Im Anschluß an ähnliche Vorstellungen, wie sie von ~Pflüger~ und
~Allen~ entwickelt worden sind, können wir uns allenfalls in groben
Umrissen eine provisorische Hypothese von der Entstehung des Lebens auf
der Erde machen, wie sie den heutigen Erfahrungen und Anschauungen der
Naturwissenschaft etwa am meisten entsprechen würde. Die Wurzeln des
Lebens reichen vielleicht hinab bis in jene Zeit, wo die Erdoberfläche
noch glühend war. Die damals vorhandenen Stickstoffverbindungen
lieferten jedenfalls das wesentliche Rohmaterial, aus dem die
lebendige Substanz ihren Ursprung nahm. Sie mußten bei ihrer
leichten Zersetzbarkeit in Wechselwirkung mit den verschiedensten
Kohlenstoffverbindungen treten, etwa mit Karbiden etc., die ebenfalls
der Glühhitze ihre Entstehung verdanken. Als das Wasser sich dann in
tropfbar-flüssiger Form auf der Erdoberfläche niederschlug, gingen
diese dem Feuer entsprossenen Verbindungen chemische Beziehungen ein
mit dem Wasser und den darin gelösten Stoffen, und so entstanden die
Eiweißverbindungen, jene höchst labilen Körper, die wie viele andere
den Stickstoff enthaltende Atomkomplexe sich durch ihre Neigung zur
Zersetzung und zur Polymerisierung auszeichnen und die wesentlichen
Bestandteile der lebendigen Substanz bilden. Diese erste lebendige
Substanz, die durch Urzeugung aus leblosen Substanzen sich bildete, war
jedenfalls noch sehr einfach und zeigte keinerlei Differenzierungen.
Es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, daß sie noch nicht den
morphologischen Wert von Zellen hatte, d. h. daß ihre Masse noch
nicht in zwei räumlich gesonderte Stoffgemische, in den Kern und das
Protoplasma, geschieden, sondern vielmehr ein gleichartiges Gemisch
war, wie es ~Haeckel~ für seine Moneren annimmt.
Das würde etwa die Vorstellung sein, die man sich heute mit einem
gewissen Anstrich von Wahrscheinlichkeit über die Entstehung der
lebendigen Substanz machen kann. Immerhin ist es nicht ausgeschlossen,
daß sie später einmal in ihren Einzelheiten ganz wesentlich modifiziert
werden wird. Der Schauplatz, auf dem die lebendige Substanz zuerst
auftrat, und die Verhältnisse, die auf demselben herrschten, sind
uns zur Zeit nur in so unbestimmten Umrissen bekannt, daß es wenig
Wert hat, über die Einzelheiten noch weiter zu spekulieren. Mit dem
Auftreten der lebendigen Substanz auf der Bühne des Erdballs aber
gewinnen wir wieder etwas festeren Boden, denn hier ist der Punkt, wo
die von ~Lamarck~ und ~Darwin~ begründete und besonders von ~Haeckel~,
~Weismann~, ~De Vries~ und ihren Schülern ausgebaute Deszendenzlehre
einsetzt und uns die weiteren Schicksale der lebendigen Substanz bis in
unsere Tage erläutert.
Den ganzen ungeheuren Ideenkomplex, der zur Begründung der
Deszendenzlehre geführt hat, hier zu besprechen, würde außerhalb
des Rahmens dieser Blätter liegen. Es genügt uns, die Hauptmomente
anzudeuten, welche die Grundlage abgeben für die Deszendenzlehre, an
deren Richtigkeit übrigens heute kein denkender Naturforscher mehr
zweifelt.
