3. Die Produktion von Wärme.

Die Produktion von Wärme ist schon weit weniger sinnfällig als

die Lichtproduktion. Während wir die Lichtproduktion bereits an

der einzelnen Zelle mit Leichtigkeit beobachten können, ist die

Wärmeproduktion der einzelnen Zelle wegen der geringen Größe des

Objekts mit unseren rohen Instrumenten der Temperaturmessung überhaupt

nicht meßbar. Und dennoch müssen wir annehmen, daß im Innern einer

jeden Zelle Wärme produziert wird, denn in jeder lebendigen Zelle

spielen sich Oxydationsprozesse ab, die mit Produktion von lebendiger

Energie verlaufen, und die Wärme ist gerade diejenige Form der

lebendigen Energie, die bei allen derartigen Prozessen ausnahmslos,

sei es allein, sei es neben anderen Energieformen, resultiert. Ja, wir

haben sogar guten Grund, mit ~Pflüger~ anzunehmen, daß in einzelnen

Molekülen der lebendigen Substanz, z. B. bei der Entstehung des

Kohlensäuremoleküls, blitzartig Temperaturen von mehreren tausend Grad

Celsius entwickelt werden, da beispielsweise die Verbrennungswärme von

1 g Kohlenstoff 8,08 Kilogrammkalorien beträgt. Indessen, die Größe

eines Kohlensäuremoleküls ist verschwindend klein in der Zelle, und das

Molekül ist umgeben von einer ungeheuren Zahl von anderen Molekülen,

die eine sehr niedrige Temperatur besitzen. Die plötzlich aufblitzende

Wärme gleicht sich daher ebenso schnell aus, wie sie entsteht, und

da die wärmebildenden Moleküle nicht alle gleichzeitig entstehen,

sondern bald hier, bald dort zwischen der großen Masse anderer Moleküle

auftauchen, so liegt es auf der Hand, daß die aus dem Ausgleich aller

verschiedenen Einzeltemperaturen resultierende Gesamttemperatur der

Zelle keine sonderliche Höhe erreichen kann. Dazu kommt, daß wir

mit unseren rohen Methoden der Wärmemessung noch nicht einmal die

wirkliche, nach außen abgegebene Wärme einer einzelnen Zelle messen

können, da der größere Teil durch Leitung und Strahlung dabei verloren

geht. Es ist daher notwendig, für die Feststellung der Wärmeproduktion

nicht die einzelne Zelle, sondern größere Zellenkomplexe zu benutzen,

wie sie umfangreiche Gewebemassen oder ganze Organismen bieten.

Am deutlichsten macht sich die Produktion von Wärme bemerkbar am

Körper der „homoiothermen“ Tiere, der sogenannten Warmblüter. Wir

haben schon gesehen, daß man in neuerer Zeit die althergebrachte

Einteilung der Tiere in Warmblüter und Kaltblüter zweckmäßig ersetzt

hat durch die Einteilung in „+homoiotherme+“ und „+poikilotherme+“

Tiere, d. h. in solche, die unter allen äußeren Bedingungen immer die

gleiche Körpertemperatur behalten, und solche, deren Körpertemperatur

mit der Temperatur der Umgebung steigt und sinkt. Die homoiothermen

Tiere zeigen am deutlichsten die Wärmeproduktion des Körpers, weil sie

Vorrichtungen haben, die Wärme bis zu einer ganz bestimmten Höhe in

sich aufzuspeichern und durch äußerst feine Regulierung auf dieser Höhe

zu erhalten. Daher ist der Körper der homoiothermen Tiere bei nicht

zu hoher Außentemperatur stets wärmer als das umgebende Medium. Das

läßt sich einfach auf dem Wege thermometrischer Messung feststellen.

So besitzt der Körper des Menschen in seinem Innern dauernd eine

Temperatur von 37 bis 39° C, an seiner Oberfläche entsprechend der

äußeren Abkühlung etwas weniger, in der Mundhöhle etwa 37, in der

Achselhöhle ungefähr 36,5° C. Die höchste Körpertemperatur haben die

Vögel mit ihrem lebhaften Stoffwechsel, z. B. die Schwalbe bis 44° C.

