Der Inhalt der +modernen+ Urzeugungslehre (Lehre von der Archigonie,
Abiogenesis, Generatio spontanea oder aequivoca etc.) in seiner
allgemeinen Form gipfelt in folgender Schlußfolgerung. Da es eine Zeit
in der Entwicklung unseres Erdkörpers gab, zu der die Existenz der
lebendigen Substanz, die jetzt die erkaltete Erdoberfläche bewohnt,
schlechterdings unmöglich war, so muß die lebendige Substanz zu irgend
einem späteren Zeitpunkt der Erdentwicklung einmal aus lebloser
Substanz entstanden sein.
Es entsteht aber danach die Frage, wie die ersten Organismen beschaffen
waren, und unter welchen Bedingungen sie entstanden.
Dem Altertum, ja selbst einem Geiste von so umfassender Naturkenntnis
wie ~Aristoteles~ machte die Vorstellung, daß selbst Tiere, wie Würmer,
Insekten, sogar Fische aus Schlamm entstehen könnten, keine besonderen
Schwierigkeiten. Erst in verhältnismäßig später Zeit, besonders im
Anschluß an die Untersuchungen von ~Redi~ und ~Swammerdam~ über die
Entwicklung der Insekten, ließ man diese naiven Urzeugungsideen als
unvereinbar mit den festesten naturwissenschaftlichen Erfahrungen
fallen.
Einen neuen Anhaltspunkt gewann die Lehre von der Urzeugung aber
wieder, als die Erfindung des Mikroskops zur Entdeckung einer bis
dahin völlig unbekannten, überaus formenreichen Welt führte, als
man fand, daß in jedem Aufguß von Wasser auf eine tote organische
Substanz nach kurzer Zeit eine Fülle von kleinen lebendigen Wesen
sich entwickelte, die wir noch jetzt deshalb als Aufgußtierchen oder
Infusorien bezeichnen. In den Infusorien glaubte man mit Sicherheit
Organismen gefunden zu haben, die durch Urzeugung aus den toten Stoffen
des Aufgusses sich bildeten. Das mußte um so mehr Wahrscheinlichkeit
für sich haben, als die Infusorien gleichzeitig die niedrigsten und
einfachsten Wesen waren, die man überhaupt bis dahin kannte. Allein,
auch in diesem Falle stellte sich heraus, daß die Organismen nicht
durch Urzeugung erst entständen, sondern sich entwickelten aus
Keimen, die schon vorher in den Stoffgemischen enthalten waren oder
durch die Luft in die Gefäße gelangten. ~Milne Edwards~, ~Schwann~,
~Max Schultze~, ~Helmholtz~ u. a. zeigten nämlich, daß, wenn man die
Substanzen durch Kochen vorher keimfrei gemacht hatte, und wenn man
verhinderte, daß durch die Luft Keime in den Aufguß gelangen konnten,
daß dann die Entwicklung von Infusorien stets unterblieb, man mochte
den Aufguß stehen lassen, solange man wollte; ja, ~Georg Meissner~
wies sogar nach, daß die verschiedensten tierischen Säfte, auch ohne
künstlich vorher sterilisiert zu sein, wenn sie nur ohne Infektion
direkt aus dem Tierkörper in sterilisierte Gefäße gebracht werden,
selbst bei Zutritt von Luft, aber Abschluß der in der Luft enthaltenen
Keime, vollständig steril bleiben[304].
Als schließlich in neuerer Zeit die kleinsten aller Mikroorganismen,
die Bakterien, die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt in hohem
Maße auf sich zu lenken begannen, als man mit unseren verfeinerten
Forschungsmethoden fand, daß diese winzigen Wesen oder ihre Keime
überall in der Luft, in der Erde, im Wasser vorhanden sind, da
bemächtigte sich die Urzeugungslehre auch dieser Organismen und ließ
sie als die niedrigsten noch heute fortwährend aus leblosem Material
entstehen. Aber auch hier hat die moderne Bakteriologie mit den
bewunderungswürdig feinen Methoden, die sie ihren Begründern, vor
allem ~Pasteur~ und ~Robert Koch~, verdankt, die Urzeugungslehre
zurückgewiesen, indem sie zeigte, daß unter Abschluß aller Keime, die
von außen auf das Präparat gelangen könnten, selbst der fruchtbarste
Nährboden, der alle Stoffe für die Ernährung der Bakterien in
günstigster Mischung enthält, bakterienfrei bleibt, daß sich dagegen
eine ganze Welt der verschiedensten Bakterienformen auf ihm entwickelt,
sobald man ihn nur kurze Zeit offen an der Luft stehen läßt.