Bekanntlich lehrt die +Deszendenztheorie+, daß die ganze Formenfülle
der Organismen, die heute auf der Erdoberfläche leben und je gelebt
haben, in ununterbrochener Deszendenz abstammt von jener ersten und
einfachsten lebendigen Substanz, die aus leblosen Stoffen entstanden
ist, daß also alle Organismen in wirklichen verwandtschaftlichen
Beziehungen zueinander stehen. Für die historische Zeit bedarf die
Kontinuität der Organismenreihen keiner besonderen Begründung, denn
die einfache Erfahrung zeigt, daß jeder Organismus immer nur wieder
von einem anderen, ihm ähnlichen abstammt, daß die Kontinuität der
Deszendenz niemals eine Unterbrechung erfährt. Dagegen für die
unendlich langen Zeiträume, die, wie die Geologie gezeigt hat, seit der
Entstehung der ersten Organismen bis zu historischer Zeit verstrichen
sind, fehlt natürlich die direkte Beobachtung. Allein, hier hat uns
die Natur gewisse Urkunden aufbewahrt, in denen wir die Geschichte der
Entwicklung des ganzen Organismenstammes, wenn auch mehr oder weniger
lückenhaft, aufgezeichnet finden.
Die erste Urkunde entziffert uns die +Paläontologie+ oder
Versteinerungskunde. Es sind die Zeugnisse, welche die Natur über
die Existenz und Beschaffenheit der früheren Organismen in den
Schichten der Erdrinde selbst niedergelegt hat: die Versteinerungen
oder Petrefakten. Mit der Erforschung der Versteinerungen, die sich
in den verschiedenen Schichten der Erdrinde finden, rekonstruiert die
Paläontologie bis zu einem gewissen Grade die Organismenwelt, welche
zu jenen Zeiten, als diese Schichten sich bildeten, die Erdoberfläche
bevölkerte. So lernen wir die Vorfahren unserer heutigen Organismen
kennen und sehen, wie sie in den jüngsten Schichten den jetzt lebenden
Tieren und Pflanzen noch sehr ähnlich sind, wie sie ihnen aber um
so unähnlicher werden, je tiefer wir bis zu den ältesten Schichten
hinabsteigen, und wie ganze große Organismengruppen, die wir heute für
weit voneinander getrennt betrachten, in älteren Schichten gemeinsame
Vorfahren haben, die gewisse charakteristische Eigenschaften mehrerer
Organismengruppen noch in sich vereinigen. In den allerältesten
Schichten finden wir nur niedere Tiere und Pflanzen -- noch keine
Wirbeltiere und Blütenpflanzen. Für jeden, der nicht einem blinden,
supranaturalistischen Schöpfungsglauben huldigt und es nicht vorzieht,
wie der biblische Schöpfungsbericht jede Organismenform für sich aus
der Hand eines persönlichen Schöpfers hervorgegangen zu denken, für den
gibt es nur eine einzige natürliche Erklärung aller paläontologischen
Tatsachen, das ist die, daß die ganze Organismenwelt, welche heute
lebt und überhaupt je gelebt hat, einen einzigen großen Stammbaum
bildet, dessen Keim die erste lebendige Substanz war, die auf der Erde
entstand. Dieser Keim entwickelte sich zu einem gewaltigen Baum mit
unzähligen Aesten und Zweigen und Blättern, deren letzte Sprossen wir
in der heutigen Organismenwelt vor uns haben, deren ältere Aeste im
Schoß der Mutter Erde begraben liegen. Leider ist die paläontologische
Urkunde sehr lückenhaft, denn einerseits ist nur ein sehr kleiner Teil
der Erdschichten unserer Untersuchung zugänglich -- die große Masse der
Erdrinde ist vom Meere bedeckt --, und anderseits ist die Erhaltung
der Organismen teilweise eine sehr unvollkommene, weil sie überhaupt
nur unter ganz bestimmten Bedingungen eingebettet werden konnten, ohne
vom Wellenschlage oder von der Fäulnis etc. zerstört zu werden; ja
Organismen ohne schützende Skelettteile sind äußerst selten überliefert
worden, weil ihr weicher Körper nach ihrem Tode sofort zerfallen mußte.