Daß aber auch die poikilothermen Tiere, wenn sie unter Bedingungen sich

befinden, unter denen die von ihnen produzierte Wärme aufgespeichert

und nicht durch Leitung oder Strahlung an das Medium abgegeben wird,

bedeutende Temperaturen erzielen können, geht aus der Tatsache hervor,

daß +Bienen+ in ihrem Bienenkorbe Temperaturen von 30 bis 40° erzeugen.

Ja, selbst Pflanzen können, vor allem beim Keimen und bei energischem

Wachstum, also wenn die Stoffwechselprozesse sich besonders lebhaft

abspielen, ihre Temperatur thermometrisch erkennbar über die Temperatur

der Umgebung erhöhen. So konnte z. B. ~Sachs~ an +Erbsen+, die er auf

einem Trichter unter einer Glasglocke (Fig. 128) keimen ließ, mit

dem Thermometer eine Temperaturerhöhung von 1,5° C feststellen. Ganz

außerordentliche Werte aber sind an den Blütenkolben der eigentümlichen

+Aroideen+ während ihrer rapiden Entwicklung beobachtet worden. Hier

fand man nicht selten Temperatursteigerungen von 15° C. Auch bei

der Vergärung von Zuckerlösungen wird durch die +Hefezellen+ eine

Temperatursteigerung der Zuckerlösung erzeugt, die unter günstigen

Bedingungen mehr als 14° C betragen kann.

[Illustration: Fig. 128. +Vorrichtung zum Nachweis der

Temperaturerhöhung beim Keimen von Erbsen.+ Unter einer Glasglocke

befindet sich ein Trichter mit keimenden Erbsen, in die ein

Thermometerrohr hineinragt. Nach ~Sachs~.]

Um indessen feinere +Temperaturveränderungen+ festzustellen, besonders

an den Geweben der poikilothermen Tiere, reicht die rohe Methode der

Temperaturmessung mit dem Thermometer nicht aus, und man hat sich daher

der feineren Methode der thermoelektrischen Temperaturmessung bedient.

Bekanntlich wird in einem thermoelektrischen Element, das aus zwei

verschiedenen, an einem Ende miteinander verlöteten Metallstücken (am

besten Neusilber und Eisen oder Antimon und Wismut) besteht, durch die

geringste Erwärmung der Lötstelle eine elektrische Spannung erzeugt.

Verbindet man daher die beiden freien Enden der Metalle durch einen

Draht, so daß ein geschlossener Kreis entsteht, so kann man von ihnen

einen elektrischen Strom ableiten, dessen Vorhandensein durch die

Ablenkung einer in seiner Nähe befindlichen Magnetnadel angezeigt wird.

Für den Nachweis ganz schwacher elektrischer Ströme dienen besonders

empfindliche Apparate, der „Multiplikator“ und das „Galvanometer“,

deren Magnete schon bei den feinsten Strömen einen Ausschlag geben.

Der +Multiplikator+ besteht aus einem leicht beweglich aufgehängten

„astatischen Nadelpaar“, d. h. zwei horizontalen Magnetnadeln, die

beide parallel übereinander so befestigt sind, daß der Nordpol der

einen über dem Südpol der anderen liegt. In der Nähe der unteren

Magnetnadel ist der Draht des Stromkreises zu einer Rolle von

außerordentlich vielen Touren aufgewickelt, so daß, wenn ein Strom

hindurchgeht, jede einzelne Windung in gleichem Sinne ablenkend auf

die Magnetnadel wirkt. Die obere Magnetnadel befindet sich über einer

in Grade eingeteilten Scheibe, so daß man hier die Ablenkung der

Magnetnadel messen kann (Fig. 129). Beim +Galvanometer+ (Fig. 130 u.

