3. Die Fortleitung des Reizerfolges.

Mit der Reizbarkeit untrennbar verknüpft ist eine andere Eigenschaft

der lebendigen Substanz, das ist die +Fortleitung des Reizerfolges+.

Wird nämlich eine Masse lebendiger Substanz an irgendeinem Punkte lokal

gereizt, wie man das z. B. sehr einfach durch Berühren oder Stechen mit

einer spitzen Nadel erreichen kann, dann bleibt die Reaktion nicht auf

den gereizten Punkt beschränkt, sondern der Reizerfolg breitet sich von

der Reizstelle mehr oder weniger weit auch über die benachbarten Teile

aus.

Auch die Fähigkeit der Fortleitung des Reizerfolges ist aller

lebendigen Substanz eigentümlich, nur in sehr verschiedenem Grade.

Während die eine Form der lebendigen Substanz den Reizerfolg sehr

schnell und sehr weit leitet, pflanzt ihn die andere Form sehr langsam

und nur auf die allernächste Umgebung fort.

Am ausgeprägtesten ist diese Fähigkeit bei derjenigen Form der

lebendigen Substanz entwickelt, die ausschließlich die Funktion der

Erregungsleitung versieht: das ist bei der tierischen Nervenfaser.

Die Nerven leiten einen Reizerfolg mit ungeheurer Geschwindigkeit auf

meterweite Entfernung hin. ~Helmholtz~ hat berechnet, daß im Nerven

eines Frosches die Erregung mit einer Geschwindigkeit von 26 m in

der Sekunde fortgeleitet wird. Beim Menschen ist die Geschwindigkeit

noch größer, etwa 34 m in der Sekunde, beim Hummer dagegen, wie ~Léon

Fredericq~ und ~van de Velde~ gezeigt haben, geringer und beträgt etwa

6 m in der Sekunde.

[Illustration: Fig. 169. +Musculus gastrocnemius mit Nervus ischiadicus

vom Frosch.+ Das Präparat ist am Oberschenkelknochen, an dem der Muskel

ansetzt, in einen Muskelhalter eingespannt und der Nerv wird einmal bei

_1_, das andere Mal bei _2_ gereizt.]

Man hat verschiedene Methoden ersonnen, um die

Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erregung im Nerven zu ermitteln,

ein Unternehmen, das bei der großen Schnelligkeit des Vorganges

nicht leicht ist. Das Prinzip aller dieser Methoden beruht auf

der Feststellung der Zeitdifferenz zwischen dem Eintritt einer

Muskelzuckung, wenn der dazu gehörige Nerv sehr nahe dem Muskel gereizt

wird, und dem Eintritt der Zuckung bei Reizung des Nerven an einer

entfernteren Stelle (Fig. 169). Zu diesem Zwecke kann man das ~Du

Bois-Reymond~sche Federmyographion benutzen, einen Apparat, der zur

graphischen Darstellung einer Muskelbewegung dient (Fig. 170). Der

Apparat besteht aus einem Muskelhalter, in dem ein Wadenmuskel vom

Frosch, dessen Nerv freipräpariert ist, mit dem Oberschenkelknochen

so befestigt wird, daß er mit einem Hebel in Verbindung steht, der

jede Zuckung des Muskels mitmacht und mittels einer feinen Spitze auf

einer plötzlich vorbeigeschnellten berußten Glastafel verzeichnet.

Die Glastafel gleitet in einem schlittenartigen Gestell in vertikaler

Ebene vor dem Schreibhebel vorbei und wird durch eine Feder in Bewegung

gesetzt. Gleichzeitig mit der Auslösung der Federkraft wird auch ein

elektrischer Reiz auf den Muskelnerven ausgelöst und außerdem eine

Stimmgabel zum Tönen gebracht, die ihre Schwingungen ebenfalls vermöge

einer Schreibspitze auf der schwarzen Glastafel verzeichnet. Reizt man

nun einmal den Nerven in einer Entfernung von etwa 3 cm vom Muskel und

einmal unmittelbar in der Nähe des Muskels, so erfolgt die Zuckung

das erste Mal um eine geringe Zeit später als das zweite Mal, weil

die Erregung beim ersten Mal eine längere Strecke zu durchlaufen hat

als beim zweiten Mal, ehe sie sich dem Muskel selbst mitteilen kann.

Diese Differenz in der Zeit, die in beiden Fällen vergeht vom Moment

der Reizung bis zum Eintreten der Zuckung, kann man auf der schwarzen

Tafel, auf der sich die Zuckung in Form einer Kurve aufgezeichnet hat,

außerordentlich genau messen an der Anzahl der Stimmgabelschwingungen,

die sich gleichzeitig auf der Tafel verzeichnen (Fig. 171). Da

nämlich die Schwingungszahl der Stimmgabel in einer Sekunde bekannt

ist, kann man leicht die Dauer einer einzelnen Schwingung und aus der

Anzahl der Schwingungen, die zwischen dem Eintritt der zweiten und

der ersten Zuckung liegen, die Zeit berechnen, die vergeht, wenn die

Erregung eine Nervenstrecke von 3 cm durchläuft. So findet man, daß

die Erregungsleitungsgeschwindigkeit des Froschnerven unter normalen

Bedingungen etwa 26 m in der Sekunde beträgt.

