4. Die sogenannten „trophischen“ Reize.

Unserer bisherigen Betrachtung lag der Uebersichtlichkeit wegen

immer die Vorstellung zugrunde, daß ein gewisser Gegensatz zwischen

Lebensbedingung und Reiz existiere, insofern die Lebensbedingung

einen stabilen, gegebenen Zustand repräsentiere und der Reiz jede

Veränderung dieses Zustandes. Allein diese scharfe Unterscheidung

läßt sich nicht durchweg aufrecht erhalten, und zwar aus dem Grunde,

weil in Wirklichkeit die Lebensbedingungen durchaus nicht vollkommen

stabile und kontinuierlich wirkende Faktoren sind, sondern in der

Natur fortwährend Schwankungen erfahren. Daher können gewisse

Lebensbedingungen unter Umständen auch als Reize betrachtet werden

oder, was dasselbe ist, gewisse Reize als Lebensbedingungen fungieren.

Ein paar konkrete Fälle werden dieses Verhältnis ohne weiteres klar

machen.

Die Nahrung steht allen denjenigen Organismen, die sich nicht in einem

dauernd gleichbleibenden Nährmedium befinden, sondern sich vielmehr

ihre Nahrung selbst suchen müssen, nur in unregelmäßigen Zwischenräumen

zur Verfügung. Es wechseln Perioden des Nahrungsbedürfnisses und des

Nahrungsüberflusses miteinander ab. Hat ein solcher Organismus längere

Zeit keine Nahrung bekommen, hat z. B. eine +Amöbe+, die sich von

Algen nährt, längere Zeit ihre Nahrung entbehrt, und kommt sie nun

zufällig wieder an eine Stelle, wo sich Algen befinden, so wirken

diese Nahrungsorganismen als Reiz auf die +Amöbe+ und veranlassen

sie, heranzukriechen und zu fressen. Hier wirkt die Nahrung als

Reiz, obwohl sie doch eine allgemeine Lebensbedingung ist. Analoge

Fälle haben wir im Zellenstaat. Das einfachste Beispiel bieten die

grünen Pflanzen. Eine ihrer wichtigsten Lebensbedingungen bildet

das Licht. Ohne Licht findet keine Spaltung der Kohlensäure, keine

Stärkebildung, keine Assimilation in den grünen Teilen der Pflanze

statt; die Pflanze geht zugrunde. Dennoch ist diese Lebensbedingung

den weitgehendsten Intensitätsschwankungen unterworfen, denn Licht

wechselt fortwährend mit Dunkelheit, wirkt also als Reiz. In der Tat

können wir nicht nur den Assimilationsprozeß als Reizwirkung auffassen,

sondern der Lichtreiz erzeugt daneben noch eine Reihe anderer, ganz

augenfälliger Reizwirkungen, die sich in Bewegungsvorgängen äußern.

