1. Die Wirkungen chemischer Reize.

Die Zahl der chemischen Körper, die, mit der lebendigen Substanz

in Berührung gebracht, überhaupt in chemische Beziehung zu ihren

Bestandteilen treten, ist eine ungeheuer große, aber nur ein geringer

Teil von ihnen ist auf seine Reizwirkungen hin bisher untersucht

worden. Eine umfassende, nach systematischen Gesichtspunkten

unternommene, vergleichend-zellularphysiologische Untersuchung der

chemischen Reize und ihrer Wirkungen würde zwar eine sehr lange Zeit

erfordern, dafür aber auch sicher sehr wertvolle Resultate liefern.

Es würde durch solche Untersuchungen die heutige Toxikologie und

Pharmakologie, die so vielfach nur die rein äußerlichen sekundären

Wirkungen der chemischen Stoffe kennt, eine wesentliche und höchst

notwendige Vertiefung erfahren, denn gerade in diesen Wissenschaften

ist die Verwertung allgemein-physiologischer Gesetze und Erfahrungen

ein sehr dringendes Bedürfnis. Vorläufig sind unsere Kenntnisse der

chemischen Reize und ihrer Wirkungen aber noch so lückenhafte, daß von

einer methodischen Zusammenfassung derselben kaum die Rede sein kann.

Dazu kommt noch ein anderes Moment. In sehr vielen Fällen, in denen

irgendwelche chemische Stoffe auf die lebendige Substanz einwirken, ist

früher eine Erfahrung kaum berücksichtigt worden, die erst durch die

neuere Entwicklung der physikalischen Chemie mehr und mehr an Bedeutung

gewonnen hat, das ist die Erfahrung, daß mit der rein chemischen

Wirkung unter Umständen eine osmotische Wirkung verknüpft ist. Beide

Wirkungen sind bisher nur selten in genügender Weise differenziert

worden, und so muß es noch heute in sehr vielen Fällen unentschieden

bleiben, ob die Wirkungen, die ein chemischer Stoff an der lebendigen

Substanz hervorbringt, allein auf Rechnung des rein chemischen Reizes,

oder auf Rechnung des osmotischen Reizes, oder aber auf Rechnung beider

zu setzen ist. Es wird eine der wichtigsten Aufgaben der künftigen

Reizphysiologie sein, gerade die Wirkungen osmotischer Reize genauer

von denen der rein chemischen Reize zu differenzieren.

a) Erregungswirkungen.

Als chemische Reize, die auf den +Stoffwechsel+ erregend wirken, können

wir allgemein die positiven Schwankungen in der Menge der zugeführten

Nahrungsstoffe auffassen. Das beste Beispiel liefern uns die Zellen

der verschiedenen Gewebe des menschlichen Körpers, deren wichtigsten

Nahrungsstoff das Eiweiß bildet. Legen wir das alte klassische Kostmaß

von ~Voit~[359] zugrunde, so braucht ein kräftiger Mann, wenn er stark

arbeitet, 118 g Eiweiß, um sein Stickstoffgleichgewicht zu erhalten,

d. h. um die aus dem Zerfall der lebendigen Substanz seiner Zellen

stammende und durch den Harn abgeführte Stickstoffmenge wieder zu

ersetzen. Wird nun diese als Lebensbedingung zu betrachtende Menge von

zugeführtem Eiweiß gesteigert, wie das im Durchschnitt bei den meisten

in guten Verhältnissen lebenden Menschen der Fall ist, so wird die mehr

zugeführte Eiweißmenge nur zu einem äußerst geringen Teil zum Aufbau

neuer Zellen, zur Vermehrung der lebendigen Substanz verwertet, dagegen

zum allergrößten Teil zwar von den Zellen der Gewebe in die lebendige

Substanz aufgenommen, aber auch sofort weiter gespalten, um in den

Stoffen der regressiven Eiweißmetamorphose (Harnstoff, Harnsäure,

Kreatinin etc.) fast vollständig mit dem Harn den Körper wieder zu

verlassen. Die Steigerung der Eiweißzufuhr über ein bestimmtes Maß

(118 g) hinaus bewirkt also eine entsprechende Steigerung sowohl

des assimilatorischen als des dissimilatorischen Stoffwechsels der

Gewebezellen.

Ein ähnliches Verhältnis haben wir im Pflanzenreiche. Die

Kohlensäure der Luft dient den Pflanzen als Nahrung und wird in den

Chlorophyllkörperchen der Blattzellen gespalten. Der freiwerdende

Kohlenstoff wird dann mit dem durch die Wurzeln aufgenommenen Wasser

zusammen zur Synthese der Stärke, zur Assimilation verwendet. Wird

nun der Pflanze mehr Kohlensäure zugeführt, als in der Luft enthalten

ist, als ihre Lebensbedingung vorstellt, so steigert sich bis zu einem

bestimmtem Grade in gleichem Maße auch die Kohlensäurespaltung und die

Stärkeassimilation. Die Steigerung der Nahrungsmenge bedingt also auch

bei der Pflanze eine Steigerung des Stoffwechsels.

Allein, das ist doch nicht ganz allgemein gültig. Vom Sauerstoff wissen

wir wenigstens, daß eine Steigerung seiner Menge über das zum Leben

notwendige Maß hinaus im wesentlichen ohne Einfluß auf den Stoffwechsel

der Gewebezellen bleibt. Die Gewebezellen des menschlichen Körpers

z. B. sind innerhalb weiter Grenzen vom Prozentgehalt des Sauerstoffs

in der Luft unabhängig und zeigen keine Steigerung des Stoffwechsels

bei Erhöhung der Sauerstoffzufuhr. Wie weit freilich das gleiche auch

für freilebende Zellen und die Zellen niederer Tiere gilt, bedarf noch

der Untersuchung.

