Unter den Ideen über die Abstammung des Lebens auf der Erde, die in den
eben aufgeführten Theorien enthalten sind, stehen zwei Vorstellungen in
scharfem Gegensatz zueinander. Dieser Gegensatz findet seinen Ausdruck
in der schon von ~Helmholtz~ (l. c.) aufgestellten Alternative:
„+Organisches Leben hat entweder zu irgendeiner Zeit angefangen zu
bestehen, oder es besteht von Ewigkeit.+“ Die erstere Vorstellung liegt
der Urzeugungslehre zugrunde, die letztere der Kosmozoentheorie und in
gewissem Sinne auch der Theorie ~Preyer~s. Beide sich gegenüberstehende
Vorstellungen schließen einander selbstverständlich aus. Nimmt man die
eine an, so verwirft man damit zugleich die andere, und umgekehrt. Es
fragt sich aber: welcher von beiden soll man sich anschließen?
Prüfen wir zunächst die Kosmozoentheorie. Sie sagt, daß das Leben nicht
entstanden sei, sondern von Ewigkeit an im Weltall bestanden habe
und nur von einem Weltkörper auf den anderen übertragen worden sei.
Eine direkte Widerlegung dieser Lehre, ein Unmöglichkeitsnachweis von
unbedingt bindender Kraft dürfte sich bei dem jetzigen Stande unserer
Kenntnisse wohl kaum finden lassen. Solange unsere Erfahrungen nicht
ausreichen, um den Transport lebensfähiger protoplasmatischer Keime
von einem Weltkörper auf einen anderen mit Sicherheit als unmöglich zu
kennzeichnen, wird es überhaupt sehr schwer sein, die Kosmozoenlehre
direkt zu widerlegen. Aber wenn auch eine direkte Widerlegung zurzeit
nicht möglich ist, so läßt sich doch der Gedanke, daß die lebendige
Substanz von Ewigkeit her bestanden habe und nie aus anorganischer
Substanz entstanden sei, im höchsten Grade unwahrscheinlich machen.
Wie unsere vergleichende Betrachtung der Organismen und anorganischen
Körper[315] ergeben hat, bestehen die Organismen aus keinen
anderen chemischen Elementarstoffen als denen, die wir auch in der
anorganischen Körperwelt finden, und unterscheiden sich von den
letzteren nur durch die chemischen Verbindungen, aus denen sie
aufgebaut sind. Die wesentlichen +Verbindungen+ der lebendigen
Substanz, die Eiweißkörper, stehen also keineswegs in einem
+prinzipiellen+ Gegensatz zu den Körpern der anorganischen Natur
und unterscheiden sich von diesen prinzipiell nicht +mehr+ als die
verschiedenen anorganischen Verbindungen untereinander. Eine allgemeine
Betrachtung, die man über die Abstammung der lebendigen Substanz, vor
allem des Eiweißes, anstellt, muß daher mit derselben Berechtigung
in ihren prinzipiellen Gesichtspunkten auch auf die anorganischen
Verbindungen, wie etwa die Mineralien, den Feldspat, den Quarz etc.,
angewendet werden können. Hier aber zeigt sich deutlicher als bei
der lebendigen Substanz, zu welchen unhaltbaren Konsequenzen die der
Kosmozoenlehre zugrunde liegende Idee führt; denn wenn wir annehmen,
daß die komplizierten Verbindungen der lebendigen Substanz, vor allem
die Eiweißkörper, nie entstanden sind, sondern von Ewigkeit an irgendwo
im Weltraume existiert haben und von dort auf unsere Erde gelangt sind,
so müssen wir mit derselben Logik und derselben Wahrscheinlichkeit
annehmen, daß auch die anorganischen Verbindungen, der Quarz, der
Feldspat als solcher, immer im Weltraum irgendwo vorhanden gewesen und
nur durch den Weltraum von einem anderen Weltkörper her auf unsere Erde
gekommen seien. Und wenn man diese Betrachtung für alle chemischen
Verbindungen durchführt, die unsere Erde zusammensetzen, und für
die sie logisch unerbittlich denselben Grad von Wahrscheinlichkeit
beansprucht wie für die Verbindungen der lebendigen Substanz, so
würde man zu der absurden Konsequenz gelangen, daß schließlich alle
Verbindungen der ganzen Erde +als solche schon fertig+ von außen her
in unser Planetensystem eingewandert sein müssen. Diese Konsequenz
anzunehmen würde sich wohl kaum ein Naturforscher entschließen, denn
jeder Geologe kennt Beispiele genug von Mineralien, die nachweislich
als solche erst auf der Erde auf chemischem Wege entstanden sind, und
jeder Chemiker läßt täglich chemische Verbindungen aus einfacheren
Stoffen im Laboratorium entstehen; ja, kein denkender Chemiker
zweifelt heutzutage mehr daran, daß sogar die sogenannten chemischen
Elemente ursprünglich nicht als solche existiert haben, sondern daß
die Elemente mit höherem Atomgewicht erst später aus Elementen mit
geringerem Atomgewicht entstanden sind. Zieht man aber die +letzte+
Konsequenz aus den angeführten Ideen, dann leugnet man damit zugleich
auch jede Entwicklung nicht nur der lebendigen Substanz, sondern des
ganzen Erdkörpers; denn wenn alle Verbindungen von Ewigkeit her als
solche existiert haben und niemals aus einfacheren Stoffen entstanden
sind, dann fällt eben alle Entwicklung fort. Das ist eine unabweisbare
Konsequenz, wenn man nur daran festhält, daß dieselbe Betrachtung,
die für die Abstammung der Verbindungen in der +lebendigen+ Substanz
angenommen wird, mit der gleichen Berechtigung und genau derselben
Wahrscheinlichkeit auch auf die Verbindungen der +leblosen+ Substanz
angewendet werden kann. Man hat aber kein Recht, für den Feldspat ein
anderes +Prinzip+ der Abstammung anzunehmen als für das Eiweiß. Beide
sind Verbindungen von chemischen Elementen.
