3. Der Sauerstoff.

~Priestley~, der Entdecker des Sauerstoffs, selbst war es, der die

fundamentale Bedeutung dieses Gases für das Leben auf der Erde

erkannte, indem er ~Mayow~s genialem Vergleich der Atmung mit

einem Verbrennungsprozeß durch seine epochemachende Entdeckung des

Sauerstoffs und seiner Eigenschaften eine reale Grundlage gab. In

der Tat wird bei der Atmung freier Sauerstoff von der lebendigen

Substanz aufgenommen und dafür Kohlensäure wieder ausgeschieden. Es

muß also ein Verbrennungsprozeß, eine Oxydation des Kohlenstoffs in

der lebendigen Substanz stattgefunden haben. Wenn sich daher alle

Organismen wie der Mensch und die Säugetiere verhielten, an denen diese

Verhältnisse der Atmung ermittelt worden sind, so würde man sagen

müssen, daß der Sauerstoff eine allgemeine Lebensbedingung ist. Das

war auch bis in die neueste Zeit hinein die übliche Auffassung. Man

hatte aber, wie das in der Physiologie immer wieder geschehen ist, die

wenigen Erfahrungen, die man an den Wirbeltieren gemacht hatte, zu

früh verallgemeinert. Wir wissen heute, daß zwar für die ganze große

Mehrzahl aller Organismen die Sauerstoffversorgung eine Lebensbedingung

bildet, daß aber daneben eine kleine Gruppe von Organismen existiert,

die ein Leben ohne Sauerstoff führen, ja die zum Teil sogar direkt bei

Sauerstoffzutritt zugrunde gehen. Das sind die +anaeroben Organismen+.

Freilich repräsentieren sie nur eine verhältnismäßig kleine Schar,

die in einseitiger Weise an ganz spezielle Lebensbedingungen angepaßt

ist, aber sie sind doch da und so können wir den Sauerstoff nicht als

eine +allgemeine+ Lebensbedingung der lebendigen Substanz ansprechen.

Bei der ungeheuren Verbreitung der Sauerstoffatmung aber und bei

dem hohen Interesse, das sie für die Auffassung der Lebensvorgänge

hat, scheint es doch wohl gerechtfertigt, auch an dieser Stelle den

Sauerstoff als Lebensbedingung neben den allgemeinen Lebensbedingungen

zu betrachten, um so mehr, als man vielfach noch bis in die letzte

Zeit hinein den Versuch gemacht hat, auch für die anaeroben

Organismen eine Sauerstoffatmung wahrscheinlich zu machen und so die

Sauerstoffversorgung der lebendigen Substanz als eine allgemeine

Lebensbedingung zu retten. Man hat nämlich gesagt, es wäre denkbar, daß

die anaeroben Organismen zwar keinen freien Sauerstoff aufnähmen, daß

sie aber doch Sauerstoff für ihre Atmung aus chemischen Verbindungen

bezögen. Indessen diese Auffassung hat sich nicht bestätigen lassen.

Dagegen gibt es neuere Erfahrungen, die mit ihr nicht leicht vereinbar

sein dürften. Es hat sich bei der Untersuchung dieser Fragen wiederum

herausgestellt, wie äußerst wichtig es ist, daß die Physiologie sich

mit ihren Versuchsobjekten nicht auf die paar üblichen Wirbeltiere, wie

Mensch, Hund, Kaninchen, Meerschweinchen, Taube und Frosch beschränkt,

sondern wie durchaus nötig es ist, daß sie auch den Kreis der

wirbellosen Tiere und der einzelligen Organismen berücksichtigt, wenn

sie sich vor einseitigen und falschen Vorstellungen selbst bezüglich

der Vorgänge im menschlichen Körper bewahren will.

Berücksichtigt man diese Forderung bei der Untersuchung der Frage

nach der Sauerstoffatmung der Organismen, so findet man, daß die

Abhängigkeit verschiedener Organismenformen vom Sauerstoff ungemein

verschieden ist. Man kann die Organismen je nach ihrer Abhängigkeit

von der Sauerstoffzufuhr in eine lange Reihe einordnen. Das eine Ende

dieser Reihe bilden die Warmblüter, d. h. die +aeroben+ Organismen,

die eine Sauerstoffentziehung nur ganz kurze Zeit überstehen, das

entgegengesetzte Ende der Reihe die +obligaten Anaeroben+, die durch

Zufuhr von Sauerstoff geschädigt werden und zugrunde gehen. Zwischen

diesen beiden Polen ordnet sich die ganze übrige Zahl der Organismen

ein, je nachdem sie mehr oder weniger Sauerstoff zum Leben brauchen

oder, wie die +fakultativen Anaeroben+, sowohl mit als ohne Sauerstoff

existieren können. Schreiten wir in unserer Betrachtung von einem Ende

dieser Reihe nach dem andern hin.

