4. Die Wirkungen thermischer Reizung.

Die Anwendung der thermischen Reizung läßt bei weitem weniger

Modifikationen zu als die Anwendung mechanischer oder gar chemischer

Reize, denn wir können lediglich als Reiz eine +Temperaturerhöhung+

oder +Temperaturerniedrigung+ auf die lebendige Substanz einwirken

lassen. Rhythmische Temperaturschwankungen von einiger Geschwindigkeit

lassen sich der Natur des thermischen Reizes entsprechend nicht leicht

erzielen, da die Wärme zu lange Zeit braucht, um sich einem Körper

mitzuteilen oder aus ihm zu verschwinden. Daher ist es z. B. nicht

möglich, einen dem mechanischen Tetanus entsprechenden Wärmetetanus

zu erzeugen. So gestaltet sich denn die thermische Reizung überaus

einfach, und ebenso einfach erweisen sich die Wirkungen derselben.

Wenn wir ausgehen von der Durchschnittstemperatur, unter der sich

eine Zelle normalerweise befindet, die also das Optimum dieser

Lebensbedingung vorstellt, so finden wir als allgemeine Wirkung aller

Temperaturveränderungen die Tatsache, +daß mit steigender Temperatur

die Intensität der Lebensvorgänge bis zu einem bestimmten Punkte

zu-, mit sinkender Temperatur bis zum völligen Stillstand abnimmt.

Steigt die Temperatur über das Maximum der Erregung noch weiter, so

tritt eine sehr schnell zunehmende Lähmung ein.+ Das findet in den

verschiedenartigsten Lebensäußerungen seinen Ausdruck.

Diese Fundamentaltatsache aller Temperaturreizung ist, soweit die

mittleren Temperaturschwankungen in Betracht kommen, in vollkommenem

Einklang mit der von ~van ’t Hoff~[402] für zahlreiche chemische

Prozesse nachgewiesenen Gesetzmäßigkeit, die darin besteht, +daß

ihre Reaktionsgeschwindigkeit mit dem Steigen der Temperatur um

je 10° C auf das 2–3-fache steigt+. In der Tat ist für eine ganze

Reihe von speziellen Lebensäußerungen festgestellt worden, daß sie

innerhalb gewisser Grenzen genau der ~van ’t Hoff~schen Regel folgen.

So hat z. B. ~Cohen~[403] durch Rechnung auf Grund der von ~O.

Hertwig~ gefundenen Werte gefunden, daß die Geschwindigkeit mit der

sich Froscheier entwickeln, der ~van ’t Hoff~schen Temperaturregel

gehorcht. Das gleiche hat ~Abegg~[404] für die Entwicklung von

Seeigeleiern auf Grund der Versuche von ~Peter~ festgestellt. Für

die Kohlensäure-Assimilation in den grünen Pflanzenteilen hat Miss

~Matthaei~[405] dieselbe Gesetzmäßigkeit ermittelt. Schließlich hat

~Kanitz~[406] für die pulsierenden Vakuolen der Infusorien und für

die Schlagfrequenz des Säugetierherzens auf Grund der vorliegenden

Erfahrungen ebenfalls die Gültigkeit der ~van ’t Hoff~schen Regel

erwiesen.

