III. +Die Geschichte des Todes.+

A. Die Vorgänge der Nekrobiose.

1. Histolytische Prozesse.

2. Metamorphotische Prozesse.

B. Die Bedingungen des Todes.

1. Aeußere und innere Todesbedingungen.

2. Die Frage nach der körperlichen Unsterblichkeit.

Die lebendige Substanz der Organismen bildet einen Teil der

gesamten Stoffmenge, die unseren Erdkörper zusammensetzt. Ihre

Unterschiede gegenüber den leblosen Substanzen sind, wie wir sahen,

nicht prinzipieller Natur; denn dieselben Elemente, aus denen jene

zusammengesetzt sind, bauen auch diese auf. Der Unterschied zwischen

der organischen Substanz und den anorganischen Substanzen ist

nicht größer als der Unterschied mancher anorganischen Substanzen

untereinander und besteht allein in der Art und Weise, wie die

Elementarstoffe zusammengefügt sind.

Es ist wichtig, daß wir uns an den Gedanken gewöhnen, die lebendige

Substanz nicht als einen außer allem Zusammenhang stehenden, zu

aller übrigen Materie im Gegensatz befindlichen, mystischen Stoff zu

betrachten, sondern nur als einen Teil der Stoffe, welche die Erdrinde

bilden. Dann ist es selbstverständlich, daß das Leben, wie jeder

Vorgang in der Welt, durchaus bedingt ist durch die Beschaffenheit der

Stoffe, die den Organismus aufbauen, und durch die Beschaffenheit der

Umgebung, kurz, daß die Entwicklung der lebendigen Substanz untrennbar

mit der Entwicklung des Erdkörpers verknüpft sein muß. Demnach ist

die Zusammensetzung und Form der jetzigen lebendigen Substanz, welche

die Erdoberfläche bedeckt, genau unter demselben Gesichtspunkt zu

betrachten, wie etwa die Zusammensetzung der jetzigen Meere, d. h. als

etwas allmählich Gewordenes, das nur in dieser jetzigen Beschaffenheit

so existiert, weil die Bedingungen augenblicklich derartig sind. Wie

die Meere mit ihren Salzen noch nicht in ihrer jetzigen Beschaffenheit

existieren +konnten+, ehe das Wasser auf der Erde in tropfbar-flüssigem

Zustande vorhanden war, ebenso konnte auch die lebendige Substanz zu

jener Zeit noch nicht in ihrer jetzigen Zusammensetzung bestehen, denn

sie enthält ja durchschnittlich über 50 Proz. Wasser. Wie aber das

Wasser seine jetzige Form annehmen +mußte+, als bestimmte Bedingungen

in der Erdentwicklung gegeben waren, so +mußte+ auch die lebendige

Substanz allmählich ihre jetzige Beschaffenheit erhalten in dem Maße,

wie sich die jetzigen Verhältnisse der Erdoberfläche herausbildeten.

Die Aussonderung der lebendigen Substanz aus den Stoffen der Erdrinde

ist ebenso nur eine Folge der Erdentwicklung wie die Ausscheidung

bestimmter Gesteine, bestimmter Salze oder des Wassers aus dem

Stoffgemisch des Erdballes.

Zu derselben Vorstellung kommen wir von einem anderen Ausgangspunkte

aus, wenn wir nämlich nicht die elementare Zusammensetzung,

sondern die Lebensäußerungen der lebendigen Substanz ins Auge

fassen. Es ist ein leicht begreiflicher, durch den oberflächlichen

Eindruck hervorgerufener Irrtum, wenn man einen Organismus als ein

selbständiges, in sich geschlossenes, von seiner Umgebung unabhängiges

System betrachtet. Die Tatsache des Stoffwechsels klärt uns aber sofort

über diesen Irrtum auf; denn wenn der Organismus nur lebt, solange er

Stoffe von außen aufnimmt und nach außen abgibt, so steht er dadurch

in der allerengsten Abhängigkeit von der Außenwelt: die Außenwelt

+bedingt+ sein Leben.

Auf diese Weise gelangen wir zu dem Begriff der „+Lebensbedingungen+“,

d. h. der Bedingungen, die erfüllt sein müssen, wenn das Leben eines

Organismus überhaupt bestehen soll. Da es ferner auf der Hand liegt,

daß jede Veränderung der Lebensbedingungen einen Einfluß auf das Leben

des Organismus ausüben muß, weil der spezifische Lebensvorgang eines

jeden Organismus eindeutig bestimmt ist durch die Summe sämtlicher

Lebensbedingungen, so ist es für die Vollständigkeit eines Bildes

von den Beziehungen zwischen Organismenwelt und Lebensbedingungen

erforderlich, nicht nur die +Lebensbedingungen, wie sie jetzt sind+,

zu untersuchen, sondern auch +die Lebensbedingungen in früheren Zeiten

der Erdentwicklung+ ins Auge zu fassen, soweit wir überhaupt uns eine

Vorstellung davon machen können, um so einige Anhaltspunkte zu gewinnen

für +die Frage nach der Herkunft, der Abstammung, der Entwicklung des

Lebens auf der Erde+.

Allgemeine Physiologie · 第 174 / 283 题