In manchen Fällen führt die gesteigerte Nahrungszufuhr mit der

Steigerung des Stoffwechsels auch eine deutlich erkennbare

Beschleunigung der +Formbildungsprozesse+ herbei. Während nämlich,

wie wir sahen, bei den Gewebezellen des menschlichen Körpers die über

das notwendige Maß hinaus zugeführte Nahrungsmenge unter normalen

Verhältnissen bis auf einen sehr geringen Bruchteil vollständig wieder

zersetzt und nicht zur Vermehrung der lebendigen Substanz gebraucht

wird, findet bei vielen einzelligen Organismen, besonders bei Bakterien

und Infusorien, durch Steigerung der Nahrungszufuhr vorwiegend eine

Steigerung der assimilatorischen Prozesse und nicht in gleichem Maße

auch der dissimilatorischen Stoffwechselprozesse statt. Die Folge davon

ist eine Vermehrung der lebendigen Substanz, eine „Mästung“, die sich

in schnellem Wachstum und fortwährender Zellteilung äußert. Bringen

wir z. B. Fäulnisbakterien (+Bacterium termo+, +Spirillum undula+

etc.) aus einer Flüssigkeit, in der sie in spärlicher Individuenzahl

leben, in eine gute Nährlösung, etwa in einen Heuaufguß, so fangen

sie sofort an, sich in ganz enormer Weise zu vermehren, bis aus den

wenigen Bakterien, mit denen wir die Nährlösung infizierten, eine

Menge von vielen Millionen sich entwickelt hat. Setzen wir in einen

solchen von Fäulnisbakterien wimmelnden Heuaufguß ein +Paramaecium+,

ein Wimperinfusor, das sich von Fäulnisbakterien nährt, so können wir

aus diesem einen Infusor durch fortgesetzte Zellteilung in wenigen

Tagen Tausende entstehen sehen, so daß sie die Flüssigkeit milchig

trüben. So enorm wird bei diesen Mikroorganismen die assimilatorische

Stoffwechselphase durch den Nahrungsüberfluß gesteigert!

[Illustration: Fig. 174. +Amöbe.+ _A_ Pseudopodien nach verschiedenen

Richtungen ausstreckend, _B_ mit langem Pseudopodium in +einer+

Richtung kriechend (Amoeba-limax-Form), _C_ auf chemische Reizung

kugelig kontrahiert.]

Unter pathologischen Verhältnissen kommen auch an den Gewebezellen des

menschlichen Körpers ähnliche Tatsachen vor, und die moderne Pathologie

kennt in den verschiedenen Arten von pathogenen „Neubildungen“ oder

Geschwülsten, zu denen auch die bösartigen Krebsgeschwülste gehören,

eine ganze Reihe analoger Fälle. Diese Geschwülste (Carcinome,

Sarkome, Myome, Fibrome etc.) entstehen dadurch, daß die Zellen eines

normalen Gewebes, z. B. der Oberhaut (Epidermis), plötzlich anfangen,

sich rapide zu teilen. So erfolgt an der betreffenden Stelle eine

enorme Zellvermehrung, eine Wucherung, die zu einer häufig überaus

umfangreichen Geschwulst führt, die aber meist ebenso schnell auch

wieder in einem nekrotischen Zerfall der rapide entwickelten Zellen

endet. Der Anlaß zu dieser rapiden Zellvermehrung liegt in vielen

Fällen jedenfalls in chemischen Reizen, welche auf die betreffenden

Zellen einwirken. Wenn es auch höchst zweifelhaft ist, ob die

Entstehung der Geschwülste, vor allem des Carcinoms, eine Folge von

Infektion durch bestimmte Mikroorganismen ist, so neigt doch die

Mehrzahl der Pathologen zu der Ansicht, daß sie auf eine Veränderung in

der Ernährung der Zellen zurückzuführen ist.

Weit augenfälliger als die Wirkungen auf den Stoffwechsel und

die Formbildung sind die Wirkungen der chemischen Reize auf den

+Energieumsatz+ der lebendigen Substanz, besonders auf die Bewegung.

Ueber die Wirkungen chemischer Reize auf die amöboiden Bewegungen

der nackten Protoplasmamassen, wie sie die Rhizopoden (Amöben,

Myxomyceten, Polythalamien etc.) und die Protoplasmaleiber der

Pflanzenzellen vorstellen, haben uns die klassischen Untersuchungen

von ~Max Schultze~[360] und ~Kühne~[361] schon vor mehr als 40 Jahren

Aufschluß gegeben. Die am weitesten verbreitete Wirkung ist hier die

Auslösung einer Kontraktion, d. h. die Einziehung der Pseudopodien,

nachdem häufig vorher im Beginn der Einwirkung die Protoplasmaströmung

beschleunigt war. Die verschiedensten chemischen Stoffe können diese

Reizwirkung hervorrufen. Läßt man z. B. zu einem Tropfen Wasser, in

dem sich viele +Amöben+ befinden, eine Lösung von 0,1 Proz. Salzsäure

oder auch von 1 Proz. Kalihydrat oder schließlich auch andere Säuren,

Alkalien und Salze in geringen Konzentrationen zufließen, so ziehen

die +Amöben+ alsbald ihre Pseudopodien ein und nehmen Kugelgestalt

an. Dieselbe Wirkung übt die Kohlensäure aus, wenn man die +Amöben+

in der Gaskammer[362] einige Zeit der Wirkung dieses Gases aussetzt.

