1. Histolytische Prozesse.

Die einfachsten Formen der histolytischen Prozesse sind die

„+Atrophien+“. Es sind meist chronisch verlaufende Prozesse, die darin

bestehen, daß die aufsteigende Phase des Stoffwechsels der betroffenen

Zellen, also die Vorgänge, die zum Aufbau und zur Neubildung der

lebendigen Substanz führen, immer mehr und mehr an Umfang abnehmen, bis

sie schließlich ganz aufhören. Die Folge davon ist, daß die lebendige

Substanz, die sich ja in gewissem Maße fortwährend von selbst zersetzt,

mehr und mehr an Menge einbüßt, so daß die Zelle immer kleiner wird,

bis der Rest, wenn es zum Extrem kommt, schließlich zerfällt. Man sagt:

die Zelle oder das Gewebe „+atrophiert+“.

Die Fälle von Atrophie eines Organs oder Gewebes sind im ganzen

Organismenreich weit verbreitet und spielen sowohl in der normalen

Entwicklung der Tiere als auch unter pathologischen Verhältnissen eine

große Rolle.

Die klarsten Beispiele für atrophische Prozesse liefert +der Hunger+.

Die oben beschriebenen Veränderungen, die sich bei Nahrungsentziehung

an den einzelnen Zellen sowohl wie an den verschiedenen Geweben und

Organen vollziehen, gehören hierher (vergl. p. 324).

[Illustration: Fig. 152. +Histolyse der Muskelfasern im Schwanz der

Froschlarve.+ Nach ~Looss~.]

Unter den Fällen der Atrophie, die in der +Entwicklung+ des normalen

Organismus auftreten, sind vor allem bekannt die Vorgänge der

Histolyse oder Rückbildung embryonaler Organe, die besonders für die

Tiere mit ausgesprochener „+Metamorphose+“ oder Larvenentwicklung

charakteristisch sind. Diese histolytischen Prozesse sind hauptsächlich

an dem atrophierenden Schwanze der Froschlarven (Kaulquappen) von

~Looss~[320] genauer verfolgt worden. Die Histolyse verläuft in ihren

wesentlichen Momenten bei den verschiedenen Zellformen übereinstimmend.

Zuerst macht sich eine Auflockerung der die Zellen untereinander zum

Gewebe verbindenden Kittsubstanz bemerkbar, so daß die Zellen lockerer

aneinanderhängen. Währenddessen aber beginnt auch schon eine sichtbare

Veränderung im Protoplasma der Zellen selbst. „+Die Zellsubstanz gibt

ihre normale charakteristische Struktur auf+: Das ursprünglich in

Form eines mehr oder weniger ausgeprägten Schwammgerüstes vorhandene,

meist stärker färbbare Spongioplasma zieht sich zusammen, die

einzelnen Balken werden gröber, und schließlich zerfällt das Ganze

in eine größere oder kleinere Anzahl von kugelrunden Tröpfchen, die

innerhalb des weniger oder gar nicht gefärbten Hyaloplasmas liegen,

das seinerseits ebenfalls zu einer einheitlichen Masse sich vereinigt

hat.“ Die Grundsubstanz, in der diese Kügelchen liegen, beginnt sich

zuerst aufzulösen, und erst später verflüssigen sich auch diese

Kügelchen selbst. So bleiben schließlich vom ganzen Protoplasma nur

noch einige Körnchen übrig, die von den als Freßzellen in allen

Geweben umherkriechenden Leukocyten aufgefressen werden. Die Kerne

der Zellen halten dem Zerfall meist bedeutend länger stand, werden

aber schließlich auch Opfer eines ganz ähnlichen Prozesses. Ihre

Grundsubstanz verschwindet sehr bald, die chromatische Substanz und die

Kernmembran schrumpfen mehr und mehr zusammen und zerfallen in einzelne

Bröckel, die sich zuletzt ebenfalls auflösen. Ganz ähnlich verhalten

sich auch die sonst ziemlich differenten Muskelfasern. Die einzelnen

Fibrillen quellen auf und verkleben untereinander. Dabei beginnt sich

die isotrope und anisotrope Substanz untereinander zu vermischen, so

daß die Querscheibe allmählich verschwindet. Auch die Doppelbrechung

der anisotropen Schichten erlischt. Gleichzeitig zerfallen die

Muskelfasern in kleinere rundliche Trümmer, die schließlich ebenfalls

der Auflösung anheimfallen (Fig. 152). In ganz analoger Weise dürften

die Prozesse der Histolyse auch in den meisten anderen Fällen

verlaufen, z. B. bei der Rückbildung der larvalen Organe der Insekten,

der Muskeln des Lachses, der Thymusdrüse des Menschen etc. Jedoch geht

aus den Untersuchungen von ~Metschnikoff~[321], ~Kowalevsky~[322]

