3. Die Wirkungen mechanischer Reizung.

Als mechanische Reize können wir alle Veränderungen in den

Druckverhältnissen bezeichnen, unter denen die lebendige Substanz in

ihrer Umgebung steht. Davon sind die Wirkungen der +Verminderung+ des

Druckes bisher noch nicht genauer untersucht worden. Es kommen also

für unsere Betrachtung ausschließlich die Wirkungen der +Erhöhung+ des

Druckes in Frage.

Die Erhöhung des Druckes kann in überaus mannigfaltigen Formen

auftreten, von der leisen Berührung bis zum kräftigen Quetschen oder

bis zum völligen Zerdrücken der lebendigen Substanz, vom kurzen Stoß

bis zum kontinuierlichen und andauernden Druck, von der unregelmäßigen

Erschütterung bis zu den rhythmisch-intermittierenden Stößen, wie sie

die Stimmgabel erzeugt.

[Illustration: Fig. 187. +Thalassicolla nucleata, eine kugelförmige

Radiolarienzelle.+ _A_ Unverletztes Individuum im Querschnitt. In der

Mitte liegt die von schwarzem Pigment umgebene Zentralkapsel mit dem

Zellkern. _B_ Zentralkapsel herauspräpariert. Sie hat sich schon wieder

mit einem neuen Pseudopodienkranz umgeben. _C_ Dieselbe Zentralkapsel

nach starker Reizung. Die Pseudopodien sind etwas eingezogen und

zwischen ihnen ist eine dichte Schleimmasse sezerniert worden. _B_ und

_C_ stärker vergr.]

a) Erregungswirkungen.

Unter den erregenden Wirkungen der mechanischen Reize auf den

+Stoffwechsel+ können wir am deutlichsten die Erregung der

Stoffproduktion, der Sekretion der einzelligen Organismen beobachten.

Ein +Actinosphaerium+ z. B., das in völliger Ruhe im Wasser

schwebt, hat viele gerade, nach allen Richtungen hin ausgestreckte

Pseudopodien, die von Sekret vollkommen frei sind. Letzteres geht

daraus hervor, daß Wimperinfusorien aus der Gruppe der Hypotrichen,

die nur an ihrer Bauchseite Wimpern tragen, mit denen sie wie Asseln

auf Gegenständen im Wasser umherlaufen, nicht selten ungestört auf

den gerade ausgestreckten Pseudopodien entlang promenieren, ohne auf

ihnen festzukleben. Prallt dagegen ein solches Infusor einmal in

heftiger Schwimmbewegung gerade an ein Pseudopodium an, so genügt

dieser mechanische Reiz, um an der Berührungsstelle die Sekretion

eines klebrigen Stoffes hervorzurufen, der das Infusor als Beute

festhält[391]. Ebenso ruft ein einzelner starker Erschütterungsstoß die

Schleimsekretion auf den Pseudopodien hervor, so daß kleine, im Wasser

suspendierte Partikel daran kleben bleiben. Diese Schleimsekretion als

Wirkung mechanischer Reizung ist bei den nackten Protoplasmakörpern

der Rhizopoden weit verbreitet. Direkt sichtbar wird der Schleim

z. B. bei dem großen, im Meere lebenden Radiolar +Thalassicolla+.

Wenn man aus dem runden, erbsengroßen Körper der +Thalassicolla+ die

von äußerst feinen Poren durchbohrte Zentralkapsel mit ihrem Inhalt

von Protoplasma und Zellkern ohne Verletzung exstirpiert hat, was mit

geringer Mühe gelingt, dann fängt nach kurzer Zeit diese Zentralkapsel

an, sich zu einem vollständigen Radiolar zu regenerieren, d. h.

Pseudopodien, Gallert- und Vakuolenschicht neu zu bilden (vergl. Fig.

