+Die lebendige Substanz ist flüssig.+ Es ist notwendig, daß wir uns
an diese physikalische Fundamentaleigenschaft der lebendigen Substanz
erinnern. Der flüssige, breiartige Zustand der lebendigen Substanz ist
bedingt durch die Wassermenge, die sie enthält, und von der man sich
leicht durch Abdampfen von lebendiger Substanz überzeugen kann. Nur
flüssige Massen, nicht feste, nur Substanzen, die Wasser enthalten,
können lebendig sein, denn nur mit dem flüssigen Zustande ist der
Stoffwechsel vereinbar. Daher sind im Organismus alle Substanzen, die
fest und starr sind, wie die Bindesubstanzen der Zähne, der Knochen
etc., nicht lebendig. Desgleichen sinkt die Lebenstätigkeit bei
Wasserentziehung. An eingetrockneten Räder- oder Bärentierchen sowie
an trockenen Samen sind keine Lebensäußerungen mehr wahrzunehmen. Erst
wenn die Samen durch Zufuhr von Wasser zum Aufquellen gebracht werden,
erst wenn die Substanz ihrer Zellen wieder flüssig wird, beginnt das
Leben sich zu äußern. +Das Wasser gehört also zu den allgemeinen
Lebensbedingungen. Wo kein Wasser ist, da ist kein Leben.+
[Illustration: Fig. 143. +Mesembryanthemum crystallinum, eine
Wüstenpflanze aus Südafrika.+ Der ganze Stengel und die Unterseite der
Blätter sind mit kristallhellen Wasserzellen besetzt.]
[Illustration: Fig. 144. +Bacillus butyricus bei der Sporenbildung.+
_a_ Beginnende Sporenbildung, _b_ reife, aber noch in den
Bacillenstäbchen befindliche Sporen, _c_ Sporen nach Auflösung der
Mutterzellmembran, _d_ Sporen, die wieder zu keimen beginnen und
Bacillen aus sich hervorgehen lassen. Nach ~Migula~.]
Diese Schlußfolgerung ist sehr einfach und klar. Allein es gibt Fälle,
in denen auch an Orten der größten Trockenheit dauernd organisches
Leben existiert. Jene öden, sonnendurchglühten Wüsten Asiens und
Afrikas, die dem Reisenden das gewaltigste und ergreifendste Bild
der Leblosigkeit vor Augen führen, deren endlose Sandflächen kaum
einmal im Jahre von spärlichen Regengüssen benetzt werden, beherbergen
trotz ihrer Trockenheit mannigfaltige Tier- und Pflanzenformen. Diese
scheinbare Ausnahme beruht darauf, daß alle Wüstenorganismen in ganz
eigentümlicher Weise an das Leben in langer Trockenheit angepaßt sind,
indem sie mit dem wenigen Wasser, das ihnen in langen Zeiträumen zu
Gebote steht, äußerst sparsam und haushälterisch wirtschaften. Man
ist erstaunt, in der trockensten Wüste grüne Pflanzen zu treffen,
die eine Fülle von Säften enthalten, Pflanzen (+Mesembryanthemum
crystallinum+), über und über mit Zellen besät, die solche Mengen
von klarem Wasser beherbergen, daß sie wie kleine kristallene
Tröpfchen aussehen (Fig. 143). Diese Wüstenpflanzen halten das Wasser
ungemein fest, indem sie entweder lösliche Stoffe von sehr großem
Wasseranziehungsvermögen in ihrem Zellsaft aufspeichern, oder indem
sie mit einer feinen Wachsschicht an ihrer ganzen Oberfläche überzogen
sind, so daß bei geschlossenen Spaltöffnungen kaum eine Spur von Wasser
durch Verdunstung aus dem Pflanzenkörper herausgelangen kann. Daneben
besitzen sie meist sehr weit und flach unter dem Boden hinziehende,
reichverzweigte Wurzeln, die jede Spur von Wasser gierig aufsaugen,
das gelegentlich einmal die Erde benetzt. Auch die Tiere, die durch
ihre geringe Lokomotionsfähigkeit an ihre trockene Heimat gefesselt
sind, wie die Schnecken, schützen sich, indem sie ihre Wasserabgabe
bis auf ein Minimum einschränken. Die Schnecken verschließen ihre
Gehäuseöffnung mit einem doppelten, dichten Deckel, so daß kaum eine
Spur von Wasser durch Verdunstung den Körper verlassen kann. Die
Trockenheit der Umgebung erstreckt sich also in allen diesen Fällen
nicht auf die lebendige Substanz der Wüstenorganismen. Diese ist
vielmehr wie alle lebendige Substanz flüssig, und in der Tat haben
alle Wüstenorganismen ein aktuelles Leben, nicht ein latentes, wenn
dasselbe auch bis auf ein Minimum herabgesetzt ist. Kommt aber einmal
ein leichter Regenguß, so fängt sofort ein frisches Leben an sich zu
regen, die Pflanzen wachsen und blühen, und die trägen Tiere erwachen
aus ihrem Sommerschlaf.
In etwas anderer Weise als die Wüstenpflanzen und Wüstentiere sind
andere Organismen, die zeitweilig Wassermangel durchmachen müssen, an
das Leben in der Trockenheit angepaßt, indem sie in der Trockenheit
sogenannte „Dauerformen“ bilden, die gegen die Trockenheit geschützt
sind. Solche Dauerformen kommen namentlich bei den einzelligen
Organismen sehr weit verbreitet vor, wie die „+Sporen+“ der Bakterien
(Fig. 144) oder die „+Cysten+“ der Rhizopoden, Sporozoen und Infusorien
(Fig. 97, p. 246), die in einer dichten, völlig undurchlässigen Haut
die lebendige Zellsubstanz einschließen. Auch die +Samen+ der Pflanzen
gehören zu diesen Dauerzuständen der Organismen. Indessen, bei allen
diesen Dauerzuständen handelt es sich schon um latentes Leben, bei
dem sich keine Spur von Lebensäußerungen selbst mit den feinsten
Hilfsmitteln mehr nachweisen läßt. Wie wir wissen, steht in allen
diesen Fällen das Leben in der Tat still wie eine aufgezogene Uhr, die
plötzlich angehalten worden ist.
Aus diesen Tatsachen geht zur Genüge die Bedeutung des Wassers für die
Unterhaltung des Lebens hervor. +Ohne Wasser existiert kein Leben. Mit
Zu- und Abnahme der Wasserversorgung der lebendigen Substanz innerhalb
gewisser Grenzen steigt, sinkt und erlischt auch die Intensität des
Lebens.+