6. Der mechanische Druck.

Wie die Temperatur und der osmotische Druck, so hat auch der

mechanische Druck, unter dem die Körper stehen, einen Einfluß auf ihre

chemische Konstitution. Dieser Einfluß macht sich besonders in gewissen

Fällen bemerkbar, bei denen der chemische Körper in einem Medium sich

befindet, mit dessen Stoffen er in chemischer Beziehung steht. Ist

diese Bedingung erfüllt, befindet sich ein chemischer Körper in einem

gasförmigen oder flüssigen Medium, das Stoffe enthält, die zu ihm

chemische Affinität besitzen, so kann durch Erhöhung des mechanischen

Drucks eine chemische Verbindung zwischen dem Körper und den

betreffenden Stoffen des Mediums zustande kommen, durch Verminderung

dagegen eine Spaltung in die früheren Bestandteile. Dieses Verhalten

beruht auf dem Antagonismus zwischen den Wärmebewegungen der Moleküle

resp. Atome im Molekül und dem mechanischen Druck. Bei einem höheren

Druck werden die Moleküle resp. Atome im Molekül zusammengedrängt. Es

können also mehr Moleküle und Atome miteinander in Berührung treten,

während bei Aufhebung des Druckes die Wärmebewegungen der Moleküle

und Atome wieder so groß werden, daß die Atome sich aus der lockeren

Verbindung losreißen.

Die lebendige Substanz befindet sich in einem solchen Falle. Sie lebt

in einem Medium, sei es Luft oder Wasser, mit dem sie in chemischem

Stoffaustausch steht. Es ist also klar, daß der mechanische Druck, sei

es der Luftdruck, sei es der Wasserdruck, eine große Bedeutung für das

Leben haben wird, und daß ein mechanischer Druck innerhalb bestimmter

Grenzen zu den allgemeinen Lebensbedingungen der lebendigen Körper

gehören muß.

Leider ist gerade diese Lebensbedingung bisher noch am wenigsten

erforscht, und es ist zurzeit erst zum Teil möglich, festzustellen,

bei welchem Druck der Luft oder des Wassers überhaupt noch Leben

existieren kann, zwischen welche Grenzen des Druckes das Leben auf

der Erdoberfläche in seiner jetzigen Form eingeengt ist. Bei der

experimentellen Erforschung dieser Probleme müßte aber wieder eingehend

spezialisiert und es müßten die Werte für die einzelnen Konstituenten

von Luft und Wasser, wie Sauerstoff, Kohlensäure etc. manometrisch

gesondert bestimmt werden.

Wir haben bereits bei Besprechung des Sauerstoffes als einer wichtigen

Lebensbedingung die Bedeutung des Partiardrucks dieses Gases kennen

gelernt[298] und haben gesehen, daß reiner Sauerstoff bei einem Druck

von mehr als 3 Atmosphären auf homoiotherme Tiere schon tödlich wirkt,

während der gleiche Erfolg in gewöhnlicher Luft erst bei einem Druck

von 15–20 Atmosphären eintritt. Ebenso erfolgt der Tod, wenn der

Partiardruck des Sauerstoffes allzusehr sinkt.

Man hat das gewagte Experiment der Luftballonfahrt benutzt, um

Erfahrungen darüber zu sammeln, bei welcher Höhe in der Atmosphäre der

Luftdruck so gering wird, daß für den Menschen Lebensgefahr eintritt.

Berühmt geworden ist die Luftballonfahrt, die ~Spinelli~, ~Sivel~ und

~Tissandier~ im Jahre 1875 von Paris aus machten. Sie stiegen ziemlich

schnell in die Höhe und erreichten ohne irgendwelche Störung eine Höhe

von 7000 m. Bei etwa 7500 m dagegen, so erzählt ~Tissandier~, fühlten

sie eine immer mehr zunehmende Schwäche und Apathie, die sich bald zu

vollständiger Bewegungslosigkeit steigerte, obwohl der Geist zunächst

noch klar blieb. Die willkürlichen Bewegungen konnten sie nicht mehr

ausführen und selbst die Zunge nicht mehr zum Sprechen benutzen. Als

~Tissandier~ dann die Beobachtung gemacht hatte, daß der Ballon eine

Höhe von 8000 m überschritten hatte, verlor er nach vergeblichen

Versuchen, seinen beiden Genossen diese Tatsache mitzuteilen, das

Bewußtsein. Als er wieder erwachte, war der Ballon bis 7059 m gesunken.