Andere nackte Protoplasmamassen verhalten sich allen diesen chemischen

Reizen gegenüber ebenso. So zieht das zierliche, mit seinen geraden,

strahlenförmigen Pseudopodien wie eine kleine Sonnenkugel aussehende

+Actinosphaerium Eichhornii+, mit diesen Reizen in Berührung

gebracht, ebenfalls mehr und mehr seine Pseudopodien ein, indem das

Protoplasma derselben sich zu lauter kleinen Kügelchen und Spindelchen

zusammenballt, die in zentripetaler Richtung langsam in den Zellkörper

hineinfließen[363].

[Illustration: Fig. 175. +Actinosphaerium bei chemischer Reizung.+

_A_ ungereizt, _B_ im Beginn der Reizung, _C_ nach einiger Dauer der

Reizung (die Pseudopodien sind fast ganz eingezogen).]

Ueber die Wirkung chemischer Reize auf die Flimmerbewegung

haben besonders ~Engelmann~[364] und ~Rossbach~[365] eingehende

Untersuchungen angestellt. Auch hier haben viele ganz verschiedenartige

Stoffe, wie Säuren, Alkalien und Salze, ferner manche Alkaloide, eine

übereinstimmende Wirkung auf die Wimper- und Geißeltätigkeit, indem sie

die Geschwindigkeit des Wimperschlages bedeutend erhöhen. Die Folge

davon ist eine beträchtliche Steigerung des motorischen Effekts, die

man namentlich bei freilebenden Flimmerzellen, wie sie die Infusorien

vorstellen, in der starken Beschleunigung ihrer Bewegung deutlich

beobachten kann. Die Wimperinfusorien rasen förmlich nach Zusatz

gewisser chemischer Reagentien mit dem Schlage ihrer Wimpern durch das

Gesichtsfeld dahin.

[Illustration: Fig. 176. +Vorticella.+ _a_ ausgestreckt, _b_ nach

chemischer Reizung kontrahiert (Stielmuskel ist nicht zu sehen), _c_

ein Stück der Stielscheide mit dem Muskelfaden, stark vergrößert.]

Auf die verschiedenen Formen der Muskelfasern (Myoide, glatte

Muskelfasern, quergestreifte Muskelfasern) wirken mannigfaltige

chemische Reize in analoger Weise wie auf nackte Protoplasmamassen,

indem sie Kontraktionen auslösen. Setzt man zu einem Tropfen Wasser,

in dem sich viele +Vorticellen+ befinden, die auf ihren ausgestreckten

Stielmuskeln anmutig ihre Köpfchen wiegen, chemische Stoffe der oben

genannten Art, so zucken sofort alle +Vorticellen+ zusammen, indem sich

ihre Stielmuskeln in ihrer elastischen Scheide plötzlich kontrahieren

und zu zierlichen Spiralwindungen aufrollen (Fig. 176 _b_). Ebenso

zucken quergestreifte Muskeln auf chemische Reizung plötzlich zusammen.

Klemmt man z. B. den Schneidermuskel (Musculus sartorius) des

Frosches, der ein schmales Band von nahezu parallelen, quergestreiften

Muskelfasern bildet, mit dem daran befindlichen Unterschenkelknochen

in einen Muskelhalter ein und zieht durch den Beckenknochen, den der

Muskel mit dem Unterschenkel verbindet, einen Faden, der über eine

Rolle geleitet ist und durch ein kleines Gewicht in Spannung gehalten

wird, so kann man an einem Signalhebel, der an der Rolle befestigt ist,

jede Bewegung des Muskels beobachten (Fig. 177). Bringt man nun ein

Schälchen mit kohlensaurem Ammon unter den Muskel, so wird der Muskel

durch die aufsteigenden Ammoniakdämpfe chemisch gereizt und führt

Zuckungen aus, die durch den Signalhebel deutlich angezeigt und auf

einer berußten Trommel verzeichnet werden können. Eine sehr merkwürdige

Tatsache beobachtete ~Biedermann~[366] am Musculus sartorius, wenn er

ihn bei einer Temperatur von 3–10° C in einer Lösung von 5 g Kochsalz,

2 g alkalischem, phosphorsaurem Natron und 0,5 g kohlensaurem Natron

auf 1 l Wasser hängen ließ (Fig. 178). Dann zeigte nämlich der Muskel

rhythmische Zuckungen, ein Verhalten, das sonst nie im Leben dieses

Muskels beobachtet wird und lebhaft an die rhythmische Bewegung der

Herzmuskelfasern erinnert. Es ist diese Beobachtung besonders deshalb

interessant, weil sie an einem der einfachsten Beispiele zeigt,

daß ein +kontinuierlich+ einwirkender Reiz zu einer +rhythmischen+

intermittierenden Erregung der lebendigen Substanz führen kann. Für die

Theorie der rhythmischen Tätigkeiten, die noch immer recht in Dunkel

gehüllt ist, wird daher dieser Fall besondere Beachtung erfordern.

[Illustration: Fig. 177. +Chemische Reizung des Sartorius vom Frosch+.]

[Illustration: Fig. 178. +Erzeugung rhythmischer Kontraktionen am

Sartorius durch chemische Reizung+.]

[Illustration: Fig. 179. +Noctiluca miliaris, eine marine

Geißelinfusorienzelle+.]

