Alle lebendige Substanz bewegt sich, d. h. die einzelnen Punkte ihres
materiellen Systems verändern ihre Lage im Raum. Daraus resultiert
je nach den speziellen Bedingungen entweder eine Verschiebung der
einzelnen Teilchen bei gleichbleibender äußerer Form oder eine
Veränderung der äußeren Form oder eine Ortsveränderung des Ganzen
(Lokomotion) oder schließlich mehreres gleichzeitig. Wenn aber zwar
die Bewegung an sich eine allgemeine Lebensäußerung ist, so zeigt doch
nicht jede Form der lebendigen Substanz die gleiche Art der Bewegung.
Die Mannigfaltigkeit der Bewegungsmodi, die sich an den verschiedenen
Organismen beobachten lassen, ist sehr groß. Dennoch lassen sich alle
Bewegungsmodi nach der Art ihres Zustandekommens in einige wenige große
Gruppen einreihen, von denen wieder nur einzelne durch ihre weite
Verbreitung eine hervorragende Bedeutung besitzen. Da die Bewegung der
lebendigen Substanz ihre augenfälligste Lebensäußerung ist und das
Interesse daher am meisten auf sich lenkt, wird es gerechtfertigt sein,
wenn wir uns mit den einzelnen Formen der Bewegung etwas eingehender
beschäftigen.
Es ist zunächst zweckmäßig, die verschiedenen Bewegungsmodi
übersichtlich zu unterscheiden:
a) +Passive Bewegungen+,
b) +Bewegungen durch Quellung der Zellwände+,
c) +Bewegungen durch Veränderung des Zellturgors+,
d) +Bewegungen durch Veränderung des spezifischen Gewichts der Zelle+,
e) +Bewegungen durch Sekretion von seiten der Zelle+,
f) +Bewegungen durch Wachstum+,
g) +Bewegungen durch Kontraktion und Expansion des Zellkörpers+:
Amöboide Bewegung,
Muskelbewegung,
Flimmerbewegung.
a) Passive Bewegungen.
Bei den passiven Bewegungen liegt die Energiequelle der Bewegung
außerhalb des bewegten Systems. Die passiven Bewegungen in der
lebendigen Substanz sind also nicht Lebensäußerungen der bewegten Teile
selbst, sondern Ausdruck von Lebensäußerungen in ihrer Umgebung. Die
Bewegung der roten Blutkörperchen, +die Strömung der Blutflüssigkeit+
in den Blutgefäßen des menschlichen Körpers ist eine passive, denn die
Blutkörperchen und die Blutflüssigkeit besitzen keine Eigenbewegung,
sondern werden lediglich passiv durch die Tätigkeit des Herzens, das
wie eine Saug- und Druckpumpe in dem mit Blut gefüllten Röhrensystem
des Gefäßbaumes wirkt, getrieben. Man kann diese Strömung des Blutes in
den feinen Kapillargefäßen unter dem Mikroskop sehr schön beobachten,
wenn man einen durch das indianische Pfeilgift „Curare“ gelähmten
Frosch auf eine Korkplatte bringt und über einer Oeffnung in derselben
mit Nadeln die Schwimmhaut zwischen den Zehen der hinteren Extremität
ausspannt. Dann gewinnt man unter dem Mikroskop ein Bild, das jeden
Beschauer mit Interesse erfüllt. Man sieht das weitverzweigte Netz des
Kapillargefäßsystems, in dem das Blut mit seinen gelb erscheinenden
Blutkörperchen so langsam fließt, daß man jedes einzelne Blutkörperchen
bequem verfolgen kann, wie es sich in der klaren Blutflüssigkeit durch
die feinen Kanäle und Umbiegungsstellen hindurchwindet (Fig. 99).
Noch günstigere Objekte sind die Gefäße der gefüllten Harnblase des
Frosches[210].
Schon in der einzelnen Zelle finden wir solche passiven Bewegungen.
Die feinen Körnchen, die im Protoplasma der nackten Rhizopodenzellen
eingebettet liegen, zeigen besonders auf den langen, fadenförmigen
Pseudopodien der Meeresrhizopoden eine strömende Bewegung, die
sogenannte „+Körnchenströmung+“, die einen ähnlich fesselnden Anblick
gewährt wie die Strömung des Blutes in den Kapillargefäßen, und nur
viel langsamer erfolgt. Wie die Spaziergänger auf einer Straße oder
wie die Ameisen auf ihren langen, selbstangelegten Wegen ziehen die
Körnchen dahin, bald in zentrifugaler, bald in zentripetaler Richtung,
bald stillstehend, bald umkehrend, bald weiter fortschreitend. Diese
Körnchenströmung kommt nicht zustande durch aktives Vorwärtsrücken der
Körnchen selbst, sondern durch passives Mitgeschlepptwerden von seiten
der flüssigen protoplasmatischen Grundsubstanz, in der sie eingebettet
liegen, und die selbst stets in aktiv fließender Bewegung begriffen ist.
[Illustration: Fig. 99. +Kapillarkreislauf in der Schwimmhaut des
Frosches.+ Aus ~Ranke~.]
[Illustration: Fig. 100. +~Brown~sche Molekularbewegung+. _I_
+Closterium+, nach ~Strasburger~. In den an beiden Enden befindlichen
Vakuolen _K_ des sichelförmigen Zellkörpers sind zahlreiche Körnchen in
lebhafter Molekularbewegung. _II_ +Sogenanntes Speichelkörperchen+, ein
abgestorbener und kugelig zusammengezogener Leukocyt aus dem Speichel
des Menschen, in dessen gequollenem Inhalt die Körnchen in tanzender
Bewegung begriffen sind. _III_ +Kriställchen+ aus den Kalksäcken des
Frosches.]
Eine ebenfalls sehr interessante Form der passiven Bewegungen, die
in der lebendigen Zelle vorkommen, ist die sogenannte +~Brown~sche
Molekularbewegung+. Im Süßwasser lebt eine kleine, einzellige
grüne Alge von zierlicher Mondsichelform, das +Closterium+ (Fig.
100 _I_). Diese Alge hat in ihrem Protoplasma an beiden Enden des
sichelförmigen Körpers je eine Flüssigkeitsvakuole, in welcher in
der Regel einzelne feine Körnchen liegen, die ~Brown~sche Bewegung
zeigen. Die Körnchen sind nämlich, wie man bei stärkerer Vergrößerung
sieht, in einem fortwährenden feinen Zittertanz begriffen, aber ohne
große Ortsbewegungen auszuführen. Der Tanz geht unermüdlich fort
und findet nie ein Ende. Das ist ein +lebendiges+ Objekt, an dem
diese eigentümliche Bewegung zu sehen ist. Viel öfter beobachtet man
sie aber in abgestorbenen Zellen, und lange bekannt ist sie in den
sogenannten Speichelkörperchen des Mundspeichels, die weiter nichts
sind als abgestorbene Leukocyten (weiße Blutkörperchen). Diese toten
Leukocyten sind durch Wasseraufnahme zur Kugelform aufgequollen und
besitzen einen Zellkern, den ein körniges Protoplasma umgibt (Fig.
100 _II_). Die Körnchen dieses aufgequollenen Protoplasmas zeigen bei
starker Vergrößerung deutlich Molekularbewegung. Daß die ~Brown~sche
Molekularbewegung keine ausschließlich im lebendigen Organismus
vorkommende Bewegungsform ist, geht übrigens aus der Tatsache hervor,
daß alle leichten mikroskopischen Körnchen irgendwelcher Art, wenn sie
in Wasser oder einer anderen leicht beweglichen Flüssigkeit suspendiert
sind, diese seltsame Bewegung zeigen. Eines der schönsten leblosen
Objekte, die im Organismus vorkommen, sind in dieser Hinsicht die
feinen Kriställchen (Fig. 100 _III_) aus den Kalksäckchen, welche in
der Leibeshöhle der Frösche zu beiden Seiten der Wirbelsäule zwischen
je zwei Wirbelfortsätzen liegen. Bringt man etwas von ihrer weißen
Substanz in einen Tropfen Wasser und betrachtet man diesen unter einem
Deckglas mit dem Mikroskop bei starker Vergrößerung, so hat man,
besonders an den kleineren Kriställchen, den wunderbaren Anblick des
rastlosen Zittertanzes lebloser Kristalle in anmutigster Form[211].
Als der englische Botaniker ~Brown~ im Jahre 1827 solche eigentümliche
Bewegungen in Pflanzenzellen entdeckt hatte, glaubte man, darin eine
aktive Bewegung der feinen Körnchen selbst erblicken zu müssen, die aus
den Schwingungen ihrer Moleküle resultierte, und nannte sie deshalb
„Molekularbewegung“. Allein nach unseren heutigen Anschauungen ist
diese Auffassung als unhaltbar fallen gelassen worden, und man war
lange Zeit im unklaren über die Deutung dieser rätselhaften Bewegung,
bis 1863 ~Wiener~[212] und bald darauf ~Exner~ ihre physikalischen
Bedingungen sehr sorgfältig studierten und eine Erklärung dafür fanden,
die mit unseren jetzigen Auffassungen von dem molekularen Zustande der
Flüssigkeiten im besten Einklang steht. Ja, das Verhalten der Moleküle
einer Flüssigkeit +fordert+ sogar geradezu derartige Bewegungsvorgänge
von kleinen leichten Partikelchen, die in ihr suspendiert sind.
Bekanntlich stellen wir uns vor, daß die Moleküle in einer Flüssigkeit
in fortwährender Bewegung sind und durcheinanderwimmeln, indem sie
aneinanderprallen, sich abstoßen, nach anderer Richtung sich bewegen,
wieder anstoßen etc. Diese Bewegung der Moleküle können wir selbst
mit den stärksten Vergrößerungen nicht sehen, denn die Flüssigkeiten
erscheinen uns homogen, weil ihre Moleküle zu klein sind, um selbst
mikroskopisch wahrgenommen werden zu können. Dagegen können wir den
Erfolg ihrer Bewegungen an kleinen, leichten Körnchen erkennen, die in
der Flüssigkeit schweben, und die, wenn die Moleküle die angegebene
Bewegungsart besitzen, von ihnen fortwährend gestoßen werden müssen,
so daß sie bei ihrer leichten Beweglichkeit in ein zitterndes Tanzen
geraten. Die sogenannte ~Brown~sche Molekularbewegung kleiner
Körnchen ist also eine rein passive Bewegung, die hervorgebracht
wird durch die fortwährenden kleinen Stöße, welche die anprallenden
Flüssigkeitsmoleküle auf sie ausüben. Einen treffenden Beweis für
die Richtigkeit dieser Auffassung liefert die Tatsache, daß die
~Brown~sche Bewegung mit zunehmender Temperatur der Flüssigkeit an
Intensität gewinnt. Das war vorauszusagen, da wir wissen, daß die
Bewegung der Moleküle einer Flüssigkeit um so intensiver wird, je mehr
die Temperatur steigt, bis sie schließlich so mächtig wird, daß die
einzelnen Moleküle heftig auseinanderstieben, d. h. bis die Flüssigkeit
verdampft.
b) Bewegungen durch Quellung der Zellwände.
In den Bewegungen, welche durch Quellung der Zellwände zustande kommen,
haben wir eine Bewegungsform, welche uns hinüberführt von den passiven
Bewegungen zu allen folgenden, die nur auf Energieentfaltung in dem
bewegten System selbst beruhen. Bekanntlich kommt eine Quellung dadurch
zustande, daß sich zwischen die Moleküle eines trockenen, quellbaren
Körpers, der in eine feuchte Umgebung gebracht wird, Wassermoleküle
lagern, die durch Molekularattraktion von den Molekülen des Körpers
so stark angezogen werden, daß sie seine Moleküle selbst mit großer
Kraft auseinanderdrängen, wodurch das Volumen des Körpers bedeutend
vergrößert wird. Kommt der gequollene Körper wieder in wasserfreie
Umgebung, etwa in trockene warme Luft, so gibt er allmählich wieder
sein Quellungswasser ab, vermindert im selben Maße sein Volumen und
schrumpft ein, um bei neuer Anfeuchtung von neuem zu quellen. Die
Quellbarkeit ist besonders bei organischen Produkten des Stoffwechsels
der Pflanzen verbreitet, vor allem bei den Zellulosewänden der
Pflanzenzellen. Sie ist durchaus nicht an das +Leben+ der Pflanzenzelle
gebunden, sondern besteht an den Zellulosegebilden der toten Zellen
unbegrenzt lange fort in derselben Weise wie an den Zellulosewänden
der lebendigen Zellen. Damit eine einseitig gerichtete Bewegung durch
die Volumenzunahme bei der Quellung oder durch die Volumenabnahme
beim Austrocknen an irgendeinem quellbaren Objekt, etwa einem
Blattstiel oder einer Membran, zustande kommen kann, müssen die
einzelnen Seiten derselben verschieden quellbar sein, es muß die eine
Seite stark quellen, während die andere nur schwach quillt oder gar
nicht. Wären alle Teile gleich stark quellbar, dann würde nur eine
gleichmäßige Vergrößerung nach allen Seiten eintreten. Quillt dagegen
bei einem langgestreckten Gebilde eine Seite stärker als die ihr
gegenüberliegende, so dehnt sich die erstere aus, während die letztere
kürzer bleibt, und die Folge ist eine Biegung des ganzen Gebildes, die,
je nachdem die Quellung schnell oder langsam eintritt, plötzlich oder
allmählich erfolgt.
