Unserer bisherigen Betrachtung lag der Uebersichtlichkeit wegen
immer die Vorstellung zugrunde, daß ein gewisser Gegensatz zwischen
Lebensbedingung und Reiz existiere, insofern die Lebensbedingung
einen stabilen, gegebenen Zustand repräsentiere und der Reiz jede
Veränderung dieses Zustandes. Allein diese scharfe Unterscheidung
läßt sich nicht durchweg aufrecht erhalten, und zwar aus dem Grunde,
weil in Wirklichkeit die Lebensbedingungen durchaus nicht vollkommen
stabile und kontinuierlich wirkende Faktoren sind, sondern in der
Natur fortwährend Schwankungen erfahren. Daher können gewisse
Lebensbedingungen unter Umständen auch als Reize betrachtet werden
oder, was dasselbe ist, gewisse Reize als Lebensbedingungen fungieren.
Ein paar konkrete Fälle werden dieses Verhältnis ohne weiteres klar
machen.
Die Nahrung steht allen denjenigen Organismen, die sich nicht in einem
dauernd gleichbleibenden Nährmedium befinden, sondern sich vielmehr
ihre Nahrung selbst suchen müssen, nur in unregelmäßigen Zwischenräumen
zur Verfügung. Es wechseln Perioden des Nahrungsbedürfnisses und des
Nahrungsüberflusses miteinander ab. Hat ein solcher Organismus längere
Zeit keine Nahrung bekommen, hat z. B. eine +Amöbe+, die sich von
Algen nährt, längere Zeit ihre Nahrung entbehrt, und kommt sie nun
zufällig wieder an eine Stelle, wo sich Algen befinden, so wirken
diese Nahrungsorganismen als Reiz auf die +Amöbe+ und veranlassen
sie, heranzukriechen und zu fressen. Hier wirkt die Nahrung als
Reiz, obwohl sie doch eine allgemeine Lebensbedingung ist. Analoge
Fälle haben wir im Zellenstaat. Das einfachste Beispiel bieten die
grünen Pflanzen. Eine ihrer wichtigsten Lebensbedingungen bildet
das Licht. Ohne Licht findet keine Spaltung der Kohlensäure, keine
Stärkebildung, keine Assimilation in den grünen Teilen der Pflanze
statt; die Pflanze geht zugrunde. Dennoch ist diese Lebensbedingung
den weitgehendsten Intensitätsschwankungen unterworfen, denn Licht
wechselt fortwährend mit Dunkelheit, wirkt also als Reiz. In der Tat
können wir nicht nur den Assimilationsprozeß als Reizwirkung auffassen,
sondern der Lichtreiz erzeugt daneben noch eine Reihe anderer, ganz
augenfälliger Reizwirkungen, die sich in Bewegungsvorgängen äußern.
Auch im tierischen Zellenstaat sind solche Fälle, in denen Reize
geradezu Lebensbedingungen sind, in großer Zahl bekannt. Hier werden
den Gewebezellen die Reizimpulse, die im Zentralnervensystem erzeugt
werden, übermittelt durch die Nervenfasern. Ein Muskel z. B. bewegt
sich nur, wenn ihm ein Reiz vom Gehirn oder Rückenmark her durch seinen
Nerven zugeleitet wird. Schneiden wir aber den dazu gehörigen Nerven
durch, oder machen wir ihn sonst auf irgendeine Weise unfähig, die
Reizimpulse vom Zentralnervensystem her auf den Muskel zu übertragen,
dann finden wir, daß der Muskel, der sich nicht mehr bewegen kann,
nach einiger Zeit atrophiert. Ja, in geringerem Grade sehen wir
schon einen Muskel schwächer werden und an Masse abnehmen, wenn wir
ihn wenig gebrauchen, d. h. wenn wir ihm vom Zentralnervensystem
wenig Reizimpulse zusenden. Man spricht dann von einer
„+Inaktivitätsatrophie+“. Und das gilt nicht bloß von den Muskelzellen,
sondern von allen Geweben, denen durch ihre Nerven keine Reizimpulse
mehr zugeleitet werden. In Fällen, in denen durch irgendeine Krankheit
