Um die Vorstellung von dem Verhältnis der Reize zu den
Lebensbedingungen noch klarer zu gestalten, müssen wir, nachdem wir die
~Reizqualitäten~ kennen gelernt haben, nunmehr den Verhältnissen der
~Reizintensität~ unsere Aufmerksamkeit zuwenden.
Eine jede äußere Lebensbedingung kann in verschiedenem Grade erfüllt
sein: Die Zufuhr von Nahrung, Wasser etc. kann eine sehr geringe, aber
auch eine sehr große, die Temperatur eine sehr niedrige, aber auch
eine sehr hohe sein, kurz, jede Lebensbedingung kann graduell zwischen
sehr weiten Grenzen schwanken, ohne daß das Leben dadurch gefährdet
wird. Dennoch sind solche Grenzen von den meisten Lebensbedingungen
bekannt, eine obere und eine untere, die wir als +Maximum+ und
+Minimum+ bezeichnen. Nur zwischen diesen beiden Grenzwerten
jeder Lebensbedingung ist das Leben dauernd möglich. Werden sie
überschritten, dann entwickelt sich der Tod. Aber nicht alle Punkte
zwischen den beiden Grenzwerten sind in gleichem Maße günstig für den
Ablauf des Lebensvorganges. Die Intensität des Lebensvorganges ist
eine geringere, wenn die Lebensbedingung Werte vorstellt, die nahe dem
Maximum oder dem Minimum liegen, als wenn sie einen mittleren Wert
besitzt. Denjenigen Wertgrad einer jeden Lebensbedingung, bei dem die
Intensität des Lebensvorganges dauernd am größten ist, bezeichnen wir
als +Optimum+. Das Optimum liegt aber durchaus nicht immer in der Mitte
zwischen Minimum und Maximum, in vielen Fällen näher dem Maximum, in
anderen Fällen näher dem Minimum.
_Minimum_ _Optimum_ _Maximum_
-----+-------------------------+----------------+--------
-----^--------------------v---------------------^--------
_Tod_ _Leben_ _Tod_
Nach diesem Schema der Lebensbedingungen läßt sich ohne weiteres
der Begriff des Reizes veranschaulichen. Stellen wir uns vor, ein
Organismus befände sich im Optimum irgendeiner Lebensbedingung, etwa
der Temperatur, so wirkt jede Schwankung der Temperatur, sei es nach
der Richtung des Maximums, sei es nach der Richtung des Minimums
hin, als Reiz. Derjenige Wert jeder Lebensbedingung, an den der
Organismus angepaßt ist, stellt sein Optimum vor, er bezeichnet den
Indifferenzpunkt der Reizung; hier ist der Reiz gleich Null. Aendern
sich die Werte der Lebensbedingung nach dem Maximum oder Minimum zu,
so wächst damit auch die Intensität des Reizes, bis sie das Maximum
oder Minimum erreicht. Die Intensität des Reizes hat also ein Minimum,
das mit dem Optimum der betreffenden Lebensbedingung zusammenfällt,
und zwei Maxima, das eine beim Minimum, das andere beim Maximum der
betreffenden Lebensbedingung. Bei übermaximaler Reizung entwickelt
sich der Tod. Wenn wir daher das Schema für die Reizung entwerfen, so
müssen wir dieselben Punkte verzeichnen, wie auf dem Schema für die
Lebensbedingungen, nur daß wir hier den Punkten andere Namen geben,
denn das Optimum wird für den Reiz zum Nullpunkt, das Minimum und
Maximum werden beide zu Maxima. Jede Intensitätsschwankung zwischen dem
Nullpunkt und den beiden Maxima wirkt als Reiz.
_Maximum_ _Nullpunkt_ _Maximum_
-------+-------------------------+----------------+--------
-------^--------------------v---------------------^--------
_Tod_ _Leben_ _Tod_
Dieses Schema umfaßt alle Reizqualitäten, auch diejenigen, die,
wie gewisse chemische und die elektrischen Reize, unter normalen
Verhältnissen überhaupt nicht mit dem Organismus in Beziehung
treten. Die letzteren Reizqualitäten sind nur Faktoren, die unter
den Lebensbedingungen in +keinem+ Intensitätsgrade vertreten sind,
deren vollständiges Fehlen also dem Optimum entspricht. Sie können
daher nur +ein+ Maximum haben, so daß für sie nur der rechte Teil des
Schemas in Betracht kommt. Auch in der allgemeinen Definition des
Reizes, die als Reiz jede Veränderung der äußeren Faktoren bezeichnet,
welche auf einen Organismus einwirken, sind diese Reizqualitäten mit
einbegriffen, denn diese Definition gilt ebensowohl für die Faktoren,
die, wie z. B. die Wärme, in einem bestimmten Intensitätsgrade selbst
als Lebensbedingungen fungieren, als auch für diejenigen Faktoren, die,
wie z. B. die Elektrizität, unter gewöhnlichen Verhältnissen gar nicht
in der Umgebung des Organismus vorhanden sind, also überhaupt nicht als
Lebensbedingungen existieren.
Bei unserer Betrachtung der Reizintensität bedarf noch +ein+ Punkt der
Erwähnung. Stellen wir uns vor, ein Organismus, etwa ein Skelettmuskel,
befände sich unter Bedingungen, unter denen kein Reiz ihn berührt,
und wir ließen nun, von der Intensität 0 an aufwärts steigend, einen
Reiz, der sich, wie etwa der galvanische Strom, bequem und fein in
seiner Intensität abstufen läßt, auf ihn einwirken. Dann sollten wir
erwarten, daß, sobald wir die Intensität über 0 gesteigert haben, der
Muskel Reizwirkungen zeigt, d. h. eine Zuckung ausführt. Das ist aber
nicht der Fall. Wir können die Intensität des Reizes vom Nullpunkt
an noch beträchtlich steigern, ehe der Muskel auch nur die geringste
Zuckung ausführt. Erst wenn die Intensität des Reizes eine bestimmte
Höhe erreicht hat, sehen wir, daß der Muskel mit einer Zuckung auf
den Reiz antwortet, und von hier an bleibt die Zuckung niemals aus,
sondern wird bis zu einem bestimmten Grade nur noch energischer, je
weiter wir die Intensitätssteigerung treiben. Der Reiz ruft also erst
von einer bestimmten Intensität an eine sichtbare Reaktion hervor,
und diesen Punkt bezeichnen wir als „+Reizschwelle+“. Unterhalb der
Schwelle entzieht sich die Wirkung des Reizes der Wahrnehmung, denn wir
müssen selbstverständlich annehmen, daß auch unterhalb der Reizschwelle
der Reiz eine, wenn auch nicht wahrnehmbare, so doch zweifellos
vorhandene Wirkung ausübt. Anderseits aber steigert sich oberhalb der
Schwelle auch die Reizwirkung mit zunehmender Intensität, bis sie ihre
maximale Höhe erreicht hat. Für die verschiedenen Formen der lebendigen
Substanz ist der Schwellenwert eines Reizes sehr verschieden. So werden
z. B. Nervenfasern schon durch äußerst schwache galvanische Reize in
Tätigkeit gesetzt, während +Amöben+ sehr starke galvanische Ströme
verlangen, ehe sie eine Reaktion zeigen. Und das gleiche gilt von
allen anderen Reizqualitäten gegenüber den verschiedenen Formen der
lebendigen Substanz.