Mit diesem fortlaufenden Streit um die Urzeugungslehre Hand in Hand
gingen die bis in die neueste Zeit reichenden Versuche, lebendige
Organismen künstlich im Laboratorium herzustellen. In unserer Zeit
sind diese Bemühungen besonders mit dem Namen ~Pouchet~s verknüpft,
der wohl der letzte zähe Vertreter der Ansicht war, daß es möglich
sei, einzellige Organismen, wie Bakterienformen, Hefepilze und
ähnliche Mikroben aus leblosen Substanzen künstlich zu erzeugen, indem
man nur die notwendigen Bestandteile vermischt und unter günstige
äußere Bedingungen bringt. Aber selbst wenn diese Versuche einmal zu
positiven Resultaten geführt zu haben schienen, immer kamen wieder
die Bakteriologen mit ihren kritischen Methoden und zeigten, daß
es sich um die Entwicklung von Keimen handelte, die von außen dazu
gekommen waren oder sich schon vorher in den Versuchsgefäßen befunden
hatten. Diese Bemühungen, aus toten Stoffen künstlich lebendige
Mikroben zu erzeugen, sind im Grunde genommen nichts anderes als das
Unternehmen des Famulus ~Wagner~, den Menschen selbst in der Retorte
aus chemischen Gemischen zusammenzusetzen. Wie kann man hoffen, auch
nur den einfachsten Organismus chemisch herzustellen, wenn uns die
chemische Zusammensetzung der wichtigsten Stoffe, aus denen alle
lebendige Substanz besteht, die Zusammensetzung der lebenswichtigsten
Eiweißverbindungen zurzeit noch so wenig bekannt ist!
Das Verdienst, den gesunden Kern aus der absurden Hülle der früheren
Urzeugungsideen herausgeschält und in einen rein wissenschaftlichen
Boden verpflanzt zu haben, gebührt ~Haeckel~. Für ihn ist die
Frage, ob +jetzt+ noch lebendige Substanz durch Urzeugung irgendwo
entsteht oder nicht, indifferent[305]. Heute, mehr als 40 Jahre
später, nachdem die Kenntnis der niedrigsten Organismen und ihrer
Fortpflanzung eine so enorme Entwicklung durchgemacht hat, ist die
größte Mehrzahl der Forscher geneigt, diese Frage in negativem
Sinne zu beantworten. Dagegen hat ~Haeckel~ als der erste in voller
Schärfe den Schluß gezogen, +daß die lebendige Substanz zu irgend
einem Zeitpunkt der Erdentwicklung einmal aus leblosen Substanzen
entstanden sein =muß=, weil es eine Zeit gab, zu der die Erde sich in
einem Zustand befand, der jedes organische Leben ausschloß+. Dieser
Zeitpunkt kann nach ~Haeckel~ nicht früher datiert werden, als zu
einer Zeit, in der sich der in der Atmosphäre ringsum suspendierte
Wasserdampf in tropfbar-flüssiger Form niedergeschlagen hatte. Worauf
~Haeckel~ ferner den größten Wert legt, ist die Annahme, +daß die
durch Urzeugung entstandenen Organismen noch keine Zellen, sondern die
niedrigsten und einfachsten Organismen gewesen sein müssen, die wir
uns vorstellen können, „vollkommen homogene, strukturlose, formlose
Eiweißklumpen“+. Diese lebendigen Klümpchen kann man sich entstanden
denken aus der Wechselwirkung der im Urmeere gelösten Substanzen.
Eine eingehende Erörterung aber über das „Wie“ der Entstehung weist
~Haeckel~ ausdrücklich zurück: „Jede irgendwie ins einzelne eingehende
Darstellung der Autogonie ist vorläufig schon deshalb unstatthaft, weil
wir uns durchaus keine irgendwie befriedigende Vorstellung von dem ganz
eigentümlichen Zustande machen können, den unsere Erdoberfläche zurzeit
der ersten Entstehung der Organismen darbot.“ Von den überaus einfachen
und niedrigen, durch Urzeugung entstandenen Organismen, die ~Haeckel~
eben ihrer Einfachheit wegen als „Moneren“ bezeichnet, stammen dann
durch lückenlose Deszendenz die Zellen und sämtliche Organismenformen
ab, die heute noch die Erdoberfläche bevölkern.
Das ist im wesentlichen die Urzeugungslehre in ihrer heutigen Form.
Aber so einfach und einleuchtend ihre Schlußfolgerung auch ist, so hat
sie doch von mehreren Seiten Widerspruch erfahren und zur Aufstellung
anderer Theorien über die Herkunft des Lebens auf der Erde Veranlassung
gegeben.