131) hat der Magnet die Form eines Ringes, der an einem Kokonfaden in

dem Hohlraum der windungsreichen Drahtrolle aufgehängt ist, und an dem

Ringe ist ein kleiner Spiegel befestigt, der alle Bewegungen des Ringes

mitmacht (Fig. 130 u. 131). In einiger Entfernung von dem Apparat steht

ein Fernrohr, an dem sich eine Skala befindet, deren Spiegelbild man

bei genauer Einstellung durch das Fernrohr im Spiegel des Galvanometers

beobachtet (Fig. 131 _I_). Die geringste Ablenkung des Magnetringes

zeigt sich daher im Fernrohr durch eine Verschiebung des Spiegelbildes

der Skala an. Nach dem Umfang dieser Verschiebung kann man die

Stärke des elektrischen Stromes und danach empirisch die Größe der

Erwärmung des thermoelektrischen Elements, oder besser einer ganzen

Säule von thermoelektrischen Elementen berechnen und so die feinsten

Temperaturveränderungen feststellen, die ein lebendiges Gewebe erfährt.

[Illustration: Fig. 129. +Schema eines Multiplikators.+ An einem

Kokonfaden _G_ hängt das astatische Nadelpaar mit den Nordpolen _N_ und

_N_₁. Um die untere Nadel sind die Drahtwindungen _W_ herumgeleitet,

die obere Nadel bewegt sich über einer graduierten Scheibe. Nach

~Landois~.]

Bei derartigen Untersuchungen hat sich herausgestellt, daß bei

stärkerer Tätigkeit der Zellen eines Gewebes, etwa einer Drüse oder

eines Muskels, auch eine höhere Temperatur erzeugt wird als bei

geringerer Tätigkeit oder in der Ruhe. Das ist ein Ergebnis, das mit

unseren Auffassungen von der Wärmeproduktion im besten Einklang steht,

denn die stärkere Tätigkeit der Zellen beruht auf einem stärkeren

Stoffwechsel in ihnen, und die Wärme ist eine Energieform, die aus den

chemischen Umsetzungen in der Zelle resultiert. Uebrigens ist es eine

alte Erfahrung, daß man sich durch angestrengte Muskeltätigkeit in

ergiebigster Weise erwärmen kann.

[Illustration: Fig. 130. +Schema eines Spiegelgalvanometers+ (die

Drahtrollen sind fortgelassen). In der Mitte befindet sich in der

Oeffnung eines runden Kupfergehäuses der Magnetring pendelnd an einem

Kokonfaden von einer (oben abgeschnitten gezeichneten) hohen Glasröhre

herabhängend. In fester Verbindung mit dem Magnetring steht der Spiegel

(an der Oese des Kokonfadens gleich unterhalb der Glasröhre), der jede

Bewegung des Magnetrings mitmacht. Nach ~Cyon~.]

Alle Temperaturmessungen, sei es mit dem Thermometer, sei es mit

thermoelektrischen Methoden, dienen indessen nur dazu, die Höhe der

Temperatur, die an irgendeiner Stelle des Organismus zu irgend einer

Zeit herrscht, festzustellen. Sie geben keinen Aufschluß über die

Wärme+menge+, die der Organismus oder das einzelne Gewebe produziert.

Allein auch diese Wärme+menge+ hat man festzustellen gewußt, indem

man die Anzahl der Wärmeeinheiten oder „+Kalorien+“ untersuchte, die

ein lebendiger Körper in einer bestimmten Zeit nach außen abgibt.

So entstand neben der „+Thermometrie+“ die „+Kalorimetrie+“. Wie

bereits erwähnt, ist eine Kilogrammkalorie diejenige Wärmemenge,

welche notwendig ist, um 1 kg Wasser von 0° C auf 1° C zu erwärmen.

