähren sich die

Fleischfresser von tierischen Stoffen, aber diese tierische Nahrung

stammt von Pflanzenfressern, und so sind auch die Fleischfresser

auf die Pflanzenwelt angewiesen. Die Pflanzenwelt aber kann nicht

existieren ohne die Einwirkung des Lichtes. Die Sonnenstrahlen liefern

den Reiz, der die Chlorophyllkörper der Pflanzenzelle veranlaßt, die

Kohlensäure der Luft in Kohlenstoff und Sauerstoff zu spalten und

aus dem Kohlenstoff mit dem durch die Wurzeln aufgenommenen Wasser

synthetisch die erste organische Substanz, das erste Produkt des

assimilatorischen Stoffwechsels, die Stärke, zu erzeugen. Noch mehr.

Die Sonnenstrahlen geben auch den Anstoß zur Entstehung des grünen

Chlorophyllfarbstoffes selbst, wie aus der Tatsache hervorgeht, daß

Pflanzensamen, die man im Dunkeln keimen läßt, ein weißes oder ein

hellgelbes Pflänzchen entwickeln, das zwar auf Kosten der in den

Pflanzensamen aufgespeicherten Reservestoffe eine Zeitlang wächst, das

aber erst ergrünt, wenn es dem Lichte ausgesetzt wird. Erst nach dem

Ergrünen ist die Pflanze imstande, Kohlensäure zu spalten und Stärke

zu bilden. So ist die Entstehung des ersten organischen Produktes, aus

dem alle andere organische Substanz sich herleitet, die Wirkung des

Lichtreizes der Sonnenstrahlen.

Diese assimilatorische Wirkung des Sonnenlichtes kommt nicht allen

Lichtstrahlen in gleichem Maße zu. Wie wir bereits an anderer

Stelle[425] gesehen haben, sind es die Strahlen des roten Lichtes, die

von allen bei gleicher Intensität die stärkste assimilatorische Wirkung

entfalten.

Von den objektiv wahrnehmbaren Wirkungen des Lichtes auf die

Netzhautzellen im Auge des Menschen und der Tiere ist bis jetzt zum

größten Teil noch nicht sicher, ob sie auf direkter Reizung der

betreffenden Zellen selbst oder auf reflektorischer Erregung durch das

Nervensystem beruhen: immerhin müssen direkte Stoffwechselwirkungen

in den Retinazellen vorhanden sein, da wir ihre Folgen im

Zentralnervensystem, auf das sich die Erregung durch den Sehnerven

fortpflanzt, subjektiv als Farben empfinden und objektiv bei anderen

Menschen oder Tieren an den Bewegungsreaktionen erkennen, die bei

Lichtreizung durch Vermittlung des Zentralnervensystems ausgelöst

werden.

Ueber die erregenden +Wirkungen des Lichtes auf die

Formbildungsprozesse+ sind, abgesehen von der Beeinflussung des

Wachstums der Pflanzen, bisher noch keine umfangreicheren Erfahrungen

bekannt geworden.

Dagegen kennen wir zahlreiche +Wirkungen auf den Energieumsatz+, vor

allem auf die Bewegungsvorgänge.

[Illustration: Fig. 202. +Pelomyxa palustris.+ _A_ Ungereizt kriechend,

_B_ gereizt kontrahiert.]

