3. ~Preyer~s Theorie von der Kontinuität des Lebens.

Durch Ueberlegungen anderer Art ist ~Preyer~[308] zu einer Theorie

über die Abstammung des Lebens gelangt, die sich sowohl zu der

Urzeugungslehre als zu der Kosmozoentheorie in Gegensatz stellt.

~Preyer~ kann sich zur Annahme der Urzeugungstheorie nicht entschließen

auf Grund folgender Betrachtung. Wenn man annimmt, daß zu irgendeiner

Zeit der Erdentwicklung einmal lebendige Substanz aus lebloser

durch Urzeugung entstanden sei, dann müßte man fordern, daß das

auch heutzutage noch möglich sei. Das hat aber das Fehlschlagen

der unzähligen Menge darauf gerichteter Versuche im höchsten Grade

unwahrscheinlich gemacht. Nimmt die Urzeugungslehre dagegen an,

daß die Urzeugung nur einmal in grauer Vergangenheit möglich war,

aber jetzt nicht mehr vorkommt, so ist das ebenso unwahrscheinlich,

„denn +dieselben Bedingungen+, welche zur Erhaltung des Lebens

erforderlich und +jetzt verwirklicht+ sind, mußten notwendig auch bei

der supponierten Entstehung des Lebendigen aus anorganischen Körpern

verwirklicht sein, +sonst hätte das Produkt der Urzeugung nicht am

Leben bleiben können+“. Man begriffe also nicht recht, was jetzt fehlen

sollte, wenn doch die Urzeugung in unserer Zeit nicht mehr möglich ist.

Die Kosmozoentheorie kann ~Preyer~ ebensowenig anzunehmen sich

entschließen, weil er darin nicht eine Lösung, sondern nur eine

Vertagung des Problems sieht, d. h. eine Verschiebung von unserer Erde

auf irgendeinen anderen Weltkörper, bei der aber das Problem immer noch

bestehen bleibt.

Von der durch induktive Erfahrung gewonnenen Tatsache ausgehend,

daß alle Organismen stets von anderen Organismen abstammen, die

ihnen ähnlich waren, daß bis jetzt niemals durch Beobachtung die

elternlose Entstehung eines Organismus festgestellt werden konnte,

wirft ~Preyer~ daher die Frage auf, ob nicht etwa das Problem der

Urzeugung auf einer falschen Fragestellung beruhe, wenn es verlangt,

daß die lebendige Substanz einst aus lebloser entstanden sein soll;

ob nicht vielmehr umgekehrt die Frage lauten muß: ist vielleicht die

leblose Substanz aus der lebendigen hervorgegangen? Alle Organismen

stammen immer nur wieder von anderen lebendigen Organismen ab; die

anorganische, leblose Substanz dagegen sehen wir noch heute fortwährend

nicht bloß von anderer lebloser Substanz, sondern auch von lebendigen

Organismen abstammen, von denen sie als tote Masse ausgeschieden

wird, oder von denen sie nach dem Tode übrig bleibt. ~Preyer~ stellt

daher der Urzeugungslehre die Theorie gegenüber, daß das Primäre

die lebendige Substanz sei, und daß die leblose Substanz aus der

lebendigen Substanz erst sekundär durch Ausscheidung hervorgegangen

sei[309]. Er fordert dazu, daß die Kontinuität in der Abstammung der

lebendigen Substanz niemals unterbrochen worden sei. „Wer die Reihe

der aufeinanderfolgenden Generationen der Organismen durch die Setzung

einer Generation ohne vorhergegangene Eltern unterbricht, wer also die

Kontinuität des Lebens leugnet, macht sich der Willkür schuldig.“ „Omne

vivum e vivo.“ Dieser Erfahrungssatz hat nach ~Preyer~ niemals eine

einzige Ausnahme erlitten.

Sehr interessant sind die Konsequenzen, die sich aus dieser Auffassung

ergeben. Wenn das Leben auf der Erde niemals aus leblosen Stoffen

entstanden ist, sondern immer wieder von lebendigen Substanzen

abstammte, so muß auch schon Leben existiert haben, als die Erde noch

ein glühender Körper war. Diesen Schluß zieht ~Preyer~ in der Tat.