u. a. hervor, daß bei manchen Insekten, besonders bei Fliegenmaden, wo

die Rückbildung der larvalen Gewebe besonders schnell vor sich geht,

die Histolyse wesentlich von den Leukocyten mit besorgt wird, indem

diese kleinen „Phagocyten“ die noch nicht zerfallenen Gewebezellen

auffressen. Immerhin wird man auch hier voraussetzen müssen, daß die

Einleitung der Histolyse von seiten der Gewebezellen selbst ausgeht,

und daß die Leukocyten erst die bereits zu atrophieren beginnenden

Zellen auffressen. Der ganze Unterschied liegt dann, wie das auch

~Korotneff~[323] hervorgehoben hat, darin, daß da, wo es sich um eine

möglichst schnelle Beseitigung der Gewebe handelt, die Leukocyten

eine energischere Tätigkeit entfalten und früher damit beginnen. Zu

den Atrophien im normalen Leben gehören ferner auch die Vorgänge

der „+senilen Atrophie+“, die in einer sehr langsamen und stetig

fortschreitenden Rückbildung der verschiedenen Gewebe besteht und im

höheren Greisenalter niemals ausbleibt.

[Illustration: Fig. 153. +Muskelfaserfragmente bei der Metamorphose der

Fliegenmade von Leukocyten zerstört.+ Die dunkleren, grau gekörnten

Zellen sind die Leukocyten. Nach ~Kowalevsky~.]

Den normalen Atrophien reihen sich die pathologischen an, die am

Organismus auftreten, wenn Erkrankungen die geeigneten Bedingungen

dafür geschaffen haben. So atrophieren z. B. die Muskeln des

Unterschenkels beim Menschen, wenn das Kniegelenk infolge einer

Erkrankung verknöchert und unbeweglich geworden ist. Solche Atrophien,

die infolge des Nichtgebrauchs eines Organes eintreten, werden

als „+Inaktivitätsatrophien+“ bezeichnet. Die Prozesse bei diesen

pathologischen Atrophien sind im großen und ganzen dieselben, die

wir bereits kennen gelernt haben, doch zeigen sich bisweilen noch

einige merkwürdige Einzelheiten. So hat man z. B. vielfach in Muskeln,

die infolge irgendeiner Krankheit atrophierten, eine ganz ungeheure

Vermehrung der Muskelkerne gefunden, während Looss mit Sicherheit

feststellen konnte, daß bei der Muskelatrophie des Kaulquappenschwanzes

die Kerne weder vermehrt noch vermindert waren. Ferner sind die infolge

von Krankheiten atrophierenden Gewebe in der Regel anfangs viel fester

und derber als die Gewebe, die der normalen Histolyse verfallen,

ein Umstand, der vielleicht in der bedeutend längeren Dauer der

pathologischen Atrophie begründet ist, bei der die aufgelösten Massen

mehr Zeit haben, abzufließen. Allein, das sind alles nur speziellere,

akzessorische Momente. Die Nekrobiose der Leukocyten hat besonders

~Gumprecht~[324] bei der akuten Leukämie verfolgt. Sie ist insofern

interessant, als sich dabei die Auflösung des Zellkerns in einer sehr

einfachen Weise vollzieht. Die Kernmembran geht zugrunde, der Inhalt

des Kerns mischt sich mit dem Protoplasma, die chromatische Substanz

wird blasser und blasser, bis der ganze Leukocyt eine homogene Masse

vorstellt, die unter Aufquellung und Vakuolenbildung zerfließt (Fig.

154).