Bekanntlich ist die Zusammensetzung der Atmosphäre in ihren

wesentlichen Bestandteilen folgende: Stickstoff inkl. Argon

79,02, Sauerstoff 20,95 und Kohlensäure 0,03 Volumenteile. Diese

Zusammensetzung ist stets und überall auf der Erdoberfläche die

gleiche. Wenn wir daher die Landorganismen ins Auge fassen, an denen

die meisten Untersuchungen über die Abhängigkeit vom Sauerstoff

gemacht worden sind, so können wir sagen, daß sie dauernd in einer

Atmosphäre leben, in der rund 21 Proz. Sauerstoff vorhanden sind. Die

Untersuchungen von ~W. Müller~ und ~Paul Bert~ haben nun aber selbst

für Säugetiere gezeigt, +daß sie durchaus nicht an diesen Prozentgehalt

und an den Druck von einer Atmosphäre gebunden sind+. ~W. Müller~[267]

hat nämlich gefunden, daß Säugetiere einerseits selbst mit 14 Proz.

Sauerstoff noch dauernd existieren können und erst bei 7 Proz.

Störungen erfahren, bis bei 3 Proz. der Erstickungstod eintritt, daß

sie anderseits aber auch in reinem Sauerstoff bei dem Druck von einer

Atmosphäre ausgezeichnet weiterleben. In entsprechender Weise geht

auch aus einer Versuchsreihe, die ~Paul Bert~[268] veröffentlichte,

eine weitgehende Unabhängigkeit der Tiere vom Partiardruck des

Sauerstoffs hervor. In atmosphärischer Luft können Tiere noch bei einem

Minimaldruck von ungefähr 250 mm Quecksilber und bei einem Maximaldruck

von 15 Atmosphären existieren, während in reinem Sauerstoff das

Druckminimum noch bedeutend niedriger liegt, dafür aber auch bereits

ein Druck von drei Atmosphären tödlich wirkt. Ueberhaupt geht aus

den Versuchen von ~Paul Bert~ hervor, +daß die Wirkungen eines zu

geringen Prozentgehalts durch Erhöhung des Druckes, und die Wirkungen

eines zu hohen Druckes durch eine Herabsetzung des Prozentgehalts des

Sauerstoffs innerhalb gewisser Grenzen kompensiert werden können+.

Als sehr merkwürdig mußte früher die Tatsache gelten, daß Säugetiere

in reinem Sauerstoff bei einem Druck von nicht mehr als drei

Atmosphären zugrunde gehen, und noch seltsamer mußte die Angabe von

~Paul Bert~ anmuten, daß das unter Erstickungssymptomen geschieht.

~Pflüger~[269] suchte diese Beobachtungen nun dadurch plausibel zu

machen, daß er auf ein analoges Verhalten des Phosphors hinwies,

der in atmosphärischer Luft sich unter Bildung von phosphoriger

Säure mit dem Sauerstoff der Luft verbindet, der sich aber in einer

Atmosphäre von reinem Sauerstoff nicht oxydiert. In Wirklichkeit

liegen, wie wir heute wissen, die Verhältnisse indessen ganz anders.

Die Tiere gehen unter den angegebenen Bedingungen nicht, wie ~Paul

Bert~ dachte, an Erstickung zugrunde, sondern an Vergiftung, und zwar

an Vergiftung mit Sauerstoff. Eine große Reihe von Erfahrungen hat

nämlich gezeigt, daß Sauerstoff, wenn er in zu großer Menge einwirkt,

ebenso ein Gift für den Organismus ist wie irgendein anderer giftiger

Stoff. Die Grenze der Konzentration liegt nur für die verschiedenen

Organismen sehr verschieden hoch, je nach den Lebensbedingungen,

an die sie angepaßt sind. So liegt sie bei den Säugetieren sehr

hoch und wird erst erreicht in reinem Sauerstoff bei Erhöhung des

Druckes auf drei Atmosphären. Bei dem Infusorium +Spirostomum+ liegt

sie, wie ~Pütter~[270] gezeigt hat, bereits viel niedriger. Diese

Infusorien sind durchaus aerobe Organismen, d. h. sie gehen zugrunde,

wenn man ihnen den Sauerstoff in ihrer Kulturflüssigkeit entzieht,

und es müssen wenigstens 7–8 Proz. Sauerstoff ihnen zur Verfügung

stehen, wenn man sie am Leben erhalten will. Aber schon bei 21 Proz.

