Wenn wir von der Tatsache ausgehen, daß Leben einerseits nur bestehen
+kann+, anderseits aber auch bestehen +muß+, sobald ein bestimmter
Komplex von Bedingungen erfüllt ist, dann sind die Todesbedingungen
damit ebenfalls schon in ihrer allgemeinen Form bestimmt, denn dann muß
der Tod eintreten, sobald die Lebensbedingungen wegfallen. Entsprechend
unserer Unterscheidung von äußeren und inneren Lebensbedingungen
müssen wir demnach auch zwischen äußeren und inneren Todesbedingungen
unterscheiden, je nachdem der Tod durch den Wegfall der äußeren oder
der inneren Lebensbedingungen herbeigeführt wird.
Wenn wir zunächst die +äußeren Todesbedingungen+ ins Auge fassen,
so bedarf es keiner eingehenderen Erörterung, daß Entziehung der
Nahrungsstoffe, des Wassers, event. des Sauerstoffs, daß ferner
Ueberschreitung der notwendigen Temperatur- und Druckgrenzen den
Tod herbeiführt, abgesehen von den Organismen, die unter bestimmten
Verhältnissen nur in den Zustand des Scheintodes übergehen. Allein,
damit sind doch die äußeren Todesbedingungen noch nicht erschöpft. Die
allgemeinen und speziellen Lebensbedingungen können erfüllt sein, und
dennoch kann durch Einwirkung äußerer Faktoren der Tod herbeigeführt
werden. Wir müssen also den Begriff der äußeren Lebensbedingungen
noch ergänzen, indem wir dazu auch das Fernbleiben solcher Einflüsse
rechnen, welche die lebendige Substanz zerstören. Derartige Einflüsse
sind vor allem chemische und elektrische Einwirkungen.
Die chemischen Einflüsse, die tödliche Wirkungen hervorrufen,
sind die +Gifte+, und ihre Zahl ist unermeßlich. Alle chemischen
Stoffe, die in chemische Beziehung zu irgendwelchen wesentlichen
Bestandteilen der lebendigen Substanz treten, so daß der Mechanismus
des Stoffwechsels dadurch eine Störung erleidet, bedingen teils schon
nach kürzester, teils erst nach andauernder Einwirkung den Tod,
sei es, daß derselbe sehr schnell erfolgt, sei es, daß er erst das
Ende langer nekrobiotischer Veränderungen vorstellt. Wirken z. B.
irgendwelche Mineralsäuren oder Metallsalze auf die lebendige Substanz
der Zelle ein, so geht die Zelle unfehlbar zugrunde, weil alles
Eiweiß durch diese Stoffe gefällt oder chemisch gebunden wird, so
daß der Stoffwechsel zum Stillstand kommt. Andere auf alle lebendige
Substanz einwirkende Gifte sind die Anaesthetica (Chloroform, Aether,
Alkohol etc.), deren Dämpfe bei dauernder Einwirkung ebenfalls alle
Lebensäußerungen zum Stillstand bringen, mag es sich um Pflanzen,
Tiere oder einzellige Wesen handeln[337]. Auf welcher Veränderung der
lebendigen Substanz aber diese eigentümliche Wirkung der Anaesthetica
beruht, darüber sind erst in allerjüngster Zeit einige theoretische
Erörterungen angestellt worden, auf die weiter unten eingegangen werden
soll. Noch viel weniger aber wissen wir von der Wirkungsart der meisten
Gifte, die teils auf alle lebendige Substanz, teils nur auf ganz
bestimmte Zellen wirken.
Wie die Gifte wirkt auch die +Elektrizität+ in größerer Intensität
dadurch schädlich auf die lebendige Substanz, daß sie chemische
Veränderungen in derselben erzeugt. Es ist bekannt, daß man chemische
Verbindungen, die sich in Lösung befinden, durch einen galvanischen
Strom elektrolytisch zersetzen kann. Ebenso werden auch die
Verbindungen der lebendigen Substanz durch starke galvanische Ströme
zersetzt, so daß die lebendige Substanz getötet wird und zerfällt.
So liegen, wenn auch der speziellere Verlauf ihrer Folgen zum Teil
noch wenig bekannt ist, die +äußeren+ Todesbedingungen doch klar und
deutlich vor uns.