Im Süßwasser einzelner Teiche und Pfützen, verborgen zwischen Schlamm

und Sand, führt in mattem Dämmerlicht ein unbeholfenes Rhizopod sein

träges Dasein, die amöbenähnliche +Pelomyxa+. Der klumpige, nackte,

nicht selten fast 2 mm große Protoplasmakörper dieses merkwürdigen

Wesens enthält neben einer großen Anzahl runder Zellkerne eine Fülle

von kleinen Sandkörnchen und Schlammteilchen, so daß er völlig

undurchsichtig ist. Die Bewegungen der +Pelomyxa+ sind genau die

einer trägen +Amöbe+. Der klumpige Protoplasmatropfen läßt ab und zu

hier und dort ein flaches, hyalines Pseudopodium über den dunklen

Körperkontur meist ruckweise vorfließen, in das dann die Innenmasse

mit ihren Kernen, Sandkörnchen etc. nachströmt. In der Regel bildet

sich, wenn man das Protist ungestört sich selbst überläßt, nach einiger

Zeit wie bei +Amoeba limax+[426] eine bestimmte Kriechrichtung heraus,

so daß das Protoplasma nur immer in einer Richtung vorfließt, und der

Körper dadurch eine langgestreckte Gestalt annimmt (Fig. 202 _A_).

Wird aber die +Pelomyxa+ beim Kriechen mechanisch durch Erschütterung

oder chemisch durch Zusatz von Salzlösungen oder thermisch durch

Erwärmen gereizt, so kontrahiert sie sich sofort und nimmt, wie

alle nackten Protoplasmamassen, Kugelform an (Fig. 202 _B_). An

diesem originellen Wesen konnte ~Engelmann~[427] eine ausgesprochene

Lichtreizbarkeit feststellen, und zwar zeigte sich, daß, wenn die

+Pelomyxa+ im Dunkeln ungestört in ihrer langgestreckten Form träge

dahinkroch, eine plötzliche Belichtung denselben Reizerfolg hatte,

wie ihn die chemische, mechanische und thermische Reizung hervorruft.

Der Protoplasmakörper kontrahierte sich plötzlich zur Kugel, und alle

Bewegung hörte auf, um aber bei Verdunkelung alsbald wieder von neuem

einzutreten. Langsame Steigerung der Lichtintensität vom Dunkeln an

hatte dagegen keinen deutlichen Einfluß. Ganz ähnlich verhalten sich

auch die Protoplasmamassen mancher Myxomyceten, die ebenfalls auf

Lichtreizung Kontraktionsbewegungen beobachten lassen.

[Illustration: Fig. 203. +Pleuronema chrysalis.+ _A_ Ungereizt, still

liegend, _B_ gereizt, im Begriff, durch Wimperschlag zu springen.]

~Engelmann~, der sich viele Verdienste um die Physiologie der

einzelligen Organismen erworben hat, entdeckte auch ein eigentümliches

Bakterium, das sich als außerordentlich empfänglich für Lichtreize

erwies. Dieses Bakterium, das ~Engelmann~[428] +Bacterium

photometricum+ nannte, bewegt sich durch den Schlag des Geißelfadens,

den die Enden des beweglichen Bakterienkörpers tragen, lebhaft im

Wassertropfen umher. Allein diese Bewegung dauert nur so lange, als

das Bakterium der Einwirkung des Lichtes ausgesetzt ist. Wird es

dagegen ins Dunkle gebracht, so hört allmählich die Bewegung auf,

und das Bakterium bleibt still liegen. Sobald aber wieder Licht

einwirkt, beginnt die Bewegung der Bakterien von neuem, und zwar

konnte ~Engelmann~ mittels eines Spektralapparates feststellen, daß es

die Strahlen des Orange und des Ultrarots sind, die besonders diese

erregende Wirkung auf die Bewegung der Bakterien ausüben.

Bei zahlreichen pathogenen Bakterien, wie bei +Bacterium coli+,

+Typhusbakterien+, +Choleravibrionen+, ~Vibrio Metschnikovii~,

+Bacillus prodigiosus+, +Bacillus proteus mirabilis+ fand ~Hertel~[429]

im Beginn der Einwirkung seiner ultravioletten Strahlen von 280 µµ

Wellenlänge eine Beschleunigung der Bewegung, die aber in wenigen

Sekunden einer völligen Lähmung wich. Jedenfalls dürfte sich wohl

durch Strahlen von geringerer Intensität wie auch durch Strahlen von

größerer Wellenlänge hier auch ein länger andauerndes Erregungsstadium

erzielen lassen.