Sauerstoff zeigen sie nach 1–2 Stunden Lähmungssymptome, und je höher

man den Prozentgehalt steigert, um so schneller gehen sie zugrunde.

Ganz analog verhalten sich, wie ~Winogradsky~[271] gefunden hat, die

Schwefelbakterien oder +Beggiatoen+, die ebenfalls schon durch den

Sauerstoffgehalt der Luft geschädigt werden und im offenen Tropfen

an der Luft nie länger als einige Tage am Leben bleiben. Sie halten

sich infolgedessen in ihren Wassertümpeln auch immer einige Millimeter

unter der Wasseroberfläche. Auf der anderen Seite kann +Beggiatoa+ aber

auch wiederum nicht ganz ohne Sauerstoff leben, ist also ein aerobes

Bakterium. Unter den Bakterien finden wir nun auch alle möglichen

Stufen der Abhängigkeit vom Sauerstoff vertreten bis herab zu den

obligaten Anaeroben. So finden wir bei ihnen außer den Aeroben von

allen Stufen des Sauerstoffbedarfs auch fakultativ anaerobe Formen, die

sowohl ohne Sauerstoff als mit Sauerstoff leben können, wie z. B. die

+Choleravibrionen+, die vollständig anaerob gezüchtet werden können,

und denen ja auch im Darm kaum Spuren von Sauerstoff zur Verfügung

stehen, die aber andrerseits, wenn ihnen Sauerstoff zur Verfügung

steht, wie bei Kulturen im hängenden Tropfen, sich wieder als ungeheuer

sauerstoffgierig erweisen. So finden sich schließlich unter dem großen

Heere der Bakterien auch obligat anaerobe Formen, von denen die einen

schneller, die anderen langsamer durch Sauerstoff geschädigt werden,

und von denen die einen schon bei den kleinsten Spuren, die anderen

erst bei etwas größeren Mengen von Sauerstoff zugrunde gehen. Die

Rauschbrandbazillen (Fig. 145 _A_), die Tetanusbazillen (Fig. 145 _B_)

und die Bazillen des malignen Oedems zeigen verschiedenartige Grade der

obligaten Anaerobiose.

[Illustration: Fig. 145. _A_ +Rauschbrandbakterien-Kultur.+

Nach ~Migula~. Im Innern der Nährgelatine liegen, von

der Luft abgeschlossen, die kugelförmigen Kolonien. _B_

+Tetanusbakterien-Kultur.+ Die Bakterien haben den unteren Teil der

Nährgelatine im Reagenzröhrchen verflüssigt und eine Gasblase gebildet,

die sich am oberen Ende der verflüssigten Masse befindet. Die Bakterien

sind nur im unteren, von der Luft durch eine dicke Gelatineschicht

getrennten Teile des Reagenzröhrchens gewachsen.]

Sehr hübsch kommt der verschiedene Grad des Sauerstoffbedarfs bei

verschiedenen Formen einzelliger Organismen zum Ausdruck in den

Ansammlungslinien, die sie in geringerer oder größerer Entfernung von

Sauerstoffquellen bilden, und die von ~Beijerinck~ als Atmungslinien

bezeichnet worden sind. Die sauerstoffgierigen Formen lagern sich dicht

an die Sauerstoffquelle an, die an einen geringeren Sauerstoffgehalt

angepaßten Formen in einiger Entfernung und die anaeroben Formen in

größter Entfernung[272].

Wenden wir uns nun zu den speziellen Folgen der Sauerstoffentziehung

in den Fällen obligater Aerobiose, so ist es klar, daß in allen diesen

Fällen, also bei der ganz überwiegenden Mehrzahl aller Organismen,

das Leben schließlich aufhört, wenn die Sauerstoffzufuhr unterbrochen

wird. Es entwickelt sich dann der Vorgang, den wir als „+Erstickung+“

bezeichnen.

