A. Die Vorgänge der Nekrobiose.
1. Histolytische Prozesse.
2. Metamorphotische Prozesse.
B. Die Bedingungen des Todes.
1. Aeußere und innere Todesbedingungen.
2. Die Frage nach der körperlichen Unsterblichkeit.
Die lebendige Substanz der Organismen bildet einen Teil der
gesamten Stoffmenge, die unseren Erdkörper zusammensetzt. Ihre
Unterschiede gegenüber den leblosen Substanzen sind, wie wir sahen,
nicht prinzipieller Natur; denn dieselben Elemente, aus denen jene
zusammengesetzt sind, bauen auch diese auf. Der Unterschied zwischen
der organischen Substanz und den anorganischen Substanzen ist
nicht größer als der Unterschied mancher anorganischen Substanzen
untereinander und besteht allein in der Art und Weise, wie die
Elementarstoffe zusammengefügt sind.
Es ist wichtig, daß wir uns an den Gedanken gewöhnen, die lebendige
Substanz nicht als einen außer allem Zusammenhang stehenden, zu
aller übrigen Materie im Gegensatz befindlichen, mystischen Stoff zu
betrachten, sondern nur als einen Teil der Stoffe, welche die Erdrinde
bilden. Dann ist es selbstverständlich, daß das Leben, wie jeder
Vorgang in der Welt, durchaus bedingt ist durch die Beschaffenheit der
Stoffe, die den Organismus aufbauen, und durch die Beschaffenheit der
Umgebung, kurz, daß die Entwicklung der lebendigen Substanz untrennbar
mit der Entwicklung des Erdkörpers verknüpft sein muß. Demnach ist
die Zusammensetzung und Form der jetzigen lebendigen Substanz, welche
die Erdoberfläche bedeckt, genau unter demselben Gesichtspunkt zu
betrachten, wie etwa die Zusammensetzung der jetzigen Meere, d. h. als
etwas allmählich Gewordenes, das nur in dieser jetzigen Beschaffenheit
so existiert, weil die Bedingungen augenblicklich derartig sind. Wie
die Meere mit ihren Salzen noch nicht in ihrer jetzigen Beschaffenheit
existieren +konnten+, ehe das Wasser auf der Erde in tropfbar-flüssigem
Zustande vorhanden war, ebenso konnte auch die lebendige Substanz zu
jener Zeit noch nicht in ihrer jetzigen Zusammensetzung bestehen, denn
sie enthält ja durchschnittlich über 50 Proz. Wasser. Wie aber das
Wasser seine jetzige Form annehmen +mußte+, als bestimmte Bedingungen
in der Erdentwicklung gegeben waren, so +mußte+ auch die lebendige
Substanz allmählich ihre jetzige Beschaffenheit erhalten in dem Maße,
wie sich die jetzigen Verhältnisse der Erdoberfläche herausbildeten.
Die Aussonderung der lebendigen Substanz aus den Stoffen der Erdrinde
ist ebenso nur eine Folge der Erdentwicklung wie die Ausscheidung
bestimmter Gesteine, bestimmter Salze oder des Wassers aus dem
Stoffgemisch des Erdballes.
Zu derselben Vorstellung kommen wir von einem anderen Ausgangspunkte
aus, wenn wir nämlich nicht die elementare Zusammensetzung,
sondern die Lebensäußerungen der lebendigen Substanz ins Auge
fassen. Es ist ein leicht begreiflicher, durch den oberflächlichen
Eindruck hervorgerufener Irrtum, wenn man einen Organismus als ein
selbständiges, in sich geschlossenes, von seiner Umgebung unabhängiges
System betrachtet. Die Tatsache des Stoffwechsels klärt uns aber sofort
über diesen Irrtum auf; denn wenn der Organismus nur lebt, solange er
Stoffe von außen aufnimmt und nach außen abgibt, so steht er dadurch
in der allerengsten Abhängigkeit von der Außenwelt: die Außenwelt
+bedingt+ sein Leben.
Auf diese Weise gelangen wir zu dem Begriff der „+Lebensbedingungen+“,
d. h. der Bedingungen, die erfüllt sein müssen, wenn das Leben eines
Organismus überhaupt bestehen soll. Da es ferner auf der Hand liegt,
daß jede Veränderung der Lebensbedingungen einen Einfluß auf das Leben
des Organismus ausüben muß, weil der spezifische Lebensvorgang eines
jeden Organismus eindeutig bestimmt ist durch die Summe sämtlicher
Lebensbedingungen, so ist es für die Vollständigkeit eines Bildes
von den Beziehungen zwischen Organismenwelt und Lebensbedingungen
erforderlich, nicht nur die +Lebensbedingungen, wie sie jetzt sind+,
zu untersuchen, sondern auch +die Lebensbedingungen in früheren Zeiten
der Erdentwicklung+ ins Auge zu fassen, soweit wir überhaupt uns eine
Vorstellung davon machen können, um so einige Anhaltspunkte zu gewinnen
für +die Frage nach der Herkunft, der Abstammung, der Entwicklung des
Lebens auf der Erde+.