Den Atrophien können wir eine Reihe von Absterbeprozessen anfügen,

die in der Pathologie unter dem gemeinschaftlichen Namen der

„+Nekrosen+“[325] zusammengefaßt werden, obwohl sie wenig Aehnlichkeit

untereinander haben, die aber im allgemeinen mehr akut verlaufen als

die Atrophien.

[Illustration: Fig. 154. +Nekrobiose der Leukocyten bei akuter

Leukämie.+ _I_ und _II_ normale Leukocyten, die dunkle Masse

der Zellkern, der helle Saum das Protoplasma. _III_-_VII_

Auflösungsstadien. Nach ~Gumprecht~.]

[Illustration: Fig. 155. +Wachsartige Degeneration der Muskeln bei

Typhus abdominalis.+ _a_ Quergestreifte, normale Muskelfaser, _b_

in wachsartige Schollen zerfallene Fasern, _c_ Muskelkerne, _d_

Bindegewebe. Nach ~Ziegler~.]

Unter den verschiedenen nekrotischen Prozessen können wir mehrere

Hauptformen unterscheiden, die durch bestimmte Eigentümlichkeiten

charakterisiert sind. Eine dieser Hauptformen ist die +Vertrocknung+

oder der „+trockene Brand+“. Bei dieser Form der Nekrose schrumpfen die

Gewebezellen unter Flüssigkeitsverlust zu festen, lederartigen Massen

zusammen, so daß die Gewebe trocken, hart und bröcklig geworden sind,

wenn der Prozeß sein Ende erreicht hat. Die Vertrocknung kommt sowohl

normal vor beim Eintrocknen des Nabelschnurrestes der neugeborenen

Kinder als auch unter pathologischen Verhältnissen, wie z. B. nach

Verbrennen oder Erfrieren der Finger- und Zehenspitzen, besonders im

Greisenalter, sowie bei der Mumifikation von Embryonen, die sich, statt

im Uterus, in der Bauchhöhle des Tieres oder Menschen entwickeln und,

da sie nicht geboren werden können, im Leibe der Mutter absterben.

Solche Embryonen nehmen allmählich eine harte, mumienartige Konsistenz

an, weil die in ihnen enthaltene Flüssigkeit vom mütterlichen Körper

resorbiert wird. Eine zweite Hauptform der Nekrose ist die zuerst

von ~Weigert~[326] eingehend untersuchte +Koagulationsnekrose+ und

besteht darin, daß die Eiweißkörper der betreffenden Gewebezellen

gerinnen. Man kann zu den Koagulationsnekrosen schon die gewöhnliche

Totenstarre der absterbenden Muskeln rechnen, obwohl ~Weigert~ selbst

sie davon trennt, da er für das Zustandekommen der Koagulationsnekrosen

die Mitwirkung von Lymphe für unerläßlich hält. Allein im Prinzip

haben wir schon bei der Totenstarre, die den absterbenden Muskel

unter allmählicher Kontraktion in ein starres Organ verwandelt und

so die steife und starre Beschaffenheit der Leichen bedingt, wenn

auch vorübergehend, denselben Vorgang; denn das Myosin, der für den

Muskel charakteristische Eiweißkörper, der im lebendigen Muskel

gelöst enthalten ist, gerinnt beim Absterben und erzeugt so die

Totenstarre, die sich dann erst infolge anderer Umsetzungen im Muskel

unter Erschlaffung desselben wieder löst. Aber auch eine typische

Koagulationsnekrose im Sinne ~Weigert~s kommt unter pathologischen

Verhältnissen, besonders im Anschluß an fieberhafte Krankheiten, wie

Typhus etc., beim Muskel vor: das ist die sogenannte „+wachsartige

Degeneration+“, die in einer Gerinnung der Muskelsubstanz unter

Verlust ihrer Querstreifung und Zerklüftung in wächsern aussehende

Schollen besteht (Fig. 155). Aehnliche Koagulationsprozesse treten

auch in den anderen Gewebezellen, besonders bei starken Entzündungen

der Schleimhäute, wie bei Diphtherie des Rachens etc., auf. Zu den

Koagulationsnekrosen im weiteren Sinne können wir schließlich auch

diejenigen Formen des Zelltodes rechnen, die eintreten, wenn wir

lebendige Gewebe behufs anatomischer oder histologischer Konservierung

mit Gerinnung erzeugenden Flüssigkeiten, wie Mineralsäuren, Alkohol,

Sublimat etc., übergießen. Das sind die akutesten Fälle des Zelltodes

überhaupt, und gerade darum eignen sich diese Flüssigkeiten zum Abtöten

und Konservieren besonders gut, denn die lebendige Zelle wird hierbei

plötzlich vom Tode überrascht, so daß sie nicht erst Zeit hat, sich

in tiefergehender Weise zu verändern, sondern in einer den lebendigen

Verhältnissen ziemlich ähnlichen Beschaffenheit momentan fixiert wird.