Die +Erstickung+ tritt bei den verschiedenen Organismen und ebenso bei

den verschiedenen Zellformen eines und desselben Organismus innerhalb

sehr verschieden langer Zeit nach der Sauerstoffentziehung ein, ebenso

wie auch bei Nahrungsentziehung die verschiedenen Zellformen in sehr

verschieden langer Zeit zugrunde gehen. Immer aber erfolgt nach

Sauerstoffentziehung die Erstickung unvergleichlich viel schneller als

nach Nahrungsentziehung der Hungertod.

Am schnellsten ersticken +die Warmblüter+. Bei ihnen beginnen

die Erstickungssymptome bereits wenige Minuten nach der

Sauerstoffentziehung mit einer Lähmung der Zellen der Großhirnrinde:

das Bewußtsein schwindet. Der Symptomenkomplex, der sich dann

rapide weiter entwickelt, zeigt zuerst starke Erregungsvorgänge

im Gebiete des verlängerten Markes. So wird das Atemzentrum immer

mehr erregt: die Atmung wird tiefer, die akzessorischen Atemmuskeln

treten mit in Tätigkeit, bald ist die Atmung bis zum Maximum

forciert. Vom Atemzentrum breitet sich die Erregung über das ganze

motorische Sammelzentrum des verlängerten Markes aus, das sämtliche

Körpermuskeln versorgt: es brechen klonische Krämpfe aus, die den

ganzen Körper schütteln, die sogenannten ~Tenner~-~Kussmaul~schen

Erstickungskrämpfe. Ferner ergreift die Erregung das Herzvaguszentrum,

d. h. das Zentrum der Herzhemmungsnerven im verlängerten Mark: das

Herz schlägt langsamer, die Pausen werden größer, schließlich bleibt

es im diastolischen Zustande völlig erschlafft und mit Blut gefüllt

stehen. Auch das Gefäßnervenzentrum des verlängerten Markes wird

erregt und führt eine heftige Zusammenziehung der Blutgefäße herbei.

Schließlich weicht die Erregung in allen diesen Zentren einer schnell

fortschreitenden Lähmung, die bald zum völligen Stillstand aller

von diesen Zentren aus versorgten Funktionen führt: die Atmung wird

schnappend, flach, die einzelnen Atemzüge erfolgen in langen Pausen

und hören schließlich ganz auf; die Krämpfe lassen nach und weichen

allmählich einer Erschlaffung aller Muskeln; das Herz beginnt noch

einmal zu schlagen, aber seine Schläge werden immer schwächer, bis

es nach längerer Zeit still steht; nur die Gefäßmuskulatur bleibt

kontrahiert, aber diese Kontraktion hat keinen zentralen Ursprung. So

stirbt das Tier.

Viel weniger stürmisch ist der Verlauf der Erstickungssymptome bei

+kaltblütigen Wirbeltieren+, z. B. bei Fröschen. Frösche können auch

in einer vollkommen sauerstofffreien, reinen Stickstoffatmosphäre noch

viele Stunden am Leben bleiben. An Fröschen sind in neuerer Zeit auch

zahlreiche Versuche gemacht worden über die Erstickung einzelner Organe

und Gewebe.

[Illustration: Fig. 146. _I_ +Engelmann+sche +Gaskammer+. Ein

ringförmiger Hohlraum ist unten von einer Glasplatte geschlossen und

oben mit einem Metalldeckel bedeckt, der in seiner Mitte ein Deckglas

für die Untersuchung im hängenden Tropfen besitzt; _a_ _a′_ sind

Heizröhren, die in den Hohlraum des Ringes selbst münden, so daß der

Ring durch durchströmendes warmes Wasser geheizt werden kann; _b_

_b′_ sind Röhren, die in die glasbedeckte Kammer selbst einmünden und

zum Hindurchleiten des Gases dienen, so daß der am Deckglas hängende

Tropfen mit seinem lebendigen Inhalt in der Kammer vom Gase umspült

wird. _II_ +Versuchsanordnung zur Untersuchung in reinem Wasserstoff+.