eine Nervenstrecke für die Reizleitung vorübergehend unwegsam geworden
ist, sucht daher die ärztliche Behandlung erfolgreich die Atrophie
der dazu gehörigen Gewebe zu verhindern, indem sie dieselben durch
elektrische Ströme künstlich zu reizen sich bemüht, und gerade in
dieser Wirkung des galvanischen Stromes dürfte überhaupt die einzige
therapeutische Bedeutung der Elektrizität liegen. Auch der umgekehrte
Vorgang, die Erstarkung eines Organs durch Uebung, gehört in die Reihe
dieser Tatsachen. Durch fortgesetzte Uebung kann man einen Muskel von
mittlerer Stärke, wie jeder Turner, Fechter, Ruderer, Bergsteiger weiß,
in kurzer Zeit in ein Organ von ganz bedeutender Stärke und Ausdauer
verwandeln, dessen Masse mit der Uebung ganz beträchtlich zunimmt. Die
Wirkung aller Uebung beruht ebenfalls nur darauf, daß dem betreffenden
Organe fortwährend Reizimpulse zugeführt werden, die es in Tätigkeit
versetzen.
Aus allen diesen Beispielen geht mit Deutlichkeit hervor, daß gewisse
Reize gleichzeitig sehr wichtige Lebensbedingungen sein können, und
diese Reize, die zur dauernden Erhaltung des Lebens notwendig sind,
ohne welche die Ernährung, der Stoffwechsel der betreffenden Organe
nicht dauernd ungestört bestehen kann, mag man mit einem leider oft
sehr verkehrt angewendeten Namen als +trophische Reize+ bezeichnen.
Die trophischen Reize stehen aber nicht etwa in einem Gegensatz
zu den anderen Reizen, sondern der Begriff des trophischen Reizes
bezeichnet lediglich die besondere Eigentümlichkeit der Wirkung
irgendeines Reizes, durch häufige Wiederkehr eine Massenzunahme
des von ihm betroffenen Organs oder Gewebes herbeizuführen. Die
verschiedenartigsten Reize aber können eine solche trophische Wirkung
haben.
Man hat im Hinblick auf die trophischen Reize, die durch die Nerven
im tierischen Organismus den Geweben übermittelt werden, geglaubt,
besondere trophische Nervenfasern und Nervenzentra neben den
Nervenfasern und Zentren von bekannter Wirkung annehmen zu müssen,
Nervenfasern, die gar nichts mit der eigentümlichen Funktion der
betreffenden Gewebe, die sie versorgen, zu tun haben, sondern
lediglich ihre Ernährung und ihren Stoffwechsel regulieren sollten.
Dieser Gedanke der sogenannten trophischen Nerven hat viel Unheil
und Verwirrung in der Physiologie und in der Medizin angerichtet
und noch in neuerer Zeit manchen Forscher zu den abenteuerlichsten
Vorstellungen und vermeintlichen Entdeckungen verleitet. Und dennoch
ist für jeden kritischen Forscher, der eine bestimmte Anschauung mit
den Begriffen zu verbinden gewöhnt ist, mit denen er umgeht, die
unklare Idee der trophischen Nerven nichts anderes als ein Stück des
alten Mystizismus der Vitalisten. Wir sehen denn auch, daß es durchaus
nicht der Annahme besonderer trophischer Nerven und eigener trophischer
Reize, die neben den anderen Nerven und anderen Reizen existieren,
bedarf, um die Tatsachen zu erklären, sondern daß die Nerven, welche
die charakteristische Funktion eines jeden Gewebes beeinflussen, eben
+dadurch+ den Stoffwechsel der betreffenden Zellen regulieren[348], mit
anderen Worten, daß +jeder+ Nerv für das Gewebe, das er versorgt, als
trophischer Nerv dient, indem die Impulse, die er vermittelt, eben für
das Gewebe eine Lebensbedingung vorstellen.
B. Die Reizbarkeit der lebendigen Substanz.