Eine dritte Form der Nekrose, die +Kolliquation+, verläuft so, daß

eine vollkommene Verflüssigung der betroffenen Gewebezellen eintritt,

indem ihr Protoplasma in einen körnigen Detritus zerfällt, und die

Zellkerne und Zellgrenzen sich auflösen, bis das Gewebe in einen

flüssigen Brei umgewandelt ist. Solche Erweichungen kommen namentlich

bei der Blasenbildung nach Verbrennung zustande (Fig. 156) und können

sich häufig mit Koagulationsvorgängen kombinieren. Ueberhaupt kommen

nicht selten verschiedene Formen der Nekrose kombiniert vor, und

besonders werden sie noch durch sekundäre Momente kompliziert, wie

z. B. durch die Fäulnis. Im letzteren Falle entstehen die Nekroseformen

des +feuchten Brandes+, der +Gangrän+, der +Verwesung+ etc., die alle

durch die Einwirkung von Fäulnisbakterien auf nekrobiotische Gewebe

hervorgerufen werden und zum Teil erst postmortale Veränderungen

vorstellen. Es sind weiterhin noch manche andere Formen der Nekrose

mehr oder weniger gut von der Pathologie charakterisiert worden,

indessen beruhen diese Begriffe der Pathologie weniger auf der

Untersuchung der mikroskopischen Vorgänge in der Zelle selbst als

vielmehr auf dem makroskopischen Bilde des Endergebnisses, das

naturgemäß von den verschiedensten, nicht durch die reinen Vorgänge des

Zellentodes unmittelbar bedingten Nebenumständen abhängig ist.

[Illustration: Fig. 156. +Kolliquation am Rande einer Brandblase.+

_a_ Hornschicht der Epidermis, _b_ Rete Malpighii der Epidermis, _c_

normale Hautpapillen, _d_ aufgequollene und zum Teil schon verflüssigte

Zellen, _e_ teilweise noch normale Zellen, _f_ Verflüssigungsherd, _g_

und _h_ aufgequollene Zellen mit zerstörtem Kern, _i_ eingesunkene

Papillen, _k_ geronnenes Exsudat. Nach ~Ziegler~.]

Endlich können wir den Atrophien und Nekrosen noch eine Reihe von

Vorgängen anschließen, die sich beim Absterben von Zellen in wässerigen

Medien in der ganzen Organismenwelt weit verbreitet finden: das sind

die Vorgänge des +körnigen Zerfalls+[327]. Das Gemeinschaftliche aller

Arten des körnigen Zerfalls liegt darin, daß am Ende des Prozesses die

betroffene Zelle einen mehr oder weniger lose zusammenhängenden Haufen

von einzelnen Körnchen bildet.

[Illustration: Fig. 157. +Körniger Zerfall.+ _I_ Stück eines

+Spirostomums+ von der Wundstelle her zerfallend. _II_ +Pelomyxa+ auf

Ueberreizung von einer Seite her zerfallend.]

Am leichtesten können wir den körnigen Zerfall bei manchen Infusorien

beobachten, wenn ihr Protoplasma besonders wasserreich ist. Das ist

z. B. bei dem großen walzenförmigen +Spirostomum ambiguum+ der Fall,

das außerdem eine sehr wenig feste Oberflächenschicht seines Exoplasmas

besitzt. Bringt man solchen Infusorien eine Wunde bei, indem man sie

unter dem Mikroskop durch einen Schnitt in zwei Teile schneidet, so

ereignet es sich sehr häufig, daß die Teilstücke von der Wundfläche

her förmlich zerstieben. Man kann den Tod mit den Augen verfolgen, wie

er, einem glimmenden Funken gleich, der an einer Zündschnur dahinläuft

und nur ein loses Aschenhäufchen hinter sich zurückläßt, über den

ganzen Infusorienkörper kriecht, Teilchen nach Teilchen ergreifend,

Wimper nach Wimper in ihrer ungestörten Tätigkeit überraschend und

mitten aus dem Leben zum ewigen Stillstand zwingend, bis in einen toten

Körnerhaufen verwandelt ist, was eben noch in lebendiger Bewegung

begriffen war (Fig. 157).