Darauf warf ~Spinelli~, der ebenfalls wieder erwacht war, Sand aus, um

den Ballon nicht zu schnell fallen zu lassen. Infolgedessen stieg der

Ballon wieder, und die Luftschiffer verloren von neuem ihr Bewußtsein.

Als ~Tissandier~ darauf zum zweiten Male erwachte, waren sie bis zu

6000 m Höhe gesunken, und das Barometer zeigte an, daß der Ballon eine

Höhe von etwa 8500 m erreicht hatte. Aber ~Tissandier~ war diesmal der

einzige, der das Licht wieder erblicken sollte; seine beiden Gefährten

erwachten nicht mehr.

Der Faktor, der ihren Tod bedingte, war hier der Sauerstoffmangel. Wird

dieser Mangel korrigiert, so gelingt es dem Menschen ohne Verlust des

Lebens sogar noch größere Höhen der Atmosphäre zu erreichen. Immerhin

sind auch unter Benutzung aller Vorsichtsmaßregeln diese Untersuchungen

gefahrvoll. Die größte Höhe, die bisher Menschen erreicht haben,

sind 10500 m. Bis in diese Höhe gelangten ~Berson~ und ~Süring~ bei

ihrer Fahrt mit dem Ballon „Preußen“ am 31. Juli 1901. Da aus der

Beschreibung der beiden Luftschiffer, die sehr genaue Beobachtungen

an sich anstellten, eine große Uebereinstimmung mit den Erfahrungen

~Tissandier~s sich ergibt, lasse ich ihre Beobachtungen mit ihren

eigenen Worten hier kurz folgen[299]: „Bis gegen 9000 m war der Zustand

relativ behaglich; jedoch machte sich zuweilen etwas Schlafbedürfnis

geltend, das sich vollkommen ungezwungen durch die vorangegangene

kurze Nachtruhe von kaum 3–4 Stunden und den ermüdenden Aufenthalt auf

dem Ballonplatze seit 6 Uhr erklären läßt. Diese Müdigkeit ging jedoch

allmählich in eine nicht unbedenkliche Apathie, in ein vorübergehendes

unbeabsichtigtes Einschlummern über, von dem man sich allerdings

durch Anruf oder Schütteln erweckt, sofort wieder völlig erholte,

so daß alsdann die Beobachtungen mit etwas Ueberwindung, aber doch

ohne besondere Anstrengung ausgeführt werden konnten. Das Einsaugen

von Sauerstoff erwies sich zur vollen Belebung als ganz ausreichend.