Ist also die Gültigkeit der Temperaturregel für viele spezielle

Lebensäußerungen zweifellos nachgewiesen, so muß doch auf der anderen

Seite im Auge behalten werden, daß das nur immer für gewisse Breiten

der Temperatur gilt. Darüber hinaus nach der positiven sowohl wie

nach der negativen Seite folgen die Lebensäußerungen der ~van ’t

Hoff~schen Regel nicht mehr. Diese Tatsache wird aber ohne weiteres

verständlich, wenn wir daran denken, daß das Leben ein aus ungemein

zahlreichen chemischen Einzelprozessen bestehender Vorgang ist, dessen

einzelne Glieder in engster Abhängigkeit voneinander stehen, vor allem

auch in engster Abhängigkeit bezüglich der bei ihnen beteiligten

Massen. Da die an den Einzelreaktionen des Stoffwechsels beteiligten

Massen von chemischen Stoffen aber bei steigender oder sinkender

Temperatur nicht in dem Maße zur Verfügung stehen, wie sie bei dem

engen Ineinandergreifen der Prozesse gerade erforderlich sind, sondern

entweder mangeln oder im Ueberfluß vorhanden sind, so muß darunter der

Ablauf des gesamten Stoffwechselgetriebes leiden. Das macht sich daher

nicht bloß bemerkbar, wenn bestimmte Temperaturgrade durch weiteres

Steigen oder Sinken der Temperatur überschritten werden, sondern,

wie aus den Versuchen von Miss ~Matthaei~ hervorgeht, auch, wenn

Temperaturen unterhalb dieser Grade längere Zeit einwirken.

Es mögen nun eine Reihe von speziellen Erfahrungen über die erregende

und lähmende Wirkung von Temperaturreizen auf verschiedene Formen der

lebendigen Substanz folgen.

a) Erregungswirkungen.

Für die +Erregung des Stoffwechsels+ durch steigende Temperatur bietet

das Pflanzenleben eine große Anzahl von deutlichen Beispielen, die

zeigen, wie mit steigender Temperatur innerhalb bestimmter Grenzen

die Lebensäußerungen, wie Kohlensäurespaltung, Stärkebildung,

Eiweißbildung etc., an Intensität zunehmen. Dabei findet man, daß die

Temperaturen, mit denen die Erregung ihr Maximum erreicht, nicht nur

für die verschiedenen Formen der lebendigen Substanz, sondern auch für

die einzelnen Teilprozesse des Stoffwechsels an demselben Objekt sehr

verschieden sind. Ebenso beobachtet man auch im Tierreich, daß mit den

obigen Einschränkungen der Stoffwechsel proportional der Temperatur

zunimmt, und bereits ~Spallanzani~ hat für die Kaltblüter, speziell

für die Schnecken, gezeigt, daß der Sauerstoffverbrauch mit steigender

Temperatur wächst.

Es darf indessen nicht übersehen werden, daß es einen Fall gibt,

in dem der Stoffwechsel umgekehrt mit abnehmender Außentemperatur

zu- und mit zunehmender abnimmt. Das ist das Verhalten der

homoiothermen (warmblütigen) Tiere. Es ist eine bekannte Tatsache,

daß die Warmblüter mit steigender Temperatur eine +Abnahme+ des

Stoffwechsels erfahren. Der Mensch hat im Winter einen viel

regeren Stoffwechsel als im Sommer; er verbraucht am meisten

Nahrung bei den niedrigsten und am wenigsten bei den höchsten

Temperaturgraden. Dieses merkwürdige Paradoxon ist bisher noch

wenig aufgeklärt, und ~Pflüger~[407], der sich eingehend mit

dieser Frage beschäftigt hat, kommt auch nur auf Grund gewisser

Hypothesen zu einer Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs. Das

Charakteristikum des Warmblüters liegt bekanntlich gegenüber allen

anderen Tieren darin, daß er in seinem Nervensystem Mechanismen

besitzt, die auf reflektorischem Wege die Temperatur des Körpers

regulieren und auf gleicher Höhe erhalten, mag die Außentemperatur

noch so großen Schwankungen unterworfen sein. Der Stoffwechsel, der

ja die Quelle der Wärmeproduktion im tierischen Organismus ist,

steht aber bei den Warmblütern im Dienste der Wärmeregulation.