187). Nachdem die Pseudopodien wie ein Kranz von Sonnenstrahlen aus

dem gelben Kugelkörper herausgetreten sind, bemerkt man zwischen ihnen

einen äußerst feinen, noch überaus dünnflüssigen Schleim, der von den

Pseudopodien ausgeschieden wird und die Anlage der neuen Gallertschicht

repräsentiert. Erschüttert man in diesem Stadium das Radiolar durch

starke Stöße, so sieht man, wie sich die dünne Schleimmasse vermehrt

und zugleich fester und derber wird, was um so deutlicher zum Ausdruck

kommt, je öfter die Erschütterung wiederholt wird[392]. Die mechanische

Reizung befördert also die Schleimsekretion in sichtbarer Weise.

Erregende Wirkungen mechanischer Reize auf die +Formbildungsvorgänge+

des Wachstums und der Teilung der Zellen sind bisher nicht bekannt

geworden.

[Illustration: Fig. 188. +Mimosa pudica.+ _A_ Ein Zweig in ungereiztem

Zustande ausgestreckt. _B_ Ein Zweig in gereiztem Zustande gesenkt mit

zusammengefalteten Blättern. Nach ~Detmer~.]

Dagegen sind die erregenden Wirkungen auf den +Energieumsatz+ sehr

ausführlich untersucht worden, und es liegt ein großes, hier und dort

zerstreutes Beobachtungsmaterial darüber vor, aus dem wir hier die

typischen Fälle herausgreifen können.

Den Mittelpunkt des Interesses bilden auch hier wieder die

Bewegungsvorgänge, die durch mechanische Reize ausgelöst werden.

Allgemein bekannt ist die Auslösung der Turgeszenzbewegungen an

den sogenannten sensitiven Pflanzen, wie etwa an der zierlichen

+Mimosa pudica+. Die einem kleinen Akazienbäumchen ähnliche +Mimose+

hält am Tage und in ungestörtem Zustande ihre Blattstiele erster

Ordnung, die vom Stamme entspringen, schräg nach oben gerichtet. Die

Blattstiele zweiter Ordnung, welche die Blätterreihen tragen, sind weit

auseinandergespreizt, und die Blättchen selbst stehen horizontal weit

ausgebreitet (Fig. 188 _A_). Sobald aber der Topf, in dem das Bäumchen

wächst, einen Erschütterungsstoß erfährt, ändert sich das Bild fast

momentan. Die Blattstiele erster Ordnung sinken infolge der Abnahme des

Turgors ihrer Basalpolsterzellen schlaff nach unten, die Blattstiele

zweiter Ordnung wenden sich näher aneinander, und die Blättchen selbst

erheben sich und legen sich mit ihren oberen Flächen zusammen (Fig.

188 _B_). In dieser Stellung verharrt die Pflanze, wenn sie ferner in

Ruhe gelassen wird, einige Zeit und kehrt dann ganz allmählich, indem

der Zellturgor an den betreffenden Stellen der Gelenkpolster wieder

steigt, in ihre ursprüngliche Stellung zurück. Auch an einem einzigen

Blättchen kann man durch ganz sanfte lokale Berührung die Reizstellung

auslösen. Berührt man zu stark, so sieht man die folgenden Blätter

nacheinander wie eine Reihe Zinnsoldaten umklappen und hat daran einen

überaus augenfälligen Ausdruck für die Fortpflanzung der Erregung in

der Sinnpflanze.

[Illustration: Fig. 189. +Difflugia.+ Aus dem Sandgehäuse ragen drei

fingerförmige Pseudopodien hervor. _A_ ungereizt, _B_ gereizt durch

eine schwache Erschütterung.]

Unter den Kontraktionsbewegungen kennen wir als Wirkung mechanischer

Reize mit Sicherheit bisher nur die Auslösung des Kontraktionsstadiums,

obwohl es nicht unwahrscheinlich ist, daß sehr feine Berührungsreize,

wie z. B. der Kontakt einer amöboiden Protoplasmamasse mit ihrer

glatten Unterlage, durch Kohäsionswirkung in manchen Fällen auch die

Expansion der Pseudopodien beeinflussen könnten.