In einem ganz anderen Sinne als die Kosmozoenlehre, die übrigens nur
wenig Anklang gefunden hat, erklärt ~Preyer~ in seiner Theorie das
Leben für anfangslos und ewig. ~Preyer~ sagt: Die lebendige Substanz,
die jetzt die Erdoberfläche bewohnt, stammt in lückenloser Deszendenz
von den Substanzen ab, die einst als feurig-flüssige Massen den Erdball
zusammensetzten. Die letzteren nicht als lebendig zu bezeichnen, wäre
willkürlich, da sich keine scharfe Grenze feststellen läßt. Da diese
Substanzen nun aber wieder von der Sonnenmasse abstammen, und letztere
wieder nur einen Teil der Materie des Weltganzen bildet, die in ewiger
Bewegung begriffen ist, so wäre danach das Leben, das selbst nur ein
komplizierter Bewegungsvorgang ist, ebenfalls so alt wie die Materie.
Es liegt auf der Hand, daß die Differenz zwischen ~Preyer~s Theorie und
der Lehre von der Urzeugung im wesentlichen nur in der verschiedenen
Fassung des Lebensbegriffs liegt. Die Urzeugungslehre bezeichnet dem
Sprachgebrauch folgend als lebendig nur die lebendige Substanz, wie
wir sie jetzt im Gegensatz zu der leblosen Substanz kennen, während
~Preyer~ den Lebensbegriff viel weiter faßt und auch glühende Gemenge
als lebendig bezeichnet, die mit der jetzigen lebendigen Substanz nicht
mehr die geringste Aehnlichkeit haben, außer darin, daß sie auch in
energischer Bewegung begriffen sind. Fassen wir den Lebensbegriff in
dieser weiten Ausdehnung, dann läßt sich in der Tat nichts gegen die
übrigen Konsequenzen der ~Preyer~schen Theorie einwenden. Es fragt sich
aber, ob es zweckmäßig ist, und ob wir überhaupt das Recht haben, den
Lebensbegriff so weit auszudehnen.
Der Begriff der lebendigen Substanz, wie wir ihn heute wissenschaftlich
fixiert haben, ist hervorgegangen aus einer genauen Vergleichung der
jetzt lebenden Organismen mit den jetzt existierenden anorganischen
Körpern. Wie wir gesehen haben[316], gibt es da nur einen einzigen
wirklich durchgreifenden Unterschied, der besteht in dem Stoffwechsel
von Eiweißverbindungen. Kein anorganischer Körper besitzt +Eiweiß+.
Dagegen fehlt das Eiweiß in keinem einzigen Organismus, und was das
Leben des Organismus ausmacht, worin sich dieser vom toten Organismus
unterscheidet, das ist der +Stoffwechsel+ des Eiweißes. Das ist, wenn
auch kein prinzipieller, elementarer, so doch ein durchgreifender
Unterschied zwischen lebendigen Organismen und toten, anorganischen
Körpern, der uns das einzige Mittel an die Hand gibt, die lebendige
Substanz scharf zu charakterisieren. Lassen wir diesen Unterschied
fallen, indem wir auch Körper, die kein Eiweiß enthalten können,
wie die glühenden Massen des einst feurigen Erdballs, als lebendige
Substanz bezeichnen, so geben wir den ganzen Vorteil, den uns eine
scharfe Definition gewährt, wieder auf, und der Begriff der lebendigen
Substanz zerfließt uns zwischen den Fingern, wir können ihn nicht mehr
fassen.
Allein hier kann man vom Standpunkt der ~Preyer~schen Theorie die
Frage aufwerfen: Wenn die lebendige Substanz von heute in lückenloser
Deszendenz von feurig-flüssigen Gemengen abstammt, wo ist dann die
Grenze, der Punkt, von dem an man die Substanz als lebendig bezeichnet?