Ist die Außentemperatur sehr niedrig, so wird auf dem Wege durch

das Nervensystem reflektorisch von der Haut her der Stoffwechsel

und damit die Wärmeproduktion gesteigert, so daß die stärkeren

Wärmeverluste des Körpers wieder gedeckt werden, und umgekehrt,

ist die Außentemperatur sehr hoch, so erfährt der Stoffwechsel und

damit die Wärmeproduktion, ebenfalls auf reflektorischem Wege, eine

entsprechende Herabsetzung. Die Stoffwechselsteigerung der Zellen bei

der Kälte und die Stoffwechselherabsetzung bei der Wärme wird also

nicht direkt durch die Temperatur hervorgerufen, sondern durch Reize,

die vom Zentralnervensystem herkommen. Aber damit ist das Paradoxon

doch noch nicht beseitigt, sondern nur verschoben. Die Erregung des

Zentralnervensystems, welche die Reize liefert, wird ja erst von der

Körperoberfläche, von der Haut her durch Abkühlung oder Erwärmung

auf dem Wege der Temperaturnerven ausgelöst, und so bleibt uns immer

noch die Frage offen, wie steigende Temperatur eine Herabsetzung und

sinkende Temperatur eine Steigerung der Erregung im Zentralnervensystem

hervorrufen kann. Um diese Frage in Uebereinstimmung mit dem

allgemeinen Temperaturgesetz zu lösen und so das anscheinende Paradoxon

zu beseitigen, hat sich ~Pflüger~[408] folgende Hypothese gebildet.

Er stellt sich vor, „daß das Zentralorgan des Temperatursinnes zwei

Substanzen enthalte als Substrate zweier verschiedener spezifischer

Energien; die Erregung der einen dieser Substanzen offenbart sich dem

Bewußtsein als Wärmegefühl, die Erregung der anderen als Kältegefühl.

Man hätte sich dann noch weiter vorzustellen, daß beide Substanzen in

solchen Leitungsbeziehungen stehen, denen zufolge die Erregung der

einen Substanz abnimmt, wenn die der anderen steigt, und umgekehrt“.

Solche Verhältnisse kennen wir in der Tat mehrfach in unserem

Zentralnervensystem. Unter dieser Voraussetzung ist es klar, daß mit

steigender Außentemperatur das Wärmezentrum erregt und umgekehrt das

Kältezentrum gehemmt werden muß, während mit sinkender Temperatur

das Wärmezentrum gehemmt und umgekehrt das Kältezentrum erregt wird.

Steht daher das Kältezentrum mit den den Stoffwechsel beeinflussenden

Nervenbahnen in Verbindung, so muß Hemmung des Kältezentrums durch

erhöhte Außentemperatur eine Herabsetzung des Stoffwechsels zur

Folge haben, und umgekehrt. Indessen ist diese Vorstellung doch rein

hypothetisch.

Die Steigerung der Lebensäußerungen durch zunehmende Temperatur macht

sich auch an den +Formbildungsvorgängen+ bemerkbar, wo sich diese

überhaupt deutlich ausprägen, also vor allem an Organismen, die in

der Entwicklung begriffen sind, an Zellen, deren lebendige Substanz

sich vermehrt und fortpflanzt. So fangen Pflanzensamen erst bei einer

bestimmten Temperatur an zu keimen: der Mais etwa bei 9° C, Dattelkerne

erst bei etwa 15° C[409]. Von diesen Punkten an nimmt mit steigender

Temperatur das Wachstum immer mehr zu bis etwa gegen 30–40° C. Ebenso

sind zahlreiche Beobachtungen an Bakterien gemacht worden, die dasselbe

Verhältnis gezeigt haben. Der Heubacillus z. B. wächst nach den

Untersuchungen von ~Brefeld~ erst von einer Temperatur von 6° C an und

vermehrt sich mit steigender Temperatur immer schneller bis zu 30° C.