Auch die Produktion anderer Energieformen, nicht nur der Bewegung,

wird durch chemische Reize erregt. Da es aber zu weit führen würde,

alle Arten von Erregungswirkungen chemischer Reize zu betrachten,

so wollen wir uns darauf beschränken, nur noch die Erregung der

Lichtproduktion anzuführen. Für diese Untersuchung sind ebenfalls

wieder die einzelligen Organismen am geeignetsten, denn bei ihnen sind

alle Verhältnisse am übersichtlichsten und einfachsten. Von vielen

einzelligen Organismen, Bakterien, Radiolarien etc., ist es bekannt,

daß sie auf chemische Reize ebenso wie auf verschiedene andere Reize

hin Licht entwickeln. Am häufigsten und genauesten untersucht ist

aber die Lichtproduktion bei den eigentümlichen Flagellaten, die in

unseren nordischen Meeren in der Regel das flächenhafte Meerleuchten

erzeugen, bei den +Noktiluken+ (Fig. 179). Zuletzt hat ~Massart~[367]

die Wirkung chemischer Reize bei diesen Organismen wieder ausführlich

studiert. In ein Gefäß mit Meerwasser, in dem sich die +Noktiluken+

ruhig, und ohne zu leuchten, an der Oberfläche aufhielten, setzte er

vorsichtig mit einer Pipette verschiedene Stoffe, wie destilliertes

Wasser, eine konzentrierte Kochsalzlösung, eine Zuckerlösung etc., und

ließ den Tropfen sich langsam an der Oberfläche des Meeres ausbreiten.

Die Folge davon war, daß alle +Noktiluken+, zu denen nach und nach

die zugesetzten Flüssigkeiten hindrangen, sobald sie mit denselben in

Berührung kamen, plötzlich hell aufleuchteten, so daß der anmutige

Anblick eines langsam sich erweiternden leuchtenden Kreises an der

Oberfläche des Meerwassers entstand.

b) Lähmungswirkungen.

Den erregenden Wirkungen der eben genannten chemischen Reize gegenüber

stehen die Wirkungen bestimmter chemischer Stoffe, welche die

Lebensäußerungen herabsetzen oder ganz lähmen. Diese Stoffe werden

daher als „+Narcotica+“ oder „+Anaesthetica+“ bezeichnet. Zu ihnen

gehören vor allem diejenigen, die auf alle Formen der lebendigen

Substanz und auf alle Lebensäußerungen lähmend wirken: Alkohol,

Aether, Chloroform und Chloralhydrat. Zu diesen gesellt sich die

große Gruppe der Alkaloide, deren Vertreter, wie Morphin, Chinin,

Veratrin, Digitalin, Strychnin, Curare etc., zum Teil eine unter den

verschiedenen Formen der lebendigen Substanz weit verbreitete, zum Teil

aber auch eine nur auf ganz bestimmte Zellformen, vor allem auf die

Zellen des Zentralnervensystems, beschränkte Wirkung besitzen.

Die lähmenden Wirkungen der Narcotica auf den +Stoffwechsel+ sind

besonders von ~Claude Bernard~[368] studiert worden. Der bekannte

Pariser Physiologe hat gezeigt, daß der Stoffwechsel z. B. durch

Chloroformnarkose in den verschiedenartigen Zellformen unterdrückt wird.

So ist z. B. an Pflanzenzellen die Lähmung des Stoffwechsels, und zwar

speziell die Aufhebung der Kohlensäurespaltung im Chlorophyll, sehr

leicht festzustellen. ~Claude Bernard~ benutzte dazu die im Wasser

lebende Fadenalge +Spirogyra+, deren zylindrische Zellen der Länge

nach zu feinen Fädchen aneinandergereiht sind und ein zierliches

spiralig gewundenes Chlorophyllband besitzen (Fig. 180). Unter zwei

Glasglocken, von denen die eine mit kohlensäurehaltigem Wasser, die

andere mit ebensolchem Chloroformwasser gefüllt war, brachte er je eine

Portion der +Spirogyra+fäden und setzte die Glocken dem Sonnenlichte

aus. Nach einiger Zeit hatten die +Spirogyra+zellen der ersten Glocke

eine beträchtliche Menge Sauerstoff entwickelt, während in der

zweiten, mit kohlensäurehaltigem Chloroformwasser gefüllten Glocke

die Sauerstoffentwicklung, also die Kohlensäurespaltung, vollständig

ausgeblieben war.

[Illustration: Fig. 180. +Spirogyra+, eine +Fadenalge+. _A_ Stück eines

Fadens aus vielen aneinandergereihten Zellen bestehend. _B_ Einzelne

Zelle mit dem charakteristischen, spiralförmigen Chlorophyllband und

dem sternförmigen Protoplasmakörper.]

[Illustration: Fig. 181. +Apparat zur Vergleichung keimender

Pflanzensamen in normalem Zustande und in der Narkose+. Nach ~Claude

Bernard~.]