So kommt es auch, daß uns gerade bei der Erforschung der ältesten,
einfachsten Organismen, die noch keine schützenden Skelettteile
besaßen, die paläontologische Urkunde im Stich läßt.
Die +vergleichende Anatomie+ beschäftigt sich mit der zweiten Urkunde,
die in den Homologien der einzelnen Organe der jetzt lebenden
Organismen gegeben ist. Wenn die vergleichende Anatomie durch
Zergliederung der Organismen bis in ihre feinsten Teile und durch
Vergleichung der einzelnen Organsysteme und Organe verschiedener
Organismengruppen untereinander die Tatsache feststellt, daß gewisse
Organismengruppen mit anderen in wesentlichen Organsystemen bis zu
einem gewissen Grade übereinstimmen, so kann diese Tatsache auf
natürliche Weise wieder nicht anders gedeutet werden als durch eine
natürliche Verwandtschaft dieser Organismen, die im allgemeinen um
so näher ist, je mehr Homologien sich finden, um so entfernter, je
mehr Unterschiede daneben vorhanden sind; denn die Homologien können
nur dadurch bedingt sein, daß die betreffenden Organismen in grauer
Vorzeit einmal gemeinsame Vorfahren gehabt haben, die diese Merkmale
besaßen. Freilich ist auch die Urkunde der vergleichenden Anatomie
nur sehr unvollständig, denn die heutigen Organismen sind ja nur
die übrig gebliebenen Spitzen der verschiedenen Zweige des großen
Organismenstammbaumes, zwischen denen die anderen Zweige und Aeste
abgestorben sind. Aber hier ergänzt gerade die paläontologische Urkunde
die Tatsachen der vergleichenden Anatomie bis zu einem bestimmten
Grade in erfreulichster Weise, indem sie auch die ausgestorbenen
Aeste der Vergleichung mit den noch lebenden zugänglich macht. Ein
Beispiel erläutert das am besten. Aus vergleichend-anatomischen
Gründen war man zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Vögel mit
den Reptilien in nächster verwandtschaftlicher Beziehung ständen;
allein man kannte Formen, die den gemeinsamen Vorfahren entsprächen
oder nahe ständen, noch nicht. Da wurde in den Steinbrüchen des
Solnhofener lithographischen Schiefers jenes versteinerte Tier von
etwa Taubengröße entdeckt, der bekannte +Archaeopteryx macrurus+, das
sowohl Vogel- als Reptiliencharaktere nebeneinander besaß, denn es
hatte ein Eidechsengebiß mit Zähnen und eine Eidechsenwirbelsäule mit
einem langen Eidechsenschwanz, war aber auf seinem ganzen Körper mit
Vogelfedern bedeckt, die auf dem Gestein in feinster Weise abgedrückt
sind (Fig. 151). Durch diesen und ähnliche paläontologische Funde wurde
die aus der vergleichenden Anatomie gefolgerte Verwandtschaft der Vögel
und Reptilien auf das glänzendste bestätigt, und ähnliche Beispiele
lassen sich heute in unzähliger Menge anführen.
Die +Embryologie+ oder individuelle Keimesentwicklung (Ontogenie)
lehrt uns schließlich die dritte wichtige Urkunde über die Deszendenz
entziffern. Bekanntlich durchläuft der Keim der Pflanzen und Tiere von
seinem einfachsten Zustande, der Eizelle, an, eine lange Reihe von
Entwicklungsstadien, ehe er dem Mutterorganismus, von dem er abstammt,
ähnlich wird.