Irgendwelche schweren Bewußtseinsstörungen oder Krankheitssymptome

traten bei beiden Insassen bis zur letzten Beobachtungsreihe in 10250

m Höhe nicht ein. Die Erschöpfung bei körperlicher Arbeit, z. B. dem

Aufziehen des Uhrwerkes am Psychrometer, Aufsteigen auf den Sitzkasten

des Korbes, oder dem Durchschneiden einer Leine nahm dagegen rapide

zu. Ueber 10250 m sind die Vorgänge den Teilnehmern nicht mehr völlig

klar. Jedenfalls zog Berson, als ihm der Schlafzustand bei ~Süring~

bedrohlich erschien, zweimal das Ventil und zwang dadurch den Ballon

zum Abstieg, brach jedoch dann ohnmächtig zusammen. Vor oder nach

diesem Ventilziehen versuchte auch ~Süring~ in lichten Augenblicken

seinem schlafenden Kollegen durch verstärkte Sauerstoffatmung

aufzuhelfen, aber vergebens. Schließlich werden vermutlich beide

Insassen ihre Atmungsschläuche verloren haben und dann in eine schwere

Ohnmacht gesunken sein, aus welcher sie ziemlich gleichzeitig bei etwa

6000 m wieder erwachten.“

Es ist kein Zweifel, daß auch hier wieder die beobachteten Vorgänge

durch den sehr niedrigen Partiardruck des Sauerstoffs bedingt waren,

der nicht in genügender Weise kompensiert wurde, denn es sind die

typischen Anfangssymptome langsamer Erstickung, die den Zustand der

Luftschiffer in der Nähe charakterisieren; die starke Apathie, die

Unlust zu Bewegungen, die leichte Ermüdbarkeit und das Schwinden des

Bewußtseins ohne besonders unangenehme Sensationen. Darin liegt das

physiologische Interesse dieser beiden berühmten Luftreisen.

Für Pflanzen und Tiere kann man das Luftdruckminimum, bei dem sie

eben noch am Leben bleiben, unter der Luftpumpe bestimmen, wobei es

sich für die Tiere hauptsächlich um den Partiardruck des Sauerstoffs,

für die Pflanzen um den der Kohlensäure handelt; doch liegen genauere

Untersuchungen über diese Verhältnisse noch nicht in erwünschtem Maße

vor.

Weit mehr Erfahrungen als über die unteren Grenzen des Luftdrucks, bei

dem lebendige Körper existieren können, haben wir über dieselben Werte

für den +Wasserdruck+.

Die +Verminderung+ des Wasserdrucks um den Druck der auf dem Wasser

lastenden Atmosphäre mittels der Luftpumpe scheint auf alle im Wasser

lebenden Organismen an sich ohne Einfluß zu sein. Indessen ist eine

weitgehende und andauernde Verminderung des Wasserdrucks nicht möglich,

ohne den Gasgehalt des Wassers zu verändern. An dieser Stelle geht

daher die Frage nach dem Minimum des Wasserdrucks in die Frage nach dem

Minimum des Partiardrucks der darin enthaltenen Gase, vor allem des

Sauerstoffs, über und knüpft wieder an die Frage nach der Bedeutung des

Sauerstoffs als Lebensbedingung an.

Dagegen läßt sich wohl eine Wirkung der Druckerniedrigung beobachten

bei Tieren, die im Wasser unter sehr hohem Druck zu leben gewöhnt sind.

Die interessanten Tiefseeforschungen der letzten Jahrzehnte haben

gezeigt, daß, gegenüber früheren Vorstellungen, selbst in den

größten Meerestiefen, wo ewiges Dunkel herrscht, und ein Druck von

mehreren hundert Atmosphären auf den Körpern lastet, noch lebendige

Organismen ein weltvergessenes Dasein führen. Der Druck, unter dem

diese Tiere leben, ist so groß, daß z. B. Fische bei der plötzlichen

+Druckerniedrigung+, die sie beim Heraufziehen erfahren, platzen.

Sie kommen aufgebläht, mit abstehenden Schuppen und aus dem Maul

herausgequollenen Eingeweiden an der Oberfläche an (Fig. 149), -- eine

Tatsache, die übrigens schon an den Fischen, welche in den Tiefen des

Bodensees leben, beobachtet wird.

[Illustration: Fig. 149. +Neoscopelus macrolepidotus, aus 1500 m Tiefe

an die Oberfläche gebracht.+ Die Augen und die Eingeweide quellen

hervor, und die Schuppen lösen sich durch die Ausdehnung der Haut vom

Körper ab. Nach +Keller+.]

Die eingehendsten und umfangreichsten Experimentaluntersuchungen über

die +Wirkungen sehr hohen Drucks+ hat ~Regnard~[300] angestellt.

~Regnard~ führte mit einem Apparat, der es gestattete, Druckwerte bis

zu 1000 Atmosphären zu erzeugen, ganz systematische Versuchsreihen

an den verschiedenartigsten Organismen durch und studierte mit

sorgfältigen Methoden das Verhalten der Lebensäußerungen unter

diesen Bedingungen. Bei diesen Versuchen stellte sich heraus, daß

z. B. Hefezellen unter einem Druck von mehr als 400 Atmosphären die

Fähigkeit, Traubenzuckerlösungen zu vergären, einbüßen und erst

allmählich wieder erlangen, einige Zeit nachdem sie unter gewöhnlichen

Druck zurückgebracht worden sind. Aehnlich verhalten sich die Erreger

der Milchsäure- und Buttersäuregäruug sowie die Fäulnisbakterien.