Entsprechend der Aufhebung des Stoffwechsels machen sich in der Narkose

auch Lähmungen der +Formbildungsvorgänge+ geltend. Das Wachstum und die

Zellteilung hört auf. Um die Lähmung des Wachstums zu konstatieren,

stellte ~Claude Bernard~ folgende Versuchsanordnung auf (Fig. 181). In

zwei leere zylindrische Flaschen, welche unten einen Tubus besaßen,

der ebenso wie die Flaschenhälse mit einem von Glasröhren durchbohrten

Gummipfropfen verschlossen war, steckte er in halber Höhe einen

feuchten Schwamm, auf dem sich keimende Pflanzensamen befanden. Der

Tubus der einen Flasche kommunizierte durch einen Gummischlauch mit

einem Glaszylinder (_t_), der an seinem Boden eine Aetherschicht (_S_)

enthielt und oben ebenfalls einen Pfropfen trug, durch den außer dem

Gummischlauch (_V_) noch ein offenes Glasrohr (_a_) von außen bis zu

halber Höhe hineinragte. Der Tubus der anderen Flasche kommunizierte

durch ein Glasrohr (_a_^1) direkt mit der äußeren Luft. An den

Glasröhren, die aus den Pfropfen der Flaschenhälse nach außen führten,

war ein gabelig geteilter Gummischlauch befestigt (_b_), der mit einer

Aspirationsvorrichtung (_P_) in Verbindung stand. Wurde das Wasser der

Wasserleitung (_R_) durch den Aspirator gelassen, so saugte dieser die

Luft durch die beiden Glasflaschen, von denen nun die eine direkt die

reine Luft von außen durch den Tubus _a_^1 wieder ergänzte, während die

andere nur die mit Aetherdämpfen beladene Luft durch den Glaszylinder

_t_ in sich aufnehmen konnte. Auf diese Weise ging ein kontinuierlicher

Strom von reiner Luft durch die keimenden Samen des einen und ein Strom

von Aetherdampf durch die Samen des anderen Zylinders. Nach einigen

Tagen waren bei dieser Anordnung diejenigen Samen, die in reiner Luft

keimten, zu langen Keimlingen ausgewachsen (_e_), während die vom

Aetherdampf umspülten Samen überhaupt kein Wachstum zeigten (_e_^1),

ohne jedoch die Fähigkeit, in reiner Luft zu keimen, eingebüßt zu haben.

Die lähmende Wirkung von Chloralhydratlösungen auf die Zellteilung

haben die Brüder ~Hertwig~[369] an Seeigeleiern untersucht. Ließen sie

eine 0,2–0,5-proz. Lösung von Chloral auf die sich zur Entwicklung

anschickenden Eier einige Zeit (5 Minuten bis 3 Stunden) einwirken,

so ging die Zellteilung nicht weiter. Sowohl der Zellkern verharrte

dabei in dem Stadium der Teilung, in dem er sich gerade befand, als

auch das Protoplasma, in dem die Strahlenbildungen um die Zentrosomen

vollständig ausblieben. Erst nachdem das Chloral längere Zeit mit

reinem Meerwasser aus den Eiern ausgewaschen war, ging die Entwicklung

und Zellteilung wieder weiter.

[Illustration: Fig. 182. +Mimosa pudica in Aethernarkose.+ Nach ~Claude

Bernard~.]

Schließlich werden auch die +Energieumsetzungen+ durch die Narcotica

gelähmt. Sowohl die kontinuierliche Energieproduktion als die

Fähigkeit, auf Reize zu reagieren, wird herabgesetzt und hört

schließlich ganz auf. Unter den Bewegungsformen hat das für die

Turgeszenzbewegungen[370] der +Mimosa pudica+ ebenfalls ~Claude

Bernard~ gezeigt. Setzt man einen Blumentopf mit einer +Mimose+ unter

eine Glasglocke, unter der sich ein mit Aether getränkter Schwamm

befindet (Fig. 182), so gelingt es nach einiger Zeit nicht mehr, durch

Reize die bekannten Bewegungen, die in dem Senken der Zweige und

Zusammenklappen der Blätter bestehen, an der Pflanze hervorzurufen.

Die Reizbarkeit ist erloschen, die Pflanze ist in Narkose. „Eh bien!“

-- sagt ~Claude Bernard~ -- „chose singulière, les plantes commes les

animaux peuvent être anesthésiées, et tous les phénomènes s’observent

absolument de la même manière!“

Ebenso wie die Turgeszenzbewegungen hören auch die Wachstumsbewegungen

der Pflanzen in der Narkose auf, und die sekretorischen Bewegungen der

Diatomeen, Oscillarien, Desmidiaceen[371] bleiben aus.

Auch die Kontraktionsbewegungen werden durch die Narcotica gelähmt. Die

Protoplasmabewegung der +Amöben+ wird sistiert, nachdem die +Amöben+

sich zur Kugel kontrahiert haben. Wie ~Binz~[372] fand, besitzt auf

die amöboiden Bewegungen der Leukocyten besonders das Chinin eine

stark lähmende Wirkung. Ueber die lähmende Wirkung der Narcotica auf

die Flimmerbewegung hat ~Engelmann~[373] ausgedehnte Untersuchungen

angestellt. Ließ er in einer Gaskammer auf die Flimmerzellen von

der Rachenschleimhaut eines Frosches Aether- oder Chloroformdämpfe

einwirken, so trat nach einem schnell vorübergehenden Erregungsstadium,

in dem die Bewegung beschleunigt war, ein Stillstand der Wimpern

ein. War die Dauer der Einwirkung nicht zu lang gewesen, so trat die

Bewegung nach Zufuhr von frischer Luft von neuem wieder auf. Ebenso

verhält sich die Geißelbewegung der Spermatozoen, die durch Aether-

und Chloroformdämpfe, sowie nach den Beobachtungen ~Hertwig~s[374]

durch geringe Dosen von Chinin und Chloralhydrat vollständig zum

Stillstand gebracht wird, so daß die Befruchtung des Eies durch ihre

Bewegungslosigkeit verhindert wird. Auch bei Infusorien wird durch

Zufuhr von Chloroformwasser nach kurzem Exzitationsstadium, in dem

sie wie rasend durch das Wasser wirbeln, die Wimperbewegung sistiert.