Der Tuberkelbacillus beginnt, wie ~Koch~ gezeigt hat, erst bei 28° C

zu wachsen und pflanzt sich am schnellsten fort bei 37–38° C. Daß der

Tuberkelbacillus erst bei so hoher Temperatur anfängt zu wachsen, ist

auf seine parasitische Lebensweise in den Geweben der warmblütigen

Tiere zurückzuführen, mit deren Körpertemperatur auch das Optimum

seines Wachstums zusammenfällt. Eine Anzahl ähnlicher Beispiele aus

dem Leben der Bakterien hat ~De Bary~[410] in seinen Vorlesungen über

Bakterien zusammengestellt. Untersuchungen an anderen Objekten, wie

z. B. an tierischen Eizellen, Leukocyten etc., würden voraussichtlich

ganz analoge Resultate ergeben.

[Illustration: Fig. 197. +Heizbarer Objekttisch+ nach ~Pfeiffer~.]

Am unmittelbarsten aber machen sich wieder die erregenden Wirkungen

steigender Temperatur am +Energieumsatz+ bemerkbar, insbesondere an

der Bewegung. Auch hier zeigt sich fast allgemein eine Zunahme der

Bewegung mit steigender Temperatur. Um diese Tatsache an einzeln

lebenden Zellen zu verfolgen, können wir uns am besten des von

~Pfeiffer~ zu diesem Zwecke konstruierten heizbaren Objekttisches

bedienen, der aus einer flachen viereckigen Glaskammer besteht, die an

ihrer Oberseite näpfchenförmige Vertiefungen (Fig. 197 _N_) trägt. In

diese Vertiefungen kann entweder der Tropfen mit den zu untersuchenden

einzelligen Organismen direkt hineingebracht werden oder, was in

vielen Fällen zweckmäßiger ist, es kann auf diese Vertiefungen ein

Deckglas mit dem an seiner Unterseite hängenden Tropfen aufgelegt

werden, so daß man selbst mit den stärksten Vergrößerungen an die

Objekte herangehen kann. Geheizt resp. abgekühlt wird der Objektträger

dann durch Wasser von bestimmter Temperatur, das man aus einer erhöht

stehenden Ausflußflasche in der auf Fig. 198 angegebenen Weise durch

die Glaskammer hindurchfließen läßt. Die Temperatur im Innern der

Kammer wird mittelst eines Thermometers (Fig. 197 _Th_) gemessen. Für

die Feststellung der exakten Temperatur im Tropfen sind daher empirisch

festzustellende Korrekturen vorzunehmen.

[Illustration: Fig. 198. +Vorrichtung zur mikroskopischen Untersuchung

von einzelligen Organismen auf dem heizbaren Objekttische.+]

Auf diese Weise können wir uns von der Tatsache überzeugen, daß

die Protoplasmabewegung der +Amöben+, wie bereits ~Engelmann~[411]

fand, mit steigender Temperatur immer lebhafter wird, und daß diese

Protisten, wie ~Kühne~[412] zuerst feststellte, bei 35° C in

heftige Kontraktion verfallen, indem sie Kugelform annehmen, wie

nach heftiger chemischer oder mechanischer Reizung (vergl. Fig. 194

_B_ p. 453). Ganz analog verhalten sich die anderen Rhizopoden, wie

+Actinosphaerium+, +Orbitolites+ etc. (vergl. Fig. 195 und 196 p.

454 und 455), sowie die Leukocyten der verschiedenartigen Tiere,

und auch die Protoplasmaströmung der Pflanzenzellen zeigt dieselben

Verhältnisse. ~Max Schultze~[413] und ~Nägeli~[414] maßen die

Geschwindigkeit der Körnchenströmung in den Protoplasmafäden der

Zellen von +Tradescantia+ und +Nitella+ bei zunehmender Temperatur

und sahen, wie sie mit steigender Temperatur immer größer wird, und

~Kühne~ (l. c.) stellte fest, daß das Protoplasma in den Zellen der

Staubfädenhaare von +Tradescantia+ bei einer Temperatur von 45° C

heftige Kontraktionsbewegungen zeigt, indem es sich in der typischen

Weise zu Kugeln zusammenballt (vergl. Fig. 47 p. 131).