Auch im tierischen Zellenstaat sind solche Fälle, in denen Reize

geradezu Lebensbedingungen sind, in großer Zahl bekannt. Hier werden

den Gewebezellen die Reizimpulse, die im Zentralnervensystem erzeugt

werden, übermittelt durch die Nervenfasern. Ein Muskel z. B. bewegt

sich nur, wenn ihm ein Reiz vom Gehirn oder Rückenmark her durch seinen

Nerven zugeleitet wird. Schneiden wir aber den dazu gehörigen Nerven

durch, oder machen wir ihn sonst auf irgendeine Weise unfähig, die

Reizimpulse vom Zentralnervensystem her auf den Muskel zu übertragen,

dann finden wir, daß der Muskel, der sich nicht mehr bewegen kann,

nach einiger Zeit atrophiert. Ja, in geringerem Grade sehen wir

schon einen Muskel schwächer werden und an Masse abnehmen, wenn wir

ihn wenig gebrauchen, d. h. wenn wir ihm vom Zentralnervensystem

wenig Reizimpulse zusenden. Man spricht dann von einer

„+Inaktivitätsatrophie+“. Und das gilt nicht bloß von den Muskelzellen,

sondern von allen Geweben, denen durch ihre Nerven keine Reizimpulse

mehr zugeleitet werden. In Fällen, in denen durch irgendeine Krankheit

eine Nervenstrecke für die Reizleitung vorübergehend unwegsam geworden

ist, sucht daher die ärztliche Behandlung erfolgreich die Atrophie

der dazu gehörigen Gewebe zu verhindern, indem sie dieselben durch

elektrische Ströme künstlich zu reizen sich bemüht, und gerade in

dieser Wirkung des galvanischen Stromes dürfte überhaupt die einzige

therapeutische Bedeutung der Elektrizität liegen. Auch der umgekehrte

Vorgang, die Erstarkung eines Organs durch Uebung, gehört in die Reihe

dieser Tatsachen. Durch fortgesetzte Uebung kann man einen Muskel von

mittlerer Stärke, wie jeder Turner, Fechter, Ruderer, Bergsteiger weiß,

in kurzer Zeit in ein Organ von ganz bedeutender Stärke und Ausdauer

verwandeln, dessen Masse mit der Uebung ganz beträchtlich zunimmt. Die

Wirkung aller Uebung beruht ebenfalls nur darauf, daß dem betreffenden

Organe fortwährend Reizimpulse zugeführt werden, die es in Tätigkeit

versetzen.

Aus allen diesen Beispielen geht mit Deutlichkeit hervor, daß gewisse

Reize gleichzeitig sehr wichtige Lebensbedingungen sein können, und

diese Reize, die zur dauernden Erhaltung des Lebens notwendig sind,

ohne welche die Ernährung, der Stoffwechsel der betreffenden Organe

nicht dauernd ungestört bestehen kann, mag man mit einem leider oft

sehr verkehrt angewendeten Namen als +trophische Reize+ bezeichnen.

Die trophischen Reize stehen aber nicht etwa in einem Gegensatz

zu den anderen Reizen, sondern der Begriff des trophischen Reizes

bezeichnet lediglich die besondere Eigentümlichkeit der Wirkung

irgendeines Reizes, durch häufige Wiederkehr eine Massenzunahme

des von ihm betroffenen Organs oder Gewebes herbeizuführen. Die

verschiedenartigsten Reize aber können eine solche trophische Wirkung

haben.

Man hat im Hinblick auf die trophischen Reize, die durch die Nerven

im tierischen Organismus den Geweben übermittelt werden, geglaubt,

besondere trophische Nervenfasern und Nervenzentra neben den

Nervenfasern und Zentren von bekannter Wirkung annehmen zu müssen,

Nervenfasern, die gar nichts mit der eigentümlichen Funktion der

betreffenden Gewebe, die sie versorgen, zu tun haben, sondern

lediglich ihre Ernährung und ihren Stoffwechsel regulieren sollten.

Dieser Gedanke der sogenannten trophischen Nerven hat viel Unheil

und Verwirrung in der Physiologie und in der Medizin angerichtet

und noch in neuerer Zeit manchen Forscher zu den abenteuerlichsten

Vorstellungen und vermeintlichen Entdeckungen verleitet. Und dennoch

ist für jeden kritischen Forscher, der eine bestimmte Anschauung mit

den Begriffen zu verbinden gewöhnt ist, mit denen er umgeht, die

unklare Idee der trophischen Nerven nichts anderes als ein Stück des

alten Mystizismus der Vitalisten. Wir sehen denn auch, daß es durchaus

nicht der Annahme besonderer trophischer Nerven und eigener trophischer

Reize, die neben den anderen Nerven und anderen Reizen existieren,

bedarf, um die Tatsachen zu erklären, sondern daß die Nerven, welche

die charakteristische Funktion eines jeden Gewebes beeinflussen, eben

+dadurch+ den Stoffwechsel der betreffenden Zellen regulieren[348], mit

anderen Worten, daß +jeder+ Nerv für das Gewebe, das er versorgt, als

trophischer Nerv dient, indem die Impulse, die er vermittelt, eben für

das Gewebe eine Lebensbedingung vorstellen.

B. Die Reizbarkeit der lebendigen Substanz.

Allgemeine Physiologie · 第 209 / 283 题