[Illustration: Fig. 204. +Spektra von verschiedenen Medien.+ 1 Spektrum

eines roten Glases, 2 Spektrum eines Kobaltglases, 3 Spektrum eines

grünen Glases, 4 Spektrum einer Kalibichromatlösung, 5 Spektrum einer

Kupferoxyd-Ammoniaklösung.]

Auch unter den Wimperinfusorien, die sich für sichtbare Strahlen

im allgemeinen bisher als nicht reizbar gezeigt haben, finden

sich vereinzelte Vertreter, deren Wimperbewegung durch sichtbare

Lichtstrahlen erregt wird. Wir lernten schon bei anderer

Gelegenheit[430] +Pleuronema chrysalis+ kennen, das in ungestörtem

Zustande still im Wasser liegt, ohne seine langen Sprungwimpern zu

bewegen, und nur von Zeit zu Zeit durch einen plötzlichen Schlag

derselben einen schnellen Sprung ausführt. Wenn diese kleinen

Infusorien, die man in der Regel in größerer Menge zusammen beobachtet,

an einer Stelle auf dem Objektträger still liegen, so kann man schon

bei gewöhnlichem Tageslicht durch Wegnahme der Blende des Mikroskops

eine Sprungbewegung auslösen, die sich öfter wiederholt, wenn die

Blende nicht wieder eingeschoben wird[431]. Wie eine Herde aufgeregter

Flöhe springen diese Wimperzellen wild durcheinander, bis sie wieder

beschattet werden. Dabei tritt die Schlagbewegung der Wimpern nicht

unmittelbar in dem Momente ein, in dem das Licht plötzlich auffällt,

sondern erst nach einem Stadium latenter Reizung, das etwa 1–2 Sekunden

dauert. Durch Einschalten von farbigen Gläsern und Flüssigkeiten

zwischen Lichtquelle und Objekttisch des Mikroskops, und zwar von

solchen, deren Durchlässigkeit für Strahlen ganz bestimmter Wellenlänge

spektroskopisch vorher festgestellt worden ist (Fig. 204), kann man

sich leicht überzeugen, daß es nicht etwa eine Wärmewirkung des Lichtes

ist, die in dieser Sprungbewegung zum Ausdruck kommt, sondern daß

es gerade die Strahlen des blauen und violetten Lichtes, also die

thermisch am wenigsten wirksamen Strahlen, sind, die diese Reizwirkung

am stärksten hervorrufen. Auch durch Wärmestrahlen freilich kann man

dieselbe Wirkung erzielen, aber dann reicht nicht das gewöhnliche

Tageslicht dazu aus, sondern es bedarf Sonnenlichtes von größerer

Wirksamkeit, wie man es nur durch Konzentration direkten Sonnenlichtes

mittelst eines Hohlspiegels erhalten kann, um die Sprungbewegung

auszulösen.

Durch die kurzwelligen Strahlen des unsichtbaren Teiles des Spektrums

konnte ~Hertel~[432] bei allen untersuchten Infusorienformen im

Beginn der Einwirkung erregende Wirkungen erzielen. So wurden die

Wimperbewegungen von +Paramaecium+ und +Colpidium+ und einiger anderer

holotricher Infusorienformen zuerst unruhiger und hastiger, bis sie

sehr bald starke Koordinationsstörungen erfuhren und ganz gelähmt

wurden. Bei +Stentor polymorphus+, +Carchesium+ und +Epistylis+ traten

unter dem Einfluß der ultravioletten Strahlen von 280 µµ heftige

Kontraktionen der Myoide ein, bis auch diese Infusorien bei weiterer

Einwirkung der Strahlen völlig gelähmt waren.