An einem +Stentor+ können wir neben dieser Tatsache auch gleich die

Lähmung der Myoide durch das Chloroformwasser beobachten. Während

die +Stentoren+ in ihrem ungestörten Zustande, mit ihrem Afterpol am

Boden angeheftet, zu zierlicher Trompetenform ausgestreckt sind (Fig.

183 _A_) und nur von Zeit zu Zeit, teils spontan, teils infolge von

äußeren Reizen, sich durch die Kontraktion ihrer feinen, im Exoplasma

des Zellkörpers von oben bis unten verlaufenden Myoidfäden zu einer

gestielten Kugel (Fig. 183 _C_) zusammenschnellen, nehmen sie in der

Narkose nach plötzlichem Zusammenzucken im Beginn der Einwirkung ein

Stadium mittlerer Kontraktion (Fig. 183 _B_) an, hören mit den Wimpern

auf zu schlagen und zucken weder spontan noch auf Reizung mehr zu einer

Kugel zusammen, bis durch Uebertragung in frisches Wasser die Narkose

wieder gehoben wird. Wie die Erregbarkeit der glatten Myoidfäden wird

auch die Erregbarkeit der quergestreiften Skelettmuskeln vollständig

durch die Narkose aufgehoben. Ein Froschmuskel, der vorsichtig und

langsam von ätherdampfhaltiger Luft umspült wird, ist durch keinerlei

Reize mehr zum Zucken zu bringen. Dennoch stehen anscheinend die

Lebensprozesse im Muskel nicht vollständig still, wie man aus der

von ~Biedermann~[375] festgestellten Tatsache entnehmen muß, daß die

Elektrizitätsproduktion bei der Reizung des Muskels in der Narkose noch

ebenso erfolgt, als wenn der Muskel sich im normalen Zustande befände

und sich noch kontrahieren könnte. Die gereizte Stelle, sowie der

künstliche Querschnitt zeigt sich bei galvanometrischer Untersuchung

ebenso wie unter normalen Verhältnissen elektrisch negativ gegenüber

der ruhenden Partie. Es bleiben also auch in der Narkose noch gewisse

Stoffwechselvorgänge unberührt bestehen, und das gilt nicht bloß vom

Muskel, sondern von den Narkosezuständen aller lebendigen Substanz.

[Illustration: Fig. 183. +Stentor coeruleus+, _A_ in der Ruhe ganz

ausgestreckt, _B_ im Zustande mittlerer Kontraktion wie beim freien

Schwimmen, _C_ vollständig kontrahiert.]

Neuerdings hat ~Massart~ auch[376] die Lichtentwicklung der

+Noktiluken+ durch Alkohol vollständig aufheben können, indem er über

das Gefäß mit Meerwasser, in dem sich die +Noktiluken+ ruhig an der

Oberfläche schwimmend befanden, einige Lagen mit Alkohol getränkten

Fließpapiers legte, so daß die Alkoholdämpfe auf die +Noktiluken+

treffen mußten. Die Protisten waren dann nach kurzer Zeit durch keinen

Reiz mehr zum Leuchten zu bringen.

Am bekanntesten schließlich sind die lähmenden Wirkungen der Narcotica

auf die Tätigkeit der Ganglienzellen des Zentralnervensystems,

sowohl auf diejenigen, welche motorische Impulse produzieren, d. h.

die Muskeln zur Bewegung veranlassen, als auch auf die, welche

zusammen die zentralen Bedingungen für die Sinnesempfindungen, für

das Bewußtsein vorstellen. In der anästhesierenden Wirkung auf die

Zellen des Zentralnervensystems liegt die außerordentliche praktische

Bedeutung der Narcotica. Sie sind besonders durch die Aufhebung der

Funktionen des Großhirns zu einer der größten Wohltaten der Menschheit

geworden. Freilich zu einer gefährlichen Wohltat, denn der Mißbrauch

der Narcotica, des Alkohols, des Morphiums zeitigt die verheerendsten

Wirkungen und verwandelt die Wohltat in eines der größten Uebel, weil

der Stoffwechsel der betroffenen Zellen dabei irreparable Schädigungen

erfährt.

[Illustration: Fig. 184. +Ganglienzellen von einem morphinisierten

Hunde+, nach der Methode von ~Golgi~ behandelt. Bei _A_ haben alle,

bei _B_ die meisten Protoplasmafortsätze rosenkranzförmiges Aussehen

angenommen. Nach ~Demoor~.]

[Illustration: Fig. 185. +Amphistegina Lessonii.+ Aus der

linsenförmigen Kalkschale treten durch die Schalenöffnung fadenförmige

Pseudopodien hervor. _A_ normal, _B_ in Chloroformnarkose.]