Da wir wissen, daß die Vorfahren stets ihre charakteristischen
Eigenschaften auf ihre Nachkommen vererben, so gewinnen diese
Entwicklungsstadien, die der Organismus allmählich durchläuft, eine
außerordentlich große Bedeutung für die Erkenntnis der Vorfahrenreihe;
denn da sie im großen und ganzen von den Vorfahren her ererbte
Formenverhältnisse vorstellen, so werden sie, wenn auch nur in groben
Umrissen, die Entwicklungsformen andeuten, die in der Vorfahrenreihe
einst nacheinander aufgetreten sind; mit anderen Worten, die in der
Keimesentwicklung oder Ontogenie eines Individuums auftretenden Formen
rekapitulieren im großen und ganzen die Formenreihe der Vorfahren des
betreffenden Organismus. Dieses von ~Haeckel~ begründete „biogenetische
Grundgesetz“, das wir bereits an anderer Stelle[317] kennen lernten,
setzt uns also in den Stand, durch kritische Untersuchung aus der
ontogenetischen Entwicklung eines Organismus seine phylogenetische
Deszendenz bis zu einem gewissen Grade zu rekonstruieren.
[Illustration: Fig. 151. +Archaeopteryx macrurus, s. lithographicus.+
_cl_ Clavicula, _co_ Coracoid, _h_ Humerus, _r_ Radius, _u_ Ulna, _c_
Carpus, _sc_ Scapula, _I_-_IV_ Zehen. Nach ~Zittel~.]
Aus allen diesen Tatsachen der Paläontologie, der vergleichenden
Anatomie und der Embryologie, wegen deren ausführlicherer Würdigung auf
die einschlägigen und grundlegenden Werke von ~Darwin~, ~Gegenbaur~,
~Haeckel~ und ihren Schülern selbst verwiesen werden muß, ergibt sich
nicht nur mit Notwendigkeit der Schluß, daß unsere jetzigen Organismen
in lückenloser Deszendenz von der ersten, aus leblosen Stoffen
entstandenen lebendigen Substanz abstammen, sondern auch zugleich der
Weg, den die Entwicklung der lebendigen Substanz auf Erden genommen
hat. Es ist der phylogenetischen Forschung unserer modernen Morphologie
im wesentlichen gelungen, diesen Weg in großen Zügen festzustellen und
so den Stammbaum der Organismen wenigstens in seinen groben Umrissen zu
rekonstruieren. Wie sehr auch anfangs die provisorischen Stammbäume,
die ~Haeckel~ im Anschluß an die damals bekannten Tatsachen zuerst vor
mehr als 40 Jahren aufstellte, Anfeindungen erfuhren, so wenig dürfte
es jetzt noch vorurteilsfreie Morphologen geben, die nicht in den
wesentlichen Punkten ~Haeckel~s Idee der Stammbäume angenommen hätten.
In der Tat herrscht jetzt über das phylogenetische Verhältnis der
größeren Organismengruppen zueinander im wesentlichen Uebereinstimmung,
wenn auch über die kleineren Gruppen und die ganz speziellen
Verhältnisse noch manche weitgehende Differenz besteht, die erst
allmählich durch immer neue Erfahrungen beseitigt werden wird. Nach
diesen Vorstellungen hat die moderne Morphologie auf Grund des jetzigen
Standes ihrer Forschungen etwa folgendes Bild von dem Stammbaum der
Organismen entworfen:
=Pflanzen.= =Tiere.=
(Metaphyta.) (Metazoa.)
Bedecktsamige
(Angiospermae)
|
Nacktsamige Wirbeltiere
(Gymnospermae) (Vertebrata)
| |
Farne Stachelhäuter Gliedertiere Manteltiere Weichtiere
(Filicinae) (Echinodermata) (Arthropoda) (Tunicata) (Mollusca)
| | | | |
| +------------------+ +--------------+
| | |
Moose Pflanzentiere Würmer
(Muscinae) (Coelenterata) (Vermes)
| | |
Tange Pilze Urdarmtiere
(Fucoideae) (Fungi) (Gastraeada)
| | |
Protophyten Protozoen
| |
+---------+--------+
|
=Protisten=
|
=Moneren.=
Schema des Stammbaums der Organismen.
