Der Punkt, in dem unsere Betrachtung der Lebensbedingungen gipfelte,
war die Tatsache, daß das Leben nur bestehen kann, aber auch entstehen
+muß+, mit derselben unabwendbaren Notwendigkeit wie jeder andere
Naturvorgang, wenn ein bestimmter Komplex von Bedingungen erfüllt ist.
Fehlen diese Bedingungen, so fehlt auch das Leben.
Die Entstehung des Lebens auf der Erde war nur die eine Konsequenz aus
dieser Tatsache. Die andere, die wir jetzt ins Auge fassen wollen, ist
die Entwicklung des Todes.
A. Die Vorgänge der Nekrobiose.
Fällt eine, mehrere oder alle Lebensbedingungen unter den speziellen
Verhältnissen, unter denen sich irgendein Organismus befindet, aus,
so hören die Lebensäußerungen auf; das Leben steht still. Dieser
Stillstand ist, abgesehen von den wenigen Fällen des latenten
Lebens, stets der Tod. Aber, wie wir schon bei anderer Gelegenheit
sahen[318], tritt der Tod nie unvermittelt ein. Es gibt keine scharfe
Grenze, die Leben und Tod voneinander scheidet, es findet vielmehr
ein allmählicher Uebergang statt zwischen Leben und Tod: +der Tod
entwickelt sich+. Gesundes Leben einerseits und Tod anderseits sind
nur die äußersten Endglieder dieser Entwicklung, die durch eine
Reihe von Zwischenstadien lückenlos miteinander verbunden sind.
Beide +Endstadien+ lassen sich wohl leicht und scharf voneinander
unterscheiden, aber eine scharfe Grenze zu ziehen da, wo der Tod
beginnt und das Leben aufhört, ist unmöglich. Deshalb bezeichnen
wir mit einem Worte, das von ~K. H. Schultz~ und ~Virchow~ in die
Pathologie eingeführt wurde, diesen Uebergang vom Leben zum Tod als
„+Nekrobiose+“. Zwar unterscheidet ~Virchow~[319] zwischen Nekrobiose
und Nekrose nach äußeren Gesichtspunkten in der Weise, daß er von
Nekrobiose spricht, wenn der betroffene Teil später in seiner Form
vollständig zerstört und untergegangen ist, von Nekrose dagegen, wenn
er in seiner ursprünglichen Gestalt im Tode noch bestehen bleibt;
allein so praktisch dieser äußere Unterschied für die Beurteilung
grober Verhältnisse, ganzer Organe oder Gewebe etc. sein mag, so
wenig Bedeutung hat er für die theoretische Auffassung des Vorgangs
selbst, denn es hängt häufig von ganz nebensächlichen Momenten ab, ob
der Enderfolg sich in dieser oder jener Weise gestaltet. Hat z. B.
eine Zelle eine feste Membran, so bleibt ihre Form, während der
Protoplasmakörper schon längst abgestorben ist, noch lange erhalten;
ist ihr Protoplasma aber nackt, so zerfällt die Zelle in der Regel
zu einem formlosen Häufchen von Körnern, und doch kann das Wesen des
Prozesses, der zum Tode führt, in beiden Fällen das gleiche sein.
Daher scheint es zweckmäßiger, diese für grobe Verhältnisse praktische
Unterscheidung fallen zu lassen und den Begriff der Nekrobiose so
weit zu fassen, daß er auch die sogenannten nekrotischen Prozesse mit
einschließt. Dann verstehen wir unter +Nekrobiose diejenigen Prozesse,
die, mit einer unheilbaren Schädigung des normalen Lebens beginnend,
schneller oder langsamer zum unvermeidlichen Tode führen+. Der damit
vielfach synonym gebrauchte Begriff der Degeneration hat den Nachteil,
daß er nicht eindeutig ist und auf viele ganz verschiedenartige Dinge
Anwendung findet.
Mit den Tatsachen der Nekrobiose sind wir bereits auf ein Gebiet
gelangt, das sich wegen seiner enorm praktischen Bedeutung als
selbständige Wissenschaft entwickelt und einen ungeheuren Umfang
angenommen hat; das ist die Lehre von den Krankheiten, die
+Pathologie+. Unsere folgende Betrachtung wird sich daher zum großen
Teil auf diesem Gebiete bewegen und die Wege aufsuchen, welche in das
Schattenreich des Todes führen.
Da die Zelle der eigentliche Sitz des Lebens ist, so muß die Zelle
ebenso, wie sie für die Erforschung der +Lebensäußerungen+ den
Angriffspunkt vorstellt, auch das Objekt für die Untersuchung der
+Nekrobiose+ abgeben. Der Tod der großen Organismen mit ihren
weitdifferenzierten Organen und Geweben beruht ja lediglich auf dem
Absterben der einzelnen Zellen, die den Zellenstaat des Organismus
zusammensetzen. In den einzelnen Zellformen aber verlaufen die
Vorgänge, die zum Tode führen, sehr verschieden. Das hängt einerseits
von der Beschaffenheit der lebendigen Substanz ab, die jede einzelne
Zellform charakterisiert, anderseits von der Art und Weise der
Faktoren, die den Tod der Zelle bedingen. Es liegt also auf der Hand,
daß daraus eine große Mannigfaltigkeit der Absterbeprozesse resultieren
muß. Immerhin kann man die Vorgänge der Nekrobiose in zwei große
Gruppen bringen, die sich fundamental voneinander unterscheiden.
Die eine Gruppe dieser Vorgänge besteht darin, daß die normalen
Lebensprozesse nach und nach ausfallen, ohne vorher eine wesentliche
Aenderung zu erfahren; wir können diese Prozesse als +histolytische
Prozesse+ bezeichnen. Die andere Gruppe ist dieser gegenüber dadurch
charakterisiert, daß die normalen Lebensprozesse durch die tödliche
Schädigung in eine perverse Bahn gelenkt werden und entarten, ehe sie
vollständig stillstehen. Diese Prozesse nennen wir +metamorphotische
Prozesse+.