1. Der Begriff des Reizes.

Merkwürdigerweise ist der Begriff des Reizes früher niemals klar

definiert worden, obwohl die Physiologie auf Schritt und Tritt

Reizwirkungen an den lebendigen Organismen studiert und obwohl sie den

Reiz selbst fortwährend methodisch als Hilfsmittel zum Studium der

Lebensvorgänge verwendet. Es ist daher unbedingt nötig, den Begriff des

Reizes in einer klaren und scharfen Weise zu fixieren und zwar so, daß

diese Formulierung allgemein alle Reize umfaßt.

Wenn wir den Reiz definieren als eine Veränderung in den äußeren

Lebensbedingungen eines Organismus, so ist diese Definition zweifellos

allgemein zutreffend, aber es fragt sich, ob sie auch zureichend ist.

Man könnte vielleicht daran zweifeln. Betrachten wir nämlich folgenden

Fall.

Eine +Amoeba limax+ befinde sich in ihrer natürlichen Nährflüssigkeit,

also etwa in einem Heuaufguß, in dem diese Amöbenform sich in enormen

Mengen entwickelt. Nunmehr fügen wir dem Tropfen, in dem wir die Amöben

beobachten, eine sehr verdünnte Lösung von Kalilauge hinzu, so bemerken

wir die bereits oben (p. 220) beschriebenen Vorgänge. Die Veränderung

in der Zusammensetzung des Mediums wirkt als Reiz. Infolgedessen

zieht sich die Amöbe zunächst kugelig zusammen und beginnt dann von

neuem Pseudopodien auszustrecken, die aber nun eine andere Form haben

als vorher. Die Amöbe nimmt die Form der +Amoeba radiosa+ an und

bleibt dauernd in dieser Form, solange die jetzige Zusammensetzung

des Mediums bestehen bleibt. Bis hierher ist der ganze Vorgang klar.

Der Zusatz von Kalilauge zum Medium bedeutete eine Veränderung in den

äußeren Lebensbedingungen, wirkte also als Reiz. Die Amöbe hat mit der

Veränderung der Lebensbedingungen ihre Form verändert. Die Radiosaform

ist diejenige Form, die den neuen Lebensbedingungen entspricht. Sie ist

der Ausdruck der jetzt bestehenden Summe von Bedingungen und sie bleibt

bestehen, solange diese Bedingungen bestehen bleiben. Für die +Amoeba

radiosa+ also war die Zufügung von Kalilauge ein Reiz, für die +Amoeba

limax+ dagegen ist sie eine Lebensbedingung. Nehmen wir nämlich die

Amöbe vorsichtig mit einem feinen Kapillarröhrchen unter dem Mikroskop

aus dem alkalischen Tropfen heraus und versetzen wir sie wieder in

einen Tropfen ihrer ursprünglichen Nährflüssigkeit, so sehen wir, wie

sie ihre Pseudopodien wiederum kontrahiert und wie sie allmählich

wieder die Form der +Amoeba limax+ annimmt. In diesem Falle hat also

die Entziehung der Kalilauge auf +Amoeba limax+ als Reiz gewirkt.

Einen analogen Fall liefert das oben p. 220 angeführte Beispiel des

+Branchipus stagnalis+ und der +Artemia salina+ und zahllose andere

Beispiele für die gleichen Verhältnisse ließen sich anführen.

Was alle diese Fälle lehren, ist folgendes. Nicht irgendeine

Veränderung in den äußeren Lebensbedingungen eines Organismus an sich,

d. h. absolut betrachtet, repräsentiert einen Reiz, denn die Kalilauge,

die anfangs als Reiz wirkte, ist in dem angegebenen Beispiel sehr

bald zu einer Lebensbedingung geworden; sondern nur eine Veränderung

der äußeren Lebensbedingungen in Relation auf den gegebenen Zustand

des Organismus bedeutet einen Reiz. Die allgemeine Definition des

Reizbegriffs, wie sie oben gegeben wurde, enthält aber bei genauerer

Betrachtung diese Relation bereits in sich, denn durch die bestehenden

Lebensbedingungen ist vom Standpunkte des konsequenten Konditionismus

der gegebene Zustand des Organismus als solcher +eindeutig+ bestimmt

und demgemäß muß auch jede Veränderung in den Lebensbedingungen

den gegebenen Zustand verändern und wieder einen anderen Zustand

bedingen. Es ist daher logisch völlig überflüssig, diese Relation auf

den gegebenen Zustand des Organismus noch einmal besonders in der

Definition zum Ausdruck zu bringen, denn dann wäre dieses bestimmende

Moment doppelt vorhanden. Es liegt aber schon in dem Begriff der

Lebens+bedingung+, die immer nur einen einzigen Zustand eindeutig

bestimmt. Wir können daher sowohl ganz allgemein zutreffend als auch

völlig zureichend den Begriff des Reizes definieren, indem wir sagen:

+Reiz ist jede Veränderung in den äußeren Lebensbedingungen.+

Allgemeine Physiologie · 第 206 / 283 题