5. Der osmotische Druck.

Jede lebendige Zelle besitzt die Eigenschaften einer wässerigen Lösung

von osmotisch wirksamen Stoffen, die durch eine semipermeable Membran

nach außen abgeschlossen ist, sie hat also einen bestimmten osmotischen

Druck und es ist wiederum ein interessantes Beispiel für die Bedeutung

der physiologischen Forschung hinsichtlich der Entwicklung der

physikalischen und chemischen Wissenschaft, daß die Grundlagen für die

Entwicklung eines der wichtigsten Gebiete der heutigen physikalischen

Chemie durch physiologische Untersuchungen über den osmotischen Druck

der Zelle gelegt worden sind. Es ist das unvergängliche Verdienst

unseres großen Pflanzenphysiologen ~Pfeffer~[293], mit seinen Studien

über die osmotischen Eigenschaften der Pflanzenzelle den Grund für die

Theorie der Lösungen gelegt zu haben, die dann besonders ~van ’t Hoff~

in der physikalischen Chemie entwickelt hat.

Da die semipermeable Membran der Zelloberfläche stets für Wasser leicht

durchgängig ist, für die im Zellinhalt gelösten osmotisch wirksamen

Stoffe unter gewöhnlichen Verhältnissen gar nicht oder nur schwer,

liegt es auf der Hand, daß der Wassergehalt der lebendigen Substanz

in hohem Grade von den osmotischen Druckverhältnissen des Mediums

abhängig sein muß, und da wiederum der Wassergehalt der lebendigen

Substanz seinerseits in weitgehendem Maße durch Veränderung der

Massenverhältnisse ihrer chemischen Inhaltsbestandteile den Ablauf der

Lebensvorgänge in der lebendigen Substanz beherrscht, so ergibt sich

daraus, eine wie große Bedeutung der osmotische Druck des umgebenden

Mediums für die lebendige Zelle als Lebensbedingung besitzt.

Es ist allerdings eine Tatsache, daß sich gewisse Organismen von dem

osmotischen Druck ihres Mediums innerhalb weiter Grenzen unabhängig

gemacht haben. Dahin gehören in erster Linie selbstverständlich

alle Landorganismen, ferner aber auch ein großer Teil der im

Wasser lebenden Tiere, wie alle Wassersäugetiere, und ein Teil

der im Meere lebenden niederen Wirbeltiere, wie Seeschildkröten

und Knochenfische (Teleostier). Bei allen diesen Organismen ist

mit Hilfe von regulatorischen Mechanismen, die ganz analog den

Temperaturregulationsmechanismen der Warmblüter funktionieren, die

Einrichtung getroffen, daß der osmotische Druck ihrer Zellen unabhängig

von dem osmotischen Druck des Mediums immer auf gleicher Höhe erhalten

wird. Wir müssen uns dabei erinnern, daß bei allen diesen Organismen

ja die lebendigen Zellen des Körpers nicht in Berührung mit dem

Medium stehen, in dem der betreffende Organismus lebt, sondern, daß

das sie bespülende Medium die Körperflüssigkeit der betreffenden

Organismen ist, also bei den Wirbeltieren Lymphe und Blut. Zwischen dem

osmotischen Druck der Körperzellen und dem der Lymphe und des Blutes

besteht immer Gleichgewicht, d. h. beide haben immer den gleichen

Wert und dieser Wert erfährt infolge der regulatorischen Mechanismen

immer nur ganz unbedeutende Schwankungen. Die eigentlichen lebendigen

Bestandteile des Körpers, die Zellen, sind aber in sehr hohem Grade von

dem osmotischen Druck der sie umspülenden Lymph- oder Blutflüssigkeit

abhängig, denn spült man statt dieser normalen Körpersäfte eine

künstliche Spülflüssigkeit von geringerem oder höherem osmotischem

Druck durch ihre Gefäße, so sterben die Zellen des Körpers in kurzer

Zeit ab. Die Unabhängigkeit der lebendigen Substanz dieser Organismen

von dem osmotischen Druck des umgebenden Mediums ist also nur eine

scheinbare oder indirekte. In Wirklichkeit ist jede lebendige Zelle

durchaus abhängig im Ablauf ihrer Lebensprozesse von dem osmotischen

Druck der Flüssigkeit, in der sie lebt. Es ist interessant, zu prüfen,

wie verschieden der osmotische Druck der Gewebeflüssigkeiten bei

verschiedenen Organismen sich gestaltet hat. Man kann den osmotischen

Druck von Flüssigkeiten am besten durch Gefrierpunktsbestimmungen

ermitteln. Durch die Anwesenheit von gelösten Stoffen wird der

Gefrierpunkt des Wassers erniedrigt, und zwar hängt diese Erniedrigung

des Gefrierpunktes ab von der Zahl der im Wasser gelösten Moleküle.