Von der Bewegung der +quergestreiften+ Muskeln ist bisher kein Fall

bekannt geworden, in dem sich eine Beeinflussung durch Licht mit

Sicherheit ergeben hätte. Dagegen hat ~Steinach~[433] vor einiger

Zeit gezeigt, daß gewisse +glatte+ Muskelfasern durch Lichtreize zur

Kontraktion gebracht werden können. Der Sphincter iridis bei Fischen

und Amphibien, ein Muskel, der die Pupille des Auges durch seine

Kontraktion verengert, ist, wie ~Steinach~ fand, zusammengesetzt

aus glatten Muskelfasern, die ein braunes Pigment enthalten. Die

glatten Muskelfasern werden durch Licht direkt ohne Vermittlung des

Zentralnervensystems erregt, wie daraus hervorgeht, daß selbst der

herausgeschnittene Muskel noch durch Belichtung zur Zusammenziehung

veranlaßt werden kann.

Ebenso wie die Kontraktionsbewegungen in manchen Fällen durch den

Lichtreiz erregt werden, kann auch die eigentümliche Bewegung der

+Diatomeen+ in gewissem Sinne vom Lichte beeinflußt werden. Wie

~Engelmann~[434] gefunden hat, hören die eigentümlichen Bewegungen der

Diatomeen auf, wenn man sie unter Sauerstoffabschluß in einem dunklen

Raum aufstellt. Sie beginnen aber alsbald wieder, wenn man Licht auf

sie einwirken läßt. Dieses Verhalten ist, wie ~Engelmann~ zeigte,

darauf zurückzuführen, daß unter Sauerstoffabschluß der zur Bewegung

der Diatomeen nötige Sauerstoff bald verbraucht wird. Befinden sich

diese Algenzellen nun im Dunkeln, so stellen sie alsbald infolge des

Sauerstoffmangels ihre Bewegungen ein; werden sie dagegen ins Licht

gebracht, so spalten sie mittels ihres dem Chlorophyll verwandten

gelben Farbstoffs Kohlensäure und produzieren sich auf diese Weise den

Sauerstoff, den sie zur Bewegung nötig haben, selbst, so daß sie ihre

Bewegungen von neuem wieder aufnehmen können.

Sehr interessant sind schließlich die Untersuchungen ~Hertel~s[435]

über die Einwirkung von Lichtstrahlen auf die histologischen

Elemente des +Nervensystems+. Bei lokaler Belichtung einer Partie

des Bauchstranges vom Regenwurm mit ultravioletten Strahlen von der

Wellenlänge 280 µµ beobachtete ~Hertel~ in der von dieser Partie aus

innervierten Muskulatur heftige Kontraktionen. Bei dem gleichen

Versuch mit sichtbaren Lichtstrahlen dagegen war keinerlei Wirkung

zu sehen. ~Hertel~ war nun sehr überrascht, als er bei dem Wurme

+Sipunculus+ bei Belichtung sowohl mit ultravioletten wie auch mit

sichtbaren Lichtstrahlen eine deutliche Reizwirkung vom Nervensystem

aus erzielte. Die Erklärung für dieses verschiedene Verhalten der

beiden Wurmformen ergab sich aus den histologischen Verhältnissen.

+Sipunculus+ hat große Mengen von Pigment im Nervensystem, der

Regenwurm nicht. Es ist also hier offenbar das Pigment der Faktor, der

bei Sipunculus durch die Absorption des Lichtes die Wirksamkeit auch

der langwelligen, sichtbaren Strahlen vermittelte, die beim Regenwurm

von den pigmentlosen Bestandteilen des Bauchstranges in der verwendeten

Intensität des Lichtes nicht oder nicht in genügendem Maße absorbiert

werden.

b) Lähmungswirkungen.

Bis in die letzten Jahre war von lähmenden Wirkungen des Lichtes nur

wenig bekannt, und bei dem wenigen, was bekannt war, blieb es auch noch

zum Teil zweifelhaft, ob es sich dabei um wirkliche Lähmungswirkungen

des Lichtes handelte.

