III. Die Geschichte des Todes.

Der Punkt, in dem unsere Betrachtung der Lebensbedingungen gipfelte,

war die Tatsache, daß das Leben nur bestehen kann, aber auch entstehen

+muß+, mit derselben unabwendbaren Notwendigkeit wie jeder andere

Naturvorgang, wenn ein bestimmter Komplex von Bedingungen erfüllt ist.

Fehlen diese Bedingungen, so fehlt auch das Leben.

Die Entstehung des Lebens auf der Erde war nur die eine Konsequenz aus

dieser Tatsache. Die andere, die wir jetzt ins Auge fassen wollen, ist

die Entwicklung des Todes.

A. Die Vorgänge der Nekrobiose.

Fällt eine, mehrere oder alle Lebensbedingungen unter den speziellen

Verhältnissen, unter denen sich irgendein Organismus befindet, aus,

so hören die Lebensäußerungen auf; das Leben steht still. Dieser

Stillstand ist, abgesehen von den wenigen Fällen des latenten

Lebens, stets der Tod. Aber, wie wir schon bei anderer Gelegenheit

sahen[318], tritt der Tod nie unvermittelt ein. Es gibt keine scharfe

Grenze, die Leben und Tod voneinander scheidet, es findet vielmehr

ein allmählicher Uebergang statt zwischen Leben und Tod: +der Tod

entwickelt sich+. Gesundes Leben einerseits und Tod anderseits sind

nur die äußersten Endglieder dieser Entwicklung, die durch eine

Reihe von Zwischenstadien lückenlos miteinander verbunden sind.

Beide +Endstadien+ lassen sich wohl leicht und scharf voneinander

unterscheiden, aber eine scharfe Grenze zu ziehen da, wo der Tod

beginnt und das Leben aufhört, ist unmöglich. Deshalb bezeichnen

wir mit einem Worte, das von ~K. H. Schultz~ und ~Virchow~ in die

Pathologie eingeführt wurde, diesen Uebergang vom Leben zum Tod als

„+Nekrobiose+“. Zwar unterscheidet ~Virchow~[319] zwischen Nekrobiose

und Nekrose nach äußeren Gesichtspunkten in der Weise, daß er von

Nekrobiose spricht, wenn der betroffene Teil später in seiner Form

vollständig zerstört und untergegangen ist, von Nekrose dagegen, wenn

er in seiner ursprünglichen Gestalt im Tode noch bestehen bleibt;

allein so praktisch dieser äußere Unterschied für die Beurteilung

grober Verhältnisse, ganzer Organe oder Gewebe etc. sein mag, so

wenig Bedeutung hat er für die theoretische Auffassung des Vorgangs

selbst, denn es hängt häufig von ganz nebensächlichen Momenten ab, ob

der Enderfolg sich in dieser oder jener Weise gestaltet. Hat z. B.

eine Zelle eine feste Membran, so bleibt ihre Form, während der

Protoplasmakörper schon längst abgestorben ist, noch lange erhalten;

ist ihr Protoplasma aber nackt, so zerfällt die Zelle in der Regel

zu einem formlosen Häufchen von Körnern, und doch kann das Wesen des

Prozesses, der zum Tode führt, in beiden Fällen das gleiche sein.

Daher scheint es zweckmäßiger, diese für grobe Verhältnisse praktische

Unterscheidung fallen zu lassen und den Begriff der Nekrobiose so

weit zu fassen, daß er auch die sogenannten nekrotischen Prozesse mit

einschließt. Dann verstehen wir unter +Nekrobiose diejenigen Prozesse,

die, mit einer unheilbaren Schädigung des normalen Lebens beginnend,

schneller oder langsamer zum unvermeidlichen Tode führen+. Der damit

vielfach synonym gebrauchte Begriff der Degeneration hat den Nachteil,

daß er nicht eindeutig ist und auf viele ganz verschiedenartige Dinge

Anwendung findet.

Mit den Tatsachen der Nekrobiose sind wir bereits auf ein Gebiet

gelangt, das sich wegen seiner enorm praktischen Bedeutung als

selbständige Wissenschaft entwickelt und einen ungeheuren Umfang

angenommen hat; das ist die Lehre von den Krankheiten, die

+Pathologie+. Unsere folgende Betrachtung wird sich daher zum großen

Teil auf diesem Gebiete bewegen und die Wege aufsuchen, welche in das

Schattenreich des Todes führen.

Da die Zelle der eigentliche Sitz des Lebens ist, so muß die Zelle

ebenso, wie sie für die Erforschung der +Lebensäußerungen+ den

Angriffspunkt vorstellt, auch das Objekt für die Untersuchung der

+Nekrobiose+ abgeben. Der Tod der großen Organismen mit ihren

weitdifferenzierten Organen und Geweben beruht ja lediglich auf dem

Absterben der einzelnen Zellen, die den Zellenstaat des Organismus

zusammensetzen. In den einzelnen Zellformen aber verlaufen die

Vorgänge, die zum Tode führen, sehr verschieden. Das hängt einerseits

von der Beschaffenheit der lebendigen Substanz ab, die jede einzelne

Zellform charakterisiert, anderseits von der Art und Weise der

Faktoren, die den Tod der Zelle bedingen. Es liegt also auf der Hand,

daß daraus eine große Mannigfaltigkeit der Absterbeprozesse resultieren

muß. Immerhin kann man die Vorgänge der Nekrobiose in zwei große

Gruppen bringen, die sich fundamental voneinander unterscheiden.

Die eine Gruppe dieser Vorgänge besteht darin, daß die normalen

Lebensprozesse nach und nach ausfallen, ohne vorher eine wesentliche

Aenderung zu erfahren; wir können diese Prozesse als +histolytische

Prozesse+ bezeichnen. Die andere Gruppe ist dieser gegenüber dadurch

charakterisiert, daß die normalen Lebensprozesse durch die tödliche

Schädigung in eine perverse Bahn gelenkt werden und entarten, ehe sie

vollständig stillstehen. Diese Prozesse nennen wir +metamorphotische

Prozesse+.

Allgemeine Physiologie · 第 190 / 283 题