[Illustration: Fig. 101. +Storchschnabelsamen+ (+Erodium cicutarium+),
_a_ in getrocknetem, _b_ in gequollenem Zustande.]
Charakteristische Objekte für die Beobachtung der Quellungsbewegungen
sind die bekannten, neuerdings häufig aus den amerikanischen
Wüsten nach Europa kommenden „Auferstehungspflanzen“ (+Selaginella
lepidophylla+), die in der Trockenheit ihre Blattstiele faustartig
zusammenlegen, angefeuchtet sie wieder handtellerartig nach außen
biegen, indem die Blattstiele auf ihrer Innenseite stark quellen.
Ganz ebenso verhalten sich die allbekannten „Rosen von Jericho“,
die nichts anderes sind als die toten, ausgetrockneten Zweige einer
in den arabischen Wüsten wachsenden Crucifere (+Anastatica+). Das
Ausbreiten der getrockneten Zweige, wenn man sie in Wasser steckt,
hat beim Volke den Glauben hervorgerufen, daß die „Rose von Jericho“
zu neuem Leben wieder aufersteht, während es sich in Wirklichkeit nur
um Quellungsbewegungen der toten Zweige handelt. Die +Selaginella+
dagegen ist eine wirkliche „Auferstehungspflanze“, insofern sie,
völlig eingetrocknet, jahrelang liegen kann, ohne ihre Lebensfähigkeit
einzubüßen. Sehr anschaulich zeigen auch die Samen mancher
Storchschnabelarten die Tatsachen der Quellungsbewegungen. +Erodium
cicutarium+ hat Samen, die mit einem langen, von Härchen besetzten
Stiel versehen sind, der in der Trockenheit korkzieherförmig zu einer
schönen Spirale aufgerollt ist (Fig. 101 _a_), angefeuchtet sich aber
gerade streckt, indem sich eine Windung nach der anderen durch Quellung
und Streckung der Innenseite auseinanderrollt (Fig. 101 _b_).
[Illustration: Fig. 102. +Spore eines Schachtelhalms.+ _a_ Die
Elaterenbänder sind in feuchtem Zustande um die Sporenzelle
herumgelegt; _b_ die Elaterenbänder sind in trockenem Zustande
auseinandergeschnellt.]
Sehr interessant und durch die Schnelligkeit ihres Verlaufs geradezu
frappierend sind die Quellungsbewegungen der sogenannten „Elateren“ an
den Sporen der Schachtelhalme. Die reifen Sporen der Schachtelhalme
sind runde Zellen, die von einer Zellulosemembran umgeben sind. Diese
Zellulosemembran ist durch zwei Risse, die in einer Spirale von oben
nach unten um die ganze Kugel herum verlaufen, in zwei Zellulosebänder,
die „Elateren“, gespalten (Fig. 102), die an einer Stelle im Aequator
der Kugel untereinander und an der Spore selbst befestigt sind. Bringt
man die Sporen etwas angefeuchtet unter das Mikroskop, so sind die
beiden Elaterenbänder zu zwei parallelen Spiralen zusammengelegt und
bilden eine geschlossene Kapsel um die Spore (Fig. 102 _a_). Läßt
man sie aber eintrocknen, so strecken sich die beiden Spiralen zu
geraden Bändern aus (Fig. 102 _b_), indem die äußere Seite der
Bänder durch Wasserabgabe eintrocknet und sich verkürzt. Haucht man sie
in diesem ausgetrockneten Zustande an, während man gleichzeitig durch
das Mikroskop sieht, so beobachtet man, daß sie fast blitzschnell sich
wieder zu Spiralen um die Spore zusammenlegen, indem sich die äußere
Fläche durch Quellung ausdehnt. Im Moment, wo die Feuchtigkeit des
Hauches verfliegt, breiten sich dann ebenso schnell die Bänder wieder
aus und man kann den Versuch, wie alle Quellungsversuche, beliebig oft
wiederholen.
Die Quellungsbewegungen sind im Pflanzenreich ungemein weit verbreitet
und spielen zum Teil eine große Rolle im Leben der Pflanze. Welche
gewaltigen Energiewerte durch Quellung erzeugt werden, geht schon
allein daraus hervor, daß z. B. mit quellenden Holzkeilen große Steine
gespalten werden können.
c) Bewegungen durch Veränderung des Zellturgors.
Mit den Bewegungen, die durch Veränderung des Zellturgors
entstehen, treten wir in den Bereich derjenigen Bewegungsarten
ein, die unbedingt das intakte Leben des Objekts voraussetzen, an
dem sie auftreten. Mit dem Tode ihres Substrats erlöschen diese
Bewegungsformen. Auch die Turgeszenzbewegungen sind hauptsächlich im
Pflanzenreich verbreitet. Erinnern wir uns daher zunächst, daß die
Pflanzenzelle eine Zellulosekapsel vorstellt, die innen mit einer
kontinuierlichen Protoplasmaschicht, dem Primordialschlauch, überzogen
ist, und ferner, daß der Primordialschlauch die Eigenschaften einer
semipermeablen Membran besitzt und eine Flüssigkeit einschließt, die
osmotisch wirksame Stoffe enthält, für die der Primordialschlauch
unter gewöhnlichen Verhältnissen nicht durchgängig ist. Infolge
dieser Eigenschaften ist, wie wir sahen (vergl. p. 138), der
Primordialschlauch durch Wasseraufnahme der Zelle von außen in den
Zellsaft hinein gedehnt und mit ihm gleichzeitig die umgebende
elastische Zellulosekapsel. Diese pralle Füllung der Zelle und Spannung
der Zellwand, die durch die osmotischen Eigenschaften des Zellsaftes
bedingt ist, repräsentiert bekanntlich den „+Turgor+“ der Zelle.
Der Turgor der Zelle kann nun auf verschiedene Weisen verändert
werden. Erstens nämlich kann, wie wir schon früher gesehen haben,
das Mengenverhältnis der osmotisch wirksamen Stoffe innerhalb und
außerhalb der Zelle sich ändern, indem die Konzentration außen oder
innen gesteigert oder herabgesetzt wird. Die Folge muß nach unseren
früheren Betrachtungen ein Steigen oder Sinken des Turgors der Zelle
sein. Ferner aber kann der Turgor auch sich ändern, indem die Wand des
Primordialschlauchs aus irgendeinem Grunde durchlässig wird für die
gelösten Stoffe des Zellsafts. Dann muß ein Ausgleich der osmotischen
Druckdifferenzen durch Diffusion der osmotisch wirksamen Stoffe
eintreten, und die Spannung, unter der die Zellwand stand, fällt weg.
Schließlich aber wird auch eine Turgorveränderung eintreten, wenn die
Spannung des Primordialschlauchs durch aktive Veränderungen seines
Protoplasmas sinkt oder steigt. Kontrahiert sich z. B. das Protoplasma
des Primordialschlauchs, so wird seine Kontraktion den ihr bisher
entgegenwirkenden osmotischen Druck zum Teil oder ganz überwinden, und
die Folge wird sein, daß entsprechend viel Wasser aus dem Zellsaft
durch den Primordialschlauch nach außen hindurchgepreßt wird, ohne daß
indessen die osmotisch wirksamen Stoffe mit hindurchtreten können. Läßt
die Kontraktion des Primordialschlauchs wieder nach, so werden wieder
mehr Wassermoleküle von außen nach innen hineintreten, und der Turgor
wird wieder größer werden.
[Illustration: Fig. 103. +Schema des Zellturgors einer Pflanzenzelle.+
_h_ Zellmembran, _p_ Primordialschlauch, _k_ Zellkern, _c_
Chlorophyllkörper, _s_ Zellsaft, _e_ eindringende Salzlösung. Bei
_A_ Zelle in voller Turgeszenz, der Primordialschlauch liegt der
Zellmembran fest an. Bei _B_ hat der Turgor infolge einwirkender
Salzlösung abgenommen, die Zelle ist kleiner geworden, aber der
Primordialschlauch liegt der Zellmembran noch an. Bei _C_ ist der
Turgor noch geringer geworden, der Primordialschlauch beginnt sich von
der Zellhaut, die ihre geringste Größe erreicht hat, abzuheben. Bei _D_
hat der Primordialschlauch sich vollständig zusammengezogen, weil die
osmotische Wirkung der von außen her einwirkenden Salzlösung _e_ sehr
hohe Werte erreicht hat. Nach ~de Vries~.]
Gehen wir auf die Folge der Herabsetzung des Turgors ein, so muß
diese in allen Fällen die gleiche sein: der Primordialschlauch, der
vorher durch die Spannung von innen her stark ausgedehnt war, wird
zusammensinken, und sein Umfang wird immer kleiner werden (Fig. 103).
Was hier aber noch wichtiger ist, das ist das Kleinerwerden der ganzen
Zelle bei Abnahme des Turgors, denn in demselben Maße wie die Spannung
des Primordialschlauchs nachläßt, entspannt sich auch die elastische
Zellulosehülle und nimmt infolge ihrer Elastizität schließlich einen
Umfang an, wie er ihrem vollkommenen Entspannungszustande entspricht
(Fig. 103 _B_, _C_, _D_).
[Illustration: Fig. 104. +Mimosa pudica.+ _I_ Ganze Pflanze, _A_ in
Tagstellung, _B_ in Nachtstellung. _II_ _A_ Ein Zweig in ungestörtem
Zustande (= Tagstellung), _B_ ein Zweig desselben Stengels in gereiztem
Zustande (= Nachtstellung). _II_ Nach ~Detmer~.]
Bei den Pflanzenbewegungen, die hier in Betracht kommen, findet nun
ausschließlich dadurch eine Veränderung des Turgors statt, daß der
Primordialschlauch bestimmter Zellen aus irgendeinem Grunde sich
kontrahiert, in der Weise, daß Wasser aus der Zelle ausgepreßt wird,
ein Vorgang, der nach einiger Zeit wieder aufhört, so daß der Turgor
dann in demselben Maße, wie die Kontraktion nachläßt, von neuem steigt.
So tritt also unter gewissen Umständen eine plötzliche Verminderung des
Turgors und damit eine Verkleinerung der Zelle ein, und erst allmählich
stellt sich der frühere Zustand wieder her.
Damit, auf diesem Prinzip basierend, an einer Pflanze eine bestimmt
gerichtete Bewegung zustande kommen kann, müssen die Zellen, welche die
Turgeszenzveränderungen erfahren, in bestimmter Weise angeordnet sein.
Stellen wir uns vor, wir hätten schematisch zwei parallel aneinander
gelagerte Reihen von Zellen, von denen die eine plötzlich den Turgor
ihrer Zellen verringert, so daß die Zellen kleiner werden, während
die Zellen der anderen Reihe ihren Turgor unverändert beibehalten,
so ist die Folge, daß sich die erstere Reihe verkürzen muß. Dadurch
kommt nach einfachen mechanischen Prinzipien eine Krümmung zustande,
die ihre Konkavität an der verkürzten Seite hat. Die andere Seite ist
dabei passiv etwas gedehnt worden. Findet daher später wieder eine
allmähliche Steigerung des Turgors und eine Wiederverlängerung der
Zellen auf der verkürzten Seite statt, so wird die Elastizität der
andern Seite die Wiederstreckung wirksam mit unterstützen.