Bei den nackten Protoplasmakörpern der Rhizopoden bringt an den

ausgestreckten Pseudopodien ein einzelner Erschütterungsstoß, wie

er etwa durch einen starken Schlag auf den Objektträger unter dem

Mikroskop erzeugt werden kann, je nach dem sehr verschiedenen Grade

ihrer Reizbarkeit, mehr oder weniger starke Kontraktionsbewegungen

hervor[393]. Eine +Amöbe+, ein +Actinosphaerium+ etc., die in dieser

Weise gereizt werden, sistieren ihre zentrifugale Protoplasmaströmung,

d. h. die Ausstreckung ihrer Pseudopodien, momentan, bei starker

Reizung kann sogar eine teilweise Einziehung der Pseudopodien, eine

vorübergehend zentripetale Protoplasmaströmung eintreten. Andere

Formen dagegen, wie die mit zierlichem, aus Sandkörnchen gebautem

Gehäuse versehenen +Difflugien+ (Fig. 189), reagieren energisch auf

die mechanische Reizung. Schon bei einer schwachen Erschütterung

werden die Pseudopodien langsam mehr oder weniger weit retrahiert,

wobei ihr vorher glatter Kontur runzelig wird (Fig. 189 _B_). Bei

stärkerer Erschütterung aber werden die Pseudopodien häufig mit solcher

Gewalt in den Protoplasmaleib hineingezogen, daß ihre Enden, da das

Protist durch ein klebriges Sekret an seiner Unterlage festhaftet,

infolge des energischen Zuges abreißen. Bei stärkerer Reizung macht

sich gleichzeitig die Veränderung, welche die Pseudopodien erfahren,

noch in viel ausgeprägterem Maße geltend als bei der schwächeren:

die Pseudopodien werden nicht bloß runzelig, sondern es quellen

aus ihrer ganzen Oberfläche über den glatten Kontur hinaus kleine

Tröpfchen hervor[394], die, je weiter die Reizwirkung sich entwickelt,

um so größer werden, zu einer Masse von myelinartigem Aussehen

zusammenfließen und sich deutlich von einem stark lichtbrechenden, in

der Achse des Pseudopodiums sichtbar werdenden Strangs sondern (Fig.

190), bis das Pseudopodium ganz eingezogen ist und seine Masse mit dem

übrigen Körperprotoplasma vermischt. Auch unter den Polythalamien der

See finden sich viele Formen mit sehr großer Reizbarkeit, die schon

auf einen einzigen Erschütterungsstoß hin ihr ganzes reich verzweigtes

Pseudopodiennetzwerk einziehen.

[Illustration: Fig. 190. +Kontraktion eines Pseudopodiums von Difflugia

lobostoma nach starker Erschütterung.+ Sieben aufeinanderfolgende

Stadien der Retraktion.]