[Illustration: Fig. 170. ~Du Bois-Reymond~s +Federmyographion+.]

[Illustration: Fig. 171. +Aufsteigender Schenkel der myographischen

Kurve, mit dem Federmyographion aufgenommen.+ _R_ Moment der Reizung,

_1_ Beginn der Zuckung bei Reizung des Nerven an einer entfernteren

Stelle (Fig. 169), _2_ Beginn der Zuckung bei Reizung unmittelbar am

Muskel. Darunter die Stimmgabelkurve. Die Kurven sind von rechts nach

links zu lesen.]

[Illustration: Fig. 172. +Difflugia urceolata.+ Aus der von

Sandkörnchen gebauten urnenförmigen Schale treten 3 fingerförmige,

hyaline Pseudopodien heraus. Bei _a_ schwach lokal gereizt, bei _b_

etwas stärker lokal gereizt.]

Andere Formen der lebendigen Substanz leiten den Reizerfolg bedeutend

langsamer und manche nur auf ganz kurze Entfernungen hin, wobei der

Reizerfolg mit der Entfernung allmählich erlischt. Man sagt: die

Erregung erleidet ein „Dekrement“ in ihrem Verlauf. Im normalen

Nerven dagegen erleidet die Erregung niemals ein Dekrement, sondern

wird durch die ganze Länge der Nervenfaser in ungeschwächter

Intensität fortgeleitet. Bei sehr langsam leitenden Objekten ist die

Geschwindigkeit der Erregungsleitung mit dem Auge zu verfolgen. So

kann man z. B. bei +Difflugia+, einem Rhizopoden mit zierlichem, aus

Sandkörnchen gebautem Gehäuse, die Leitungsgeschwindigkeit der Erregung

unter dem Mikroskop an den langen, fingerförmigen Pseudopodien sehr

gut daran erkennen, daß sich von der Reizstelle her fortschreitend an

der Oberfläche des Pseudopodienplasmas tröpfchenartige Ausbuchtungen

bilden. Reizt man ein solches Pseudopodium durch Berührung mit einer

Nadel an der Spitze nur schwach, so breitet sich der Reizerfolg nur auf

eine kurze Strecke hin aus, indem die Oberfläche des Pseudopodiums nur

leicht wellig wird (Fig. 172 _a_). Reizt man dagegen stärker, so ist

der Reizerfolg stärker und wird bedeutend weiter fortgeleitet (Fig. 172

_b_). Stets aber nimmt die Größe des Reizerfolges mit der Entfernung

von der Reizstelle her ab und erlischt schließlich ganz[357]. Eine

ungemein geringe Erregungsleitung findet man bei manchen Rhizopoden mit

fadenförmigen Pseudopodien, z. B. bei +Orbitolites+ (vergl. Fig. 111,

p. 281). Hier bleibt die Erregung selbst bei stärkster Reizung, wie sie

die Durchschneidung eines Pseudopodiums vorstellt, auf die allernächste

Umgebung der Reizstelle beschränkt, indem sich das Protoplasma

hier zu einem oder mehreren kleinen Kügelchen zusammenballt. Diese

Kügelchen gleiten zwar auf dem Pseudopodienfaden, der sich dadurch zu

verkürzen beginnt, in zentripetaler Richtung entlang, und zwar eine

sehr weite Strecke, indem sie sich allmählich wieder auflösen und

ihre Substanz in den zentralen Zellkörper hineinfließen lassen (Fig.

173), aber ihre Fortbewegung ist nicht als eine wirkliche Fortleitung

der Erregung anzusehen[358], sondern lediglich der Ausdruck des

Stofftransports der gereizten Protoplasmamasse nach dem Zellkörper hin,

denn das Protoplasma in der Umgebung der Kügelchen zeigt weiter keine

Erregungssymptome, sondern strömt sogar ruhig in zentrifugaler Richtung

weiter vor.

[Illustration: Fig. 173. +Pseudopodium von Orbitolites.+ _a_ Bei *

durchschnitten. _b_ Reizerfolg (Kugelbildung des Protoplasmas) nur auf

die nächste Umgebung der Reizstelle beschränkt. _c_-_f_ Stofftransport.

Die gereizten Massen werden auf dem Pseudopodium entlang nach dem

zentralen Zellkörper transportiert, ihre Substanz breitet sich

allmählich wieder aus (_e_, _f_), während das ungereizte Protoplasma

keine Erregungssymptome zeigt, sondern zentrifugal weiterfließt, so daß

sich das Pseudopodium bald wieder verlängert (_e_, _f_).]

Aber zwischen der sehr geringen Erregungsleitungsfähigkeit und

Erregungsleitungsgeschwindigkeit bei +Orbitolites+ und der

ungeheuren des Nerven finden sich bei den verschiedensten lebendigen

Objekten die mannigfaltigsten Uebergänge. Die quergestreifte

Muskelfaser leitet schon bedeutend langsamer als der Nerv, die

glatte Muskelfaser noch viel langsamer als die quergestreifte usf.

So ließen sich die lebendigen Substanzen nach dem Grade ihrer

Erregungsleitungsgeschwindigkeit zu einer langen Reihe mit den feinsten

Uebergängen anordnen.

Allgemeine Physiologie · 第 213 / 283 题