Vor einiger Zeit haben eine Reihe von Forschern, wie ~Lépine~,

~Duval~, ~Solvay~, ~Demoor~, ~Querton~ u. a. die Ansicht aufgestellt,

daß die Ganglienzellen eine gewisse amöboide Bewegungsfähigkeit

besitzen, indem sie ihre Protoplasmafortsätze oder Dendriten innerhalb

bestimmter Grenzen verkürzen und verlängern können. So glaubt sich

z. B. ~Demoor~[377], der diese Beweglichkeit als „+Plastizität+“ der

Neurone bezeichnet hat, überzeugt zu haben, daß unter dem Einfluß

des Morphiums in der Narkose, aber auch unter der Einwirkung anderer

Reize sich deutliche Kontraktionssymptome an den Dendriten der

Ganglienzellen bemerken lassen, die genau den Kontraktionsvorgängen

entsprechen, welche starke Reize auf den verzweigten Pseudopodienfäden

der Rhizopoden erzeugen. Beide Bilder sind in der Tat vollkommen

übereinstimmend (vergl. Fig. 184 und 185 _B_). Die Dendriten der

Neurone, etwa im Gehirn eines Hundes, zeigen am fixierten und mit der

~Golgi~schen Methode imprägnierten Präparat ein sehr charakteristisches

perlschnurartiges Aussehen, indem sie ihr Protoplasma zu lauter

kleinen Kügelchen und Spindelchen zusammengeballt haben (Fig. 184),

wie das auch bei Rhizopoden (Fig. 185 _B_), z. B. +Amphistegina+,

+Orbitolites+, +Rhizoplasma+ etc., in der Narkose leicht zu beobachten

ist[378]. Allein, es hat sich in neuerer Zeit, besonders durch die

umfassenden Untersuchungen von ~Weil~ und ~Frank~[379], herausgestellt,

daß diese rosenkranzähnlichen oder „+moniliformen+“ Zustände der

Dendriten lediglich Kunstprodukte sind, die durch die Fixierungs- und

Imprägnationsmethoden erzeugt werden, und daß demnach kein einziger

Beweisgrund für eine „Plastizität“ der Dendriten am lebendigen

Neuron besteht. Damit ist aber auch den weitgehenden und zum Teil

naiven Theorien der Narkose, des Schlafs, der Hemmungsvorgänge, der

Bewußtseinsprozesse etc., die man in reicher Fülle und mit großer

Begeisterung auf die Lehre von der „Plastizität“ der Dendriten

aufgebaut hat, der Boden entzogen[380].

[Illustration: Fig. 186. +Vorrichtung für die lokale Narkose des

Nerven.+ Der Nerv des Nervmuskelpräparates vom Frosch ist durch die

röhrenförmige Narkosekammer gezogen und mit seinem Ende über die

Elektroden gelegt. Ein Gebläse treibt Aetherdämpfe resp. nachher zur

Erholung Luft durch die Narkoseröhre.]

Etwas resistenter als die Ganglienzellen sind die Nervenfasern

der Neurone gegenüber den Narcoticis. Wenn bei Aether- oder

Chloroformnarkose die Ganglienzellen der Zentra schon längst gelähmt

sind, erweisen sich die Nervenstämme noch immer erregbar. Dennoch wird

auch der Nerv durch Aether und Chloroform leicht vollständig gelähmt,

wenn man ihn in einen mit Aetherdämpfen gefüllten Raum bringt. Dabei

verliert der Nerv nicht bloß seine Erregbarkeit, sondern auch seine

Leitfähigkeit. Präpariert man z. B. einen Nervus ischiadicus vom

Frosch mit dem dazu gehörigen Unterschenkel frei und trennt man dieses

Präparat oben an der Austrittsstelle des Nerven aus dem Wirbelkanal,

nachdem der Nerv hier mit einem Faden angeschlungen ist, ab, so hat man

ein sogenanntes Nervmuskelpräparat, an dem man sich von der Wirkung der

Narkose auf den Nerven sehr bequem überzeugen kann. Zieht man nämlich

den Nerven mit dem angeschlungenen Faden durch eine etwa 2 cm dicke

Glasröhre, die in ihrer Längswand zwei gegenüberliegende Oeffnungen

trägt, quer hindurch und bringt man das eine Ende der Röhre mit einem

Gebläse in Verbindung, mittels dessen man ätherdampfbeladene Luft

durch die Röhre hindurchblasen kann, die dann am anderen Ende der

Röhre durch ein kleines Ansatzröhrchen wieder entweicht, so kann man

auf diese Weise die in der Röhre befindliche Strecke des Nerven sehr

schnell in Narkose versetzen (Fig. 186). Man findet dann, daß der Nerv

die Fähigkeit der Erregungsleitung verliert. Prüft man nämlich seine

Erregungsleitung, indem man das obere, außerhalb der Narkoseröhre

befindliche Ende des Nerven mit zwei Platinelektroden reizt, so

bemerkt man, daß nach kurzer Einwirkung der Aetherdämpfe die anfänglich

bei jeder Reizung eintretenden Muskelzuckungen plötzlich ausbleiben und

erst wiederkehren, wenn man statt der ätherdampfhaltigen Luft einige

Zeit reine Luft mittels des Gebläses durch die Röhre hindurchbläst.

Die in der Narkosekammer befindliche Strecke des Nerven wird also für

die Erregungsleitung gewissermaßen durch das Narcoticum blockiert und

wird erst wieder leitfähig, wenn die Narkose aufgehoben wird. Ebenso

kann man auch im Tierkörper selbst eine noch in ihrem natürlichen

Zusammenhang befindliche Nervenstrecke durch Narkose blockieren.

Narkotisiert man z. B. einen intakten Muskelnerven im Körper des

lebendigen Tieres lokal, indem man ihn an einer Stelle seines Verlaufs

freilegt und mit einer kleinen von Aetherdampf erfüllten Kammer

umschließt, so werden keine Impulse mehr vom Zentralnervensystem

auf den dazugehörigen Muskel übertragen, weil der Nerv an der

narkotisierten Stelle unwegsam geworden ist für den Leitungsvorgang. In

diesem Zustande kann man den Nerven längere Zeit erhalten. Hebt man die

Narkose wieder auf, so gewinnt er in einigen Minuten seine Erregbarkeit

und Leitfähigkeit wieder. Man hat diese Tatsache in der Physiologie

vielfach methodisch benutzt, wenn es bei Experimenten darauf ankam, die

Impulse des Zentralnervensystems auf die peripherischen Organe, wie

Muskeln, Drüsen etc., auszuschalten[381].