In der gleichen Weise kann man auf dem Objektträger unter dem

Mikroskop die Wirkungen eines Erschütterungsstoßes auf die Geißel-

und Wimperbewegung beobachten. Verfolgen wir z. B. eine +Peranema+

unter dem Mikroskop auf ihrem Wege, so finden wir, daß dieses kleine

Infusorium lediglich durch die regelmäßigen Peitschenschwingungen

seines vorderen Geißelendes gerade und ungestört sich durch das Wasser

bewegt (Fig. 191). Führen wir aber jetzt einen kurzen Schlag auf den

Objektträger aus, so erfolgt sogleich ein energischer Peitschenschlag

der ganzen Geißel, der dem Flagellat eine andere Bewegungsrichtung

gibt. Darauf setzt es wie vorher ruhig, nur das Ende seiner Geißel

schwingend, seinen Weg wieder fort. Der mechanische Reiz hat also

eine Verstärkung des Geißelschlages zur Folge gehabt. Dasselbe können

wir bei der Flimmerbewegung der Wimperinfusorien beobachten. Folgen

wir unter dem Mikroskop einem recht ruhig und nicht zu schnell

dahinschwimmenden +Paramaecium+, das sich durch das Spiel seiner

Wimpern wie durch unzählige kleine und schnell schlagende Ruder durch

das Wasser bewegt, so sehen wir, wie es auf einen Erschütterungsstoß

hin seine Bewegung plötzlich beschleunigt, um aber sofort wieder zu

seiner vorhergehenden Geschwindigkeit zurückzukehren. Viel deutlicher

aber ist diese Wirkung bei +Pleuronema chrysalis+ zu beobachten, einem

kleinen bohnenförmigen Infusor, das in der Regel lange Zeit ganz still

im Wasser liegt und seine langen, strahlenförmigen Wimpern vollkommen

ruhig hält (Fig. 192), im Moment einer geringen Erschütterung aber

plötzlich eine oder einige wenige, sehr energische Schläge mit den

Wimpern ausführt, so daß es einem Floh ähnlich durch das Wasser

springt, um gleich darauf wieder an einem anderen Orte ruhig liegen zu

bleiben. Aehnliche Fälle gibt es in der sanguinischen Infusorienwelt

in großer Fülle. Weit und breit finden wir, daß mechanische Reize

energische Wimperschläge auslösen.

[Illustration: Fig. 191. +Peranema, eine Geißelinfusorienzelle.+ _a_

Ungestört schwimmend, _b_ durch Erschütterung gereizt.]

Auch um die Wirkungen mechanischer Reize auf die Muskelbewegung zu

beobachten, bietet das Infusorienleben unzählige Gelegenheiten. Die

glatten Muskelfäden (Myoide) sind unter den Infusorien weit verbreitete

Organoide, und wie überhaupt alles im Leben dieser in ewiger Bewegung

befindlichen Protisten mit großer Schnelligkeit geschieht, so reagieren

auch die kontraktilen Fäden auf die geringste Erschütterung mit

einer plötzlichen, heftigen Kontraktion. Es gibt wenige Anblicke

in der mikroskopischen Welt, die so anmutig und fesselnd sind wie

das Zusammenzucken eines weitverzweigten +Vorticellinen+bäumchens

nach jeder kleinen Erschütterung (Fig. 193). Im Moment des Stoßes

kontrahieren sich gleichzeitig und blitzschnell die sämtlichen

Stielmyoide der einzelnen Individuen, und die Stiele legen sich in

zierliche Sprungfedertouren (Fig. 193 _B_). Auch +Stentor+, der in

der Ruhe seine schöne Trompetenform entfaltet hat, zuckt durch die

Kontraktion seiner vielen, in der äußeren Körperschicht gelegenen

Myoidfäden auf jede Erschütterung plötzlich zu einer gestielten Kugel

zusammen (Fig. 183 p. 439). Ebenso verhalten sich die quergestreiften

Muskeln der höheren Tiere, ohne freilich den gleichen hohen Grad der

Reizbarkeit zu besitzen. Es bedarf schon eines stärkeren Schlages

auf die Muskelsubstanz selbst, um z. B. einen Froschmuskel durch

mechanische Reizung zum Zucken zu bringen.

[Illustration: Fig. 192. +Pleuronema chrysalis.+ _A_ Stillliegend, _B_

im Begriff, auf einen Erschütterungsreiz zu springen. Die Wimpern sind

im Schlag begriffen.]

[Illustration: Fig. 193. +Carchesium polypinum, eine verzweigte

Vorticellinen-Kolonie.+ _A_ Ungereizt, _B_ durch Erschütterung gereizt.

Die einzelnen Individuen sind durch Kontraktion ihrer Stielmyoide

zusammengeschnellt.]