Bei der erregenden Wirkung steigender Temperatur auf die

Protoplasmabewegung ist eine wichtige Tatsache zu berücksichtigen, die

für die Erklärung mancher, noch später zu behandelnder Beobachtungen

von großer Bedeutung ist: +das ist die Tatsache, daß die beiden Phasen

der Bewegung, die Expansionsphase und die Kontraktionsphase, durchaus

nicht gleichmäßig erregt werden+[415]. Man kann diese Tatsache am

besten an marinen Rhizopoden mit langen, fadenförmigen Pseudopodien

feststellen, bei denen die Protoplasmateilchen einen sehr langen Weg

zurückzulegen haben. Beobachtet man z. B. die Wirkung steigender

Temperatur auf +Rhizoplasma+ (Fig. 147 p. 337), so sieht man, daß bis

zu etwa 31–32° C hinauf zwar beide Phasen mehr und mehr erregt werden,

so daß die Protoplasmabewegung beschleunigt wird, daß aber dabei stets

die Expansionsphase die Kontraktionsphase überwiegt, so daß sich die

Pseudopodien mehr und mehr und immer reichlicher ausstrecken. Bei etwa

31–32° C ist die Erregung beider Phasen gleich stark. Steigert man die

Temperatur noch mehr, so sieht man, daß jetzt die Kontraktionsphase

mehr und mehr die Expansion überwiegt, und daß bei sehr langsamer

Zunahme der Temperatur bis gegen 39 und 40° C hin die Pseudopodien

schließlich ganz eingezogen werden. Die Erregungskurven für die

Expansionsphase und Kontraktionsphase fallen also nicht zusammen, gehen

auch nicht parallel, sondern haben beide an verschiedenen Stellen

ihr Maximum. Zweifellos ist ein ähnliches Verhalten auch bei anderen

kontraktilen Objekten und im Gebiete anderer Reize zu beobachten, und

es wäre eine sehr dankbare Aufgabe, in dieser Richtung weitere Studien

zu machen.

Die Flimmerbewegung wird, wie ~Engelmann~[416] an Flimmerepithelien

und ~Rossbach~[417] an Infusorien beobachtet haben, mit steigender

Temperatur ebenfalls mehr und mehr bis zu einem bestimmten Grade

erregt. Ein bequemes Objekt für die Beobachtung der Flimmerbewegung

eines Epithels liefert uns die Rachenschleimhaut des Frosches. Es

gelingt leicht, ein etwa 1–2 Quadratzentimeter großes Stück dieser

Flimmerhaut, deren Wimperschlag nach der Speiseröhre hin gerichtet

ist, vom Gaumen loszulösen und abzuschneiden. Spannen wir dieses Stück

dann mit vier Nadeln auf einem Korkrahmen (Fig. 199) aus und bedecken

wir die ausgespannte Flimmerschleimhaut mit einem Deckgläschen, so

können wir an diesem Objekt, wenn es vor Vertrocknung geschützt wird,

tagelang die Flimmerbewegung beobachten und ihre Geschwindigkeit,

sei es direkt unter dem Mikroskop, sei es an dem Fortgleiten

aufgelegter Blutgerinnsel oder Kohlenstaubpartikelchen, untersuchen.

So ist es leicht, festzustellen, wie die Geschwindigkeit und Energie

der Bewegung mit steigender Temperatur wächst. Ebenso leicht und

vielleicht noch augenfälliger kann man an Infusorien auf dem heizbaren

Objekttisch die Flimmerbewegung und ihre Erregung durch steigende

Temperatur beobachten. ~Rossbach~, der zuerst diese Untersuchungen

an verschiedenen Wimperinfusorien gemacht hat, beschreibt, wie die

Flimmerbewegung dieser Protisten an Geschwindigkeit immer mehr zunahm,

so daß die Infusorien bei 25° C „pfeilschnell hin und her zu schießen“

begannen, bis ihre Bewegungen bei 30–35° C förmlich rasend wurden.