_a_ ~Kipp~scher Apparat zur Wasserstoffentwicklung, _b_ zwei

Waschflaschen zur Reinigung des Wasserstoffs, _c_ Mikroskop, unter dem

sich die Gaskammer mit hängendem Tropfen befindet.]

Wenn man bei einem Frosch das Blut durch eine sauerstofffreie

Kochsalzlösung von 0,8 Proz. vollständig verdrängt, so daß den Zellen

der Gewebe keine Spur von Sauerstoff mehr zugeführt wird, und daß statt

des Blutes eine indifferente Kochsalzlösung in seinen Adern zirkuliert,

so dauert es doch bei niedriger Außentemperatur einige Stunden, bis

die Zellen des Zentralnervensystems vollständig unerregbar geworden

sind. Führt man dann mit der Kochsalzlösung wieder eine gewisse Menge

Sauerstoff in die Zirkulation ein, so ist in wenigen Minuten die

Erregbarkeit wieder vollständig hergestellt[273]. Es ist das unter den

Gewebezellen eins der besten Beispiele für die wichtige Rolle, die

der Sauerstoff als Lebensbedingung spielt. Für den Nerven hat ~H. von

Baeyer~[274] kürzlich die gleiche Tatsache nachgewiesen und ~Fröhlich~

hat dieselbe bestätigt und weiter verfolgt. In einer vollkommen reinen

Stickstoffatmosphäre wird der Nerv, je nach der Temperatur, unter der

das Tier in der letzten Zeit lebte, in etwa zwei bis acht Stunden

nicht nur unerregbar, sondern auch leitungsunfähig. Bei der geringsten

Zufuhr von Sauerstoff restituiert er sich aber schon innerhalb einer

Minute bis zu seiner vollen Funktionsfähigkeit. Andere Zellformen von

Geweben der Kaltblüter sind noch viel unabhängiger vom Sauerstoff

und gehen erst nach langer Zeit an Sauerstoffmangel zugrunde. Macht

man aber den Kaltblüter, z. B. den Frosch, künstlich zum Warmblüter,

indem man ihn in einen Wärmekasten bringt und seine Temperatur erhöht,

so erstickt er, wie ~Winterstein~ gezeigt hat, genau so wie der

Warmblüter in einigen Minuten. Dazu genügen schon Temperaturen von

etwa 30° C. Ja, ~Winterstein~[275] fand, daß bei einer Temperatur von

33 bis 35° C die Zellen des Nervensystems bereits ohne Abschluß der

Sauerstoffzufuhr unter heftigen Erregungssymptomen ersticken, weil die

Sauerstoffversorgung der Zentra nicht mehr mit ihrem Sauerstoffbedarf

gleichen Schritt halten kann. Ein auf diese Weise gelähmter Frosch

erholt sich auch bei Abkühlung in einer sauerstofffreien Atmosphäre

nicht wieder, sondern kann nur durch Zufuhr von neuem Sauerstoff nach

Abkühlung wieder belebt werden.

Für einzellige, freilebende Organismen hat man ebenso wie für den

Kaltblüternerven im reinen Stickstoff oder Wasserstoff ein bequemes

Mittel, um den Sauerstoff vollständig auszuschließen, ohne andere

schädigende Momente in den Versuch einzuführen. Man braucht zu diesem

Zweck nur chemisch reinen Stickstoff oder Wasserstoff durch eine

geschlossene Gaskammer zu leiten, wie sie am zweckmäßigsten ~Engelmann~

für mikroskopische Untersuchungen konstruiert hat (Fig. 146 _I_). In

eine solche Gaskammer werden die zu untersuchenden Zellen in einem

hängenden Tropfen des flüssigen Mediums, in dem sie leben, gesetzt und

beobachtet. Durch eine Reihe von Versuchen hat ~Kühne~[276] gezeigt,

daß nach Verdrängung der Luft durch Wasserstoff +Amöben+ erst nach etwa

24 Minuten allmählich ihre Bewegungen einstellen. Aus diesem Zustande

können sie durch erneute Zufuhr von atmosphärischer Luft wieder zum

Leben gebracht werden. Dagegen sterben sie, wenn sie einige Zeit länger

unter Sauerstoffabschluß verweilen. Große +Myxomyceten+plasmodien

stellen oft erst nach drei Stunden im sauerstofffreien Medium ihre

Protoplasmabewegung ein und sterben noch später.