Harn, Eier, Fleisch, Blut etc., die mit Fäulniserregern infiziert

sind, zeigen bei einem Druck von 700 Atmosphären selbst nach mehreren

Wochen keine Fäulnis, wenn die bei gewöhnlichem Druck aufgestellten

Kontrollpräparate längst in Verwesung übergegangen sind. ~Regnard~

ist daher geneigt, zu schließen, daß in sehr großen Meerestiefen

keine Fäulnisprozesse stattfinden. Dagegen bleiben gelöste Fermente,

also Enzyme, in ihrer Wirksamkeit selbst von den höchsten Druckwerten

unberührt. Bei den Wimperinfusorien, wie +Colpoda+, +Paramaecium+,

+Vorticella+ etc., führt ein Druck von 600 Atmosphären schon in

10 Minuten zu vollständigem Stillstand der Wimperbewegung. Unter

gewöhnlichen Druck zurückgebracht, nehmen die Infusorien erst nach

1 Stunde allmählich wieder ihre Wimpertätigkeit auf. Längerer

Aufenthalt unter höherem Druck tötet die Infusorien. Bei größeren

Organismen findet man ebenfalls unter hohem Druck einen Stillstand

der Lebensäußerungen. Dabei bemerkt man zugleich, daß sie ihr Volumen

ganz beträchtlich durch Wasseraufnahme in die Gewebezellen vergrößern.

Aktinien z. B. zeigen nach einem einstündigen Aufenthalt unter einem

Druck von 1000 Atmosphären ihr Volumen und ihr Gewicht verdoppelt. Nach

der Herausnahme nimmt das Volumen allmählich wieder ab, und in 5–6

Stunden beginnt das Leben wieder zu erwachen; ja, ihre Lebensfähigkeit

ist selbst nach einem 15-tägigen Aufenthalt unter so enormem Druck

noch nicht verloren gegangen. Bei Würmern, Mollusken, Krebsen erhielt

~Regnard~ analoge Resultate. Froschmuskeln zeigen nach einem Aufenthalt

von 10 Minuten unter einem Druck von 600 Atmosphären zugleich mit

einer Volumen- und Gewichtsvergrößerung durch Wasseraufnahme ebenfalls

völlige Unerregbarkeit. Sie sind starr und steif geworden. Ihre

Erregbarkeit erlischt bei einer allmählichen Steigerung des Druckes

bereits bei 400 Atmosphären für die stärksten galvanischen Reizungen.

Eine histologische Untersuchung der verschiedenen Gewebe von Fröschen,

die unter hohem Druck waren, zeigt, daß das Protoplasma der Zellen

überall durch Wasseraufnahme gequollen, ja in manchen Zellen, wie z. B.

den Schleimzellen, völlig zerflossen ist. Bei Leuchttieren erlischt das

Leuchten unter hohem Druck.

Es ist nicht möglich, alle die interessanten Einzelheiten, die

~Regnard~ und seine Mitarbeiter feststellten, zu verzeichnen. +Aus

allen diesen Versuchen ergibt sich aber das eine, daß bei genügend

hohem Druck die Lebensäußerungen bei allen bisher untersuchten

Organismen erlöschen, und daß sie selbst nach kurzem Aufenthalt unter

hohem Druck nur durch Zurückführung unter gewöhnliche Verhältnisse

wieder in Gang gebracht werden können. Langer Aufenthalt unter sehr

hohem Druck scheint stets zum Tode zu führen.+

Ob es sich bei dem Erlöschen der Lebensäußerungen unter hohem Druck

aber um einen absoluten Stillstand handelt oder nur um den Ausfall

gewisser Prozesse resp. um eine vita minima, muß hier ebenso wie für

die Kälte zunächst unentschieden bleiben.