Diese Frage macht eine Voraussetzung, die sich in keiner Weise stützen
läßt, das ist die Voraussetzung, daß überhaupt ein ganz allmählicher
und lückenloser Uebergang zwischen den feurig-flüssigen Gemischen
und den Eiweißkörpern vorhanden war. Wir haben zwar bisher immer
den größten Wert darauf gelegt, zu zeigen, daß kein prinzipieller
+Unterschied+ zwischen lebendigen Körpern und leblosen Substanzen
besteht; daß aber ein lückenloser +Uebergang+ zwischen feurig-flüssigen
Substanzen und Organismen bestände, läßt sich durchaus nicht
beweisen. Wissen wir doch, daß bei zwei chemischen Verbindungen, die
aufeinander einwirken, die resultierenden Substanzen durch keinerlei
Uebergangsstufen mit den ursprünglichen Stoffen verbunden zu sein
brauchen, wie verschieden sie auch von ihnen sein mögen. Ueber
die Verhältnisse aber, die etwa zur Zeit, als sich das Wasser in
tropfbar-flüssiger Form niederschlug, auf der Erdoberfläche geherrscht
haben mögen, können wir uns auch nicht eine annähernde Vorstellung
machen. Danach hätte die Vorstellung, daß das lebendige Eiweiß aus der
Einwirkung chemisch ganz von ihm verschiedener Körper ohne Uebergang
entstanden sei zu einer Zeit, als die Bedingungen dazu gegeben
waren, mindestens ebensoviel Wahrscheinlichkeit wie die Idee einer
allmählichen und durch lückenlose Uebergänge verbundenen Deszendenz.
Ferner macht ~Preyer~ die stillschweigende Voraussetzung, daß die
glühenden Massen, auf die er den Begriff des Lebens ausdehnt, einen
Stoffwechsel gehabt haben. Auch diese Annahme läßt sich durch keinerlei
Betrachtung stützen. Zwar wird man einerseits nicht daran zweifeln
dürfen, daß diese glühenden Massen eine äußerst energische innere
Bewegung besessen haben, und anderseits ist das Leben ebenfalls nichts
anderes als ein Bewegungskomplex, mit dem jeder andere molekulare
Bewegungsvorgang im +Prinzip+ verwandt ist. Aber dennoch ist die
Lebensbewegung, der Stoffwechsel ein den lebendigen Organismus
überaus scharf charakterisierender Bewegungskomplex, der darin
besteht, daß die lebendige Substanz fortwährend von selbst zerfällt,
die Zerfallsprodukte nach außen abgibt und dafür bestimmte Stoffe
von außen wieder aufnimmt, die ihr das Material geben, sich wieder
zu regenerieren und durch Neubildung gleichartiger Atomgruppen zu
wachsen. Das ist ein ganz allgemeines Charakteristikum aller lebendigen
Substanz. Daß aber dieser ganz eigentümliche Bewegungskomplex bereits
an den glühenden Gemischen des Erdkörpers bestanden und seitdem bis
heute, bis auf die Tage unserer jetzigen lebendigen Substanz hin,
keine Unterbrechung erlitten habe, ist in hohem Grade zweifelhaft. Die
glühenden Gemische des Erdinnern, die wir noch heutzutage an Vulkanen
zu beobachten Gelegenheit haben, wie die Laven, die beim Austritt
aus einem Spalt des Kraters noch so dünnflüssig sind, daß sie beim
Herabstürzen über die Felsenabhänge dem Beobachter den wunderbar
fesselnden Anblick eines glühenden Wasserfalls gewähren, selbst diese
äußerst flüssigen Gemische, so beweglich sie auch sein mögen, zeigen
doch keinen Stoffwechsel im physiologischen Sinne, und wir haben
daher nicht das Recht, sie als lebendig zu bezeichnen. So geistreich
die ~Preyer~sche Theorie auch ist, wir können uns deshalb bei kühler
Ueberlegung doch nicht entschließen, die glühenden Massen, die einst
den ganzen Erdkörper bildeten, als lebendig im wirklichen Sinne zu
betrachten. Dann aber bleibt als einziger Unterschied der ~Preyer~schen
Lehre von der Urzeugungstheorie nur die ganz unwesentliche Frage
übrig, ob die lebendige Substanz allmählich und durch unmerkliche
Uebergänge aus leblosen Substanzen hervorgegangen sei, oder ob sie
mehr unvermittelt, wie die Produkte bei einer chemischen Einwirkung
zweier verschiedener Körper im Reagenzglase, sich gebildet und ihre
charakteristischen Eigenschaften angenommen habe. +Auf keinen Fall aber
werden wir dem Schlusse entgehen, daß die lebendige Substanz einst
aus Substanzen hervorgegangen ist, die wir als leblose zu bezeichnen
gewohnt sind.+