[Illustration: Fig. 199. +Rachenschleimhaut des Frosches auf einen

Korkrahmen gespannt.+]

Analog verhält sich schließlich auch der Muskel. Hängen wir z. B. einen

Froschmuskel in eine Kochsalzlösung von 0,75 Proz., deren Temperatur

schnell gesteigert wird, so verkürzt sich der Muskel von etwa 28° C an

mit zunehmender Temperatur immer mehr, bis seine Kontraktion bei etwa

45° C ihren Höhepunkt erreicht. Tauchen wir aber den Muskel plötzlich

in eine Kochsalzlösung von 45° C, so tritt sofort eine plötzliche

Kontraktion ein. Auch die Erregbarkeit des Muskels wird mit steigender

Temperatur erhöht.

+So finden wir in der lebendigen Natur allgemein verbreitet die

Tatsache, daß innerhalb gewisser Grenzen steigende Temperatur erregend

auf die Lebensvorgänge wirkt.+

b) Lähmungswirkungen.

Die entgegengesetzten Wirkungen wie die steigende hat die sinkende

Temperatur. Wenn wir von der Durchschnittstemperatur, unter der sich

ein Organismus normalerweise befindet, abwärtsgehend die Temperatur

immer mehr und mehr herabsetzen, so finden wir fast durchgehends, daß

auch die Lebensäußerungen an Energie mehr und mehr abnehmen, und daß

sie von einem bestimmten niedrigen Temperaturgrade an, der für die

verschiedenen Organismen und für die verschiedenen Lebensäußerungen

sehr verschieden hoch liegt, gar nicht mehr wahrnehmbar sind. So sehen

wir die meisten Pflanzen im Winter ihren Stoffwechsel einstellen,

Seeigeleier, die in Teilung begriffen waren, bei einer Abkühlung auf

2–3° C in ihrer Entwicklung stillstehen, +Amöben+ bei wenig über 0° C

ihre Bewegung sistieren und, wenn die Abkühlung schnell erfolgt, in der

Form, die sie gerade hatten, erstarren (Fig. 200 _C_). Das Protoplasma

wird bei einem bestimmten niederen Temperaturgrad +kältestarr+.

Indessen genügt eine Erwärmung über diesen Punkt, um die Kältestarre

wieder zu lösen und die Lebensäußerungen wieder sichtbar auftreten

zu lassen. Wird dagegen die Temperatur unter diesen Punkt noch mehr

herabgesetzt, so gelangen wir schließlich an einen Temperaturgrad, bei

dem die Lebensfähigkeit vernichtet wird, von dem an keine Erwärmung

mehr das Leben zurückrufen kann. Dieses Temperaturminimum liegt

freilich bei den verschiedensten Organismen in sehr verschiedener

Höhe. So hat, wie wir sahen, ~Kühne~ gezeigt, daß +Amöben+ schon beim

Einfrieren, also bei Abkühlung bis auf wenig unter 0° C sterben,

während ~Pictet~ und ~Macfadyen~ für Bakterien fanden, daß sie eine

Abkühlung auf mehr als −200 bis −250° C ertragen können, ohne ihre

Lebensfähigkeit zu verlieren[418]. Die Frage, ob bei der Abkühlung

irgendwelcher lebendigen Substanz einmal ein Punkt erreicht wird,

an dem die Lebens+prozesse+ vollkommen stillstehen, ohne daß die

Lebens+fähigkeit+ erloschen ist, läßt sich zurzeit nicht entscheiden.

Vorläufig fehlen noch die Experimente, um diese Frage sicher zu

beantworten[419].