Solche Turgeszenzverminderung tritt nun bei vielen Pflanzen, sowohl
spontan als auch durch Erschütterungen etc. hervorgerufen, an
bestimmten Zellgruppen oft sehr plötzlich ein, und die Folge davon
ist eine plötzliche Bewegung gewisser Pflanzenteile. Dabei ist in
den meisten Fällen die Anordnung und Gestalt der Zellen, die durch
Veränderung ihres Turgors die Bewegung hervorrufen, eine sehr
komplizierte. Es sind in der Regel an der Basis der beweglichen
Blätter oder Blattstiele kleine Knötchen oder „Polster“ entwickelt,
deren Zellen ihren Turgor sehr schnell herabsetzen können. Eins der
bekanntesten Beispiele dieser Art ist die Bewegung der Blattstiele
bei der „sensitiven“ +Mimosa pudica+, die im „wachen“ Zustande,
d. h. am Tage, ihre Blattstiele aufgerichtet und ihre Blättchen
ausgebreitet (Fig. 104 _I_ _A_ und _II_ _A_), im „Schlafzustande“,
d. h. nachts, aber die Blattstiele gesenkt und die Blättchen nach oben
zusammengefaltet hält (Fig. 104 _I_ _B_ und _II_ _B_). Erschüttert
man eine +Mimose+ im wachen Zustande stark, so tritt bei Tage die
Nachtstellung ganz plötzlich ein.
Auf demselben Prinzip beruhen die zahlreichen anderen Bewegungen der
„sensitiven“ Pflanzen, wie der Blätter des Klees, der Staubfäden der
Berberitze, der insektenfangenden Organe der „fleischfressenden“
Pflanzen u. a. m.
d) Bewegungen durch Veränderungen des spezifischen Gewichts.
Es gibt unter den wunderbaren, meist glasartig durchsichtigen
Tierformen, welche eine pelagische Lebensweise in den oberen Schichten
der Meere führen und in neuerer Zeit als „Plankton“ Objekt eingehender
Forschung geworden sind, eine ganze Reihe von Tieren, die mit der
merkwürdigen Fähigkeit begabt sind, ohne Gebrauch irgendwelcher
Lokomotionsorgane im Meere langsam in die Höhe zu steigen oder in die
Tiefe zu sinken. Es sind besonders die Gruppen der +Radiolarien+,
+Ctenophoren+ und +Siphonophoren+. Auch unter den einzelligen
Organismen des süßen Wassers besitzen einige, wie +Actinosphaerium+,
diese Fähigkeit. Da sich jede äußere Veranlassung, etwa Strömungen des
Wassers etc., für dieses geheimnisvolle Schweben ausschließen läßt, und
da eine Bewegung von besonderen Organen am Körper nicht daran beteiligt
ist, so kann diese Bewegungsform nur auf Veränderungen des spezifischen
Gewichts beruhen, und das ist in der Tat auch nachgewiesen worden.
Wie wir bereits früher gesehen haben, ist das Protoplasma der Zellen an
sich stets etwas schwerer als Wasser[213]. +Es kann also eine Zelle,
die am Boden liegt, sich nur erheben, wenn im Protoplasma Stoffe
auftreten und angehäuft werden, die spezifisch leichter sind als
Wasser.+
Es ist bekannt, daß gewisse Rhizopoden des Süßwassers, besonders die
mit zierlichem Gehäuse versehenen +Arcellen+ und +Difflugien+, die
gewöhnlich am Boden der Pfützen und Teiche zwischen Schlammteilchen und
faulen Blättern umherkriechen und spezifisch schwerer sind als Wasser,
sich aktiv erheben können, indem sie eine Kohlensäureblase in ihrem
Protoplasmakörper entwickeln und, wenn diese groß genug geworden ist,
wie ein kleiner Luftballon an die Oberfläche steigen, eine Tatsache,
die ~Engelmann~[214] zuerst genauer untersucht hat und die jedem,
der an einzelligen Organismen des Süßwassers eingehendere Studien
gemacht hat, wohlbekannt ist. Man kann bisweilen in einem Kulturgefäß,
wenn bestimmte Bedingungen die Entwicklung einer Kohlensäureblase im
Protoplasma der +Difflugien+ begünstigen, ein epidemisches Aufsteigen
der Individuen vom Boden nach der Oberfläche beobachten. Wird die
Kohlensäure dann durch Diffusion wieder abgegeben, so sinken die
+Difflugien+ wieder zu Boden. Dadurch kann in der Natur ein ganz
beträchtlicher Standortwechsel entstehen, der, wenn die Protisten
einmal unter ungünstige Lebensbedingungen geraten sind, unter Umständen
großen Nützlichkeitswert für sie gewinnen kann.
Auf ähnliche Weise kommt das Steigen und Sinken der Radiolarien
und aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Ctenophoren und mancher
anderen pelagischen Tiere zustande. +Thalassicolla nucleata+ z. B.
ist ein großes kugelrundes Radiolar von 3–4 mm Größe, das eine
einzige Zelle repräsentiert, deren Kern, von Protoplasma umgeben,
in einer runden „Zentralkapsel“ gelegen ist (Fig. 105). Das gesamte
extrakapsuläre Protoplasma ist von unzähligen Vakuolen durchsetzt,
so daß es wie eine Schaummasse aussieht, die nach außen hin durch
eine solide Gallertschicht vom Meerwasser abgegrenzt ist. Diese
Vakuolenschicht ist derjenige Bestandteil der Zelle, der spezifisch
leichter ist als das Meerwasser und die ungestörte +Thalassicolla+ an
der Oberfläche des Meeres schwebend erhält[215]. Man kann sich davon
durch vivisektorische Ausschaltung der einzelnen Bestandteile der
+Thalassicollen+zelle, also durch Abtragung der Gallertschicht, durch
Isolierung der Vakuolenschicht und Exstirpation der Zentralkapsel mit
ihrem Inhalt leicht überzeugen. Alle Bestandteile sinken isoliert stets
im Meerwasser zu Boden; nur die Vakuolenmasse bleibt an der Oberfläche
schweben und kehrt beim Untertauchen immer hierher zurück[216].
Dementsprechend beginnt die ganze +Thalassicolla+, sobald die
Vakuolenschicht durch Zerplatzen der Vakuolen zusammenschmilzt, wie das
infolge von Reizung, in der Natur speziell von heftigem Wellenschlag,
stattfindet, zu sinken. Dann fällt die Zelle in ruhigere Tiefen und ist
so vor gänzlicher Zerstörung geschützt, denn die Vakuolenschicht kann
wieder regeneriert werden, und indem sie an Volumen zunimmt, steigt die
+Thalassicolla+ bei ruhigem Wetter aus ihrer sicheren Tiefe wieder in
die sonnige Höhe. Die große Bedeutung dieser Bewegungsart für das Leben
der pelagischen Organismen liegt hiernach auf der Hand.
[Illustration: Fig. 105. +Thalassicolla nucleata+, eine kugelförmige
Radiolarienzelle im Querschnitt. In der Mitte der von schwarzem
Pigment umgebenen Zentralkapsel liegt der bläschenförmige Zellkern.
Die Zentralkapsel ist umgeben von der Vakuolenschicht, ehe von
einer Gallertzone eingehüllt wird und durch die letztere hindurch
sonnenstrahlenartig fadenförmige Pseudopodien entsendet.]
Es fragt sich aber nunmehr, wodurch der Inhalt der Vakuolen spezifisch
leichter wird als das umgebende Meerwasser. Die Bedingungen für die
Entstehung der Vakuolen, deren Neubildung man an jeder isolierten
Zentralkapsel leicht beobachten kann, liegen, wie wir wissen,
darin, daß sich im Protoplasma zerstreut osmotisch wirksame Stoffe
anhäufen, welche bewirken, daß Wasser von außen her zu ihnen durch
das Protoplasma hereintritt. In demselben Maße wie die Bildung und
Konzentration der osmotisch wirksamen Stoffe im Protoplasma zunimmt,
wird die Größe der Vakuolen wachsen, denn es muß stets ein Ausgleich
des osmotischen Drucks zwischen der Vakuolenflüssigkeit und dem
umgebenden Meerwasser stattfinden, d. h. die Vakuolenflüssigkeit
muß stets dieselbe Anzahl von Molekülen in sich gelöst enthalten
wie das Meerwasser. Wir werden aber annehmen müssen, daß in der
Vakuolenflüssigkeit, wenn auch die gleiche Anzahl von Molekülen, so
doch Moleküle anderer Stoffe gelöst sind, als im Meerwasser. Wenn wir
uns daher vorstellen, daß ein Teil der in der Vakuolenflüssigkeit
gelösten Stoffe ein sehr geringes spezifisches Gewicht hat, so wird
es verständlich, wie der Vakuoleninhalt im ganzen auch spezifisch
leichter sein kann als das umgebende Meerwasser. In der Tat hat es ~K.
Brandt~[217] vor kurzem höchst wahrscheinlich gemacht, daß es auch
hier die vom Protoplasma produzierte Kohlensäure ist, die, in der
Vakuolenflüssigkeit gelöst, das spezifische Gewicht derselben unter
das des Meerwassers herabdrückt. Ist daher die Vakuolenschicht bis zu
einem gewissen Grade entwickelt, so wird auch das spezifische Gewicht
der ganzen Radiolarienzelle geringer sein als das des Meerwassers,
d. h. die Radiolarienzelle wird an der Oberfläche schweben. Wird die
Masse der Vakuolenschicht durch Zerplatzen der Vakuolen verringert,
oder wird die Produktion der Kohlensäure in der Kälte, wo der
Stoffwechsel auf ein Minimum herabsinkt, stark vermindert, so werden
die Radiolarien unter Umständen wieder in die Tiefe sinken.
e) Bewegungen durch Sekretion.
Die Bewegungen, welche durch Sekretion von seiten der Zelle zustande
kommen, sind auf wenige Organismengruppen beschränkt, besonders auf
die Algengruppen der +Desmidiaceen+ und +Oscillarien+. Das Prinzip
dieses Bewegungsmodus ist überaus einfach. Es besteht lediglich darin,
daß eine auf einer Unterlage aufliegende Zelle an einer bestimmten
Stelle ihrer Oberfläche und nach einer bestimmten Richtung hin eine
Sekretmasse, meist schleimiger Natur, hervorquellen läßt, die an der
Unterlage festklebt, so daß sich der bewegliche Zellkörper dadurch
nach einer bestimmten Richtung hin vorwärts stößt, wie der Fischer
sein Boot mit einer Stange vom Grunde abstößt. Dauert die Sekretion
kontinuierlich an, so gleitet die Zelle langsam auf der Unterlage dahin.
[Illustration: Fig. 106. +Closterium, eine Desmidiacee, die sich
durch Sekretion von Schleim auf der Unterlage fortschiebt.+ Das nicht
sezernierende Ende pendelt frei im Wasser.]
[Illustration: Fig. 107. +Diatomee mit ausgestoßenen Schleimfäden.+
Nach ~Bütschli~.]
In dieser Weise bewegen sich z. B. die Desmidiaceen. Das
mondsichelförmige +Closterium+ (Fig. 106), das wir schon bei der
Betrachtung der ~Brown~schen Molekularbewegung kennen lernten,
sezerniert an den beiden Enden seines einzelligen Körpers einen
schleimigen Stoff. Während es dabei mit dem einen Ende an der Unterlage
haftet, schwebt das andere Ende frei pendelnd im Wasser, so daß der
ganze Zellkörper unter einem bestimmten Winkel schräg von der Unterlage
nach oben aufgerichtet steht. Mit dem anhaftenden Ende schiebt sich
das +Closterium+, wie ~Klebs~[218] und ~Aderhold~[219] gezeigt haben,
durch Ausscheiden einer schleimigen Sekretmasse langsam vorwärts (Fig.
106), indem es seinen Neigungswinkel zur Unterlage im wesentlichen
beibehält. Ab und zu wechselt es beim Vorwärtsgleiten mit seinen
beiden Polen ab, indem der freipendelnde Pol sich senkt, anhaftet und
sezerniert, während der vorher anhaftende Pol sich erhebt und frei
pendelt. So rückt die Alge allmählich auf ihrer Unterlage vorwärts.
Ueber die Bewegung der +Diatomeen+, jener kleinen, braunen, schiffchen-
oder stäbchenförmigen Algen, die mit einer äußerst zierlichen
Kieselschale versehen und im Süß- und Seewasser in ungeheurer
Formenzahl verbreitet sind, ist bereits eine kaum noch übersehbare
Literatur entstanden. Man sieht diese einzelligen Wesen, wenn man
sie in einem Wassertropfen auf einem Objektträger beobachtet,
in der Richtung ihrer Längsachse manchmal langsamer, manchmal
schneller auf ihrer Unterlage in eigentümlicher, zögernder Weise
vorwärtsgleiten und dann bisweilen wieder mit dem entgegengesetzten
Pol voran nach entgegengesetzter Richtung zurückgehen, ohne daß es
gelingt, irgend welche Bewegungsorgane an dem Körper zu entdecken.