Ganz anders ist es dagegen mit den +inneren Todesbedingungen+. Sie sind
noch immer in tiefes Dunkel gehüllt. Ja, viele Forscher glauben, daß es
gar keine inneren Todesbedingungen gäbe, die in den Eigenschaften der
lebendigen Substanz selbst begründet sind, und erklären den Eintritt
des Todes im Greisenalter bei Leuten, die niemals krank gewesen sind,
durch die allmähliche Häufung unmerklich kleiner Störungen während des
ganzen Lebens. Das ist in der Tat diejenige Lösung des Problems, der
man am häufigsten begegnet. Aber sie ist doch sehr wenig zureichend.
Schon ~Johannes Müller~[338] fühlte sich nicht davon befriedigt. Er
sagt in dem Abschnitt seines Handbuches über die „Vergänglichkeit der
organischen Körper“: „Die Frage, warum die organischen Körper vergehen,
und warum die organische Kraft aus den produzierenden Teilen in die
jungen, lebenden Produkte der organischen Körper übergeht und die alten
produzierenden Teile vergehen, ist eine der schwierigsten der ganzen
allgemeinen Physiologie, und wir sind nicht imstande, das letzte Rätsel
zu lösen, sondern nur den Zusammenhang der Erscheinungen darzustellen.
Es würde ungenügend sein, hierauf zu antworten, daß die anorganischen
Einwirkungen das Leben allmählich aufreiben; denn dann müßte die
organische Kraft vom Anfang eines Wesens schon abzunehmen anfangen. Es
ist aber bekannt, daß die organische Kraft zur Zeit der Mannbarkeit
noch in solcher Vollkommenheit besteht, daß sie sich in der Keimbildung
multipliziert. Es muß also eine ganz andere und tieferliegende
Ursache sein, welche den Tod der Individuen bedingt, während sie die
Fortpflanzung der organischen Kraft von einem Individuum zum anderen
und auf diesem Wege ihre Unvergänglichkeit sichert.“ Derartige Einwände
lassen sich viele machen. Wäre die Ansicht, daß der Tod durch Summation
der Wirkungen von äußeren Schädlichkeiten herbeigeführt wird, richtig,
so sollte man z. B. auch erwarten, daß es einem Menschen, der sehr
regelmäßig lebt und alle Schädlichkeiten möglichst vermeidet, gelingen
müßte, ungeheuer viel älter zu werden als jemand, der unregelmäßig
lebt und sich vielen Strapazen aussetzt. Allein, selbst wenn sich
hier in manchen Fällen eine Differenz herausstellte, so wäre sie
doch immer nur verschwindend, denn die ältesten Menschen sind nicht
viel über 120 Jahre alt geworden, und das waren durchaus nicht immer
Leute von besonders regelmäßigem Lebenswandel. Dazu kommt ein anderer
Umstand. Bei allen Menschen ohne Ausnahme, mögen sie in ihrem Leben
den größten oder den geringsten Schädlichkeiten ausgesetzt gewesen
sein, mögen sie oft oder nie krank gewesen sein, mögen sie diese
oder jene Krankheit gehabt haben, bei allen treten im Greisenalter
+dieselben+ Veränderungen ein, die in atrophischen Prozessen fast
aller Organe bestehen. ~Cohnheim~[339] bahnt daher, besonders im
Hinblick auf den letzteren Umstand, mit Recht eine andere Erklärung
an, indem er sagt: „Gerade die Konstanz, mit der im Greisenalter,
gleichgültig, ob viel oder wenig, und besonders +welche+ pathologischen
Vorgänge im Leben eines Individuums gespielt haben, an +sämtlichen+
Organen des Körpers eine mehr oder weniger ausgesprochene Atrophie
sich einstellt, spricht meines Erachtens ganz evident dafür, daß die
Bedingungen der senilen Atrophie sozusagen physiologische sind.“ Auf
denselben Standpunkt stellt sich auch ~Sedgwick Minot~[340] in seinen
Untersuchungen über das Wachstum und die Altersveränderungen. In der
Tat, wenn man den Menschen nicht als etwas Fertiges, Unveränderliches
betrachtet, wenn man vielmehr seine ganze Entwicklung ins Auge faßt,
wie er, obwohl immer unter denselben äußeren Bedingungen lebend,
sich auch nach der Geburt noch mehr und mehr verändert, wie schon
im Kindesalter normalerweise manche Organe, wie die Thymusdrüse,
atrophieren, obwohl nicht die geringsten Schädlichkeiten von außen auf
sie einwirken, wie später bei allen Frauen noch in ihrem kräftigsten
Lebensalter die Geschlechtsorgane sich zurückbilden etc. etc., dann
wird man keinen Zweifel mehr hegen können, +daß die senile Atrophie,
die schließlich zum Tode aus Altersschwäche führt, nur das letzte
Ende der langen Entwicklungsreihe ist, die der Mensch wie jedes Tier
während seines individuellen Lebens durchlaufen muß+. In Wirklichkeit
gibt es keinen Stillstand im Leben des Organismus. Ebenso wie
sich der erwachsene Organismus aus der kleinen Eizelle allmählich
entwickelt, ohne daß seine äußeren Lebensbedingungen, wie das z. B.