So könnte man z. B. die Tatsache, daß das Wachstum der Pflanzen im

Licht ein geringeres ist als im Dunkeln, für eine Lähmungswirkung

halten; man könnte sich vorstellen, daß das Licht direkt gewisse

Stoffwechselprozesse, die zum Wachstum notwendig sind, herabsetzt.

Allein das Wachstum der Pflanzen ist ein sehr komplizierter Vorgang,

bei dem viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, und wie bereits

~Sachs~[436] hervorgehoben hat, ist es zurzeit noch nicht möglich, zu

beurteilen, wie weit das Licht als solches in das Zustandekommen dieses

Komplexes eingreift.

Eine andere Lähmungswirkung des Lichtes könnte man in seinem Einfluß

auf die Lichtproduktion mancher leuchtender Seetiere suchen. Es ist

nämlich mehrfach die Angabe gemacht worden, daß pelagische Tiere, wie

Ctenophoren, Siphonophoren etc., aus dem Hellen ins Dunkle gebracht,

nicht leuchten und erst, nachdem sie einige Zeit im Dunkeln gestanden

haben, durch Reize zu einer anfangs schwachen, später stärkeren

Lichtentwicklung veranlaßt werden können. Die Lichtproduktionsfähigkeit

dieser Organismen scheint also durch Lichteinwirkung gelähmt zu werden,

und da sich auch die einzelligen Noktiluken ebenso verhalten sollen, so

dürfen wir nicht annehmen, daß es sich um eine sekundäre Wirkung des

Lichtes handelt, die erst durch Sinnesorgane und Zentralnervensystem

vermittelt würde. Allein auch dieser Fall einer lähmenden Wirkung des

Lichtes ist noch recht unsicher, da die fragliche Tatsache zwar von

mehreren Autoren beobachtet, aber bisher noch niemals näher analysiert

worden ist.

Bei diesen wenigen Fällen handelte es sich ausschließlich um die

Wirkungen der sichtbaren Strahlen des Spektrums. Ganz anders wurde

nun unsere Kenntnis von den lähmenden Wirkungen des Lichtes durch

die bereits mehrfach genannten Versuche ~Hertel~s mit unsichtbaren

ultravioletten Strahlen von 280 µµ Wellenlänge. Hier zeigte sich mit

einem Male, nicht nur, daß alle untersuchten Organismen auf diese

Strahlen stark reagierten, sondern ganz übereinstimmend auch, daß diese

Strahlen bei genügender Intensität oder etwas längerer Einwirkung

allgemein lähmende Wirkungen auf alle lebendige Substanz hervorrufen,

die in kurzer Zeit zum Tode führen. Nach einem kurzen Erregungsstadium,

das ~Hertel~ in einzelnen Fällen beim Beginn der Bestrahlung

beobachtete, trat sofort vollkommene Lähmung ein. So fand ~Hertel~[437]

bei den gesamten oben genannten +Bakterien+ und +Infusorien+, ferner

bei +Pflanzenzellen+, bei +Diatomeen+ etc. eine schnell eintretende

Lähmung der +Bewegung+. Die +Formbildungsprozesse+ werden ebenfalls

gelähmt. Im Gegensatz zu ~Driesch~, der keinerlei Einfluß der

Lichtstrahlen auf Eier von +Echinus+, +Planorbis+, +Rana+ feststellen

konnte, weil er nur mit sichtbaren Lichtstrahlen experimentierte, fand

~Hertel~, daß durch seine ultravioletten Strahlen der Furchungsprozeß

befruchteter Seeigeleier (+Echinus microtuberculatus+) stark gelähmt

wird.