Die Erregung der Lichtproduktion durch mechanische Reize ist jedem

bekannt, der eine Reihe schöner, ruhiger Sommernächte am Meer verbracht

hat. Die eigenartige glashelle Tierwelt, die bei ruhigem Wetter die

oberflächlichen Schichten des Meeres belebt, hat, gleichgültig, welchen

Tierklassen ihre verschiedenen Mitglieder angehören, die wundervolle

Fähigkeit, bei jedem Schaukeln des Bootes, bei jeder Ruderbewegung, bei

jedem Wellenschlag hell aufzuleuchten. Wo viele kleine Organismen, wie

Noktiluken, Radiolarien, Ctenophoreneier etc., im Meere als Plankton

treiben, kann man sich den physiologischen Genuß eines magischen

Funkensprühens im Wasser des Abends sogar im Zimmer verschaffen. Bei

jedem Umrühren des Meerwassers im Glase blitzen diese einzelligen Wesen

im Moment der Berührung mit dem Glasstabe hell auf, um sofort wieder in

Dunkelheit zu versinken. Hundertfach sprühen die Funken im Glase und

bieten einen ästhetischen Anblick von solcher Schönheit, daß selbst

das so viel geschmähte „verhärtete Gemüt“ des Vivisektors davon nicht

unberührt bleibt.

[Illustration: Fig. 194. +Amöbe.+ _A_ Normal, _B_ nach tetanischer

Reizung auf der Stimmgabel.]

Ehe wir uns von der Betrachtung der erregenden Wirkungen mechanischer

Reize abwenden, verdient noch eine Gruppe von Reizwirkungen unsere

Aufmerksamkeit; das sind +die Folgen rhythmisch sich wiederholender

Erschütterungen+. Hierbei kommen die Wirkungen, die bei einmaliger

Erschütterung sich nur unvollkommen entwickeln, durch Summation in

ihrem stärksten Grade zum Ausdruck, vorausgesetzt, daß die einzelnen

Erschütterungsstöße einander folgen, ehe der Reizerfolg jedes einzelnen

schon wieder vorübergegangen ist. Am deutlichsten ausgesprochen

finden wir diese Tatsache bei den Kontraktionsbewegungen, bei denen

sich eine Kontraktion über die andere „superponiert“, so daß gar

keine Expansion dazwischen Zeit hat, sich zu entwickeln, sondern ein

vollständiger Kontraktionskrampf entsteht, den wir als „+mechanischen

Tetanus+“ bezeichnen. Die Eigentümlichkeit des Tetanus besteht darin,

daß er, obwohl distinuierlich aus lauter einzelnen Kontraktionen

zusammengesetzt, doch wegen der schnellen Aufeinanderfolge derselben

den Eindruck eines kontinuierlichen Vorganges macht und infolge

der Summation der Einzelkontraktionen zugleich eine viel stärkere

Kontraktion zum Ausdruck bringt, als sie bei einer Einzelreizung

zur Entwicklung kommt. Die einfachste Methode, um rhythmische

Erschütterungen zu erzeugen, ist die, daß man die Objekte entweder

in einem flachen Näpfchen durch ein rotierendes Zahnrad mit weiten

Speichen erschüttert oder auf einem dünnen Glasplättchen an dem eines

Zinken einer Stimmgabel von geeigneter Tonhöhe befestigt und den

anderen Zinken mit einem Geigenbogen anstreicht. Die sofort im Moment

der Beendigung des Versuches angestellte Beobachtung zeigt dann, daß

+Amöben+, +Actinosphaerium+ und andere Rhizopoden ihre Pseudopodien

vollständig eingezogen haben und sich im Stadium stärkster Kontraktion,

d. h. in mehr oder weniger vollkommener Kugelform, befinden (Fig.