[Illustration: Fig. 147. +Rhizoplasma Kaiseri.+ _I_ Individuum

in normalem Zustande mit ausgestreckten Pseudopodien und

lebhafter Protoplasmaströmung. _II_ Individuum mit Stillstand der

Protoplasmabewegung nach Sauerstoffentziehung. Das Protoplasma bildet

auf den Verzweigungsstellen der Pseudopodien kleine eckige Anhäufungen.]

Für das Studium der Frage, in welcher Weise die beiden Phasen der

Kontraktionsbewegungen, die Expansions- und die Kontraktionsphase,

durch die Sauerstoffentziehung beeinflußt werden, sind die marinen

Rhizopoden mit ihren langen Pseudopodien, an denen die Bewegung jedes

Protoplasmateilchens auf eine sehr große Strecke hin ausgedehnt ist,

die günstigsten Objekte[277]. Bringt man z. B. das +Rhizoplasma

Kaiseri+, ein nacktes Rhizopod, aus dessen einkernigem, orangerotem

Zellkörper nach allen Seiten hin dünne anastomosierende Pseudopodien

mit ungemein lebhafter Protoplasmaströmung ausstrahlen (Fig. 147 _I_),

in die ~Engelmann~sche Gaskammer und leitet einen Wasserstoffstrom

hindurch, so sieht man, daß erst nach 1½ bis 3 Stunden die Wirkungen

der Sauerstoffentziehung bemerkbar werden. Die zentrifugale

Protoplasmaströmung, die vorher sehr lebhaft war, so daß sich die

Pseudopodien ausstreckten, wird schwächer und schwächer, bis sie

schließlich ganz aufhört. Statt dessen besteht die zentripetale

Strömung noch eine Zeitlang fort, so daß die Pseudopodien sich langsam

verkürzen. Allmählich läßt aber auch die zentripetale Strömung mehr

und mehr nach, und bald ist sie kaum noch bemerkbar. Das Protoplasma

hat sich an den Verzweigungsstellen zu winzigen Anhäufungen gesammelt,

die aber nicht kuglig und spindelförmig sind, wie bei stärkerer

kontraktorischer Erregung, sondern mehr spitzig, eckig und zackig. In

dieser Form bleibt das +Rhizoplasma+ schließlich bewegungslos liegen

(Fig. 147 _II_). Exemplare mit kürzeren Pseudopodien haben dieselben

zuletzt ganz eingezogen. +Es ist also durch die Sauerstoffentziehung

zuerst die Expansionsphase (die zentrifugale Protoplasmaströmung)

und dann erst allmählich die Kontraktionsphase (die zentripetale

Protoplasmaströmung) zum Stillstand gekommen.+ Läßt man nunmehr

von neuem atmosphärische Luft hinzu, so treten bereits nach fünf

Minuten wieder die ersten neuen Pseudopodienspitzen aus dem zentralen

Zellkörper hervor. Nach etwa zehn Minuten wird auch auf den alten

Pseudopodien wieder eine lebhafte Strömung bemerkbar. Es kommt ein

neuer Protoplasmastrom auf ihnen vom Zentrum her, und die kleinen

Anhäufungen zerteilen sich, indem ihre Substanz teils zentripetal,

teils zentrifugal weiterfließt. Auf diese Weise glätten sich die

Pseudopodien, ihre Strömung wird lebhafter, und nach einer halben

Stunde hat das Ganze wieder dasselbe Aussehen wie am Anfang des

Versuchs.

Auch an Flimmerzellen konnte ~Engelmann~ feststellen, daß sie noch

mehrere Stunden lang ohne Sauerstoff fortzuleben imstande sind, und für

verschiedene Wimperinfusorienformen hat ~Pütter~[278] ebenfalls ein

längeres oder kürzeres Ueberleben im sauerstofffreien Medium nachweisen

können.

Das gleiche hat schließlich ~Hermann~ für den Muskel gezeigt, indem

er von den beiden, vollständig gleichen Musculi gastrocnemii eines

Frosches den einen in einen Zylinder mit reinem Wasserstoff, den

anderen in einen Zylinder mit sauerstoffhaltiger Luft brachte und

mittels elektrischer Reize, die gleichzeitig beide Muskeln trafen,

ihre Erregbarkeit prüfte. Der Muskel im reinen Wasserstoff lebte noch

mehrere Stunden bis zu einem Tage, ehe er unerregbar wurde, und der

andere Muskel im Sauerstoff blieb stets nur wenige Stunden länger

erregbar.