Die zahllosen Forscher, die, wie ~Max Schultze~, ~Engelmann~ u. a.,
sich mit dieser anmutigen Bewegung beschäftigt haben, sind zu den
auseinanderweichendsten Ansichten über ihre Entstehung gekommen.
Neuerdings schien es nach den Arbeiten von ~Bütschli~[220] und
~Lauterborn~[221], als ob sie ebenfalls auf dem gleichen Prinzip der
Ausstoßung eines schleimigen Sekrets beruhte. In der Tat gelang es
~Bütschli~ und ~Lauterborn~, zu zeigen, daß gewisse Diatomeenformen
von einer Gallerthülle umgeben sind und eigentümliche Sekretfäden
ausstoßen, die durch anhaftende Tuschekörnchen sichtbar gemacht werden
können (Fig. 107). Allein die sehr eingehenden Untersuchungen von
~O. Müller~[222] in der letzten Zeit haben ergeben, daß diese Fäden
jedenfalls nur eine untergeordnete Bedeutung für die Fortbewegung der
Diatomeen haben, und daß der Bewegungsmodus dieser kleinen Algenzellen
ein viel komplizierterer sein dürfte, der sich möglicherweise mehr der
Bewegung durch Protoplasmaströmung anschließt.
Von den langen fadenförmigen +Oscillarien+, die aus vielen, in
einer Reihe hintereinander angeordneten Zellen bestehen, und die
als blaugrüne Fäden in gleicher Weise langsam im Wasser kriechen,
wie die Diatomeen, scheint es indessen, daß sie sich wirklich durch
Ausscheidung eines Sekrets auf der Unterlage vorwärts schieben, und
von den +Gregarinen+ (Fig. 27 _b_ p. 92), jenen parasitär lebenden
einzelligen Organismen, die ebenfalls ohne besondere Bewegungsorgane
sehr langsam gleitende Bewegungen ausführen, hat +Schewiakoff+ in
neuerer Zeit das gleiche gezeigt.
f) Bewegungen durch Wachstum.
Die Bewegungen, die mit dem Wachstum der Zellen verbunden sind,
brauchen wir nur kurz zu berühren, denn ihr Prinzip bedarf weiter
keiner Erläuterung. Mit jedem Wachstum gehen Bewegungen einher,
denn indem eine Zelle an Volumen zunimmt, dehnt sie sich aus. Die
Wachstumsbewegungen sind also aller lebendigen Substanz eigen, aber
sie verlaufen fast immer so langsam, daß man sie mit den Augen kaum
verfolgen kann. Vergleicht man dagegen die wachsenden Objekte innerhalb
größerer Zeiträume mit ihrem Anfangsstadium, betrachtet man erst das
keimende Samenkorn und dann die Pflanze, die sich daraus entwickelt
hat, mit allen ihren Zweigen, Blättern und Blüten, so liegt es auf
der Hand, daß dabei umfangreiche Bewegungen stattgefunden haben,
durch die das Baumaterial an die Stellen, wo es angelagert worden
ist, hintransportiert werden mußte. Besonders deutlich erkennt man
auch die Wachstumsbewegungen an langen Pflanzenstengeln oder Ranken,
wenn die Zellen auf der einen Seite schneller wachsen oder sich
schneller vermehren als auf der anderen Seite, so daß auf diese Weise
Krümmungen zustande kommen. Am augenfälligsten aber sind die durch
das Wachstum bedingten Bewegungen in den Fällen, wo die beim Wachsen
produzierte mechanische Energie nicht dauernd frei abgegeben, sondern
in potentieller Form aufgehäuft und schließlich durch irgendeinen
auslösenden Reiz plötzlich in kinetische Energie übergeführt wird,
wie das am schönsten bei den Samen und Früchten gewisser Pflanzen,
z. B. von +Impatiens+, hervortritt, die bei Berührung plötzlich mit
einer Schleuderbewegung aufplatzen und ihren Inhalt herausschnellen.
Es ist nicht nötig, auf den Modus der Wachstumsbewegungen noch weiter
einzugehen, da ihr Prinzip ja ohne weiteres klar ist, und da sie
einem auf Schritt und Tritt in der lebendigen Natur begegnen. Daß
auch die Wachstumsvorgänge gewaltige Energiewerte erzeugen, wird am
anschaulichsten, wenn man daran denkt, wie Bäume, die zwischen Felsen
wachsen, mit ihren Wurzeln große Steinmassen auseinanderzusprengen
vermögen.
g) Bewegungen durch Kontraktion und Expansion.
Die Bewegungen schließlich, die durch Kontraktion und Expansion
des Zellkörpers entstehen und die man gewöhnlich kurz als
„Kontraktionsbewegungen“ bezeichnet, unterscheiden sich von
allen anderen organischen Bewegungsmodi dadurch, daß sie auf
Oberflächengestaltsveränderungen der lebendigen Substanz selbst
beruhen, die mit gegenseitigen Lageverschiebungen ihrer Teilchen
verbunden sind, und zwar verlaufen alle Kontraktionsbewegungen in zwei
Phasen, in dem Wechsel zwischen der „+Kontraktionsphase+“ und der
„+Expansionsphase+“. Bei der Kontraktion verlagern sich die Teilchen
der lebendigen Substanz so gegeneinander, daß die Masse eine geringere
Oberfläche annimmt, bei der Expansion dagegen so, daß dieselbe Masse
sich auf eine größere Oberfläche verteilt. Nur der Wechsel zwischen
Kontraktions- und Expansionsphase ermöglicht dauernde Bewegungen.
Es liegt auf der Hand, daß nur Körper von mehr oder weniger +flüssiger+
Beschaffenheit eine solche Bewegung zeigen können, bei der eine
Veränderung der Oberflächengröße durch Umlagerung der einzelnen
Teilchen gegeneinander zustande kommt. Nur ein Flüssigkeitstropfen
kann seine Oberfläche durch Umlagerung seiner Teilchen verringern oder
vergrößern, indem er kuglig wird oder sich ausbreitet, je nachdem
seine „Oberflächenspannung“ ringsherum gleich ist oder an einzelnen
Stellen größer, an anderen geringer wird. Ein fester und starrer
Körper, selbst wenn er elastisch ist, kann Kontraktionsbewegungen
dieser Art nicht hervorbringen, da seine Teilchen ihre Lage nicht
untereinander vertauschen können. +Es ist daher für das Zustandekommen
der Kontraktionsbewegungen von fundamentaler Bedeutung, daß die
lebendige Substanz eine flüssige Konsistenz besitzt.+ Wie wir schon
früher fanden, ist in der Tat alle +lebendige+ Substanz mehr oder
weniger flüssig, ein Umstand, der durch den hohen Prozentgehalt an
Wasser bedingt ist, und es ist daher die verbreitete Auffassung,
daß überhaupt alle lebendige Substanz „+Kontraktilität+“ besitzt,
d. h. Kontraktionsbewegungen auszuführen imstande ist, durchaus
begründet, wenn wir auch viele Zellen kennen, wie gewisse Algenzellen,
Bakterienzellen etc., die, trotzdem sie ein intensives Leben
besitzen, doch, weil sie von einer starren Membran umgeben sind,
äußerlich keine Kontraktionsbewegungen zum Ausdruck bringen können.
Die +Kontraktilität+, d. h. die +Fähigkeit+, Kontraktionsbewegungen
auszuführen, ist aber eine allgemeine Eigenschaft aller lebendigen
Substanz und erfordert daher eingehendes Interesse.
Wir können unter den Bewegungsarten, die durch Kontraktion und
Expansion nach dem eben charakterisierten Prinzip zustande kommen,
je nach der eigentümlichen Differenzierung des Substrats, an dem sie
beobachtet werden, drei Gruppen unterscheiden, die wir bezeichnen als:
+Amöboide Bewegung+ (Protoplasmaströmung),
+Muskelbewegung+ (Bewegung der glatten und quergestreiften
Muskelfasern),
+Flimmerbewegung+ (Geißelbewegung, Wimperbewegung).
* * * * *
Die +amöboide Bewegung+, die ursprünglichste Form der
Kontraktionsbewegungen, finden wir überall da, wo es sich um nackte
Protoplasmamassen handelt, um Zellen, deren Protoplasmakörper von
keiner Zellmembran umschlossen ist oder, wie bei den Pflanzenzellen,
in der Zellmembran freien Raum zur Bewegung besitzt. Es sind das also
vor allem die mannigfaltigen Vertreter der großen Protistengruppe der
Rhizopoden (Fig. 108 u. 111), ferner im tierischen Zellenstaat die
Leukocyten und amöboiden Wanderzellen der verschiedensten Art (Fig.
109), sowie die amöboiden Eizellen gewisser Tiere, wie der Schwämme
(Fig. 22 _a_ p. 88), ferner die Pigmentzellen der verschiedensten
Organe[223] (Fig. 110), die Darmepithelzellen (Fig. 48 p. 172) und
schließlich die verschiedenartigsten Pflanzenzellen (Fig. 29 _a_,
_b_, _c_ p. 94 u. Fig. 112 p. 282). Als Typus kann uns die Bewegung
der +Amöben+ selbst dienen (Fig. 108), jener niedrigsten aller
Lebensformen, deren formwechselnder Zellkörper bereits alle Rätsel
des Lebens in sich birgt. Mit einer Pipette in einem Wassertropfen
vom Grunde eines Teiches genommen und auf einer Glasplatte unter das
Mikroskop gebracht, stellt die +Amöben+zelle ein kleines graues,
halbdurchscheinendes Tröpfchen von mehr oder weniger ausgesprochener
Kugelform vor, in dessen zentraler Masse der Zellkern und meist eine
kontraktile Vakuole von einem mehr oder weniger körnigen „+Endoplasma+“
umgeben liegt, während die peripherische Schicht von einem mehr
hyalinen „+Exoplasma+“ gebildet wird. Behalten wir diesen Tropfen
lebendiger Substanz einige Zeit im Auge, so sehen wir, wie sich an
irgendeiner Stelle der Oberfläche die Kugelmasse vorwölbt, so daß
über der Kugeloberfläche ein lappenförmiger Vorstoß erscheint, der
nun immer größer wird und sich immer weiter und weiter ausstreckt,
indem immer mehr Protoplasma in ihn nachfließt, ein Vorgang, der von
den peripherischen Teilen aus nach dem Zentrum hin um sich greift,
so daß eine dauernde Strömung vom Zentrum nach der Peripherie in
den Ausläufer, das sogenannte „Pseudopodium“, hinein stattfindet
(Fig. 108). Häufig fließt die ganze Protoplasmamasse der +Amöbe+
in diesen einen lappigen Vorstoß nach, so daß der +Amöben+körper
eine einzige langgestreckte Masse bildet, wie man das besonders bei
der +Amoeba limax+ beobachtet; häufig aber wird die zentrifugale
Protoplasmaströmung des eben gebildeten Pseudopodiums unterbrochen,
während sich gleichzeitig an irgendeiner anderen Stelle der Oberfläche
ein zweites Pseudopodium in gleicher Weise durch zentrifugales
Vorfließen des Protoplasmas in das Medium hinein bildet, und
diesem kann wieder ein drittes folgen, so daß die +Amöbe+ nach den
verschiedensten Richtungen hin ihre Substanz vorfließen läßt, bald
hierhin, bald dorthin, und ihre Oberfläche auf diese Weise bedeutend
vergrößert. Dieses „Ausstrecken der Pseudopodien“, das Vorfließen
der lebendigen Substanz in das Medium hinein, repräsentiert die
+Expansionsphase+. Während sich ein neues Pseudopodium ausstreckt,
fließt gewöhnlich das Protoplasma aus einem anderen wieder von der
Peripherie her nach dem Zentrum zurück und liefert so das Material für
ein neues; das alte Pseudopodium wird eingezogen. Diese „Einziehung der
Pseudopodien“, das zentripetale Zurückfließen des Protoplasmas und die
damit verbundene Wiederverringerung der Oberflächengröße repräsentiert
die +Kontraktions+phase. Ziehen sich alle Pseudopodien ein, so nimmt
die +Amöben+zelle wieder Kugelform an. +Die Kugelform ist also
Ausdruck vollkommenster Kontraktion bei nackten Protoplasmamassen.+
Während des ungestörten Zustandes treten aber gewöhnlich bei derselben
+Amöbe+ gleichzeitig an verschiedenen Stellen der Oberfläche bald
Kontraktionen, bald Expansionen auf. Eine Präformation der Pseudopodien
ist also nicht vorhanden; es fließt bald hier, bald dort Substanz vor,
mischt sich fortwährend durcheinander und fließt wieder zurück, und
dies wechselvolle Spiel ist die amöboide Bewegung.