Da sich herausgestellt hatte, daß die Wirkungslosigkeit der sichtbaren

Lichtstrahlen, abgesehen von der Intensität, im wesentlichen darauf

beruht, daß sie von den betreffenden Objekten nicht absorbiert

werden, so suchte ~Hertel~ Seeigeleier für sichtbare Lichtstrahlen zu

„sensibilisieren“, indem er sie mit einem roten Farbstoff, dem Eosin

belud, der ohne Schädigung des Protoplasmas von den lebenden Eizellen

aufgenommen wird. Der Versuch gelang. Die so „sensibilisierten“

Eizellen werden nunmehr auch von den sichtbaren Lichtstrahlen in ihrer

Entwicklung gehemmt, ein vollkommenes Analogon zu dem von der Natur

angestellten Experiment am Nervensystem des +Sipunculus+, bei dem das

natürliche Pigment die nervösen Elemente sensibilisiert hat (vergl.

oben p. 475).

Die Untersuchungen von ~Hertel~ eröffnen hier ein außerordentlich

weites Feld für weitere Versuche über die physiologischen Reizwirkungen

des Lichts und die Bedeutung des Pigments, und so ist zu erwarten,

daß uns die nächste Zukunft eine große Reihe neuer und wichtiger

Erfahrungen nach dieser Richtung hin bringen wird.

_Die Wirkungen der ~Röntgen~-Strahlen._

Im Anschluß an die Wirkungen der Lichtreizung mögen zunächst die

Erfahrungen Erwähnung finden, die in neuerer Zeit bei Einwirkung der

unsichtbaren ~Röntgen~schen Strahlen auf Organismen gemacht worden

sind. Es hat sich seit der Entdeckung dieser Strahlenarten eine ganze

Reihe von Angaben über ihre Wirkung auf Organismen angehäuft, die aber

zum großen Teil mit vorsichtiger Kritik aufzunehmen sind. Es sollen

daher hier nur einige der zuverlässigeren Beobachtungen angeführt

werden.

So hat z. B. ~Rieder~[438] größere Versuchsreihen mit Reinkulturen

von verschiedenen Bakterienarten in der Weise angestellt, daß er

die Plattenkulturen mit Hilfe eines durchbohrten Bleischirms einer

partiellen Bestrahlung durch ~Röntgen~sche Strahlen aussetzte. Dabei

fand er, daß z. B. Kolonien von Cholera- und Tuberkelbazillen schon

nach einer Expositionsdauer von kaum einer Stunde zugrunde gegangen

waren, während die Kolonien an den nicht exponierten Stellen der Platte

weiter wuchsen.

An Pflanzenzellen stellte ~Lopriore~[439] Versuche mit

~Röntgen~-Strahlen an, bei denen sich ergab, daß die

Protoplasmabewegung in den Zellen der +Vallisneria+ anfangs

beschleunigt wird. Bei längerer Exposition machten sich indessen

Veränderungen in der Struktur des Protoplasmas bemerkbar,

indem dasselbe körniger und vakuolenreicher wurde, während die

Chlorophyllkörper ihre grüne Farbe verloren.

Ferner hat vor einigen Jahren ~Schaudinn~[440] an einer größeren Anzahl

von Rhizopoden- und Infusorienformen die Wirkung der ~Röntgen~-Strahlen

studiert und gefunden, daß diese Strahlen auf die verschiedenen

Formen in ganz verschiedenem Grade wirksam sind. Während bei manchen

Rhizopoden, wie z. B. +Labyrinthula+ und +Hyalopus+, selbst bei

14-stündiger Expositionsdauer keinerlei Wirkung zu beobachten war,

reagierten andere, wie z. B. +Amoeba princeps+, +Pelomyxa palustris+,

+Difflugia pyriformis+, +Polystomella+, +Actinosphaerium+ etc. nach

kürzerer oder längerer Exposition dadurch, daß sie ihre Pseudopodien

einzogen und schließlich in totaler Kontraktion abstarben. Bei manchen

flagellaten und ciliaten Infusorien wurde die Bewegung der Geißeln und

Wimpern allmählich gelähmt, bis sie abstarben. +Spirostomum ambiguum+

blieb dabei vollkommen ausgestreckt und starb ohne Kontraktion seiner

Myoidfäden, während es bei Einwirkung anderer Reize gewöhnlich

sofort heftige Kontraktionsbewegungen ausführt. Vermutlich ist das

Ausbleiben derselben bei der Bestrahlung mit ~Röntgen~-Strahlen auf die

außerordentlich langsam sich entwickelnde Wirkung zurückzuführen.