Schließlich gibt es auch aerobe Organismen, die länger als einige

Stunden oder einen Tag ohne Sauerstoff existieren können. Dazu gehören

besonders einige parasitär lebende Würmer. So hat ~Bunge~[279]

+Spulwürmer+ und ~Pütter~[280] +Blutegel+ mehrere Tage in einem völlig

sauerstofffreien Medium am Leben erhalten.

Aus allen diesen Versuchen geht hervor, +daß gewisse aerobe Zellen

längere Zeit in einem sauerstofffreien Medium am Leben bleiben können+.

Es entsteht nun aber die Frage, wie ein solches kürzeres oder

längeres Ueberleben aerober Formen der lebendigen Substanz nach

Sauerstoffentziehung zu denken ist. Es liegt zunächst die Annahme nahe,

daß dieses Ueberleben möglich wird mit Hilfe einer gewissen Menge von

Reservesauerstoff, den der Organismus in sich enthält. Diese Annahme

ist denn auch von zahlreichen Forschern, wie ~Pflüger~, ~Rosenthal~,

~H. von Baeyer~ u. a. gemacht worden, während sie von einzelnen anderen

Forschern wie ~Zuntz~ und ~Winterstein~, abgelehnt worden ist.

Indessen wird man doch wohl kaum leugnen können, daß wenigstens in

vielen Fällen eine gewisse, wenn auch immer nur verhältnismäßig geringe

Menge von Sauerstoff in den Organismen aufgespeichert ist. Einen Fall,

in dem wir das tatsächlich feststellen können, haben wir ja in den

Wirbeltieren vor uns. Hier ist Sauerstoff, an Hämoglobin gebunden, auch

noch nach äußerer Sauerstoffentziehung in Reserveform vorhanden. Beim

Warmblüter ist diese Sauerstoffmenge wegen des intensiven Stoffwechsels

der Gewebe allerdings in wenigen Minuten vollständig verbraucht, aber

beim Kaltblüter, namentlich wenn sein Stoffwechsel bei niedriger

Temperatur eine geringere Intensität hat, hält diese Reservemenge

von Sauerstoff bedeutend länger vor. Es ist nun aber aus gewissen

Erfahrungen sehr wahrscheinlich, daß, so wie hier im Blute, wenigstens

bei vielen Kaltblütern, auch intrazellular kleine Reservemengen von

Sauerstoff vorhanden sind, die bei äußerer Sauerstoffentziehung

verbraucht werden. Immerhin würde es sich dabei -- und das muß immer

im Auge behalten werden -- stets nur um verhältnismäßig kleine Mengen

handeln gegenüber den großen Mengen von organischem Reservematerial,

das jede Zelle aufgespeichert enthält. Für bestimmte Fälle, in denen

die Erstickung erst mehrere Tage nach der Sauerstoffentziehung

eintritt, würden daher diese kleinen Reservemengen von Sauerstoff

unmöglich ausreichen, um das lange Ueberleben verständlich zu machen.

Es bleibt daher nur die Annahme übrig, daß in allen Fällen, in denen

nach völligem Aufbrauchen alles zur Verfügung stehenden Sauerstoffs

das Leben dennoch eine Zeitlang bestehen bleibt, ein Stoffwechsel

+ohne+ Sauerstoff stattfindet, also ein Stoffwechsel, in dem die

Dissimilationsphase nicht wie unter normalen Verhältnissen bei aeroben

Organismen im wesentlichen in +oxydativen+ Spaltungen besteht, sondern

in Spaltungsvorgängen anderer Art. In der Tat hat ~Pütter~ (l. c.) bei

Untersuchungen über den Stoffwechsel des Blutegels feststellen können,

daß, während bei diesem Tier von dem gesamten Energieumsatz im Falle

der Sauerstoffzufuhr 60 Proz. durch oxydative Spaltungen, 10 Proz.

durch hydrolytische und 30 Proz. durch Spaltungsprozesse anderer Art

bestritten werden, demgegenüber im Falle der Sauerstoffentziehung die

oxydativen Spaltungen überhaupt keine Rolle mehr spielen, dagegen der

ganze Energieumsatz zu 10–20 Proz. durch hydrolytische und zu 80–90

Proz. durch andere Spaltungsprozesse gedeckt wird.