Um daher die Anzahl der Kalorien zu messen, die ein lebendiger

Körper, etwa ein Tier, in einer bestimmten Zeit produziert, hat

man ein +Wasserkalorimeter+ konstruiert, das aus einem ringsherum

verschließbaren Kasten mit doppelter Wandung besteht. Der Raum zwischen

den beiden Wänden wird mit Wasser gefüllt, in den Kasten selbst kommt

das Tier hinein, und das Ganze wird durch einen nicht wärmeleitenden

Mantel vor Abkühlung oder Erwärmung von außen her geschützt. Die Wärme,

welche das Tier produziert. teilt sich dem Wasser mit und erhöht die

Temperatur desselben, die man an einem Thermometer, das im Wasser

steckt, ablesen kann. Verschiedene Einrichtungen dienen noch dazu, die

Fehlerquellen, die auf etwaigem Verlust von Wärme beruhen, möglichst

einzuschränken. So kann man aus der Menge des Wassers und der Erwärmung

desselben in einer bestimmten Zeit die Wärmeproduktion des Tieres

annähernd genau feststellen. In neuerer Zeit ist für physiologische

Zwecke das Wasserkalorimeter mehr durch das +Luftkalorimeter+ verdrängt

worden, bei dem der Käfig, in den das Versuchstier sich befindet,

umgeben ist von einem geschlossenen Luftmantel, dessen Luft durch die

vom Tiere abgegebene Wärme ausgedehnt wird, so daß nach vorheriger

Eichung des Apparates aus dem Grade ihrer Ausdehnung die Menge der

produzierten Wärme sich leicht berechnen läßt. Teils mit der einen,

teils mit der anderen Methode haben ~Dulong~, ~Desprez~, ~Helmholtz~,

~Rosenthal~, ~Rubner~ und ~Krehl~ die vom tierischen Körper produzierte

Wärmemenge festgestellt. Da die sämtliche tierische Wärme aus der in

den Körper eingeführten chemischen Energie der Nahrung stammt, und

da alle Energie des Körpers unter den im kalorimetrischen Versuch

gegebenen Bedingungen in letzter Instanz in Wärme umgesetzt wird, so

muß die in Kalorien ausgedrückte Menge der chemischen Energie, die in

den Körper durch die Nahrung eingeführt wird, nach dem Gesetz von der

Erhaltung der Energie gleich sein der Menge der vom Körper nach außen

abgegebenen Wärme. In der Tat hat sich auch dieses Resultat aus den

Versuchen mit aller nur erreichbaren Genauigkeit ergeben, und damit ist

die Gültigkeit des Gesetzes von der Erhaltung der Energie auch für den

lebendigen Körper noch experimentell erhärtet.

[Illustration: Fig. 131. _I_ Versuchsanordnung für eine

thermoelektrische Messung. _a_, _f_ Thermoelektrische Nadeln, die

einerseits durch den Draht _b_, andererseits durch den Draht _b_₁

miteinander verbunden sind, welcher letztere um den Magnetring _m_ mit

dem Nordpol _n_ in Windungen herumgeht. Der Magnetring _m_ ist an einem

Kokonfaden _c_ aufgehängt und fest mit einem Spiegel _s_ verbunden.

Vor dem Magnetring befindet sich ein Magnetstab _M_ mit dem Nordpol

_N_ in einer solchen Entfernung, daß der Magnetring sich eben gerade

noch nach Norden einstellen kann. Daher genügt eine außerordentlich

geringe Stromintensität, um ihn aus seiner Lage abzulenken. Vor dem

Galvanometer befindet sich ein Fernrohr _F_ mit einer Skala _KK_, deren

Spiegelbild der Beobachter _B_ in dem Spiegel _S_ des Galvanometers

beobachten kann, so daß er jede Bewegung des Spiegels resp. des

Magnetrings an der Verschiebung des Spiegelbildes der Skala wahrnimmt.

_II_ und _III_ Verschiedene Formen thermoelektrischer Nadeln. _a_

Neusilber, _f_ Eisen. Nach ~Landois~.]

Allgemeine Physiologie · 第 170 / 283 题