[Illustration: Fig. 108. +Amöbe in acht aufeinanderfolgenden Stadien
der Bewegung.+]
[Illustration: Fig. 109. +Leukocyt+ (weißes Blutkörperchen) +vom Frosch
in verschiedenen Bewegungszuständen+. Nach ~Engelmann~.]
[Illustration: Fig. 110. +Pigmentzellen+ aus der Haut des Frosches. _I_
ausgebreitete, _II_ schwach kontrahierte, _III_ stärker kontrahierte,
_IV_ vollkommen kontrahierte Pigmentzelle. Der helle Fleck im zentrales
Zellkörper ist der Zellkern.]
Die Form der Pseudopodien ist bei den verschiedenen amöboiden
Protoplasmamassen überaus verschieden, je nach der speziellen
Konsistenz, Zusammensetzung etc. der lebendigen Substanz. Wie wir
bereits gesehen haben[224], finden wir z. B. unter der Formenfülle
der Rhizopodenzellen kurze stumpfe, lappig zerschlitzte, dicke
fingerförmige, dünne dornenförmige, gerade strahlenartige, lange
fadenförmige, baumartig verästelte und netzartig verzweigte
Pseudopodienformen. +Aber alle diese durch zahllose Uebergänge
miteinander verbundenen Pseudopodienformen entstehen auf die gleiche
Weise, indem das Protoplasma vom zentralen Zellkörper in zentrifugaler
Richtung in das Medium hinein vorströmt.+ Demgemäß muß es bei den
Formen mit langen fadenförmigen Pseudopodien, wie den Foraminiferen
(z. B. +Orbitolites+, Fig. 111) einen sehr langen Weg zurücklegen
vom Zentrum bis zur Spitze eines sich immer weiter und weiter
verlängernden Pseudopodienfadens, so daß man auf diesen feinen Fäden
das Protoplasma mit seinen Körnchen etc. unter dem Mikroskop strömen
sieht, wie das Wasser eines langsam fließenden Stromes; ein äußerst
anmutiges Phänomen, das seine Anziehungskraft auf den Beobachter immer
wieder von neuem ausübt und von ~Dujardin~[225], ~Max Schultze~[226]
und ~Haeckel~[227] als „Körnchenströmung“ oder „Protoplasmaströmung“
in unübertrefflicher Weise geschildert worden ist. Bei der
Einziehung dieser langen, fadenförmigen Pseudopodien müssen dann die
Protoplasmateilchen wieder den gleichen Weg in umgekehrter, also
zentripetaler Richtung zurücklegen. Betrachtet man Pseudopodienfäden,
die schon ziemlich weit und längere Zeit ausgestreckt sind, so bemerkt
man auf ihnen stets zweierlei Strömungen, eine zentrifugale und eine
zentripetale, die erstere an dickeren Pseudopodien deutlich in der
Achse, die letztere an der Peripherie des Pseudopodienstranges.
Je nachdem die erstere oder die letztere überwiegt, verlängert sich
oder verkürzt sich allmählich das Pseudopodium. Sind beide gleich
stark, so bleibt das Pseudopodium bei gleicher Länge ausgestreckt.
So können wir gerade bei den langen, fadenförmigen Pseudopodien der
Foraminiferen, wie +Orbitolites+ (Fig. 111), die Expansions- und
Kontraktionsbewegungen außerordentlich leicht in ihren Einzelheiten
studieren. +Immer besteht die Expansionsphase, d. h. die Ausstreckung
der Pseudopodien, in einem zentrifugalen Vorfließen der lebendigen
Substanz in das umgebende Medium hinein, die Kontraktionsphase,
d. h. die Einziehung der Pseudopodien dagegen in einem zentripetalen
Zurückfließen von der Peripherie nach dem zentralen Zellkörper. Die
Expansionsphase ist charakterisiert durch Vergrößerung der Oberfläche,
die Kontraktionsphase durch Streben nach der Kugelgestalt.+
[Illustration: Fig. 111. +Orbitolites complanatus+, eine
Rhizopodenzelle aus dem Roten Meer (kleines Exemplar, ca. 40mal vergr.,
natürl. Größe der ausgewachsenen Exemplare durchschnittlich 5 mm). Der
zentrale Protoplasmakörper steckt in einer runden, scheibenförmigen
Kalkschale, die aus zahllosen, im wesentlichen zu konzentrischen Ringen
angeordneten Kammern besteht. Das Protoplasma jeder Kammer enthält
einen oder wenige Zellkerne. An der Peripherie der Kalkschale treten
zahlreiche feine, gerade Pseudopodienfäden heraus, die bei großen
Exemplaren oft fast 20 mm Länge erreichen, sich mehrfach verzweigen und
auch untereinander verschmelzen. Auf den Pseudopodien sieht man die
Protoplasma- und Körnchenströmung in schönster Entwicklung.]
[Illustration: Fig. 112. +Zelle aus den Staubfädenhaaren von
Tradescantia virginica.+ _A_ Ruhige Protoplasmaströmung auf den
Protoplasmasträngen. _B_ Das Protoplasma hat sich nach Reizung zu
Klumpen und Kugeln bei _a_, _b_, _c_, _d_ kontrahiert. Nach ~Kühne~.]
Demselben Schema reiht sich auch die +Protoplasmaströmung in
den Pflanzenzellen+ an. Eine Zelle aus den Staubfädenhaaren von
+Tradescantia virginica+ stellt eine zylindrische, ringsherum
geschlossene Zellulosekapsel vor (Fig. 112 _A_), in welcher der
protoplasmatische Zellkörper mit seinem Zellkern eingeschlossen
ist. Das Protoplasma bildet an der Innenwand den kontinuierlichen
„Primordialschlauch“, von dem aus nach verschiedenen Richtungen
durch das mit Zellsaft gefüllte Lumen der Zellulosekapsel sich
Protoplasmastränge ziehen, die miteinander anastomosieren und an einer
Stelle den Zellkern beherbergen. Auf diesen langen Protoplasmasträngen,
sowie auf dem Primordialschlauch ist eine beständige
Protoplasmaströmung sichtbar, die genau der Protoplasmaströmung auf
den Pseudopodien der Rhizopoden entspricht und von den Botanikern als
„Zirkulation“ bezeichnet wird, wenn auf den verschiedenen Strängen
das Protoplasma in ungeordneter, unregelmäßiger Richtung fließt, als
„Rotation“ dagegen, wenn die Protoplasmaströmung dauernd nach einer
bestimmten Richtung geordnet ist. Diese Konstellation würde also der
Protoplasmabewegung einer Rhizopodenzelle, wie etwa +Orbitolites+,
entsprechen in ungestörtem Zustande, in dem bei lang ausgestreckten
Pseudopodien das Protoplasma dauernd sowohl in zentrifugaler wie in
zentripetaler Richtung strömt, d. h. in dem die Kontraktionsphase und
Expansionsphase gleich stark entwickelt sind. In der Pflanzenzelle ist
nur durch Verteilung des ganzen Protoplasmas auf einzelne netzförmig
anastomosierende Stränge ein so kompliziertes System von Strömungen
entstanden, daß man nicht mehr gut von einer zentrifugalen und
zentripetalen Strömung sprechen kann, wie das in gleicher Weise bei
großen Rhizopoden mit netzartig verzweigten und anastomosierenden
Pseudopodien der Fall ist, oder etwa bei den Myxomycetenplasmodien,
deren ganzer Körper sich zu einem reichverzweigten Pseudopodiennetzwerk
aufgelöst hat. Ein deutlicheres Hervortreten der Kontraktionsphase
ist aber sehr leicht durch Reize zu erzielen. Es ist wie bei den
Rhizopoden ebenfalls dadurch charakterisiert, daß das Protoplasma
sich zu Kugeln zusammenballt (Fig. 112 _B_), die ineinander fließen
und unter Umständen schließlich eine große klumpige Masse um den Kern
herum bilden. Hier haben wir also das vollkommene Analogon für die
Kontraktionsphase der Rhizopoden, wo sich die Pseudopodien einziehen,
so daß der Körper eine mehr oder weniger kuglige Gestalt annimmt. Die
Einzelheiten der Protoplasmaströmung sind also bei den Pflanzenzellen
genau dieselben wie bei den Rhizopoden, und bereits ~Max Schultze~[228]
hat die Analogie der Protoplasmabewegung in beiden Fällen sehr
eingehend erörtert.
Die Arbeit, die durch die Protoplasmabewegung geleistet werden
kann, ist bis jetzt noch nicht ermittelt worden, doch scheint die
Energieentwicklung bei der amöboiden Protoplasmabewegung nicht gerade
bedeutend zu sein.
* *
*
Die +Muskelbewegung+ ist die spezifische Bewegungsform des tierischen
Organismus, durch die er sich von allen Pflanzen augenfällig
unterscheidet. Alle groben und schnellen Massenbewegungen des ganzen
tierischen Körpers oder einzelner Organsysteme, welche die naive
Betrachtungsweise des Volkes verführt haben, dem Tiere eine höhere
Stufe des Lebens zuzuschreiben als der Pflanze, die man der leblosen
Natur für viel näher stehend betrachtet als den Tieren, alle diese
auffälligen Bewegungen, die von sämtlichen Lebensäußerungen am meisten
den Eindruck des Lebendigen hervorrufen, beruhen auf Kontraktion von
Muskelfasern.
Der amöboiden Protoplasmabewegung gegenüber ist die Muskelbewegung
besonders dadurch charakterisiert, daß sie eine in ihren einzelnen
Momenten räumlich „+geordnete+“ Bewegung ist, insofern sich die
Teilchen einer Muskelfaser nur in einer bestimmten Richtung
verschieben. Freilich kann man sagen, daß auf einem langen, geraden,
fadenförmigen Pseudopodium die Teilchen ebenfalls in einer bestimmten
Richtung fließen, aber diese Richtung ist keine dauernde; denn indem
sich das Pseudopodium einzieht, vermischen sich die Teilchen wieder mit
den anderen und gehen nach allen möglichen Richtungen auseinander. Dem
gegenüber sind die Teilchen, die in einer Muskelfaser die Träger der
Kontraktionsbewegungen sind, dauernd als besondere Gebilde im übrigen
Zellprotoplasma vorhanden und können sich nicht ohne weiteres mit
ihm vermischen. Wenn wir die ganze Muskelzelle „Muskelfaser“ nennen,
so pflegen wir die besonders differenzierten kontraktilen Streifen in
ihr als „Primitivfibrillen“ zu bezeichnen, und diese Primitivfibrillen
können im Protoplasma der Muskelfaser, das man mit +Rollett+ auch kurz
„Sarkoplasma“ nennen kann, in der verschiedensten Weise angeordnet,
aber sämtlich in gleicher Richtung eingebettet liegen. Die kontraktilen
„Fibrillen“ der Muskelfaserzelle stellen also besonders differenzierte
Organoide des Zellprotoplasmas vor.
Nach dem verschiedenartigen Bau der kontraktilen Muskelfibrillen
unterscheiden wir zwei Gruppen von Muskelfasern oder Muskelzellen,
„+glatte+“ und „+quergestreifte+“. Bei den glatten Muskelfasern sind
die Fibrillen, die im Sarkoplasma parallel untereinander eingebettet
liegen, völlig homogene Fäden, bei denen jeder Querschnitt gleich
jedem anderen ist. Die quergestreiften Muskelfasern dagegen enthalten
Fibrillen, welche von einem Ende bis zum anderen in viele Segmente
eingeteilt sind, die alle einen übereinstimmenden, aber komplizierten
Bau besitzen.
[Illustration: Fig. 113. +Stentor coeruleus, ein Wimperinfusorium
mit zahlreichen, parallel verlaufenden Muskelfibrillen (Myoidfäden)
im Exoplasma.+ _A_ ausgestreckt, _B_ halbkontrahiert (beim freien
Schwimmen), _C_ vollständig kontrahiert.]