B. Die allgemeinen inneren Lebensbedingungen.

Mit der Erfüllung der bisher besprochenen Bedingungen der Stoffzufuhr,

bestimmter Temperaturgrade und eines gewissen Drucks ist die Reihe der

allgemeinen Lebensbedingungen, welche im Medium gegeben sein müssen,

erschöpft. Andere Bedingungen, wie z. B. das Licht, die ebenfalls

noch +äußere+ Lebensbedingungen sind, stellen keine +allgemeinen+

Lebensbedingungen vor, sondern gelten nur für +spezielle+ Organismen

oder Organismengruppen.

Allein, zu den +allgemeinen äußeren+ Lebensbedingungen gesellen sich

noch andere, die erfüllt sein müssen, wenn Leben bestehen soll, die

aber im Organismus selbst liegen. Das sind die +allgemeinen inneren+

Lebensbedingungen.

+Die selbstverständliche Hauptbedingung für die Existenz des Lebens

neben der Erfüllung aller äußeren Lebensbedingungen ist die Anwesenheit

lebensfähiger Substanz+, an der die Lebensvorgänge sich abspielen

können. Wenn wir uns daher ein winziges Tröpfchen lebendiger Substanz

denken in einem Medium, in dem die äußeren Lebensbedingungen sämtlich

erfüllt sind, so müßten wir annehmen, daß es dann am Leben bliebe,

solange nicht von außen störende Momente hinzutreten. Aber dem

widerspricht die Erfahrung durch das Experiment.

Wir können leicht eine kleine Menge lebendiger Substanz gewinnen,

indem wir von einer lebendigen Zelle, etwa von einer +Amöbe+, unter

dem Mikroskop mit einer feinen Lanzette ein winziges Stückchen des

hyalinen Protoplasmas abschneiden. Das abgeschnittene Stückchen ist

lebendig; das erkennen wir daran, daß es auch nach der Operation

noch Lebensäußerungen zeigt. Die äußeren Lebensbedingungen ferner

sind sämtlich erfüllt, denn es befindet sich in demselben Medium

und unter denselben äußeren Verhältnissen wie die ganze +Amöbe+.

Und dennoch dauert es nur kurze Zeit, dann ist das abgeschnittene

Protoplasmatröpfchen tot und kann durch nichts mehr zum Leben

zurückgeführt werden. Denselben Erfolg hat unfehlbar jedes gleiche

Experiment an irgendeiner anderen Zelle. Hier haben wir also eine

gewisse Menge lebendiger Substanz in einem Medium, in dem alle äußeren

Lebensbedingungen erfüllt sind, und dennoch kann die Masse nicht

dauernd am Leben bleiben. Es fehlt uns also noch ein Moment in der

vollständigen Bestimmung aller allgemeinen Lebensbedingungen.

Unser Versuch zeigt uns dieses Moment: es ist der +natürliche

Zusammenhang und die Wechselwirkung der wesentlichen Teile eines

Organismus+, denn es existiert jetzt auf der ganzen Erde keine

lebendige Substanz, die in allen ihren Punkten gleichartig wäre.

Das gilt vom Zellen+staat+ in gleicher Weise wie von der +einzelnen+

Zelle. Zwar könnte man einwenden, daß man in vielen Fällen Teile, ja

ganze Organe von einem Organismus abtrennen kann, ohne seine Existenz

zu gefährden. Das ist richtig; aber in allen diesen Fällen handelt

es sich immer nur um Teile, die nicht unbedingt zur Erhaltung des

Individuums notwendig sind, sei es, weil sie in der Mehrzahl vorhanden

sind und in ihrer Rolle durch andere vertreten werden können, sei es,

weil sie mit den anderen Teilen nicht in engerer Wechselwirkung stehen

und daher auch abgetrennt noch vollkommene Individuen vorstellen. Ein

Polyp kann in zwei Teile geschnitten werden, die beide weiterleben, und

von einem Polypenstock kann ein einzelner Polyp losgetrennt werden,

ohne zugrunde zu gehen. In unserem Experiment an der +Amöbe+ bleibt der

kernhaltige Zellkörper auch nach Abtrennung eines Stückes Protoplasma

noch am Leben, weil er noch eine größere Menge von ebensolchen

Protoplasmateilchen besitzt. Dagegen geht das abgeschnittene Stück

Protoplasma zugrunde, weil der Zusammenhang und die Wechselwirkung mit

der Substanz des Zellkerns aufgehoben ist.