Er muß deshalb den Lebensbegriff bedeutend weiter fassen, als es

gewöhnlich geschieht, und nicht bloß die heutige lebendige Substanz

als lebendig betrachten, sondern auch glühend-flüssige Massen, wie

sie zu jener Zeit allein existierten, denn von protoplasmatischen

Organismen, wie sie heute leben, konnte zu jener Zeit noch keine

Rede sein. „Wenn man sich aber losmacht“, sagt ~Preyer~, „von dem

ganz und gar willkürlichen und faktisch durch nichts wahrscheinlich

gemachten Gedanken, als ob nur Protoplasma von der Beschaffenheit

des gegenwärtigen leben könnte, und von dem alten, durch nichts als

Bequemlichkeit im Denken genährten Vorurteil, als wenn zuerst nur

Anorganisches existiert hätte, dann wird man den einen großen Schritt

weiter nicht scheuen, auch die einstmalige Urzeugung fallen zu lassen

und die Anfangslosigkeit der Lebensbewegung anzuerkennen. +Omne vivum e

vivo!+“

Auf Grund dieser Betrachtung entwirft ~Preyer~ etwa folgendes Bild von

der Abstammung des Lebens auf der Erde. Ursprünglich war die ganze

feurig-flüssige Masse des Erdkörpers ein einziger riesiger Organismus.

Die mächtige Bewegung, in der sich seine Substanz befand, war sein

Leben. Als aber der Erdkörper anfing, sich abzukühlen, da schieden

sich die Stoffe, welche bei jener Temperatur nicht mehr in flüssiger

Form verharren konnten, wie etwa die schweren Metalle, als feste

Massen aus und bildeten, da sie nicht mehr an der Lebensbewegung des

Ganzen teilnahmen, die tote, anorganische Substanz. So entstanden

die ersten anorganischen Massen. Dieser Prozeß schritt fort. Zunächst

waren es immer noch feurig-flüssige Massen, welche das Leben des

Erdkörpers gegenüber der anorganischen Masse repräsentierten.

„Dann erst, als auch diese Kombinationen im Laufe der Zeit an der

Oberfläche der Erdkugel erstarrten, d. h. starben und ausstarben,

kamen Verbindungen der bis dahin noch gasig und tropfbar-flüssig

gebliebenen Elemente zustande, die nun nach und nach dem +Protoplasma+,

der Basis des Lebendigen unserer Tage, immer ähnlicher wurden. Immer

kompliziertere Verbindungen, chemische Substitutionen, immer dichtere

Körper, immer mehr verwickelte, ineinandergreifende Bewegungen sich

näher aneinanderlagernder Teile mußten mit der Temperaturabnahme und

Verminderung der Dissoziationen eintreten, und hierbei erst konnten die

durch die fortschreitende Differenzierung möglichen, sich gleichenden

Anfangsformen des Pflanzen- und Tierreiches von Dauer sein.“

„Wir sagen also nicht, daß das Protoplasma als solches von Anfang

der Erdbildung an war, auch nicht, daß es als solches anfangslos

anderswoher von außen aus dem Weltraum auf die abgekühlte Erde

einwanderte, noch weniger, daß es sich aus anorganischen Körpern

auf dem Planeten ohne Leben zusammengesetzt habe, wie es der

Urzeugungsglaube will, sondern wir behaupten, daß die anfangslose

Bewegung im Weltall Leben ist, daß das +Protoplasma notwendig übrig

bleiben mußte+, nachdem durch die intensivere Lebenstätigkeit des

glühenden Planeten an seiner sich abkühlenden Oberfläche die jetzt

als anorganisch bezeichneten Körper ausgeschieden worden waren,

ohne daß sie wegen fortschreitender Temperaturabnahme der Erdhülle

in die nach und nach auch an Masse abnehmenden heißen Flüssigkeiten

wieder eintreten konnten. Die schweren Metalle, einst auch organische

Elemente, schmolzen nicht mehr, gingen nicht wieder in den Kreislauf

zurück, der sie ausgeschieden hatte. Sie sind die Zeichen der

Totenstarre vorzeitiger gigantischer glühender Organismen, deren Atem

vielleicht leuchtender Eisendampf, deren Blut flüssiges Metall und

deren Nahrung vielleicht Meteoriten waren.“

Allgemeine Physiologie · 第 185 / 283 题