5. Die Hypothese von ~F. J. Allen~.

In gewisser Beziehung Verwandtschaft mit den Vorstellungen ~Pflüger~s

haben die Betrachtungen, die ~F. J. Allen~ über Wesen und Herkunft

des Lebens angestellt hat[314]. Auch ~Allen~ steht auf dem Boden der

Urzeugungslehre, auch er geht von chemischen Ueberlegungen aus, und

auch er legt den Schwerpunkt auf die Eigenschaften des Stickstoffs.

Allein, er scheut sich vor Angaben über spezielle Verhältnisse und

faßt seine Annahmen mit Recht etwas allgemeiner, wo im einzelnen

verschiedenartige Möglichkeiten auf dem Boden seiner Anschauung gegeben

sind.

~Allen~ überblickt die charakteristischen Eigenschaften, welche

die wesentlichen organischen Elemente N, C, H, O, S, Fe in ihren

verschiedenartigen Verbindungen zeigen und kommt zu dem Schluß, daß der

Stickstoff von allen anderen besonders dadurch unterschieden ist, daß

seine Verbindungen sich durch mehr oder weniger große Zersetzlichkeit,

d. h. chemische Aktivität auszeichnen. In dieser Eigenschaft des

Stickstoffs sieht er seine besondere Befähigung zur Bildung labiler

Atomkomplexe, wie sie die lebendige Substanz charakterisieren. Der Kern

des Lebens liegt daher nach seiner Meinung in den Eigenschaften des

Stickstoffs.

Weiterhin trägt ~Allen~ wie ~Pflüger~ der Tatsache Rechnung, daß

der Sauerstoff für die Zersetzlichkeit der lebendigen Substanz eine

fundamentale Bedeutung besitzt und daß mit der Zersetzung eine

beträchtliche Energieentwicklung verknüpft ist. Er nimmt daher an, daß

im Lebensvorgang der Sauerstoff dadurch eine große Rolle spielt, daß

er fortwährend dem Stickstoff chemisch angefügt wird, um dann diesem

durch die stärkere Affinität zum Wasserstoff und Kohlenstoff entrissen

zu werden. Dabei wird Wasser und Kohlensäure gebildet, ein Prozeß,

der natürlich mit beträchtlicher Energieproduktion verbunden ist.

„+Every vital action involves the passage of oxygen either to or from

nitrogen.+“

In bezug auf das aktive Molekül der lebendigen Substanz denkt sich

~Allen~, daß es ein ungeheuer komplexes Molekül ist, in welchem

verschiedenartige Atomgruppen durch Stickstoffatome miteinander

verknüpft sind derartig, daß die Stickstoffatome zentrale Lagerung

haben, ohne aber kettenartig miteinander verbunden zu sein. Stirbt die

lebendige Substanz ab, so fallen die einzelnen Atomgruppen auseinander.

Ihre Stickstoffatome sind nunmehr peripherisch gelegen und dadurch

sind diese Atomgruppen stabiler geworden. Beim Aufbau der lebendigen

Substanz dagegen werden stabile Atomkomplexe mit peripherisch gelegenen

Stickstoffatomen dem großen aktiven Molekül der lebendigen Substanz

angelagert, und ihr Stickstoff bekommt dadurch als zusammenkoppelndes

Bindeglied eine zentrale Lagerung. Welche Atomgruppen im Innern des

großen Moleküls der Stickstoff verbindet, läßt ~Allen~ offen. Er

hält es nicht für zweckmäßig, irgendwelche speziellen Bindungen des

Stickstoffs, wie etwa das Cyanradikal, besonders hervorzuheben, denn

es sind hier die verschiedenartigsten Möglichkeiten gegeben. Er sieht

daher auch keine Veranlassung, die Keime des Lebens bis in die Glutzeit

der Erde zu verfolgen, wie es ~Pflüger~ auf Grund seiner Cyanhypothese

tut. Er stellt sich vielmehr wie ~Haeckel~ vor, +daß die Anfänge des

Lebens erst begannen, als das Wasser sich schon auf der Erdoberfläche

niedergeschlagen hatte+. In dieser Zeit hatten sich nach dem Bilde, das

~Allen~ provisorisch entwirft, die schwereren, stabileren, unlöslichen

Verbindungen am Boden abgelagert, die labileren, zersetzlicheren

waren teils in Gasform in der Luft, teils in gelöstem Zustande im

Wasser enthalten. Bei den mächtigen elektrischen Entladungen, bei

denen fortwährend Blitze durch die feuchte, warme Atmosphäre zuckten,

entstanden wie in geringem Umfange heute noch Ammoniak und die Oxyde

des Stickstoffs, die durch den Regen niedergerissen und gelöst wurden.

Im Wasser war Kohlensäure in reichlicher Menge vorhanden, und die

Chloride, Sulfate, Phosphate der Alkalien und Metalle waren im Wasser

gelöst. Es war daher Gelegenheit gegeben für den Stickstoff, mit den

verschiedensten anderen Stoffen in Wechselbeziehungen zu treten, und so

nimmt ~Allen~ an, daß gleich die erste lebendige Substanz, die sich aus

diesen Reaktionen ergab, im wesentlichen Leben von den Eigenschaften

zeigte, wie wir es heute noch auf der Erdoberfläche finden. Auf die

Einzelheiten der Bildung lebendiger Substanz, deren Ausmalung vorläufig

noch allzu spekulativen Charakter haben müßte, geht ~Allen~ nicht

näher ein. Er stellt nur die Vermutung auf, daß bei der Uebertragung

des Sauerstoffs vom oder zum Stickstoff etwa das Eisen in seinen

Verbindungen eine Rolle gespielt haben möchte, wie es ja noch heute im

Hämoglobin als Sauerstoffüberträger von großer Bedeutung ist.

B. Kritisches.

Allgemeine Physiologie · 第 187 / 283 题