Indessen diese sehr akut verlaufenden Fälle an Infusorienzellen, die

das Interesse jedes Beobachters fesseln, der sie zum ersten Male sieht,

sind für das Studium der feineren Vorgänge im Protoplasma deshalb

nicht sehr geeignet, weil es sich bei der schon von vornherein sehr

körnerreichen Beschaffenheit des Protoplasmas nur schwer entscheiden

läßt, wie weit das Körnermaterial der zerfallenen Massen sich aus den

schon präformierten Körnern zusammensetzt, und wie weit es als solches

erst direkt durch den Absterbeprozeß gebildet wird. Außerordentlich

günstig sind dagegen in dieser Beziehung die vollkommen hyalinen und

körnerfreien Protoplasmamassen mancher Rhizopoden, z. B. des marinen

+Hyalopus Dujardinii+ (Fig. 158 _I_). Schneidet man unter dem Mikroskop

mit einem feinen Messer eines der glatten, wasserklaren Pseudopodien

ab, so beginnt dasselbe von der Schnittstelle her allmählich mehr und

mehr zu zerfallen (Fig. 158 _II_ und _III_). Je nach der Dicke und

Größe der abgeschnittenen Masse sieht man dann entweder bald oder erst

im Verlauf einiger Stunden statt der durchsichtigen Protoplasmamasse

einen Haufen von kleinen Körnchen und Kügelchen, zwischen denen noch

vereinzelt etwas größere runde Tröpfchen von hyalinem Protoplasma

(Fig. 158 _III_ _D_, _b_) sowie bisweilen eine oder wenige matte runde

durchsichtige Blasen (Fig. 158 _III_ _D_, _a_) liegen, alles locker

zusammengehalten durch eine sehr feine, lose, schleimige Masse. Hier

ist also jeder Zweifel ausgeschlossen, daß dieser Haufen von Körnchen

und Kügelchen entstanden ist durch Umbildung einer ursprünglich

vollkommen klaren Masse lebendiger Substanz. Eine interessante Tatsache

zeigt sich aber erst bei Untersuchung dieses Prozesses mit stärkeren

Vergrößerungen. Die Pseudopodien des +Hyalopus+ lassen nämlich im

normalen Leben der Zelle schon einen charakteristischen Unterschied in

dem Verhalten ihres Protoplasmas bei der Expansionsphase einerseits

und der Kontraktionsphase anderseits erkennen. Während das Protoplasma

bei der Ausstreckung vollkommen homogen aussieht, nimmt es bei der

Einziehung die typische Wabenstruktur im Sinne ~Bütschli~s[328] an

und wird, wenn die Kontraktion, z. B. infolge einer Reizung, sehr

stark wird, an der Oberfläche höckerig und wulstig (Fig. 158 _V_ und

_VI_). Bei der Entwicklung des körnigen Zerfalls zeigt sich nun genau

derselbe Vorgang wie bei der Kontraktion: das Protoplasma beginnt

Wabenstruktur anzunehmen. Das ist die Einleitung des körnigen Zerfalls,

denn die Wabenwände ziehen sich nun mehr und mehr höckerig und klumpig

zusammen, zerreißen hier und da und runden sich schließlich zu kleinen

Kügelchen und Tröpfchen ab, die nur durch die schleimige Flüssigkeit

der geplatzten Vakuolen, die häufig zu einer größeren Schleimblase

zusammenfließt, als loser Körnerhaufen aneinandergehalten werden (Fig.