Die einfachsten Formen der +glatten Muskelzellen+ finden wir unter
den Infusorien. Viele Wimperinfusorien, wie z. B. +Stentor+,
repräsentieren eine solche Muskelzelle einfachster Art, indem ihr
bewimperter Zellkörper in der äußeren Schicht seines Protoplasmas
ungefähr parallel nebeneinander verlaufende glatte Muskelfibrillen,
sogenannte „Myoide“ eingebettet enthält (Fig. 113). Andere Infusorien,
vor allem die zierliche +Vorticella+, besitzen nur einen einzigen,
aus mehreren Fibrillen zusammengekitteten glatten Muskelfaden,
der aus dem Körper als dicker Strang heraustritt und, umgeben von
einer elastischen Scheide, an deren Innenwand er in langgestreckten
Spiraltouren angeheftet ist, dem Zellkörper als Stiel zum Festsetzen
dient (Fig. 114). Bei den glatten Muskelzellen, die gewebebildend im
Zellenstaat vereinigt sind, tritt der Protoplasmakörper gegenüber
den kontraktilen Fibrillen sehr an Masse zurück. Entweder bildet
er nur eine kleine Sarkoplasmamasse mit ihrem Zellkern, welche von
einer langen, spindelförmigen Hülle kontraktiler Fibrillensubstanz
eingeschlossen ist, wie z. B. bei den glatten Muskelzellen aus der
Blase des Frosches (Fig. 115 _a_), oder er liegt als kleiner Zellkörper
dem kontraktilen Fibrillenbündel seitlich in der Mitte an, wie etwa bei
den Retraktorenmuskeln der Süßwasserbryozoen (Fig. 115 _b_).
[Illustration: Fig. 114. +Vorticella+, _a_ ausgestreckt, _b_
kontrahiert (der Stielmuskel ist in _a_ und _b_ nicht zu sehen), _c_
Stielscheide mit Muskelfaden, stark vergrößert.]
[Illustration: Fig. 115. +Glatte Muskelzellen+, _a_ aus der Blase des
Frosches, _b_ aus den Retraktorenmuskeln der Süßwasserbryozoen.]
Der Bau der +quergestreiften Muskelfasern+ ist bei weitem
komplizierter. Als Typus der quergestreiften Muskelfaser, die
ebenso wie die glatte in mannigfachen Modifikationen auftritt,
kann uns die Insektenmuskelfaser dienen, deren Bau besonders durch
die ausgezeichneten und ausgedehnten Untersuchungen von ~Krause~,
~Hensen~, ~Engelmann~, ~Rollett~, ~Schäfer~ und ~Hürthle~ bis in
seine feinsten Einzelheiten bekannt geworden ist. Die quergestreifte
Muskelfaser der Insekten stellt eine lange dünne, zylindrische Zelle
vor, bestehend aus dem „+Sarkoplasma+“, das nach außen hin von einer
etwas dichteren Schicht, dem „+Sarkolemm+“, abgegrenzt ist und
zahlreiche, in der Faserrichtung langgestreckte +Zellkerne+ enthält
(Fig. 116). In diesem Sarkoplasma eingebettet und parallel von einem
bis zum anderen Ende der Faser hinziehend liegen die regelmäßig
segmentierten +Primitivfibrillen+ (Fig. 117 _A_). Betrachtet man die
„+Muskelsegmente+“ einer Fibrille mit sehr starken Vergrößerungen, so
findet man, daß sie alle den gleichen Bau besitzen, indem sich dieselbe
Anordnung ihrer Inhaltsbestandteile in jedem Muskelsegment wiederholt.
Jedes Segment ist nämlich von den beiden anliegenden Segmenten getrennt
durch die sogenannte „+Zwischenscheibe+“ (Fig. 117 _z_) und enthält
zwei verschiedene Substanzen, von denen die eine doppelt lichtbrechend
oder „+anisotrop+“ ist und in der Mitte des Segmentes liegt (Fig. 117
_q_ resp. _q_ + _m_ + _q_), während die andere einfach lichtbrechend
oder „+isotrop+“ ist und in zwei Portionen die anisotrope Substanz
begrenzt (Fig. 117 _i_). In der Mitte der anisotropen Schicht ist mehr
oder weniger deutlich eine hellere Zone sichtbar, die als ~Hensen~sche
„+Mittelscheibe+“ bezeichnet wird (Fig. 117 _B m_). Bei vielen
Muskelfasern verbreitet, aber nicht als konstanten Bestandteil aller
Muskelfasern, finden wir schließlich eine oder zwei „+Nebenscheiben+“
(Fig. 117 _B_ _n_) in die isotrope Substanz eingelagert. Als die
allgemeinen Bestandteile des Muskelsegments kommen indessen für uns
nur die anisotrope Schicht und die beiden sie begrenzenden isotropen
Schichten in Betracht, von denen die anisotrope Substanz unter dem
Mikroskop dunkler und stärker lichtbrechend, die isotrope Substanz
heller und weniger stark lichtbrechend aussieht. Auf dem Querschnitt
liegen in jeder Muskel+faser+ die gleichen Schichten der einzelnen
Fibrillen in gleicher Ebene, so daß die ganze Muskelfaser regelmäßig
gebändert oder „quergestreift“ ist (Fig. 116 _A_). Die quergestreiften
Muskelfasern der Wirbeltiere erreichen oft eine ganz beträchtliche
Länge, obwohl sie nur eine einzige vielkernige Zelle vorstellen. Die
Muskelfasern aus den langen Skelettmuskeln des Menschen z. B. sind
Fäden von über Dezimeter Länge, und jede Muskelfibrille in ihnen reicht
von einem Ende bis zum anderen.
[Illustration: Fig. 116. +Quergestreifte Muskelfasern.+ _A_ zwei
herausgeschnittene Stücke von Muskelfasern (links oben das Ende
einer Faser), die Querstreifung ist deutlich zu sehen, ebenso
viele spindelförmige Muskelkerne. Nach ~Schiefferdecker~. _B_ zwei
einkernige, quergestreifte Muskelzellen aus dem Herzen, links vom
Menschen, rechts vom Frosch. Nach ~Disse~. _C_ Querschnitt einer
Insektenmuskelfaser. Es sind drei Zellkerne zu sehen und, im
Sarkoplasma eingebettet, die Querschnitte von zahllosen Fibrillen. Nach
~Rollett~.]
[Illustration: Fig. 117. _A_ +zwei isolierte Primitivfibrillen.+ _z_
Zwischenscheibe, _i_ isotrope, _q_ anisotrope Substanz. Nach ~Ranvier~.
_B_ +zwei einzelne Muskelsegmente+. _z_ Zwischenscheibe, _i_ isotrope
Substanz, _q_ anisotrope Substanz mit einer Mittelscheibe _m_. Das
rechte Segment besitzt in der isotropen Substanz eine Nebenscheibe _n_.]
[Illustration: Fig. 118. +Einzelne Muskelsegmente schematisch, _I_
im gestreckten und _II_ kontrahierten Zustande.+ _1_ In gewöhnlichem
Licht, _2_ in polarisiertem Licht. _a_ Die anisotropen, _i_ die
isotropen Schichten.]
Bei der +Bewegung+ der glatten sowohl wie der quergestreiften
Muskelfasern können wir dieselben beiden Phasen unterscheiden
wie bei der amöboiden Bewegung: die Kontraktionsphase und die
Expansionsphase. Die +Kontraktion+ besteht in einer Verkürzung und
Verdickung der Fibrillen, die von dem Punkte ihrer Entstehung aus in
Form einer Kontraktionswelle über die ganze Fibrille hin verläuft.
Die Teilchen verschieben sich also in der Längsrichtung derartig,
daß sie sich auf einen größeren Querschnitt nebeneinander lagern.
Dadurch wird die Oberfläche der Fibrille verringert, wenn sie auch
nicht bis zu ihrem Minimum, bis zur Kugelform, herabsinkt, wie das
bei den nackten Protoplasmamassen der Fall ist. Die gleichzeitige
Kontraktion der einzelnen Fibrillen in der glatten und quergestreiften
Muskelzelle bedingt selbstverständlich auch eine Verkürzung und
Verdickung der ganzen Muskelfaser. Verläuft die Kontraktion sehr
schnell, wie z. B. bei den Fibrillen der Infusorienzellen und den
quergestreiften Muskelfasern, so schnellt die Faser blitzartig
zusammen, und wir bekommen eine „+Zuckung+“, deren einzelne Momente
man nicht mit dem Auge verfolgen kann. So zuckt z. B. der Stiel der
+Vorticellen+ plötzlich zusammen und reißt, indem er sich infolge
der spiraligen Windung des Muskelfadens zu einer schraubenförmigen
Gestalt zusammenzieht, das Köpfchen der +Vorticelle+ dicht an den
Fußpunkt des Stieles heran (Fig. 114 _b_). Die glatten Muskelfasern
der Gewebe ziehen sich demgegenüber durchgehends nur äußerst
träge zusammen und zeigen niemals so plötzliche Zuckungen wie die
Infusorienmyoide und die quergestreiften Muskelfasern. Während aber in
der glatten Muskelfibrille außer der Gestaltsveränderung keine weiteren
Vorgänge mikroskopisch zu bemerken sind, zeigen die quergestreiften
Muskelfibrillen entsprechend ihrem komplizierteren Bau auch höchst
charakteristische Veränderungen der Querstreifung in beiden Phasen der
Bewegung.
[Illustration: Fig. 119. +Muskelsegmente+ von der Wespe mit den
Röhrchen der anisotropen Substanz. _a_ Anisotrope Substanz von oben
gesehen, _b_ von der Seite; _c_ drei Muskelsegmente. Nach ~Schäfer~.]
Fassen wir ein einzelnes Muskelsegment ins Auge, so finden wir bei der
+Kontraktionsphase+ folgende Veränderungen, die zuerst ~Engelmann~[229]
sehr genau analysiert hat: jedes einzelne Segment wird kürzer und
dicker, wie das ja aus der Verkürzung und Verdickung der ganzen
Fibrille notwendig zu erwarten ist. Dabei zeigen sich auffällige
Veränderungen in dem Verhältnis der isotropen zur anisotropen Substanz.
Die anisotrope Substanz nimmt nämlich an Volumen zu, die isotrope
dagegen ab, während das Volumen des ganzen Segments unverändert bleibt.
Gleichzeitig wird die anisotrope Substanz, die vorher fester und
dunkler war, weicher und heller, d. h. weniger stark lichtbrechend,
während die isotrope die umgekehrten Veränderungen erfährt, d. h.
fester und dunkler, also stärker lichtbrechend wird, als sie vorher
war. Diese Veränderungen sind äußerst wichtig, denn sie zeigen, +daß
die Kontraktion auf einem Uebertritt von Substanz aus den isotropen
Schichten in die anisotrope besteht, und zwar von Substanz, die
dünnflüssiger ist als die der anisotropen Schicht+. In neuerer Zeit hat
~Schäfer~[230] die mikroskopischen Veränderungen bei diesem Vorgange
mittels photographischer Aufnahmen noch eingehender studiert und dabei
die interessante Tatsache gefunden, daß in der anisotropen Schicht der
Faserrichtung entsprechend bis nahe zur ~Hensen~schen Mittelscheibe
parallel nebeneinander liegende, äußerst feine Röhrchen verlaufen (Fig.
119), in welche die isotrope Substanz bei der Kontraktion hineinfließt,
so daß das Lumen der Röhrchen dadurch erweitert und das ganze Segment
breiter und niedriger wird. Der ganze Vorgang der Kontraktion pflanzt
sich nun blitzschnell von einem Muskelsegment auf das folgende und so
weiter fort, so daß eine „Kontraktionswelle“ über alle Elemente der
ganzen Muskelfaser verläuft.
