Nicht sämtliche Lebensbedingungen irgendeines Organismus sind für jeden
anderen lebendigen Organismus in gleicher Weise notwendig. Ja, was für
die Existenz des einen Organismus erforderlich ist, kann das Leben des
anderen geradezu gefährden. Seetiere, in Süßwasser gebracht, gehen
nach einiger Zeit zugrunde, und Süßwassertiere, in Seewasser gesetzt,
verfallen demselben Schicksal. Das gilt aber nicht nur für große
Organismen+gruppen+, das gilt auch für jede einzelne Organismenform.
Jeder einzelne Organismus braucht für seine Existenz ganz bestimmte
spezielle Bedingungen, ohne deren Erfüllung er nicht dauernd am Leben
bleibt. Diese „+speziellen Lebensbedingungen+“ sind so mannigfaltig
wie die unermeßliche Fülle der Organismenformen selbst, denn ein
jeder Organismus ist nichts anderes als die Summe seiner sämtlichen
Lebensbedingungen. Die speziellen Lebensbedingungen der einzelnen
Organismen beschreiben, hieße daher, die gesamte Naturgeschichte jedes
einzelnen Organismus schildern. Diese Aufgabe gehört in das Gebiet der
+speziellen+ Physiologie. Allein, diesen speziellen Lebensbedingungen
gegenüber gibt es Bedingungen, die für alle Organismen erfüllt sein
müssen, damit sie leben können, und diese Bedingungen müssen daher
als „+allgemeine Lebensbedingungen+“ gelten. Wir werden uns in der
allgemeinen Physiologie nur mit den allgemeinen Lebensbedingungen der
Organismen zu beschäftigen haben und können auf einzelne spezielle
Lebensbedingungen nur gelegentlich einen Blick werfen, wenn sie gerade
besonderes Interesse erfordern, d. h. wenn sie für besonders große
Gruppen von Organismen nötig sind oder wenn sie uns die eigenartige
Anpassung der lebendigen Substanz an besonders eigentümliche
Verhältnisse vor Augen führen.
Gewöhnlich ist man geneigt, bei dem Begriff „Lebensbedingungen“ nur
an äußere Faktoren, wie Nahrung, Wasser, Sauerstoff, Temperatur,
osmotischen und mechanischen Druck zu denken. Indessen stehen diesen
+äußeren Lebensbedingungen+ auch +innere Lebensbedingungen+ gegenüber,
die in der Zusammensetzung des Organismus selbst liegen, und deren
Wegfall ebenso den Tod des Organismus zur Folge hat wie der Fortfall
der äußeren Lebensbedingungen.
A. Die allgemeinen äußeren Lebensbedingungen.