Aus den ersten lebendigen Massen, die ~Haeckel~ als +Moneren+
bezeichnet, entwickelten sich durch Differenzierung der homogenen
Substanz in Kern und Protoplasma die ersten einzelligen Organismen,
die +Protisten+. Die Protisten bilden diejenige Organismengruppe,
aus der sich nach der einen Seite die Pflanzen, nach der anderen
die Tiere entwickelt haben, und welche die niedrigsten noch jetzt
lebenden Organismen umfaßt. Schon unter den Protisten aber fand
eine Differenzierung der Art des Stoffwechsels statt, und die
Protisten schieden sich in +Protophyten+, d. h. Protisten mit
pflanzlichem Stoffwechsel und +Protozoen+, d. h. Protisten mit
tierischem Stoffwechsel, indem die ersteren noch immer fortfuhren,
aus anorganischen Stoffen ihre lebendige Substanz aufzubauen, während
die letzteren den Stoffwechsel vereinfachten, indem sie gleich die
von den ersteren gebildete organische Substanz selbst zum Aufbau
ihres Körpers benutzten. Von den Protophyten stammen alle Pflanzen
(Metaphyten), von den Protozoen alle Tiere (Metazoen) ab, und zwar in
folgender Weise. Aus dem Protophytenstamm gingen zwei Aeste hervor,
die +Tange+ (Fucoideae) und +Pilze+ (Fungi). Von diesen entwickelte
sich der Ast der Tange weiter, und aus ihm entstanden in gerader
Deszendenz die +Moose+ (Muscinae), aus diesen die +Farne+ (Filicinae),
aus diesen die +nacktsamigen+ (Gymnospermen), und aus den letzteren
schließlich die +bedecktsamigen+ (Angiospermen) Pflanzen, welche die
höchste Differenzierung des ganzen Pflanzenreichs zeigen. Aus den
Protozoen anderseits entstanden die +Urdarmtiere+ (Gastraeaden),
sehr einfache Tiere, nur aus zwei verschiedenen Zellenschichten
(Entoderm und Ektoderm) bestehend, von denen wahrscheinlich jetzt
keine Vertreter mehr leben, deren Vorhandensein in der Stammreihe
aber aus dem weit verbreiteten Auftreten des Gastrulastadiums in der
Entwicklung der meisten Tiere mit Notwendigkeit geschlossen werden
muß. Aus den Urdarmtieren entwickelten sich einerseits die sogenannten
+Pflanzentiere+ (Cölenteraten) und anderseits die +Würmer+ (Vermes).
Letztere gaben den vier Gruppen der +Stachelhäuter+ (Echinodermen),
+Gliedertiere+ (Arthropoden), +Manteltiere+ (Tunicaten) und
+Weichtiere+ (Mollusken) den Ursprung, von denen die Manteltiere
schließlich zu den Ahnen der +Wirbeltiere+ wurden, der am weitesten
differenzierten Vertreter des ganzen Tierreichs. Unsere heute lebenden
Organismen bilden nur die letzten Spitzen aller dieser großen Zweige
des gewaltigen Organismenstammbaumes.
Ein Ueberblick über die Stammesentwicklung der Organismen von ihrem
ersten Entstehen bis in unsere Zeit zeigt uns, wie die lebendige
Substanz im Laufe der Erdentwicklung eine ungemein weitgehende Wandlung
ihrer Formen erfahren hat, wie die heutigen Organismen in Hinsicht
auf ihre Form und Organisation sich weit nach den verschiedensten
Richtungen hin differenziert haben. Eine natürliche Erklärung dieser
Tatsache hat uns, wie wir bereits sahen, ~Darwin~s +Selektionstheorie+
gegeben.