Die +Expansionsphase+ der glatten und quergestreiften Muskelfasern
zeigt genau die Umkehr aller der Vorgänge, die wir bei der Kontraktion
beobachten. Die Fibrillen strecken sich wieder, indem sie von dem
Punkte aus, von dem vorher die Kontraktionswelle ihren Ausgang nahm,
allmählich länger und dünner werden, so daß jetzt eine Expansionswelle
von hier aus über die ganze Fibrille hin verläuft, bis sie vollständig
gestreckt ist. Auch im einzelnen Segment der quergestreiften
Muskelfaser haben wir genau die Umkehr der Veränderungen, die bei der
Kontraktion eintraten. Das Segment wird wieder länger und dünner, die
anisotrope Substanz nimmt an Volumen ab und wird dunkler, fester und
stärker lichtbrechend, während die isotrope an Volumen gewinnt und
heller, weicher und schwächer lichtbrechend wird, bis der Ruhezustand
wieder hergestellt ist. +Bei der Expansion der quergestreiften
Muskelfaser tritt also aus der anisotropen Schicht dünnflüssigere
Substanz wieder in die isotropen Schichten zurück.+
Glatte Muskelfasern sowohl wie quergestreifte sind im Zellenstaat zu
Geweben, den Muskeln, vereinigt, und zwar finden wir überall da, wo es
sich darum handelt, schnelle und wiederholt starke Bewegungseffekte
hervorzubringen, wie bei den Skelettmuskeln und dem Herzen, die Muskeln
aus quergestreiften Fasern gebaut, während die langsamen und trägen
Bewegungen der unwillkürlich sich bewegenden Organe, wie des Magens,
des Darms, der Blase etc., auf der Tätigkeit glatter Muskelzellen
beruhen. Die höchsten, ja geradezu erstaunliche Werte erreicht die
Geschwindigkeit der Muskelkontraktion bei den Flügelmuskeln mancher
Insekten, z. B. der Mücken, von denen, wie ~Marey~ gezeigt hat, 300–400
Kontraktionen in der Sekunde ausgeführt werden können. Daß schließlich
der Bewegungseffekt da, wo ungeheuer viele Muskelfasern einen Muskel
zusammensetzen, ein ganz bedeutender sein wird, liegt auf der Hand. In
der Tat finden wir denn auch, daß selbst in verhältnismäßig kleinen
Muskeln ein enormer Energieumsatz stattfindet. So vermag ein so
kleiner Muskel, wie z. B. der Wadenmuskel (Musculus gastrocnemius)
des Frosches, der kaum einen Zentimeter an seiner dicksten Stelle im
Querschnitt mißt, nach ~Rosenthal~s Beobachtungen ein Gewicht von mehr
als einem Kilogramm zu heben. Ganz enorm ist die Arbeit, die der nie
rastende Herzmuskel leistet. ~Zuntz~[231] hat berechnet, daß das Herz
eines Mannes, wenn es in normaler Weise schlägt, an einem Tage eine
Arbeit von etwa 20000 Kilogrammmetern leistet, d. h. eine Arbeit, die
genügend wäre, um ein Gewicht von 20000 Kilogramm einen Meter hoch
zu heben. Das ist die Arbeit des Herzens an +einem einzigen Tage+!
Wie gewaltig demnach die Arbeit des Herzens während des ganzen Lebens
eines Menschen ist, bedarf keiner großen Rechnung. +Der Muskel ist die
vollendetste Arbeitsmaschine, die wir kennen.+
* *
*
Die +Flimmerbewegung+ schließlich ist nicht minder weit verbreitet als
die beiden anderen Formen der Kontraktionsbewegungen. Das Infusorium,
das sich im Wasser der Pfütze munter umhertummelt, bewegt sich durch
Geißel- oder Wimperschlag. Die männliche Spermatozoenzelle, die sich
bei der Befruchtung nach der Vereinigung mit der weiblichen Eizelle
drängt, treibt sich vorwärts durch die Schwingungen ihres Geißelfadens.
Die Zellen des Flimmerepithels, das unsere Luftröhre auskleidet,
halten die Schleimhaut rein durch ihre Wimpertätigkeit und schieben
Fremdkörper, die beim Schlucken hineingeraten sind, wieder nach außen
durch den rhythmischen Schlag ihrer Flimmerhaare. Unzählig aber ist das
Heer der Infusorien, weitverbreitet im Pflanzen- und Tierreich sind die
geißeltragenden Spermatozoen, und kaum eine Tiergruppe gibt es, deren
Körper nicht an irgendeiner Stelle ein Flimmerepithel besäße.
[Illustration: Fig. 120. _A_ +Drei Flimmerepithelzellen+ aus dem
Nebenhoden des Menschen. Nach ~Schiefferdecker~. _B_ +Spermatozoen vom
Menschen.+ _a_ Kopf, _b_, _c_ Geißel. Nach ~Stöhr~. _C_ +Hexamitus
inflatus+, ein Geißelinfusorium mit sechs Geißeln. Nach ~Stein~. _D_
+Peranema+, ein Geißelinfusor, _a_ schwächer, _b_ stärker mit seiner
Geißel schlagend.]
Wie die Muskelbewegung ist auch die Flimmerbewegung eine geordnete
Bewegung, d. h. die beweglichen Teilchen verschieben sich in einer ganz
bestimmten Richtung. Das ist dadurch ermöglicht, daß die kontraktilen
Elemente wie bei der Muskelzelle als dauernde Differenzierungen des
Zellprotoplasmas entwickelt sind, und zwar hier in Form von haar- oder
wimperähnlichen Anhängen des Zellkörpers. Je nachdem die Zelle +ein+,
resp. einige wenige lange oder viele kurze „Flimmerhaare“ besitzt,
spricht man von „+Geißelzellen+“ (Fig. 120 _B_, _C_, _D_) oder von
„+Wimperzellen+“ (Fig. 120 _A_, Fig. 25 p. 90). Indem diese „Geißeln“
oder „Wimpern“ regelmäßig schlagende Bewegungen ausführen, entsteht die
Flimmerbewegung[232].
Was die Flimmerbewegung am meisten charakterisiert, sind folgende
Momente. Die Flimmerbewegung ist eine +automatische Bewegung+, d. h.
die Impulse für die Tätigkeit der Flimmerhaare entstehen in der
Flimmerzelle selbst, im Gegensatz zum quergestreiften Muskel, der
die Impulse für seine Tätigkeit immer nur von außen her und zwar von
seiten des Nervensystems erhält, ohne die er dauernd in Ruhe verharrt.
Demgegenüber ist kein einziger Fall bekannt, in dem die Flimmerbewegung
irgendwie unter dem Einfluß des Nervensystems stände und auch nur
gelegentlich Impulse von seiten des Nervensystems erhielte.
[Illustration: Fig. 121. +Fetzen von Flimmerzellen aus dem Darm von
Anodonta.+ Die feinen Flimmerhaare sind nach oben gerichtet und
entspringen aus dem Saum von Basalkörperchen, von dem aus die Fäden
des Wurzelkegels ins Innere der Zelle ziehen. Bei _a_ und _b_ hängt
noch ein runder Tropfen undifferenzierten Zellprotoplasmas an dem
Flimmerapparat, _c_ stellt einen isolierten Flimmerapparat ohne
undifferenziertes Zellprotoplasma vor, und bei _d_ ist ein Teil des
Wurzelkegels abgetrennt. Alle Zellfetzen sind kernlos und zeigen noch
Flimmerbewegung. Nach ~Peter~.]
Aus vivisektorischen Versuchen scheint hervorzugehen[233], daß
die physiologischen Impulse für die Bewegung der Flimmerhaare bei
Flimmerepithelzellen im +Protoplasma+ des Zellkörpers produziert
werden, denn die isolierten Flimmerhaare dieser Zellen, wenn sie
kein Protoplasma an ihrer Basis mehr besitzen, bleiben vollkommen
bewegungslos. Hingegen vermögen einzelne Flimmerhaare solcher Zellen,
wenn sie nur noch mit der geringsten Menge des basalen Protoplasmas
zusammenhängen, immer noch rhythmische Schläge auszuführen. Es
ist nun unlängst ~Peter~[234] gelungen, den Ort im Protoplasma,
wo die Impulse für den Schlag der Flimmerhaare bei diesen Zellen
produziert werden, noch genauer zu bestimmen. Bei Anwendung von
sehr starken Vergrößerungen findet man, daß die Flimmerhaare bei
ihnen aus sehr kleinen körnchenartigen Gebilden entspringen, die
in der oberflächlichsten Schicht des Protoplasmas gelegen sind
und von ~Apathy~ als „+Basalkörperchen+“ bezeichnet werden. Diese
Basalkörperchen müssen als die Ursprungsstätten der Impulse für die
Bewegung der Flimmerhaare angesehen werden, denn ~Peter~ konnte
an zerfetzten Flimmerepithelzellen des Darmkanals von Muscheln
(+Anodonta+) (Fig. 121) feststellen, daß alle übrigen Elemente des
Protoplasmas fehlen können, ohne daß die Flimmerbewegung deswegen
aufhörte. So lange dagegen noch die Basalkörperchen im Zusammenhang
mit den Flimmerhaaren sind, vermögen auch diese noch zu schlagen.
Demgegenüber scheint es für andere Flimmerzellen, und zwar handelt
es sich hier um einzellige Geißel- und Wimperinfusorien, zweifellos
zu sein, daß auch die isolierte Geißel noch ganz kurze Zeit, etwa 1
Minute lang, nach der Abtrennung vom Zellkörper schlagende Bewegungen
auszuführen vermag. So ist von ~Klebs~[235], ~Bütschli~[236],
~Fischer~[237] und anderen beobachtet worden, daß die von flagellaten
Infusorien spontan abgeworfene Geißel vor dem Absterben noch kurze
Zeit Schlagbewegungen ausführt. Es wäre indessen verfehlt, aus diesen
Tatsachen zu schließen, daß unter normalen Verhältnissen im intakten
Zellkörper die autonomen Impulse ebenfalls von der Geißel produziert
werden. Daß die Geißel oder das Flimmerhaar erregbar ist, wird niemand
bezweifeln, da es ja aus lebendiger Substanz besteht, daß es kontraktil
ist, ebensowenig, denn es führt ja Kontraktionsbewegungen fortwährend
aus. Es ist also durchaus begreiflich, daß isolierte Flimmerhaare in
solchen Fällen, in denen sie noch eine kurze Zeit nach der Isolierung
überleben, auch noch durch Reize zu Kontraktionen veranlaßt werden
können, ebenso wie das im intakten Zellkörper z. B. durch mechanische
Reizung eines Flimmerhaares ebenfalls möglich ist. Mit dem Abtrennen
vom Zellkörper selbst ist aber zweifellos ein mechanischer Reiz
verbunden, der bei künstlicher Abtrennung so stark ist, daß die Wimper
sofort durch Ueberreizung zugrunde geht, der bei dem natürlichen
Abstoßungsvorgang aber sehr wohl stark genug sein kann, um einerseits
noch ein kurzes Ueberleben zu gestatten, anderseits aber eine Erregung
hervorzurufen, welche die Geißel zu Schlagbewegungen veranlaßt. Auf
alle Fälle aber werden wir uns im intakten Zellkörper die Impulse für
die autonome Wimpertätigkeit immer vom basalen Protoplasma ausgehend
denken müssen. Darauf weisen auch die weiter unten zu berichtenden
Tatsachen über das Zustandekommen der Metachronie des Wimperschlages
hin. Wir werden daher nicht fehlgehen, wenn wir uns das Verhältnis des
Flimmerhaares zum Zellkörper etwa so denken, wie das des Skelettmuskels
zum Nervensystem. Auch der Skelettmuskel führt im intakten Organismus
nur Zuckungen aus, wenn er Impulse vom Nervensystem her bekommt, obwohl
er Erregbarkeit und Kontraktilität selbst besitzt und nach seiner
Isolierung vom Organismus auch noch durch Reize der verschiedensten
Art, so lange er überlebt, künstlich zu Kontraktionen veranlaßt werden
kann.
[Illustration: Fig. 122. +Flimmerbewegung einer Wimperreihe im Profil.+]
Charakteristisch für die meisten Fälle der Flimmerbewegung ist
ihre +Rhythmizität+, denn abgesehen von einzelnen Geißel- und
Wimperinfusorien schlagen die Flimmerhaare wenigstens bei lebhafterer
Tätigkeit stets in regelmäßigen Intervallen. Unregelmäßig werden die
Schläge nur beim Uebergang zur Ruhe oder unter dem Einfluß äußerer
Faktoren.
Ein Moment schließlich, das freilich nur für Wimperzellen mit vielen
Flimmerhaaren in Betracht kommt, liegt in der +Metachronie+ der
Bewegung aller einzelnen Wimpern. Es schlagen nämlich die einzelnen
Wimpern einer Wimperreihe, von einem Ende beginnend, im genau gleichem
Rhythmus und in genau gleicher Aufeinanderfolge, so daß jeder Schlag
der ersten Wimper von einem Schlag der zweiten, dann der dritten,
vierten usf. gefolgt ist. Niemals schlägt eine Wimper spontan außer der
Reihe, niemals macht sie eine Bewegung, ehe nicht die vorhergehende
Wimper der Reihe in Bewegung getreten ist. Dagegen beginnt sie stets
sofort ihre Bewegung, nachdem die vorhergehende Wimper begonnen, und
noch ehe dieselbe ihre Bewegung vollendet hat. So kommt es, daß von
der letzten Wimper einer Reihe her nach der ersten hin gerechnet,
jede obere Wimper jeder unteren Wimper um einen geringen Bruchteil
der Bewegung voraus ist (Fig. 122). Die oberste Wimper gibt also das
Zeichen für die übrigen: Ist die oberste Wimper in Ruhe, so ruhen auch
die übrigen, schlägt sie, so schlagen die anderen der Reihe nach auch,
und das gilt nicht bloß für die Wimpern der einzelnen Zelle, sondern im
Flimmerepithel für die Wimpern aller hintereinandergereihten Zellen.
