2. Die Lehre von den Kosmozoen.

Die Theorie von den im Weltenraume umhertreibenden lebensfähigen

Keimen niederer Organismen, oder, wie ~Preyer~ sie kurz genannt hat,

von den „Kosmozoen“, war die erste Vorstellung, die sich in neuerer

Zeit zur Urzeugungslehre in einen Gegensatz stellte. Ihr Begründer

war ~H. E. Richter~[306]. Ausgehend von der Vorstellung, daß sich

überall im Weltenraum kleine Partikel fester Substanz umhertreiben,

die bei dem raschen Dahinfliegen der Weltkörper von diesen fortwährend

abgestreift werden, nimmt ~Richter~ an, daß gleichzeitig mit diesen

festen Teilchen und an ihnen haftend, auch dauernd lebensfähige

Keime von Mikroorganismen von solchen Weltkörpern, die bewohnt sind,

abgeschleudert werden und auf andere Weltkörper gelangen. Kommen

solche Keime auf Weltkörper, deren Entwicklungszustand gerade günstige

Lebensbedingungen, besonders mäßige Wärme und Feuchtigkeit, aufweist,

so beginnen sie hier sich zu entwickeln und werden Ausgangspunkt für

eine reiche Organismenwelt. Irgendwo im Weltenraume, meint ~Richter~,

hat es immer Weltkörper gegeben, auf denen Leben existierte, und zwar

in Form vom Zellen. Die Existenz von lebendigen Zellen in der Welt ist

eine ewige. „Omne vivum ab aeternitate e cellula“, sagt ~Richter~,

indem er den alten ~Harvey~schen Satz nach ~Virchow~s Vorgange in

neuer Weise modifiziert. Das organische Leben ist also niemals

entstanden, sondern nur immer von einem Weltkörper auf den anderen

übertragen worden. Das Problem von der Herkunft des Lebens auf der

Erde heißt daher nach ~Richter~ gar nicht: wie ist das Leben auf der

Erde entstanden? sondern: wie ist es von anderen Weltkörpern auf die

Erde gelangt? Und diese Frage beantwortet er durch die Theorie von den

Kosmozoen.

Für die Möglichkeit, daß lebensfähige Keime vom Weltenraum her durch

die Atmosphäre auf die Erdoberfläche gelangen, ohne dabei durch

die infolge der enormen Reibung entstehende Glühhitze zugrunde zu

gehen, glaubt ~Richter~ eine Stütze zu finden in der Beobachtung,

daß in manchen Meteorsteinen Spuren von Kohle, ja, sogar Humus

und petroleumartige Stoffe vorkommen sollen. Wenn diese, ohne zu

verbrennen, auf unsere Erde gelangen könnten, dann wäre es in der Tat

möglich, daß auch lebensfähige Keime die Atmosphäre passieren, ohne

ihre Lebensfähigkeit einzubüßen.

Daß organische Keime eine längere Reise durch den Weltraum von einem

Himmelskörper auf den anderen ohne Wasser und ohne Nahrung vertragen

können, dürfen wir in keinem Falle bezweifeln, kennen wir doch in

den eingetrockneten Organismen, die sich, wie ja auch die Sporen von

Mikroorganismen, im Zustande des latenten Lebens befinden, in der Tat

lebensfähige Substanz, die sehr lange Zeit ohne Wasser und ohne Nahrung

in ihrem leblosen Zustande verharren kann, um wieder zu neuem Leben zu

erwachen, sobald sie unter die erforderlichen Lebensbedingungen gerät.

Unabhängig von ~Richter~ haben ~Helmholtz~ und ~William Thomson~

einige Jahre später die Frage erörtert, ob das Leben nicht etwa von

anderen Himmelskörpern auf unsere Erde übertragen worden sei, und

beide haben diese Ansicht als nicht unwissenschaftlich bezeichnet.

~Helmholtz~[307] sagt: „Die Meteorsteine enthalten zuweilen

Kohlenwasserstoffverbindungen; das eigene Licht der Kometenköpfe

zeigt ein Spektrum, welches dem des elektrischen Glimmlichtes in

kohlenwasserstoffhaltigen Gasen am ähnlichsten ist. Kohlenstoff aber

ist das für die organischen Verbindungen, aus denen die lebenden

Körper aufgebaut sind, charakteristische Element. Wer weiß zu sagen,

ob diese Körper, die überall den Weltraum durchschwärmen, nicht auch

Keime des Lebens ausstreuen, so oft irgendwo ein neuer Weltkörper fähig

geworden ist, organischen Geschöpfen eine Wohnstätte zu gewähren! Und

dieses Leben würden wir sogar vielleicht dem unseren im Keime verwandt

halten dürfen, in so abweichenden Formen es sich auch den Zuständen

seiner neuen Wohnstätte anpassen möchte.“ Daß Meteorite Träger solcher

Keime sein könnten, hält ~Helmholtz~ für durchaus möglich, da große

Meteorsteine nur an ihrer Oberfläche stark erhitzt werden, wenn sie

die Atmosphäre der Erde passieren, während sie in ihrem Innern kühl

bleiben. ~Helmholtz~ sagt ferner über die Kosmozoentheorie: „Ich kann

nicht dagegen rechten, wenn jemand diese Hypothese für unwahrscheinlich

im höchsten oder allerhöchsten Grade halten will. Aber es erscheint mir

ein vollkommen richtiges wissenschaftliches Verfahren zu sein, wenn

alle unsere Bemühungen scheitern, Organismen aus lebloser Substanz

sich erzeugen zu lassen, daß wir fragen, ob überhaupt das Leben je

entstanden, ob es nicht ebenso alt wie die Materie sei, und ob nicht

seine Keime, von einem Weltkörper zum anderen herübergetragen, sich

entwickelt hätten, wo sie günstigen Boden gefunden.“ „Die richtige

Alternative ist offenbar: Organisches Leben hat entweder zu irgendeiner

Zeit angefangen zu bestehen, oder es besteht von Ewigkeit.“

Allgemeine Physiologie · 第 184 / 283 题