Ueber die Art und Weise, wie die Narcotica ihre lähmende Wirkung

in der lebendigen Substanz entfalten, sind wir leider noch immer

vollständig im Dunkeln. Indessen haben wenigstens die Untersuchungen

der letzten Jahre eine Reihe von Tatsachen kennen gelehrt, die

für die Theorie der Narkose von größter Wichtigkeit sind. Bei der

Erforschung des Mechanismus der Narkose entsteht zunächst die Frage,

worin eigentlich das Gemeinschaftliche der verschiedenartigen Stoffe

liegt, die alle übereinstimmend eine lähmende Wirkung auf die Vorgänge

in der lebendigen Substanz ausüben. Man hat daher die verschiedenen

Narcotica, wie Alkohol, Aether, Chloroform, Chloralhydrat,

Kohlensäure, Stickoxydul etc. miteinander verglichen, ohne daß es

indessen gelungen wäre, in so verschiedenartigen chemischen Stoffen

Atomkomplexe zu finden, die in chemischer Beziehung irgend etwas

Gemeinsames hätten. Erst in neuester Zeit ist ~Hans Meyer~[382],

ausgehend von der Alkoholnarkose der Nervenzellen, und unabhängig

von ihm ~E. Overton~[383] auf die Tatsache aufmerksam geworden, daß

die +Löslichkeit der Narcotica in Fetten und Oelen+ eine große Rolle

spielt bei ihrer narkotisierenden Wirkung, daß nämlich im wesentlichen

solche Stoffe narkotisierend wirken, die leichter in fettähnlichen

Stoffen als im Wasser löslich sind. Dabei ist im allgemeinen ihre

narkotisierende Wirkung um so größer, je mehr der Teilungskoeffizient,

der ihre Verteilung in einem Gemisch von Wasser und fettähnlichen

Substanzen bestimmt, zugunsten der letzteren ausfällt. Es ist nach

diesem Gesichtspunkt eine Anzahl von narkotisierend wirkenden Stoffen

geprüft und, was noch wichtiger ist, es ist auf Grund dieser Erfahrung

die relative Stärke der narkotisierenden Wirkung von manchen bisher

noch nicht als Narcotica verwendeten Stoffen vorausgesagt worden, so

daß es zweifellos ist, daß die Fettlöslichkeit der Stoffe in Hinsicht

auf ihre narkotisierende Wirkung eine wichtige Bedingung vorstellt.

Indessen ist selbstverständlich damit noch keine „Theorie der Narkose“

gegeben, die uns den Mechanismus der Narkose verständlich machte.

Aber es ist wenigstens der Anfang gemacht in der Erkenntnis ihrer

Bedingungen. Ferner verdient noch die Ansicht Beachtung, die sich

auf die Untersuchungen von ~Meyer~ und ~Overton~ stützt, daß es das

+unzersetzte Molekül des Narcoticums+ ist, das die Wirkung hervorruft,

nicht seine Zersetzungsprodukte. Das schließt z. B. ~Overton~ daraus,

daß die Ester der Fettsäuren nur so lange narkotisierend wirken,

als sie unverseift sind, daß sie dagegen mit ihrer Spaltung in den

betreffenden Alkohol und die Fettsäure die Wirkung verlieren. Auch die

Ansicht ~Höber~s[384] beansprucht Interesse, daß bei der Narkose eine

Zustandsänderung kolloidaler Stoffe der Zelle stattfindet. Freilich ist

auch damit noch keine „Theorie der Narkose“ gegeben. Schließlich muß

jede Theorie der Narkose mit folgenden experimentell festgestellten

Tatsachen rechnen. ~Winterstein~[385] hat am Zentralnervensystem und

~Fröhlich~[386] am peripherischen Nerven nachgewiesen, daß während der

Narkose keine Sauerstoffaufnahme stattfindet, selbst dann nicht, wenn

das Sauerstoffbedürfnis der lebendigen Substanz durch Arbeitslähmung

oder Einwirkung bis zu einem besonders hohen Grade gesteigert ist

und wenn Sauerstoff während der Narkose in reichlicher Menge zur

Verfügung steht. Trotzdem geht, wie ~Heaton~ in noch unveröffentlichten

Versuchen zeigen konnte, der Zerfall der lebendigen Substanz während

der Narkose weiter. Die Dissimilationsphase des Stoffwechsels wird

nicht gelähmt durch das Narkotikum. Das geht daraus hervor, daß ein

Nerv der dauernd in sauerstoffhaltiger Luft narkotisiert wird, wenn

die Narkose schließlich in reinem Stickstoff aufgehoben ist, eine

ebensolche Abnahme der Erregbarkeit zeigt, wie ein gleichzeitig ohne

Narkose in reinem Stickstoff erstickter Nerv, und daß er sich wie

dieser nur erholt, wenn ihm von neuem Sauerstoff zugeführt wird. Nach

allen diesen und weiteren Erfahrungen wird also durch die Narkose

der Sauerstoffwechsel der lebendigen Substanz gelähmt, während die

Dissimilationsphase des Stoffwechsels von der Narkose unberührt bleibt,

bis die lebendige Substanz erstickt.

Alle diese Tatsachen werden einst wichtige Bausteine für eine künftige

Theorie der Narkose liefern, die uns bis jetzt noch fehlt.

Allgemeine Physiologie · 第 215 / 283 题