Werfen wir schließlich noch einen kurzen Blick auf das Wesen der
Veränderungen, welche die lebendige Substanz von ihrer Entstehung
an bis jetzt durchgemacht hat, so tritt uns die Tatsache entgegen,
daß sie sich von +einfachen+ Formen an zu immer +komplizierteren+
Gestalten und Organisationen entwickelt hat, so daß wir unter den
heute lebenden Organismen die am höchsten komplizierten finden,
wie etwa die Blütenpflanzen und die Wirbeltiere, in denen sich
besondere Teile in weitestgehender Weise selbst für die Ausübung der
speziellsten Verrichtungen differenziert haben. Man hat im Hinblick
auf diese Tatsache häufig gesagt, daß sich in der Entwicklungsreihe
der Organismen von den ersten Anfängen an bis jetzt ein dauernder
Fortschritt, eine fortschreitende Vervollkommnung erblicken läßt. Diese
Auffassung verfällt in den Fehler, den zu vermeiden das ganze Streben
der ~Darwin~schen Theorie war, nämlich in den Fehler der +Teleologie+.
Der Begriff des Fortschritts, der Vervollkommnung involviert ein Ziel,
nach dem hin der Fortschritt, die Vervollkommnung gerichtet ist. Ohne
dieses Moment ist der Begriff wesenlos. In Wirklichkeit existiert
aber für die Entwicklung der Organismen ebensowenig ein vorbestimmtes
Ziel, nach dem sie strebt, wie für irgendeine chemische Reaktion.
Sie +kann+ nur erfolgen und +muß+ in ganz bestimmter Weise erfolgen,
wenn die sämtlichen Bedingungen da sind. Ihre Veränderung ist daher
bedingt von der Veränderung ihrer Umgebung. Wenn wir also den Begriff
des Fortschritts, der Vervollkommnung etc. anwenden, so kann das nur
geschehen von einem anthropozentrischen Standpunkt aus, indem wir
selbst ein Ziel in die Entwicklung hineintragen. Mag man das tun, aus
welchen Rücksichten man will, auf jeden Fall muß man sich dabei bewußt
bleiben, daß das Ziel dann ein künstlich gesetztes ist, nicht ein
Ziel, das in der Natur selbst läge, denn die Annahme, daß der Mensch
vollkommener sei als eine Amöbe, bleibt immer eine willkürliche, für
welche die Wirklichkeit keine Berechtigung bietet, und wenn wir die
Entwicklung eine Vervollkommnung nennen, so ist das nichts weiter als
eine Konvention. Die Welt selbst hat kein Ziel, nach dem sie strebt;
hier existiert nur ewige Entwicklung, d. h. +Veränderung ohne Ende+.
* *
*
Ziehen wir nunmehr das Fazit aus unseren Erörterungen. Klar und
deutlich zeigt sich uns die Tatsache, daß das Leben von seinem
ersten Beginn an durchaus bedingt war durch die Verhältnisse der
Erdoberfläche. +Das Leben ist eine Funktion der Erdentwicklung in
mathematischem Sinne.+ Lebendige Substanz konnte nicht bestehen,
solange die Erde ein feurig-flüssiger Ball ohne feste und kühle
Rinde war; sie +mußte+ aber entstehen, mit derselben unabwendbaren
Notwendigkeit wie eine chemische Verbindung, als die nötigen
Bedingungen gegeben waren, und sie +mußte+ ihre Form, ihre
Zusammensetzung etc. ändern in demselben Maße, wie sich die äußeren
Lebensbedingungen im Laufe der Erdentwicklung änderten. +Die lebendige
Substanz ist lediglich ein Teil der Erdmasse. Die Synthese von Teilen
dieser Erdmasse zu lebendiger Substanz war ebenso das notwendige
Produkt der Erdentwicklung wie etwa die Entstehung des Wassers:
eine unausbleibliche Folge der fortschreitenden Abkühlung jener
Massen, welche die Erdrinde bildeten, und ebenso sind die chemischen,
physikalischen, morphologischen Eigenschaften der lebendigen Substanz
von heute die notwendige Folge der Einwirkung unserer jetzigen äußeren
Lebensbedingungen auf die inneren Verhältnisse der früheren lebendigen
Substanz. Innere und äußere Lebensbedingungen stehen in einer
untrennbaren Wechselwirkung, und der Ausdruck dieser Wechselwirkung ist
das Leben.+