Es fragt sich aber nun schließlich noch, warum das Leben dann bei

diesen Organismen nach Sauerstoffentziehung nicht +dauernd+ durch

solche nicht oxydative Spaltungsvorgänge unterhalten werden kann,

wenn genügende Nahrungsmengen zur Verfügung stehen, denn es ist eine

allgemeine Tatsache: +Bei Sauerstoffentziehung gehen die obligat

aeroben Organismen nach kürzerer oder längerer Zeit schließlich unter

Lähmungssymptomen ausnahmslos zugrunde.+ Die Antwort auf diese Frage

ist offenbar die, daß bei allen +obligat+ aeroben Organismen nach

Sauerstoffentziehung durch die nicht oxydativen Spaltungsprozesse

Stoffe gebildet und angehäuft werden, die allmählich lähmend und

vergiftend auf die lebendige Substanz wirken, weil sie nicht in dem

Maße ausgeschieden werden können, wie sie entstehen. Sie können aber

höchstwahrscheinlich nicht in dem Maße ausgeschieden werden, weil

sie in dieser Form überhaupt schwer ausscheidbar sind, da sie nicht

bis zu leicht ausscheidbaren Stoffen wie Kohlensäure, Wasser und

Ammoniakverbindungen gespalten sind. Wahrscheinlich handelt es sich

dabei um komplexe stickstoffhaltige Spaltungsprodukte des Eiweißes. Daß

aber in anderen Fällen solche lähmenden Stoffwechselprodukte sich nach

Sauerstoffentziehung offenbar +nicht+ anhäufen, zeigen die +fakultativ+

anaeroben Organismen, die bei Sauerstoffzufuhr einen aeroben

Stoffwechsel mit oxydativen Spaltungen haben, bei Sauerstoffentziehung

dagegen dauernd aerob auf Kosten anderer Spaltungsprozesse zu leben

vermögen.

Damit ist nun allerdings nicht gesagt, daß die Lähmung, die bei der

Erstickung aller obligat aeroben Organismen schließlich eintritt,

immer nur allein auf einer Vergiftung durch schwer ausscheidbare

Produkte des aeroben Stoffwechsels beruht. Es ist vielmehr nicht

unwahrscheinlich, daß im allgemeinen die Abnahme der Erregbarkeit bei

Sauerstoffentziehung zum Teil auch auf den Fortfall der oxydativen

Spaltungen zurückzuführen ist, die ja die größte Energieentwicklung

liefern, da bei ihnen ein großes labiles Molekül sofort bis zu den

einfachsten energiefreien Endprodukten wie Kohlensäure und Wasser

zerfällt. Wie groß aber der relative Anteil beider Komponenten an dem

Verlust der Erregbarkeit, d. h. an der Lähmung bei der Erstickung ist,

läßt sich vorläufig gar nicht entscheiden. Es ist sehr wahrscheinlich,

daß er bei verschiedenen Formen der lebendigen Substanz sehr

verschieden sein wird.

Auf jeden Fall dürfen wir nicht vergessen, daß die verschiedenen

Formen der Anaerobiose und die sehr verschieden entwickelte Fähigkeit

verschiedener Organismen zum anaeroben Leben so einseitige Anpassungen

an ganz spezielle Lebensbedingungen vorstellen, daß wir sehr vorsichtig

sein müssen, wenn wir aus den Erfahrungen über den anaeroben

Stoffwechsel Schlüsse ziehen wollen auf den aeroben Stoffwechsel

und vor allem, daß wir uns hüten müssen, einzelne Tatsachen, die

im anaeroben Stoffwechsel beobachtet werden, zu verallgemeinern.

Was uns die Untersuchungen über den anaeroben Stoffwechsel gelehrt

haben, ist in erster Linie die wichtige Tatsache, daß es bezüglich

der Prinzipien des Stoffwechsels nicht die allgemeine Einheitlichkeit

in der Organismenwelt gibt, die wir uns früher dachten, als wir, die

Erfahrungen an den Wirbeltieren verallgemeinernd, noch glaubten, daß

die Sauerstoffatmung ein +allgemeiner+ Teilprozeß alles Stoffwechsels

und die Sauerstoffzufuhr eine +allgemeine+ Lebensbedingung sei.

Allgemeine Physiologie · 第 178 / 283 题