2. Die Reizqualitäten.

Wenn jede Veränderung der Faktoren, die von außen her auf den

Organismus einwirken, als Reiz wirken kann, dann liegt es auf der

Hand, daß der Arten von Reizen unzählige existieren. Nicht nur jede

einzelne äußere Lebensbedingung kann sich ändern; auch neue, vorher

nicht bestehende Bedingungen können hinzutreten und auf den Organismus

wirken. Dennoch läßt sich die Fülle der verschiedenen Reize wenigen

größeren Gruppen von +Reizqualitäten+ unterordnen. Eine natürliche

Einteilung der Reize ergibt sich dabei am besten von der energetischen

Seite der Betrachtung aus, denn mit jeder äußeren Einwirkung auf einen

Körper ist ja ein Energiewechsel verbunden. Wir können daher die Reize

nach der Form der Energie gruppieren, durch die sie mit dem Organismus

in Beziehung treten.

Als +chemische Reize+ können wir nach diesem Prinzip alle Einwirkungen

chemischer Natur zusammenfassen, also vor allem die Veränderungen in

der Zufuhr von Nahrung, Wasser, Sauerstoff, aber auch alle Einwirkungen

von anderen chemischen Veränderungen, die sonst nicht mit den

Organismen in Berührung kommen. Zu den chemischen Reizen haben wir

auch die Reize zu zählen, durch welche im tierischen Zellenstaat das

Nervensystem auf die von ihm abhängigen Gewebezellen einwirkt, denn

jede Nervenreizung hat ein chemisches Geschehen in der Nervensubstanz

zur Folge, das sich fortpflanzt bis zur peripherischen Gewebezelle, das

also für die peripherische Gewebezelle als chemischer Reiz betrachtet

werden kann.

Als +osmotische+ Reize können wir alle Veränderungen im osmotischen

Druck des umgebenden Mediums der lebendigen Substanz bezeichnen, denn

alle diese Veränderungen werden auf den Wassergehalt der lebendigen

Substanz verändernd einwirken und so zu Veränderungen im Ablauf der

Lebensvorgänge führen. Leider hat man bisher die rein osmotischen

Reizwirkungen von den rein chemischen Reizwirkungen noch kaum zu

differenzieren vermocht.

Als +mechanische Reize+ können wir dann alle rein mechanischen

Einwirkungen auf den Organismus bezeichnen, sei es, daß sie sich wie

Stoß, Erschütterung, Druck, Zug, Tonschwingungen als Veränderungen der

gröberen Druckverhältnisse geltend machen, sei es, daß sie sich in

molekularen Attraktionen, also in Kohäsions- oder Adhäsionswirkungen

des umgebenden Mediums äußern, sei es schließlich, daß sie auf

Wirkungen der Gravitationsenergie beruhen.

Als +thermische Reize+ haben wir die Veränderungen der Temperatur,

unter der sich der Organismus befindet, zu verzeichnen.

Als +strahlende Reize+ gesellen sich dazu die Veränderungen in der

Einwirkung der Lichtstrahlen, denen wir auch der Einfachheit halber die

anderen Strahlenarten beizählen können, die in neuerer Zeit bekannt

geworden sind.

Als +elektrische Reize+ schließlich würden wir die Einwirkung von

Elektrizität auf den lebendigen Organismus zu bezeichnen haben.

Damit sind aber diejenigen Energieformen, die überhaupt in Beziehung

mit dem Organismus treten, erschöpft. Wir sehen, es fehlt in dieser

Aufzählung der Reizqualitäten noch der Magnetismus. Allein der

Magnetismus ist eine Energieform, die, wie wir jetzt mit voller

Sicherheit sagen können, überhaupt keine Wirkung auf die lebendige

Substanz äußert, und die wir füglich nicht als Reiz bezeichnen dürfen.

Es gab eine Zeit, in der man dem Magnetismus den weitgehendsten und

wunderbarsten Einfluß auf den lebendigen Organismus zuschrieb; das

war die Zeit, als der Arzt ~Mesmer~ den sogenannten „tierischen

Magnetismus“ populär machte, und als man Menschen, Tiere und Pflanzen

mit Magneten „magnetisieren“ zu können glaubte. Indessen, die neuere

Forschung, und zwar zuerst die Entdeckungen des schottischen Arztes

~James Braid~[347], haben gezeigt, daß die Tatsachen, die man dabei

in den Fällen, in denen nicht ein bloßer Betrug vorlag, in der Tat

beobachtet hatte, Wirkungen der Hypnose waren, Tatsachen, die mit dem

Magnetismus nicht das geringste zu tun hatten, für deren Zustandekommen

ein Stück Glas, ein blanker Knopf, eine Gasflamme und jeder andere in

die Augen fallende Gegenstand dieselbe Bedeutung hat wie ein Magnet.

Dennoch hat es bei dem geheimnisvollen Reiz, den alles Mystische auf

das menschliche Gemüt auszuüben pflegt, auch in unserer Zeit nicht bloß

unter den phantasievollen Anhängern des Spiritismus, sondern sogar

unter ausgezeichneten Aerzten Männer gegeben, die sich von der Wirkung

starker Magnete auf gewisse Menschen, vor allem auf hysterische Frauen,

überzeugt zu haben glaubten. Aber allen diesen Beobachtungen hat die

nüchterne Forschung, sobald sie sich damit beschäftigte, immer den

Schleier des Geheimnisvollen entrissen und sie entweder als Betrug von

seiten der „Medien“ oder als Selbsttäuschung der Beobachter erkannt.

In der Tat, so oft man in einwandsfreier Weise Versuche über die

Einwirkung von Magneten auf den lebendigen Organismus anstellte, ebenso

oft haben diese immer mit durchaus negativem Erfolge geendigt. Selbst

die ausgedehnten Versuche, die vor einiger Zeit von ~Peterson~ und

~Kannelly~ in Amerika mit den allerstärksten Elektromagneten angestellt

wurden, haben nur die völlige Wirkungslosigkeit des Magnetismus auf die

lebendige Substanz zu konstatieren vermocht.

Als die einzigen Reizqualitäten können daher nur die chemischen,

mechanischen, thermischen, photischen und elektrischen Veränderungen in

der Umgebung eines Organismus gelten, und diesen wenigen Gruppen lassen

sich in der Tat alle einzelnen Reize unterordnen.

Allgemeine Physiologie · 第 207 / 283 题