Sodann haben ~Joseph~ und ~Prowazek~[441] Versuche mit kurzdauernder

Einwirkung von ~Röntgen~-Strahlen auf verschiedene Organismen

angestellt und dabei gefunden, daß manche freibeweglichen Organismen

wie +Paramaecium+ und +Daphnia+ sich von der Einfallsrichtung der

~Röntgen~-Strahlen fortbewegen. Auch konnten sie eine Lähmung resp.

Schädigung der Funktionen des Protoplasmas in den Zellen feststellen,

wie z. B. der Strömung des Protoplasmas in Pflanzenzellen, der Frequenz

der Vakuolenpulsationen in Infusorienzellen etc. Im allgemeinen gingen

bei ihrer kurzen Einwirkungsdauer der Strahlen die Schädigungen nach

Abstellung der ~Röntgen~-Strahlen wieder zurück.

~Aschkinass~ und ~Caspari~[442] dagegen fanden bei Bestrahlung von

Kulturen des +Micrococcus prodigiosus+ mit ~Röntgen~-Strahlen keinerlei

Wirkung. Das Wachstum und die Lebensfähigkeit der Kulturen wurde in

keiner Weise durch die Bestrahlung beeinflußt.

So sind die vorliegenden Untersuchungen über die Wirkung der

~Röntgen~-Strahlen bisher noch wenig geeignet, eine Gesetzmäßigkeit

erkennen zu lassen und ein genaueres Studium der Frage, wieweit die

~Röntgen~-Strahlen erregend oder lähmend wirken, welche Rolle ihre

Intensität spielt, ob sie bei starker Intensität auf alle lebendige

Substanz wirksam sind usf., bleibt der Zukunft vorbehalten.

_Die Wirkungen der ~Becquerel~-Strahlen._

Auch über die physiologischen Wirkungen der von den radioaktiven

Stoffen wie Uran-, Thorium-, Radium-, Barium- und Poloniumpräparaten

entsendeten Strahlenarten sind die gesicherten Erfahrungen noch so

wenig zahlreich, daß eine bestimmte Gesetzmäßigkeit sich aus ihnen

bisher noch nicht entnehmen läßt. Die Widersprüche, die zum Teil noch

in den Beobachtungsergebnissen zum Ausdruck kommen, dürften wohl

zum großen Teil darauf zurückzuführen sein, daß die verschiedenen

Untersucher sehr verschiedenartige Präparate benutzt haben, die

jedenfalls sehr verschiedene Strahlenarten lieferten und außerdem sehr

verschiedene Intensität der Strahlen besaßen. Im allgemeinen aber

scheinen die meisten der unter dem Namen der ~Becquerel~-Strahlen

zusammengefaßten Strahlenarten sehr starke physiologische Wirkungen

hervorzurufen, die an die Wirkungen der ultravioletten Lichtstrahlen

von sehr geringer Wellenlänge erinnern, denn die lebendige Substanz

wird bei stärkerer und längerer Bestrahlung stark geschädigt.

[Illustration: Fig. 205. +Bestrahlung von Micrococcus prodigiosus

mit+ ~Becquerel~-+Strahlen+. _a_ In der Mitte der Schale befindet

sich die Bakterienkultur, die zur Hälfte mit einem Kupferblech

_B_ gegen die Einwirkung der Strahlen geschützt ist. _b_ Auf dem

geschützten Teil der Kultur haben sich die Bakterien weiter entwickelt,

auf dem bestrahlten Teil nicht. _c_ Anordnung zur Bestrahlung

von der Seite gesehen; _A_ Nährgelatine auf der Innendecke der

oberen ~Petri~-Schale, _C_ Bakterienkulturtropfen in der Mitte der

Nährgelatine, _P_ Messingschälchen mit dem Radiumpräparat am Boden der

unteren ~Petri~-Schale, der hängenden Kultur gegenüberstehend. Nach

~Aschkinass~ und ~Caspari~.]