bei vielen im Wasser lebenden Tieren der Fall ist, sich auch nur im
geringsten verändern, ebenso entwickelt er sich auch, wenn auch mit
verschiedener Geschwindigkeit, allmählich weiter zum greisen und
schließlich zum toten Organismus. Die Eizelle ist der Anfang, der
sterbende Greis das natürliche Ende einer ununterbrochenen Entwicklung,
deren innere Bedingungen in der eigentümlichen Zusammensetzung
der lebendigen Substanz liegen, die bereits die Eizelle auf ihren
Lebensweg mitbekommen hat. Es muß daher notwendigerweise an die Stelle
der landläufigen Ansicht, daß der Tod durch die dauernde Summation
+äußerer+ Schädigungen bedingt sei, die Vorstellung gesetzt werden,
daß die Bedingungen des sogenannten „natürlichen“ Todes +im lebendigen
Organismus selbst+ gelegen sind.
Die Notwendigkeit dieser Vorstellung wird aber noch deutlicher, wenn
wir uns nicht bloß auf den Menschen beschränken, sondern wenn wir die
Geschichte des Todes in der Organismenwelt vergleichend betrachten.
Daß die Auffassung des Todes als Endglied der Entwicklungsreihe erst
so spät hervortreten konnte, liegt vor allem an der Ansicht, daß der
Mensch, wenn er erwachsen ist, seine Entwicklung vollendet habe und
sich jahre- und jahrzehntelang in einem stationären Zustande befinde.
Diese Ansicht ist aber durchaus falsch und wird nur durch den Umstand
erweckt, daß die Entwicklung des erwachsenen Menschen so ungemein viel
langsamer abläuft als die Entwicklung in seinen ersten Embryonal- und
Jugendstadien. In Wirklichkeit aber hört die Entwicklung nie auf. Die
Veränderungen sehen wir ja auch deutlich genug, wenn wir die Zustände
des Erwachsenen innerhalb längerer Zwischenräume vergleichen. Wenn
auch keine neuen Organe mehr gebildet werden, so ist doch immerhin
der Dreißiger ein anderer Mensch als der Vierziger, der Vierziger ein
anderer als der Fünfziger und Sechziger usf. Ein stationärer Zustand
tritt nie ein, und wir wissen ja jetzt auch, daß die Zellteilungen,
auf denen von der Teilung der Eizelle an alle Entwicklung beruht,
auch beim Erwachsenen und selbst beim Greise noch stattfinden, nur
immer langsamer und langsamer. Allein was beim Menschen schwerer
zu erkennen ist, das zeigt uns ein Blick auf die Verhältnisse, wie
sie z. B. bei den Insekten bestehen, ohne weiteres. Während beim
Menschen die Lebenszeit des Erwachsenen gegenüber der Embryonalzeit
eine außerordentlich lange ist, haben wir bei den meisten Insekten
das umgekehrte Verhältnis. Viele Insekten sterben sehr bald nach der
Begattung oder der Eiablage, und nur die nicht zur Begattung gekommenen
Individuen leben bisweilen länger. Das beste Beispiel liefern die
Eintagsfliegen. Hier leben die erwachsenen und „fertig“ ausgebildeten
Insekten häufig nur wenige Stunden. Sie sterben unmittelbar nach der
Eiablage. Diese Tatsachen beweisen am allerschlagendsten, daß es nicht
die summierte Wirkung vieler äußerlicher Schädlichkeiten sein kann,
welche den Tod herbeiführt, sondern daß die Bedingungen des Todes
im +Organismus selbst+ schon angelegt sind, und daß der Tod nur das
natürliche Ende der Entwicklung vorstellt. Das Problem der Entwicklung
und das Problem des Todes gehören also untrennbar zusammen, das
letztere ist nur ein Teil des ersteren.
