Wenn jede Veränderung der Faktoren, die von außen her auf den
Organismus einwirken, als Reiz wirken kann, dann liegt es auf der
Hand, daß der Arten von Reizen unzählige existieren. Nicht nur jede
einzelne äußere Lebensbedingung kann sich ändern; auch neue, vorher
nicht bestehende Bedingungen können hinzutreten und auf den Organismus
wirken. Dennoch läßt sich die Fülle der verschiedenen Reize wenigen
größeren Gruppen von +Reizqualitäten+ unterordnen. Eine natürliche
Einteilung der Reize ergibt sich dabei am besten von der energetischen
Seite der Betrachtung aus, denn mit jeder äußeren Einwirkung auf einen
Körper ist ja ein Energiewechsel verbunden. Wir können daher die Reize
nach der Form der Energie gruppieren, durch die sie mit dem Organismus
in Beziehung treten.
Als +chemische Reize+ können wir nach diesem Prinzip alle Einwirkungen
chemischer Natur zusammenfassen, also vor allem die Veränderungen in
der Zufuhr von Nahrung, Wasser, Sauerstoff, aber auch alle Einwirkungen
von anderen chemischen Veränderungen, die sonst nicht mit den
Organismen in Berührung kommen. Zu den chemischen Reizen haben wir
auch die Reize zu zählen, durch welche im tierischen Zellenstaat das
Nervensystem auf die von ihm abhängigen Gewebezellen einwirkt, denn
jede Nervenreizung hat ein chemisches Geschehen in der Nervensubstanz
zur Folge, das sich fortpflanzt bis zur peripherischen Gewebezelle, das
also für die peripherische Gewebezelle als chemischer Reiz betrachtet
werden kann.
Als +osmotische+ Reize können wir alle Veränderungen im osmotischen
Druck des umgebenden Mediums der lebendigen Substanz bezeichnen, denn
alle diese Veränderungen werden auf den Wassergehalt der lebendigen
Substanz verändernd einwirken und so zu Veränderungen im Ablauf der
Lebensvorgänge führen. Leider hat man bisher die rein osmotischen
Reizwirkungen von den rein chemischen Reizwirkungen noch kaum zu
differenzieren vermocht.
Als +mechanische Reize+ können wir dann alle rein mechanischen
Einwirkungen auf den Organismus bezeichnen, sei es, daß sie sich wie
Stoß, Erschütterung, Druck, Zug, Tonschwingungen als Veränderungen der
gröberen Druckverhältnisse geltend machen, sei es, daß sie sich in
molekularen Attraktionen, also in Kohäsions- oder Adhäsionswirkungen
des umgebenden Mediums äußern, sei es schließlich, daß sie auf
Wirkungen der Gravitationsenergie beruhen.
Als +thermische Reize+ haben wir die Veränderungen der Temperatur,
unter der sich der Organismus befindet, zu verzeichnen.
Als +strahlende Reize+ gesellen sich dazu die Veränderungen in der
Einwirkung der Lichtstrahlen, denen wir auch der Einfachheit halber die
anderen Strahlenarten beizählen können, die in neuerer Zeit bekannt
geworden sind.
Als +elektrische Reize+ schließlich würden wir die Einwirkung von
Elektrizität auf den lebendigen Organismus zu bezeichnen haben.
Damit sind aber diejenigen Energieformen, die überhaupt in Beziehung
mit dem Organismus treten, erschöpft. Wir sehen, es fehlt in dieser
Aufzählung der Reizqualitäten noch der Magnetismus. Allein der
Magnetismus ist eine Energieform, die, wie wir jetzt mit voller
Sicherheit sagen können, überhaupt keine Wirkung auf die lebendige
Substanz äußert, und die wir füglich nicht als Reiz bezeichnen dürfen.
Es gab eine Zeit, in der man dem Magnetismus den weitgehendsten und
wunderbarsten Einfluß auf den lebendigen Organismus zuschrieb; das
war die Zeit, als der Arzt ~Mesmer~ den sogenannten „tierischen
Magnetismus“ populär machte, und als man Menschen, Tiere und Pflanzen
mit Magneten „magnetisieren“ zu können glaubte. Indessen, die neuere
Forschung, und zwar zuerst die Entdeckungen des schottischen Arztes
~James Braid~[347], haben gezeigt, daß die Tatsachen, die man dabei
in den Fällen, in denen nicht ein bloßer Betrug vorlag, in der Tat
beobachtet hatte, Wirkungen der Hypnose waren, Tatsachen, die mit dem
Magnetismus nicht das geringste zu tun hatten, für deren Zustandekommen
ein Stück Glas, ein blanker Knopf, eine Gasflamme und jeder andere in
die Augen fallende Gegenstand dieselbe Bedeutung hat wie ein Magnet.
Dennoch hat es bei dem geheimnisvollen Reiz, den alles Mystische auf
das menschliche Gemüt auszuüben pflegt, auch in unserer Zeit nicht bloß
unter den phantasievollen Anhängern des Spiritismus, sondern sogar
unter ausgezeichneten Aerzten Männer gegeben, die sich von der Wirkung
starker Magnete auf gewisse Menschen, vor allem auf hysterische Frauen,
überzeugt zu haben glaubten. Aber allen diesen Beobachtungen hat die
nüchterne Forschung, sobald sie sich damit beschäftigte, immer den
Schleier des Geheimnisvollen entrissen und sie entweder als Betrug von
seiten der „Medien“ oder als Selbsttäuschung der Beobachter erkannt.
In der Tat, so oft man in einwandsfreier Weise Versuche über die
Einwirkung von Magneten auf den lebendigen Organismus anstellte, ebenso
oft haben diese immer mit durchaus negativem Erfolge geendigt. Selbst
die ausgedehnten Versuche, die vor einiger Zeit von ~Peterson~ und
~Kannelly~ in Amerika mit den allerstärksten Elektromagneten angestellt
wurden, haben nur die völlige Wirkungslosigkeit des Magnetismus auf die
lebendige Substanz zu konstatieren vermocht.
Als die einzigen Reizqualitäten können daher nur die chemischen,
mechanischen, thermischen, photischen und elektrischen Veränderungen in
der Umgebung eines Organismus gelten, und diesen wenigen Gruppen lassen
sich in der Tat alle einzelnen Reize unterordnen.