Bei +Micrococcus prodigiosus+ konnten ~Aschkinass~ und ~Caspari~[443]

in sehr sorgfältigen Untersuchungen, die mit Berücksichtigung

aller Fehlerquellen ausgeführt wurden, eine wachstums- und

entwicklungshemmende Wirkung der ~Becquerel~-Strahlen feststellen.

Aus den zahlreichen Versuchen, die diese Forscher anstellten,

sei hier nur der folgende angeführt. Sie brachten in ein breites

ineinander stülpbares Glasschalenpaar (sog. ~Petri~-Schalen) auf

den Boden der unteren Schale ein offenes Messingschälchen mit dem

radioaktiven Präparat _P_, das aus 1 g Barium-Radium-Bromidkristallen

bestand und befestigten an der Innendecke der oberen Schale eine

Nähragarplatte _A_, die in ihrer Mitte, dem Radiumpräparat gegenüber,

eine +Micrococcus+-Kultur _C_ enthielt. Setzten sie dann diese Kultur

der Bestrahlung aus, so fand sich nach mehrstündiger Einwirkung stets

eine ganz enorme Entwicklungshemmung der bestrahlten Kultur gegenüber

den der Bestrahlung nicht ausgesetzten, gleichzeitig angelegten

Kontrollkulturen. Bei Zwischenschaltung einer dünnen Aluminiumfolie

zwischen das radioaktive Präparat und die Kultur blieb der Erfolg

aus, obwohl die eine Art von ~Becquerel~-Strahlen auch jetzt noch

die Kultur traf. Es waren also speziell die leichter absorbierbaren

Strahlen, welche die entwicklungshemmende Wirkung ausübten. Schützten

~Aschkinass~ und ~Caspari~ die Kultur zur Hälfte durch ein übergelegtes

Kupferblech _B_, das die ~Becquerel~-Strahlen nicht durchließ, so

entwickelte sich auf der beschatteten Seite die Kultur weiter, während

sie auf der bestrahlten Seite in ihrer Entwicklung zurückblieb (Fig.

205).

Mit einer ganzen Reihe von verschiedenen Präparaten, die teils primär

radioaktiv, teils sekundär induziert waren, hat dann bald darauf

~H. von Baeyer~[444] die Ergebnisse von ~Aschkinass~ und ~Caspari~

an der gleichen Bakterienform bestätigt und ebenfalls gefunden, daß

speziell die leicht absorbierbaren α-Strahlen, sei es, daß sie von

primär aktiven, sei es, daß sie von induzierten Präparaten stammten,

bakterizide Wirkungen entfalten.

Schließlich haben ~Pfeiffer~ und ~Friedberger~[445] bei +Typhus+-,

+Cholera+- und +Milzbrand+bakterien nach längerer Bestrahlung (16

Stunden bis 3 Tage) ebenfalls eine bakterizide Wirkung feststellen

können.

Es ist zu erwarten, daß die nächsten Jahre die Erfahrungen

beträchtlich erweitern werden, besonders auch mit Rücksicht auf die

Frage, ob außer diesen lähmenden Wirkungen nicht durch schwächere

oder kürzer dauernde Bestrahlung bei geeigneten Objekten etwa auch

erregende Anfangswirkungen zu erzielen sind. Es ist im höchsten Grade

wahrscheinlich, daß hier ein ganz analoges Verhältnis vorliegt, wie

bei der Wirkung der kurzwelligen Lichtstrahlen, die bei kurzer oder

schwacher Einwirkung ebenfalls eine erregende, bei länger dauernder und

stärkerer Einwirkung stets eine lähmende ist.

Allgemeine Physiologie · 第 219 / 283 题