194). Unterbricht man den Versuch schon nach kurzer Dauer der

Erschütterung, so kann man, je nach dem Zeitpunkt der Unterbrechung,

die verschiedenen Stadien der Entwicklung des Tetanus beobachten. Die

Pseudopodien sind dann erst unvollkommen eingezogen. Charakteristisch

sind dabei die Veränderungen an langen, fadenförmigen Pseudopodien,

z. B. des +Actinosphaerium+ oder +Orbitolites+ (Fig. 195 u. 196). Bei

ganz schwachen Erschütterungsstößen bleiben hier die Pseudopodienfäden

glatt und gerade, wie sie im ungestörten Zustande waren, und ihr

Protoplasma fließt langsam, aber stetig ausnahmslos in zentripetaler

Richtung. Sind die Erschütterungsstöße aber heftiger, dann nehmen

die vorher glatten Pseudopodien ein variköses Aussehen an, indem das

zentripetal strömende Protoplasma derselben sich zu lauter kleinen

Spindelchen und Kügelchen sammelt, von denen die kleineren in die

nächstliegenden größeren hineinfließen, die größeren sich immer mehr

dem zentralen Protoplasmakörper nähern, bis schließlich nach längerer

Dauer der Einwirkung alles Protoplasma in den Zellkörper selbst

hineingeflossen ist[395]. Die eigentümliche Tröpfchenbildung auf den

Pseudopodien ist eine bei den mit fadenförmigen Pseudopodien versehenen

Rhizopoden allgemein verbreitete Eigentümlichkeit des stark und dauernd

gereizten Protoplasmas, die nur ein spezieller Fall +der allgemeinen

Tatsache ist, daß stärkere Reize nackte Protoplasmamassen zur Annahme

der Kugelform veranlassen. Dasselbe Bestreben der Kugelbildung, das

alles gereizte Protoplasma als Ganzes zeigt, macht sich auch in seinen

einzelnen Teilen bemerkbar[396].+

[Illustration: Fig. 195. +Actinosphaerium.+ _A_ Ungestört, _B_ im

Beginn stärkerer tetanischer Reizung, _C_ im vollkommenen mechanischen

Tetanus.]

Die Flimmerbewegung wird durch rhythmisch intermittierende

Erschütterungen zu großer Energie gesteigert, so daß Infusorien, die

auf diese Weise gereizt sind, noch eine beträchtliche Zeitlang nach

der Reizung wie rasend durch das Wasser stürmen. Zur Entwicklung eines

wirklichen Tetanus, bei dem die Wimpern in Kontraktionsstellung

gekrümmt stehen blieben, scheint es indessen hier nicht zu kommen,

wenigstens sind solche Beobachtungen bis jetzt noch nicht gemacht

worden. Die rhythmische Bewegung der Flimmerhaare bleibt dauernd

bestehen und wird nur in ihrer Geschwindigkeit und Amplitude verändert.

Dagegen können wir beim Muskel sehr leicht einen mechanischen

Tetanus erzeugen. +Vorticellen+, in der oben beschriebenen Weise

gereizt, verfallen sofort in Tetanus. Der Stielmuskel bleibt dauernd

kontrahiert. Ja, der Tetanus ist häufig so stark, daß sich die

Zellkörper der +Vorticellen+ von den Stielen ablösen und frei durch

das Wasser davonschwimmen. Kurze Zeit nach dem Aufhören der Reizung

strecken sich dann die isolierten Stiele wieder, bleiben aber selten

noch einige Zeit am Leben.

[Illustration: Fig. 196. +Orbitolites.+ Ein Teil der Schalenoberfläche

mit ausgestreckten, fadenförmigen Pseudopodien. _A_ Ungereizt, _B_ nach

stärkeren Erschütterungsstößen.]

Dem äußeren Eindruck nach könnte man verführt werden, den Tetanus der

kontraktilen Substanzen für einen Lähmungsvorgang zu halten, denn

die +Amöbe+, das +Actinosphaerium+, der Muskel etc. befinden sich

während des tetanischen Zustandes anscheinend in völliger Ruhe und

Bewegungslosigkeit, wie die gleichen Objekte, wenn etwa ein Narcoticum

auf sie eingewirkt hat. Allein, beide Zustände haben durchaus nichts

miteinander zu tun. Der Unterschied ist vielmehr fundamental; das zeigt

eine genauere Untersuchung des Verhaltens der Stoffwechselvorgänge.

