3. Die Reizintensität.

Um die Vorstellung von dem Verhältnis der Reize zu den

Lebensbedingungen noch klarer zu gestalten, müssen wir, nachdem wir die

~Reizqualitäten~ kennen gelernt haben, nunmehr den Verhältnissen der

~Reizintensität~ unsere Aufmerksamkeit zuwenden.

Eine jede äußere Lebensbedingung kann in verschiedenem Grade erfüllt

sein: Die Zufuhr von Nahrung, Wasser etc. kann eine sehr geringe, aber

auch eine sehr große, die Temperatur eine sehr niedrige, aber auch

eine sehr hohe sein, kurz, jede Lebensbedingung kann graduell zwischen

sehr weiten Grenzen schwanken, ohne daß das Leben dadurch gefährdet

wird. Dennoch sind solche Grenzen von den meisten Lebensbedingungen

bekannt, eine obere und eine untere, die wir als +Maximum+ und

+Minimum+ bezeichnen. Nur zwischen diesen beiden Grenzwerten

jeder Lebensbedingung ist das Leben dauernd möglich. Werden sie

überschritten, dann entwickelt sich der Tod. Aber nicht alle Punkte

zwischen den beiden Grenzwerten sind in gleichem Maße günstig für den

Ablauf des Lebensvorganges. Die Intensität des Lebensvorganges ist

eine geringere, wenn die Lebensbedingung Werte vorstellt, die nahe dem

Maximum oder dem Minimum liegen, als wenn sie einen mittleren Wert

besitzt. Denjenigen Wertgrad einer jeden Lebensbedingung, bei dem die

Intensität des Lebensvorganges dauernd am größten ist, bezeichnen wir

als +Optimum+. Das Optimum liegt aber durchaus nicht immer in der Mitte

zwischen Minimum und Maximum, in vielen Fällen näher dem Maximum, in

anderen Fällen näher dem Minimum.

_Minimum_ _Optimum_ _Maximum_

-----+-------------------------+----------------+--------

-----^--------------------v---------------------^--------

_Tod_ _Leben_ _Tod_

Nach diesem Schema der Lebensbedingungen läßt sich ohne weiteres

der Begriff des Reizes veranschaulichen. Stellen wir uns vor, ein

Organismus befände sich im Optimum irgendeiner Lebensbedingung, etwa

der Temperatur, so wirkt jede Schwankung der Temperatur, sei es nach

der Richtung des Maximums, sei es nach der Richtung des Minimums

hin, als Reiz. Derjenige Wert jeder Lebensbedingung, an den der

Organismus angepaßt ist, stellt sein Optimum vor, er bezeichnet den

Indifferenzpunkt der Reizung; hier ist der Reiz gleich Null. Aendern

sich die Werte der Lebensbedingung nach dem Maximum oder Minimum zu,

so wächst damit auch die Intensität des Reizes, bis sie das Maximum

oder Minimum erreicht. Die Intensität des Reizes hat also ein Minimum,

das mit dem Optimum der betreffenden Lebensbedingung zusammenfällt,

und zwei Maxima, das eine beim Minimum, das andere beim Maximum der

betreffenden Lebensbedingung. Bei übermaximaler Reizung entwickelt

sich der Tod. Wenn wir daher das Schema für die Reizung entwerfen, so

müssen wir dieselben Punkte verzeichnen, wie auf dem Schema für die

Lebensbedingungen, nur daß wir hier den Punkten andere Namen geben,

denn das Optimum wird für den Reiz zum Nullpunkt, das Minimum und

Maximum werden beide zu Maxima. Jede Intensitätsschwankung zwischen dem

Nullpunkt und den beiden Maxima wirkt als Reiz.

_Maximum_ _Nullpunkt_ _Maximum_

-------+-------------------------+----------------+--------

-------^--------------------v---------------------^--------

_Tod_ _Leben_ _Tod_

Dieses Schema umfaßt alle Reizqualitäten, auch diejenigen, die,

wie gewisse chemische und die elektrischen Reize, unter normalen

Verhältnissen überhaupt nicht mit dem Organismus in Beziehung

treten. Die letzteren Reizqualitäten sind nur Faktoren, die unter

den Lebensbedingungen in +keinem+ Intensitätsgrade vertreten sind,

deren vollständiges Fehlen also dem Optimum entspricht. Sie können

daher nur +ein+ Maximum haben, so daß für sie nur der rechte Teil des

Schemas in Betracht kommt. Auch in der allgemeinen Definition des

Reizes, die als Reiz jede Veränderung der äußeren Faktoren bezeichnet,

welche auf einen Organismus einwirken, sind diese Reizqualitäten mit

einbegriffen, denn diese Definition gilt ebensowohl für die Faktoren,

die, wie z. B. die Wärme, in einem bestimmten Intensitätsgrade selbst

als Lebensbedingungen fungieren, als auch für diejenigen Faktoren, die,

wie z. B. die Elektrizität, unter gewöhnlichen Verhältnissen gar nicht

in der Umgebung des Organismus vorhanden sind, also überhaupt nicht als

Lebensbedingungen existieren.

Bei unserer Betrachtung der Reizintensität bedarf noch +ein+ Punkt der

Erwähnung. Stellen wir uns vor, ein Organismus, etwa ein Skelettmuskel,

befände sich unter Bedingungen, unter denen kein Reiz ihn berührt,

und wir ließen nun, von der Intensität 0 an aufwärts steigend, einen

Reiz, der sich, wie etwa der galvanische Strom, bequem und fein in

seiner Intensität abstufen läßt, auf ihn einwirken. Dann sollten wir

erwarten, daß, sobald wir die Intensität über 0 gesteigert haben, der

Muskel Reizwirkungen zeigt, d. h. eine Zuckung ausführt. Das ist aber

nicht der Fall. Wir können die Intensität des Reizes vom Nullpunkt

an noch beträchtlich steigern, ehe der Muskel auch nur die geringste

Zuckung ausführt. Erst wenn die Intensität des Reizes eine bestimmte

Höhe erreicht hat, sehen wir, daß der Muskel mit einer Zuckung auf

den Reiz antwortet, und von hier an bleibt die Zuckung niemals aus,

sondern wird bis zu einem bestimmten Grade nur noch energischer, je

weiter wir die Intensitätssteigerung treiben. Der Reiz ruft also erst

von einer bestimmten Intensität an eine sichtbare Reaktion hervor,

und diesen Punkt bezeichnen wir als „+Reizschwelle+“. Unterhalb der

Schwelle entzieht sich die Wirkung des Reizes der Wahrnehmung, denn wir

müssen selbstverständlich annehmen, daß auch unterhalb der Reizschwelle

der Reiz eine, wenn auch nicht wahrnehmbare, so doch zweifellos

vorhandene Wirkung ausübt. Anderseits aber steigert sich oberhalb der

Schwelle auch die Reizwirkung mit zunehmender Intensität, bis sie ihre

maximale Höhe erreicht hat. Für die verschiedenen Formen der lebendigen

Substanz ist der Schwellenwert eines Reizes sehr verschieden. So werden

z. B. Nervenfasern schon durch äußerst schwache galvanische Reize in

Tätigkeit gesetzt, während +Amöben+ sehr starke galvanische Ströme

verlangen, ehe sie eine Reaktion zeigen. Und das gleiche gilt von

allen anderen Reizqualitäten gegenüber den verschiedenen Formen der

lebendigen Substanz.

Allgemeine Physiologie · 第 208 / 283 题