Auf diese Weise entsteht ein äußerst zierliches und regelmäßiges
Spiel der Wimpern, das schon manchen Beobachter gefesselt hat,
und das den Eindruck macht, als ob regelmäßige Wellen über die
Wimperreihen hinweglaufen, etwa so, wie wenn der Wind über ein Kornfeld
streicht. Dabei schlagen, wenn mehrere parallele Reihen von Wimpern
vorhanden sind, die Wimpern, die in der Querrichtung der Reihen
+neben+einanderstehen, synchron, ebenso wie die parallel in einer
Muskelfaser nebeneinanderliegenden Primitivfibrillen auch synchron
zucken.
[Illustration: Fig. 123. +Beroe ovata, eine Rippenqualle in natürlicher
Größe.+ Von den acht vom oberen (Sinnes-)Pol nach dem unteren
(Mund-)Pol hin verlaufenden Rippen oder Schwimmplättchenreihen sind nur
die vier Reihen der einen Seite zu sehen, und zwar zwei von vorn und
zwei von der Seite.]
Um die Bewegung des einzelnen Flimmerhaares in ihren Phasen genauer
kennen zu lernen, dient uns als Objekt am besten die Bewegung der
Schwimmplättchen bei den Ctenophoren oder Rippenquallen[238].
Der Körper dieser wunderbaren, aus einer zarten, durchsichtigen
Gallerte bestehenden Tiere besitzt acht von einem Pol nach dem
andern hin verlaufende Streifen oder „Rippen“ (Fig. 123), die von
einer Reihe dachziegelförmig übereinanderliegender Plättchen, den
„Schwimmplättchen“, gebildet werden. Jedes Schwimmplättchen ist etwa 2
mm lang und besteht aus einer größeren Anzahl miteinander verkitteter
Wimpern, die den darunterliegenden Wimperzellen der Rippen angehören.
Wegen ihrer außerordentlichen Größe, ferner wegen der ungewöhnlichen
Einfachheit ihrer Anordnung in einer Reihe und schließlich wegen
des häufig sehr langsamen Rhythmus ihres Schlages eignen sich diese
Schwimmplättchen wie kein anderes Objekt zum Experimentieren und
Beobachten. Zwar sind, wie gesagt, die Plättchen aus +mehreren+ Wimpern
verkittet, aber eine jede einzelne der Wimpern macht selbstverständlich
genau dieselbe Bewegung wie das ganze Plättchen, so daß wir die
Beobachtungen am ganzen Plättchen direkt auf die Verhältnisse der
einzelnen Wimper übertragen dürfen. Wir können bei der Größe des
Objektes die Beobachtung mit bloßem Auge oder mit einer schwachen
Lupe machen. Dann sehen wir, wenn wir ein einziges Schwimmplättchen
im Profil betrachten, daß es in der Ruhestellung dem Körper flach
angelegt ist, und zwar so, daß es zwei Krümmungen zeigt, eine stärkere
von kleinerem Radius gleich über der Basis und eine schwächere von
größerem Radius, aber nach der entgegengesetzten Seite in der oberen
Hälfte (Fig. 124 _a_). Das ist die Ruhestellung. Führt das Plättchen
einen Schlag aus, so gleicht sich die untere Krümmung von der Basis
der Wimper an beginnend vollständig aus, ja, sie geht sogar ein klein
wenig in eine entgegengesetzte Krümmung über. Das Plättchen steht
daher in der extremen Schwinglage aufrecht mit einer geringen Biegung
nach der entgegengesetzten Seite. Damit ist die progressive Phase des
Schlages erreicht. Jetzt erfolgt die regressive Phase, in der das
Plättchen wieder in seine Ruhelage zurücksinkt, dadurch, daß sich
die ursprüngliche Krümmung an der Basis allmählich wieder herstellt,
bis das Plättchen dem Körper wieder anliegt. Die regressive Phase
erfolgt viel langsamer als die progressive. Dadurch und durch die
obere Krümmung, auf deren spezielle Bedeutung wir nicht näher eingehen
wollen, wird es ermöglicht, daß der motorische Effekt der progressiven
Phase durch die regressive nicht wieder aufgehoben wird, sonst würde
das Tier dauernd an derselben Stelle im Wasser stehen bleiben und sich
nicht vom Ort bewegen.
[Illustration: Fig. 124. +Schwimmplättchen von Beroe in Profilansicht+,
_a_ in Ruhelage, _b_ in extremer Schwinglage.]
Bei Infusorien kann man die Bewegung der einzelnen Wimper unter dem
Mikroskope verfolgen, wenn man den Wimperschlag dadurch verlangsamt,
daß man die Objekte in ein dickflüssiges Medium, z. B. eine
Gelatinelösung, bringt. Dabei findet man, daß die Ruhestellung, von
der aus die Wimper ihre Schlagbewegungen ausführt, veränderlich ist.
Die Wimper liegt einmal nahe dem Körper an, das andere Mal steht sie
senkrecht von ihm ab, so daß die Amplitude der Schwingung und damit
die Größe des motorischen Effekts auf diese Weise sehr fein abgestuft
werden kann (Fig. 125).
Aus der Formveränderung der einzelnen Wimper beim Ausführen des
Schlages geht hervor, daß in der progressiven Phase des Schlages, von
der Basis der Wimper ausgehend, eine Kontraktion derjenigen Seite der
Wimper stattfindet, nach welcher der Schlag ausgeführt wird; denn eine
einfache Ueberlegung zeigt, daß sich diese Seite beim Schlage verkürzen
muß, wenn sie in die extreme Schwinglage übergeht. Gleichzeitig wird
dadurch die gegenüberliegende Seite passiv mit hinübergezogen, wobei
sie nach einfachen mechanischen Prinzipien gedehnt werden muß. In
der regressiven Phase des Schlages erschlafft die kontrahierte Seite
wieder, und in dem Maße, wie sie erschlafft, biegt sich die Wimper
infolge der Elastizität der gedehnten Seite wieder in die Ruhelage
zurück. +Die progressive Phase ist also die Kontraktionsphase, die
regressive die Expansionsphase des einzelnen Wimperschlages. Durch
rhythmischen Wechsel zwischen beiden kommt das Spiel der Wimperbewegung
zustande.+
[Illustration: Fig. 125. +Bewegung einer einzelnen Wimper eines
ciliaten Infusoriums+ (+Urostyla grandis+, Randwimper) +von zwei
verschiedenen Ruhestellungen aus+, _I_ u. _II_. _A_ Progressive, _B_
regressive Phase der Bewegung in mehrere aufeinanderfolgende Momente
zerlegt. Die Pfeilspitze gibt die Richtung an, nach welcher der
Infusorienkörper durch den Schlag vorwärts getrieben wird.]
Nicht alle Formen der Flimmerhaare schlagen aber wie die Haare der
Ctenophoren-Schwimmplättchen in einer Ebene. Manche Wimpern, besonders
gewisse Geißelfäden, beschreiben kompliziertere, trichterförmige,
schraubenförmige, peitschenförmige Bahnen, und die älteren Physiologen
haben danach mehrere Formen der Flimmerbewegung unterschieden.
Allein, wie auch immer die Schwingbahn der verschiedenen Flimmerhaare
beschaffen sein mag, allen liegt dasselbe Prinzip zugrunde, +daß eine
kontraktile Seite sich vom Zellkörper aus kontrahiert und dabei die
gegenüberliegende Seite dehnt, welche letztere in der Expansionsphase
die Wimper durch ihre Elastizität wieder in die Ruhelage zurückführt+.
Je nach der gegenseitigen Lagerung der kontraktilen zu der passiv
gedehnten Substanz resultiert daraus eine Schlagbewegung in einer Ebene
oder in komplizierterer Form.
Die Arbeitsleistung der Flimmerbewegung steht in ihren Werten weit
hinter derjenigen der Muskelbewegung zurück. ~Engelmann~, ~Bowditch~
u. a. haben die Arbeitsleistung von Flimmerepithelien berechnet, und
in neuerer Zeit hat ~Jensen~[239] sogar die Arbeit einer einzigen
Infusorienflimmerzelle, und zwar des für die verschiedensten
Untersuchungen so sehr geeigneten +Paramaeciums+, gemessen. Dabei hat
sich herausgestellt, daß ein +Paramaecium+, das eine Länge von etwa
0,25 mm besitzt, ein Gewicht von 0,00158 mg eben noch zu heben imstande
ist, d. h. etwa das Neunfache seines eigenen Körpergewichts.
* *
*
Man hat bisweilen die Ansicht ausgesprochen, die amöboide
Bewegung hätte nichts mit der Muskelbewegung, und diese nichts
mit der Flimmerbewegung gemein, alle drei seien ganz verschiedene
Bewegungsformen. Unser kurzer Ueberblick wird uns demgegenüber
schon zur Genüge davon überzeugt haben, daß diese drei Formen
der Kontraktionsbewegung allen anderen Bewegungsmodi gegenüber
eine einheitliche Gruppe bilden. Es ist wahr, daß sie gewisse
Verschiedenheiten untereinander zeigen, daß sie sogar beim ersten
Anblick recht verschieden voneinander erscheinen; aber wir haben
gesehen, daß sie doch alle auf dem gleichen Prinzip beruhen, auf dem
+Prinzip der abwechselnden Oberflächenverringerung+ (Kontraktion) +und
Oberflächenvergrößerung+ (Expansion) +durch Umlagerung von Teilchen
der lebendigen Substanz selbst+. Daß diese Verschiebung der Teilchen
bei der amöboiden Bewegung eine ganz regellose, bei der Muskel- und
Flimmerbewegung eine streng geordnete ist, beweist nur, daß die
beiden letzteren eine höhere Stufe der Differenzierung repräsentieren
als die erstere. Daß sie aber im engsten genetischen Zusammenhang
mit der amöboiden Bewegung stehen, daß sie phylogenetisch sich aus
ihr entwickelt haben, beweisen zahlreiche Fälle von Uebergängen
zwischen amöboider und Muskelbewegung einerseits und amöboider und
Wimperbewegung anderseits. Einerseits hat ~Engelmann~[240] Rhizopoden
gefunden (+Acanthocystis+) mit fadenförmigen, geraden, unverzweigten
Pseudopodien, die sich blitzschnell in ihrer Längsrichtung zu
kontrahieren vermögen, von denen eine glatte Muskelfaser nur durch
ihre dauernde Differenzierung unterschieden ist, so daß ~Engelmann~
diese Pseudopodien zweckmäßig als „Myopodien“ bezeichnet hat:
anderseits hat man mehrfach Fälle beobachtet, in denen fadenförmige
Pseudopodien amöboider Zellen pendelartige Schwingungen ausführten,
anfangs unregelmäßig und langsam, später rhythmisch, bis sie sich
zu wirklichen, dauernden Wimpern entwickelt hatten. Wenn nicht
schon eine sorgfältige Beobachtung der einzelnen Momente bei den
verschiedenen Kontraktionsbewegungen allein die Identität des ihnen
zugrunde liegenden Prinzips und ihre Zusammengehörigkeit allen anderen
Bewegungsmodi gegenüber deutlich genug bewiese, so bedürfte es nach
diesen letzteren Tatsachen keines weiteren Beweises mehr, um ihren
genetischen Zusammenhang außer Zweifel zu setzen.
Die Kontraktionsbewegungen der lebendigen Substanz folgen überall
dem gleichen Prinzip. Mag die lebendige Substanz als +Amöbe+ auf
den faulenden Blättern einer Wasserpfütze umherkriechen, mag sie
sich als +weißes Blutkörperchen+ durch die Saftlücken in den Geweben
des tierischen Körpers zwängen, mag sie als Protoplasmanetz in der
Zellulosekapsel einer +Pflanzenzelle+ zirkulieren, mag sie als
+Muskelfaser+ die Kontraktionen des unermüdlichen Menschenherzens
vollführen, mag sie schließlich als +Flimmerhaar+ im Eileiter des
Weibes die unbefruchtete Eizelle in den Uterus hinabführen, um sie der
Befruchtung preiszugeben, überall haben wir +denselben Vorgang der
abwechselnden Kontraktion und Expansion der lebendigen Substanz durch
gegenseitige Umlagerung ihrer Teilchen+.