4. Die Zufuhr von Wärme.

Die +Wärme+ endlich, die teils als strahlende, teils als zugeleitete

Wärme von außen her in den lebendigen Organismus hineingelangt, spielt

ähnlich wie das Licht eine Rolle bei den chemischen Umsetzungen in

der lebendigen Substanz, und da wir wissen, daß mit zunehmender

Temperatur die Zersetzbarkeit aller chemischen Verbindungen zunimmt,

so können wir sagen, daß auch die zugeführte Wärme vor allem bei

Spaltungsprozessen in der lebendigen Substanz beteiligt ist. Die

Rolle der Wärme als Energiequelle ist besonders deutlich zu erkennen

bei den sogenannten Kaltblütern, die man richtiger als „wechselwarme

(poikilotherme) Tiere“ bezeichnet hat, da sie im Gegensatz zu den

sogenannten Warmblütern oder „gleichwarmen (homoiothermen) Tieren“,

die eine stets konstante Körpertemperatur haben, ihre Körpertemperatur

mit der Temperatur der Umgebung fortwährend wechseln, so daß sie bei

hoher Außentemperatur mitunter eine Körpertemperatur haben können, die

der Temperatur der gleichwarmen Tiere gleichkommt. Diese wechselwarmen

oder poikilothermen Tiere, wie z. B. die Insekten, Reptilien etc., sind

bei hoher Temperatur des Mediums, in dem sie leben, äußerst lebhaft,

bewegen sich viel und zeigen überhaupt eine intensive Tätigkeit. Mit

abnehmender Temperatur nimmt dagegen auch die Lebhaftigkeit ihrer

Bewegungen ab, und bei 0° bemerkt man in vielen Fällen kaum noch

eine Lebenstätigkeit in ihnen: der Energieumsatz ist fast sistiert.

„Wohin man blickt in das Reich der lebendigen Organismen“, sagt

~Pflüger~[209], „sieht man, wie die Intensität der Lebensvorgänge, also

die Zersetzung, der Temperatur proportional wächst. Betrachte ich die

lebhafte, bewegliche, flinke Eidechse im Sommer, und wie sie, wenn man

sie einer Temperatur unter 0° aussetzt, allmählich ruhig wird und in

Torpor versunken einem Scheintoten gleicht, und frage ich mich, was die

Ursache sei, daß das Tier in der Wärme wieder so aktiv wird, so sagt

mir der Augenschein: weil ihren Organen Wärme zugeführt worden ist, die

die Atome der Molekeln in Schwingungen versetzt und ihre Dissoziation

erzeugt.“ Die zugeführte Wärme dient also auf diese Weise direkt

als eine Energiequelle für die Leistungen des Kaltblüterorganismus.

Für den Warmblüterkörper kommt die Wärme als Energiequelle kaum in

Betracht. Dagegen spielt sie für den Pflanzenkörper wieder eine ebenso

große Rolle wie für den Kaltblüter, denn Pflanzen keimen und wachsen

nur, wenn ihnen von außen eine gewisse Menge Wärme zugeführt wird.

Unterhalb einer gewissen Temperatur sinkt das Energiegetriebe im

Pflanzenkörper auf Null.

Damit sind aber die Energiequellen des Organismus erschöpft. Die

anderen Energieformen haben als Energiequellen für die Leistungen des

lebendigen Organismus kaum eine Bedeutung.

Allgemeine Physiologie · 第 166 / 283 题