[Illustration: Fig. 200. +Körperformen der Amoeba limax bei

verschiedenen Temperaturen+: _A_ bei 25° C. Die Amöben haben

langgestreckte Keulenform und zeigen lebhafte Protoplasmaströmung;

_B_ bei 40° C. Die Amöben haben Kugelform angenommen und verharren

in Wärmestarre; _C_ bei 2° C. Die Amöben zeigen einen klumpigen

Zellkörper, aus dem zahlreiche kleine Pseudopodien hervorragen. Die

Bewegung ist nur bei sehr langdauernder Beobachtung noch bemerkbar.]

Wenn im allgemeinen die Intensität der Lebensprozesse mit sinkender

Temperatur abnimmt, so darf doch nicht übersehen werden, daß es

einzelne merkwürdige Fälle gibt, in denen diese Regel keine Gültigkeit

zu haben scheint. So ist es seit längerer Zeit bekannt, daß die

Erregbarkeit der motorischen Nerven beim Frosch deutlich zunimmt, wenn

man den Frosch einige Zeit unter niedriger Temperatur hält. Auch

die Erregbarkeit des Rückenmarks solcher Kaltfrösche ist ungeheuer

gesteigert, wie ~Biedermann~[420] vor einigen Jahren gezeigt hat.

Reizung der sensiblen Nerven, die bei Fröschen unter mittlerer

Temperatur überhaupt keine Reflexbewegung hervorzurufen imstande ist,

erzeugt bei Kaltfröschen unter Umständen sogar tetanische Krämpfe.

Indessen haben die neueren Untersuchungen ~Fröhlich~s ergeben, daß es

sich hierbei nur um eine scheinbare Erregbarkeitssteigerung handelt,

auf deren Genese weiter unten noch näher eingegangen werden soll.

Auch an gewissen Infusorien wirkt, wie ~Pütter~[421] fand, Abkühlung

ungemein stark erregend. So wird z. B. bei ~Stylonychia~ die Erregung

des Wimperschlages durch Abkühlung von 15° bis auf 6° zu einer sonst

nie erreichbaren Höhe gesteigert, die bei 6° ihr Maximum hat, von da

an aber schnell abnimmt bis zu 4°, wo bereits der Tod der Zelle durch

körnigen Zerfall erfolgt. Es bleibt vorläufig unaufgeklärt, wie hier

diese eigentümlichen Tatsachen zu verstehen sind. Hier sind zunächst

noch weitere Erfahrungen nötig. Immerhin sind solche erregenden

Wirkungen niedriger Temperaturen bisher nicht in größerer Zahl bekannt.

Die gewöhnliche Wirkung von Temperaturerniedrigungen ist jedenfalls die

lähmende.

Die lähmenden Wirkungen der Kälte sind aber nicht die einzigen

Lähmungswirkungen, die durch Temperaturveränderungen herbeigeführt

werden. Ebenso wie hohe Kältegrade, lähmen auch hohe Wärmegrade die

Lebensäußerungen. Wir haben gesehen, daß eine Steigerung der Temperatur

im allgemeinen zunächst erregend wirkt, und daß die Lebensprozesse bei

einer Temperatur von bestimmter Höhe sogar einen stürmischen Verlauf

nehmen können, wir haben aber auch bereits gesehen, daß, wenn wir

über diesen Punkt noch mit der Temperatursteigerung hinausgehen, die

Intensität der Lebensprozesse plötzlich außerordentlich schnell abnimmt

und die Lebensäußerungen unmerkbar werden. Seeigeleier, die in Teilung

oder Befruchtung sich befinden, über 30° C erwärmt, verharren in dem

Moment der Veränderung, in dem sie sich gerade befanden: +Amöben+,

über 35° C erwärmt, verharren in ihrem kugelförmigen Zustande, die

Wimpern der Flimmerzellen bleiben bei der gleichen Temperatur in stark

gekrümmter Stellung, d. h. im Kontraktionszustande stehen, kurz, das

Protoplasma verfällt in Wärmestarre (Fig. 200 _B_). Werden die Objekte

nach sehr kurzer Einwirkung dieser hohen Temperaturen wieder abgekühlt,

so erholen sie sich langsam; dauert die Einwirkung aber zu lange, oder

steigt die Temperatur noch ein wenig, so ist eine Rückkehr zum Leben

ausgeschlossen.