Während nämlich in der Narkose die Stoffwechselvorgänge eine wirkliche

Lähmung erfahren, haben die Stoffwechseluntersuchungen am tetanisierten

Muskel ergeben, daß im Tetanus der Stoffwechsel bedeutend gesteigert

ist. Die Menge der Zerfallsprodukte der lebendigen Substanz, wie

Kohlensäure, Milchsäure etc., erfährt eine außerordentliche Zunahme;

gewisse Stoffe, die im Muskel aufgehäuft sind, wie Glykogen, werden

im Tetanus verbraucht, und die Wärmeproduktion des Muskels steigt

während der tetanischen Kontraktion in beträchtlichem Maße. Daraus geht

hervor, daß im tetanischen Zustande der Lebensvorgang eine bedeutende

Steigerung erfährt, daß also der Tetanus durchaus kein Lähmungs-,

sondern im Gegenteil ein wirklicher Erregungsvorgang ist.

Analog dem Tetanus der kontraktilen Substanzen erscheint auch die

Lichtproduktion der +Noktiluken+ bei intermittierender Reizung als ein

kontinuierlicher Vorgang. Freilich nimmt dieselbe nach kurzer Zeit

schon ganz bedeutend an Intensität ab: sie ermüdet[397].

b) Lähmungswirkungen.

So mannigfaltig und weit verbreitet die erregenden Wirkungen

mechanischer Reize sind, so spärlich sind bisher lähmende Wirkungen

bekannt geworden, die durch mechanische Reize hervorgerufen werden, und

sogar diese spärlichen Fälle sind zum Teil noch wenig untersucht.

So hat ~Horvath~[398] und später übereinstimmend mit ihm ~Reinke~[399]

die Angabe gemacht, daß +Bakterien+, wenn sie dauernd regelmäßigen

Erschütterungen in ihren Kulturen ausgesetzt werden, eine

Beeinträchtigung ihrer Vermehrung erfahren, mit anderen Worten, daß

eine Lähmung des Wachstums stattfindet. Später ist von anderen Seiten

die Beweiskraft der betreffenden Experimente wieder angefochten worden;

aber darauf hat ~Meltzer~[400] in einer ausführlichen Versuchsreihe die

Beobachtungen von ~Horvath~ und ~Reinke~ im wesentlichen bestätigt,

indem er zeigte, daß regelmäßige Vibrationen nicht bloß eine Lähmung

des Wachstums, sondern unter bestimmten Verhältnissen sogar den

vollständigen Tod und körnigen Zerfall des Protoplasmas herbeiführen

können.

Ferner machte ~Engelmann~[401] die Beobachtung, daß die Bewegung der

+Diatomeen+ und +Oscillarien+ nach Erschütterungen stillsteht. Allein,

hier bleibt die Frage unentschieden, ob dieser Stillstand der Bewegung

als Lähmungsvorgang oder vielmehr als Ausdruck tetanischer Erregung,

wie etwa der Stillstand der Protoplasmabewegung bei den tetanisierten

+Amöben+, zu deuten sei.

Endlich haben wir aber in der Drucklähmung der Nerven jedenfalls

einen wirklichen Lähmungsvorgang vor uns, der den Lähmungsvorgängen,

welche die Narcotica hervorrufen, an die Seite zu stellen ist.

Diese Drucklähmung, die eintritt, wenn ein Nerv einige Zeit, aber

nicht zu stark, komprimiert wird, ist als „Gefühl des Einschlafens“

der Extremitäten allgemein bekannt. Außer in den subjektiven

Empfindungen äußert sich das „Eingeschlafensein“ darin, daß die

Reizleitungsfähigkeit des gedrückten Nerven unterbrochen ist, so

daß die Muskeln, die von dem betreffenden Nerven versorgt werden,

eine Zeitlang nicht durch den Nerven zur Kontraktion erregt werden

können. Kurze Zeit nach Aufhebung des Druckes stellt sich dann die

Leitungsfähigkeit wieder ein.

Damit dürften ziemlich alle Tatsachen erschöpft sein, die als

Lähmungswirkungen mechanischer Reize aufgefaßt werden können.

Allgemeine Physiologie · 第 217 / 283 题