So kann man also aus dem Grade der Gefrierpunktserniedrigung die

Menge des gelösten Stoffes und damit den osmotischen Druck der Lösung

bestimmen. Auf diese Weise ist z. B. festgestellt worden, daß das Blut

des Menschen eine Gefrierpunktserniedrigung von rund 0,6° C zeigt,

ein Wert, der nach ~Köppe~[294] nur innerhalb sehr geringer Grenzen,

nämlich innerhalb 0,51–0,61° schwankt. Das würde einem osmotischen

Drucke entsprechen, der im mechanischen Druckwerte ausgedrückt

etwa 7 Atmosphären beträgt und dieser Druck von rund 7 Atmosphären

entspricht dem osmotischen Druck bei allen Säugetieren. Er ist gleich

dem osmotischen Druck einer Kochsalzlösung von 1 Proz. Beim Frosch

beträgt der osmotische Druck des Blutes nur etwa 4 Atmosphären, das

ist gleich dem osmotischen Druck einer Kochsalzlösung von etwa 0,7

Proz. Wenn man also Organe, Gewebe oder Zellen vom Säugetier oder

vom Frosch außerhalb ihres normalen Zusammenhanges mit dem Körper

studieren will, so ist es nötig, sie in Flüssigkeiten zu halten, die

nicht nur chemisch indifferent sind, sondern auch einen osmotischen

Druck haben, der dem osmotischen Druck der Körpersäfte dieser

Tiere entspricht. Im wesentlichen als chemisch indifferent können

schwache Kochsalzlösungen betrachtet werden. Man bezeichnet daher

für Säugetiergewebe eine etwa 1-proz., für Froschgewebe eine etwa

0,7–0,8-proz. Kochsalzlösung als „+physiologische Kochsalzlösungen+“.

Natürlich müßten für jede Tierart mit anderem osmotischem Druck der

Körpersäfte physiologische Kochsalzlösungen von anderem Prozentgehalt

gewählt werden, wenn man ihre Zellen außerhalb des Körpers am Leben

erhalten will. So hat ~Bottazzi~[295] für die verschiedenartigsten

Cölenteraten, Echinodermen, Würmer, Kephalopoden, Crustaceen etc. eine

Gefrierpunktserniedrigung der Körpersäfte von rund 2,3° C gefunden. Das

ist dieselbe Größe wie beim Meerwasser und entspricht einem Druck von

etwa 28 Atmosphären. Man kann daher bei physiologischen Untersuchungen

an isolierten Körperteilen dieser Tiere direkt Meerwasser als Medium

benutzen, ein Umstand, der das Arbeiten an wirbellosen Meertieren so

außerordentlich erleichtert.

Bei diesen letzteren Organismen, und wie es scheint, bei allen im

Wasser lebenden Pflanzen und wirbellosen Tieren ist nun ein solches

Regulationsvermögen des osmotischen Drucks der Körpersäfte nicht

vorhanden. Bei ihnen verändert sich der osmotische Druck der Zellen mit

den Schwankungen des osmotischen Drucks des Mediums. Da indessen in der

Natur der osmotische Druck des Süß- oder Meerwassers im allgemeinen

kaum oder nur in sehr geringen Grenzen Schwankungen erfährt, so

wäre auch die Fähigkeit einer Regulation des osmotischen Drucks

der Körpersäfte im Sinne etwa der Warmblüter von keiner besonderen

Bedeutung für diese Organismen.

Im übrigen existiert bei vielen Organismen eine weitgehende

Anpassungsfähigkeit an veränderte osmotische Druckverhältnisse des

Mediums, das ihre Zelloberflächen berührt. Man kann z. B. viele

einzellige Süßwasserorganismen in Seewasser bringen und umgekehrt,

ohne daß sie zugrunde gehen. Es zeigen sich zwar unmittelbar nach der

Ueberführung in ein Medium von anderem osmotischen Druck meistens

Reizwirkungen, die aber nach einiger Zeit, wenn ein Ausgleich zwischen

Medium und Zelle stattgefunden hat, wieder ganz verschwinden können.

Bei Pflanzenzellen treten mit Erhöhung des osmotischen Drucks die

bekannten Symptome der Plasmolyse auf[296]. Auch tierische Zellen

schrumpfen unter diesen Bedingungen. Umgekehrt erfolgt eine Aufquellung

bei Erniedrigung des osmotischen Druckes im Medium. Bei vielen

Organismen ist die Anpassungsfähigkeit an Konzentrationsänderungen des

Mediums enorm. So können z. B. Schimmelpilze der Gattung +Mucor+ in

konzentrierten Kupfersulfatlösungen gedeihen. Andererseits gelingt es

z. B., +Paramäcien+, wie ~Wallengren~[297] fand, durch allmähliche

Ueberführung in destilliertes Wasser zu bringen und einige Zeit am

Leben zu erhalten.

In der Regel aber gehen die Zellen bei etwas umfangreicheren

Aenderungen in der Konzentration des Mediums zugrunde. Die Gewebezellen

der höheren Tiere sind in dieser Beziehung ungeheuer hinfällig.

Destilliertes Wasser tötet sie meist sofort. Rote Blutkörperchen in

destilliertes Wasser gebracht, quellen ungeheuer stark auf, werden

blaß und fast unsichtbar und zerfließen. In hypotonischen Lösungen

dagegen gehen sie unter Schrumpfungssymptomen, die sich in der Annahme

einer „Stechapfelform“ äußern, zugrunde. Die obere und untere Grenze

des osmotischen Druckes, bei der das Leben erlischt, ist aber bei

verschiedenen Zellformen sehr verschieden hoch gelegen und über die

Extreme in dieser Beziehung läßt sich aus Mangel an ausgedehnten

Erfahrungen vorläufig noch nichts weiter sagen.

Allgemeine Physiologie · 第 180 / 283 题