Fassen wir das Ergebnis dieser Betrachtung noch einmal mit etwas
anderen Worten zusammen. Unsere Vorstellung von den Bedingungen
des natürlichen Todes ist gegründet auf den wichtigen Satz, daß
der Organismus sich von seiner individuellen Entstehung an bis zu
seinem Tode ununterbrochen verändert. Die verschiedenen Teile des
Organismus nehmen aber in sehr verschiedenem Grade und mit sehr
verschiedener Geschwindigkeit an den Veränderungen teil. Auf diese
Weise bildet sich im Leben eines jeden Organismus allmählich ein
Zeitpunkt heraus, an dem das Getriebe seines Mechanismus durch die
in seiner Entwicklung eintretenden Veränderungen der einzelnen Teile
eine solche Störung erfahren hat, daß er dem Tode verfällt. Für den
vielzelligen Organismus heißt das, daß die verschiedenen Zellen und
Zellgruppen seiner Organe sich aus inneren Gründen in ihrer Entwicklung
allmählich so verändern, daß bei dem engen Abhängigkeitsverhältnis,
in dem alle Zellen, Gewebe und Organe zueinander stehen, die Störung
des Zusammenwirkens immer größer wird, bis der Organismus zugrunde
geht. Dabei können die +unmittelbaren+ Todesbedingungen für die
verschiedenen Zellen des vielzelligen Organismus sehr verschiedene
sein. Ein großer Teil der Zellen und Gewebe geht sogar +stets+ durch
außer ihm, aber doch immer im Organismus selbst gelegene Faktoren
zugrunde, weil die Teile, von denen diese Zellen abhängig sind, die zu
ihren äußeren Lebensbedingungen gehören, wie z. B. die Nervenzentra,
das Herz etc., Störungen erlitten haben und zugrunde gegangen sind.
Sind z. B. die Ganglienzellen, deren Tätigkeit die Atembewegungen
beherrscht, gestorben, so hört die Atmung auf. Steht das Herz still, so
zirkuliert kein Blut mehr in den Geweben, die Gewebezellen werden nicht
mehr ernährt, und die sämtlichen Gewebe sterben früher oder später
ebenfalls, weil ihre äußeren Lebensbedingungen ihnen entzogen sind.
Stirbt aber die einzelne Zelle +nicht+ durch äußere Todesbedingungen,
so gilt für sie genau dasselbe, was für den Zellenstaat gilt:
Der Zustand ihrer lebendigen Substanz verändert sich aus inneren
Bedingungen ununterbrochen, und es entwickelt sich allmählich
ein Zeitpunkt, an dem die Störungen in dem Zusammenwirken ihrer
Bestandteile so groß geworden sind, daß das Leben aufhört. Damit sind
zwar die speziellen Vorgänge in der lebendigen Substanz, deren Folge
der Tod ist, noch nicht aufgedeckt, ebensowenig wie der Mechanismus
der Entwicklung und des Lebens überhaupt; allein, es ist doch zunächst
eine Vereinfachung und eine schärfere Formulierung des Problems damit
gegeben, die uns dem Verständnis etwas näher bringt.
Das Problem der Entwicklung und das Problem des Todes enthält dieselbe
Frage, die Frage: Infolge welcher Bedingungen verändert sich die
lebendige Substanz während ihres individuellen Lebens fortdauernd?
Erst das tiefere Eindringen in den Chemismus der lebendigen Zelle
wird imstande sein, die speziellen Bedingungen für dieses Verhalten
aufzudecken.