158 _IV_). +Hier stellt also der körnige Zerfall gewissermaßen eine

über das Maximum hinaus entwickelte Kontraktion vor.+

[Illustration: Fig. 158. +Hyalopus (Gromia) Dujardinii, körniger

Zerfall.+ _I_ Ganzes Individuum. Aus der eiförmigen, membranartigen

Schale ragen zahlreiche Pseudopodien hervor, die links in Einziehung

begriffen sind. _II_ und _III_ abgeschnittene Pseudopodien, an denen

sich der körnige Zerfall entwickelt. Die Protoplasmakügelchen und

-tröpfchen werden nur noch durch eine lockere, schleimige Bindemasse

lose zusammengehalten. Zwischen ihnen zerstreut liegen noch einzelne

größere hyaline Protoplasmatröpfchen (_III_ _D_ _b_), sowie einzelne

größere Schleimkugeln (_III_ _D_ _a_). _IV_ Pseudopodium, das bei

_a_ abgeschnitten ist und von hier aus körnig zerfällt. Stärkere

Vergrößerung. Bei _a_ ist der körnige Zerfall schon vollständig, die

Kugeln sind schon isoliert, bei _b_ erst der Beginn des Zerfalls,

der durch die Vakuolenbildung eingeleitet wird. Zwischen beiden

Punkten alle Uebergangsstufen. _V_ Schalenöffnung des Hyalopus mit

ausgestreckten Pseudopodien, von denen drei an der Stelle des Pfeiles

gereizt sind und einen höckerigen Kontur angenommen haben. _VI_

Reizstelle eines Pseudopodiums stärker vergrößert. Man sieht Vakuolen,

deren Wandprotoplasma sich höckerig und klumpig zusammengezogen hat.

Der Vergleich zeigt die Uebereinstimmung mit _IV_.]

[Illustration: Fig. 159. _I_ +Amöbe+, _A_ normal, _B_ in der

Nekrobiose. _II_ +Leukocyt+, _A_ normal, _B_ in der Nekrobiose.]

Diese Tatsache ist von großem Interesse; denn wenn wir vergleichend die

histolytischen Prozesse an verschiedenen Zellen verfolgen, so finden

wir das gemeinsame Gesetz, daß alle Elemente, deren Kontraktilität

deutlich zum Ausdruck kommen kann, also vor allem sämtliche nackten

Protoplasmamassen, wie Rhizopoden, Protoplasmatropfen von Gewebezellen

etc., ferner kontraktile Fibrillen, Muskelfasern etc., ausnahmslos in

der Kontraktionsphase absterben. Amöben und Leukocyten nehmen, wie bei

jeder Kontraktion, mehr oder weniger vollkommene Kugelgestalt an (Fig.

159 _B_); Rhizopoden mit langen Pseudopodien ziehen ihre Pseudopodien

ein und werden klumpig, oder die fadenförmigen Pseudopodien werden

varikös und zerfallen selbst zu kleinen Kügelchen (Fig. 160).

Protoplasmafetzen aus dem Innern irgendwelcher formbeständigen Zellen,

etwa Pflanzenzellen oder Gewebezellen oder auch freilebender Zellen,

runden sich stets zu kugeligen Tropfen ab (Fig. 46 _a_ p. 131).

Kontraktile Fibrillen und Muskelfasern gehen in Totenstarre über, d. h.

sie kontrahieren sich noch ein letztes Mal (p. 158), und erst wenn

die Totenstarre vorbei, wenn der Tod vollendet ist, werden sie passiv

wieder gestreckt durch die Wirkung elastischer Elemente. +Kurz, überall

finden wir, daß alles Protoplasma, dessen Kontraktilität überhaupt zum

Ausdruck kommen kann, im Kontraktionszustande abstirbt.+

Es wäre ein sehr lohnendes Unternehmen, auch noch andere, allen

histolytischen Prozessen gemeinsame Eigentümlichkeiten durch eine

vergleichende Untersuchung der nekrobiotischen Vorgänge festzustellen,

wobei, wie ~Israel~[329] in seinen Untersuchungen über den Tod der

Zelle mit Recht hervorgehoben hat, die Bedingungen des Todes und

die Dauer der Nekrobiose besonders zu berücksichtigen wären. Nur

durch eine vergleichende Geschichte des Todes kann ein Verständnis

der nekrobiotischen Vorgänge, das bis jetzt noch wenig entwickelt

ist, mit der Zeit erhofft und damit zugleich auch die Kenntnis des

Lebensvorgangs selbst gefördert werden.

Allgemeine Physiologie · 第 191 / 283 题