[Illustration: Fig. 150. +Stentor Roeselii, eine

Wimperinfusorienzelle.+ Die helle, langgestreckte, stabförmige Masse im

Innern ist der Kern. _A_ bei * in zwei kernhaltige Stücke zerschnitten;

_B_ und _C_, die kernhaltigen Stücke haben sich wieder zu ganzen

Stentoren regeneriert und leben weiter.]

Wir kennen die lebendige Substanz, die +jetzt+ auf der Erdoberfläche

existiert, nur in Form von Zellen, mögen die Zellen einzeln leben

oder zu Zellenstaaten verbunden sein. Die Zelle aber enthält als

allgemeine morphologische Bestandteile zwei verschiedene Substanzen,

das Protoplasma und den Zellkern[301]. Wo noch ein wenig Protoplasma

und ein wenig Kernsubstanz vereint existiert, da haben wir noch eine

Zelle, und nur diese ist, wenn ihre äußeren Lebensbedingungen erfüllt

sind, lebensfähig. Wir können daher auch eine große Zelle in viele

lebensfähige Stücke teilen, solange wir nur darauf achten, daß jedes

Stück etwas Protoplasma und ein wenig Kernsubstanz mitbekommt, und daß

das Mißverhältnis zwischen beiden Massen eine bestimmte Größe nicht

übersteigt[302]. Das Experiment ist bei einiger Geschicklichkeit an

großen einzelligen Organismen gar nicht so schwer auszuführen (Fig.

150). Wird aber eine Zelle so geteilt, daß der Kern vom Protoplasma

getrennt wird, so gehen beide Teile unfehlbar zugrunde.

Da die Zelle also der allgemeine Elementarbestandteil +aller+

Organismen, das Individuum niedrigster Ordnung ist, so können wir als

ganz allgemeine innere Lebensbedingung die Forderung des Zusammenhanges

von Kern und Protoplasma in der Zelle aufstellen. Die Begriffe des

Kerns und des Protoplasmas aber umfassen wiederum die ganze Fülle von

Einzelbedingungen, die ihr Wesen charakterisieren und die wir oben

bereits eingehender erörtert haben. Es gehört hierhin die Summe aller

morphologischen, chemischen und physikalischen Momente, die für jeden

speziellen Fall den Zellkern und das Protoplasma eindeutig bestimmen

und die uns im einzelnen auch noch nicht annähernd vollständig bekannt

sind. Alle diese Momente zusammen bilden die inneren Lebensbedingungen

und sie finden nur ihren allgemeinen Sammelausdruck in den Begriffen

„Protoplasma“ und „Zellkern“. Daher können wir ganz allgemein sagen:

+nur wo Kern und Protoplasma vereint sind, da kann Leben auf die Dauer

existieren+.

* *

*

Ein Vorgang in der leblosen Natur tritt ein, wenn bestimmte

Bedingungen erfüllt sind, denn der Vorgang ist identisch mit der

Summe seiner Bedingungen. Dasselbe gilt von den Lebensvorgängen.

Die Lebensäußerungen treten mit mechanischer Notwendigkeit auf,

wenn die sämtlichen inneren und äußeren allgemeinen und speziellen

Lebensbedingungen erfüllt sind. Die Lebensäußerungen sind, so könnte

man auch mit anderen Worten sagen Ausdruck der Wechselbeziehungen

zwischen lebendiger Substanz und umgebendem Medium, oder wie ~Claude

Bernard~[303] sagt: „les manifestations vitales résultent d’un conflit

entre deux facteurs: la substance organisée vivante et le milieu“.

Bei dieser konditionalen Auffassung des Lebensvorganges drängt sich die

Frage auf: Wie war es um das Leben bestellt zu einer Zeit, zu der noch

ganz andere Bedingungen auf unserem Weltkörper herrschten als jetzt?

Konnte schon früher Leben bestehen? wann konnte es entstehen? und wie

entstand es?

Allgemeine Physiologie · 第 181 / 283 题