Wärmestarre sowohl wie Kältestarre sind Lähmungsvorgänge. Es ist

daher unzweckmäßig und erweckt unrichtige Vorstellungen, wenn man

für Kältestarre und Wärmestarre auch den Ausdruck Kältetetanus und

Wärmetetanus anwendet, wie das bisweilen geschehen ist. Die Starre

ist gerade das Gegenteil vom Tetanus: Die Starre ist ein Lähmungs-,

der Tetanus ein Erregungsvorgang. Ein Kälte- oder Wärmetetanus kann

überhaupt nicht erzeugt werden, da zum Begriff des Tetanus das

rhythmische Intermittieren des Reizes gehört, das mit Temperaturreizen

wohl kaum erzielt werden kann. Eine Vermischung beider Begriffe kann

daher nur zu irrtümlichen Auffassungen führen.

So ist das Leben zwischen zwei Temperaturpunkte, den Punkt der

Kältestarre und den Punkt der Wärmestarre, eingeschlossen, an denen

die Lebensprozesse ein Minimum haben oder ganz stillstehen. Zwischen

diesen Punkten aber spielen sich die Lebensvorgänge in wahrnehmbarer

Weise ab, und zwar in den meisten Fällen um so lebhafter, je mehr die

Temperatur vom Punkt der Kältestarre an steigt, bis zu einem Optimum,

das näher dem Punkte der Wärmestarre als dem der Kältestarre gelegen

ist. Am Temperaturpunkt des Optimums ist die Intensität der einzelnen

Teilprozesse des Stoffwechsels derart, daß alle diese Einzelprozesse

harmonisch zusammenwirken und die Intensität des gesamten

Lebensvorgangs auf der größten dauernd möglichen Höhe erhalten. Vom

Optimum an steigt zwar die Intensität gewisser Teilprozesse des

Stoffwechsels, vor allem der Dissimilationsprozesse mit zunehmender

Temperatur noch beträchtlich weiter an, aber andere Teilprozesse des

Stoffwechsels erfahren nicht die gleiche Intensitätssteigerung, teils

weil nicht die genügenden Massen der zu den Reaktionen nötigen Stoffe

zur Verfügung stehen, wie z. B. der Sauerstoff, teils weil sie nicht

genau den gleichen Temperaturkoeffizienten haben. Auf diese Weise

entstehen sehr schnell Mißverhältnisse in dem Ablauf der einzelnen

Teilprozesse des Stoffwechsels, die mit steigender Temperatur und mit

andauernder Einwirkung überoptimaler Temperaturen sehr schnell zum

Tode führen. Hätten wir daher einen exakten Maßstab für die Intensität

des Lebensvorganges in seiner Gesamtheit, so wie wir ihn für einzelne

Teilprozesse haben, so würden wir den Ablauf des Lebens in seiner

Gesamtheit in Form einer Kurve darstellen können, deren Abszisse die

Temperatur, deren Ordinaten die Intensität angeben. Diese Kurve würde

im wesentlichen die Form von Fig. 201 haben. Indessen eine solche Kurve

läßt sich in mathematischer Genauigkeit eben deshalb nicht liefern,

weil die einzelnen Teilprozesse des Lebensvorgangs mit zunehmender

Temperatur eine verschiedene Aenderung erfahren. Diese Kurve kann also

immer nur als Schema für einen bestimmten Teilprozeß gelten.

[Illustration: Fig. 201. +Kurve der Erregung bei steigender

Temperatur.+ Die Abszisse gibt die Temperatur, die Ordinaten die

Erregung an.]

Allgemeine Physiologie · 第 218 / 283 题