2. Die Zufuhr von chemischer Energie in den Organismus.

Nach den obigen Betrachtungen ist es klar, daß chemische Energie in

den Organismus nur eingeführt werden kann, wenn die Nahrungsstoffe

Affinitäten enthalten, die zu binden im Organismus Gelegenheit geboten

wird. Es müssen also Stoffe in den Körper eingeführt werden, die

chemische Umsetzungen mit positiver Wärmetönung erfahren. Das geschieht

in der Tat auch auf die zweierlei Weise, die wir eben kennen lernten,

nämlich einerseits, indem einfache Stoffe mit starken Affinitäten

eingeführt werden, die sich leicht mit anderen Stoffen unter

positiver Wärmetönung verbinden, und zweitens, indem zusammengesetzte

Verbindungen aufgenommen werden, die leicht spaltbar sind und wie

die explosiblen Körper unter Umlagerung der Atome in einfachere

Verbindungen mit fester Bindung der Atome zerfallen.

Starke Affinitäten gelangen vor allem mit dem Sauerstoff in den

Körper, und es ist ja allgemein bekannt, daß bei der Vereinigung

des Sauerstoffs mit anderen Stoffen, d. h. bei der Oxydation

oder Verbrennung eine große Menge von Energie frei wird. Die

Oxydationsprozesse spielen aber im Leben fast aller Organismen eine

überaus wichtige Rolle, und es ist also, wie wir schon sahen, der

Vergleich des Lebens mit dem Feuer ein durchaus glücklicher gewesen.

Komplexe Verbindungen mit lockerer Bindung der Atome, die zur Umsetzung

in einfachere Stoffe mit festen Atombindungen neigen, gelangen beim

Tier mit der organischen Nahrung in großer Menge in den Organismus.

Es sind dies Stoffe aus den Gruppen der Eiweißkörper, Fette und

Kohlehydrate. Alle diese Stoffe unterliegen im Tierkörper umfangreichen

Umformungen, aus denen zunächst einmal in der Assimilationsphase des

Stoffwechsels die spezifischen komplexen Verbindungen der lebendigen

Substanz aufgebaut werden, die zum Teil noch labiler sind als die

eingeführten organischen Nahrungsstoffe an sich. +Die Prozesse der

Assimilationsphase des Stoffwechsels werden daher im ganzen mit

Energieaufnahme und Energieaufspeicherung in potentieller Form

verbunden sein.+ Beim Tier ist aber der Weg von den aufgenommenen

Nahrungsstoffen bis zur Bildung der spezifischen Verbindungen,

welche die lebendige Substanz aufbauen, verhältnismäßig kurz, da das

Tier schon fertige organische Nahrung in den genannten Verbindungen

aufnimmt. Bei der Pflanze dagegen ist der Weg viel länger. Da die

Pflanze als Nahrung nur die einfachsten anorganischen Verbindungen

benutzt, wie Kohlensäure, Wasser, Salpeter etc., die wenig oder gar

keinen Energiegehalt haben und da andererseits die Aufbauprozesse der

Assimilationsphase im ganzen mit einem Energieverbrauch verknüpft sind,

so muß für die Pflanze eine andere Energiequelle zur Verfügung stehen,

aus der erst durch Energieumsatz die chemische potentielle Energie

gewonnen wird, die in den komplexen Verbindungen, welche die lebendige

Substanz zusammensetzen, aufgespeichert ist. Wir werden gleich sehen,

welche Energiequelle das ist.

In der Dissimilationsphase des Stoffwechsels zerfallen die

komplexen Verbindungen der lebendigen Substanz schließlich, und

zwar zum großen Teil durch oxydative Aufspaltung mit Hilfe des

aufgenommenen Sauerstoffs, zum Teil auch durch enzymatische und andere

Spaltungsvorgänge in einfache Verbindungen mit fester Bindung der

Atome, wie Kohlensäure, Wasser und einfache stickstoffhaltige Stoffe,

also in die gleichen Verbindungen, aus denen in der grünen Pflanze die

komplexen Verbindungen der lebendigen Substanz aufgebaut worden sind.

Wie der Aufbau von lebendiger Substanz aus diesen einfachen Stoffen mit

Energieaufnahme, d. h. mit Energieaufspeicherung verbunden war, so ist

der Zerfall von lebendiger Substanz in diese einfachen Verbindungen

natürlich mit Energieproduktion, d. h. mit Energieabgabe verknüpft.

+Die Dissimilationsprozesse gehen also im ganzen mit Energieentfaltung

nach außen einher.+ In ihnen liegt die Quelle für die mannigfaltigen

Leistungen der lebendigen Substanz.

Wie beträchtlich aber die Energiemengen sind, die beim Tier mit der

organischen Nahrung in Form von potentieller chemischer Energie

aufgenommen werden, das geht aus den Wärmemengen hervor, die bei der

Oxydation dieser Stoffe, sei es im Tierkörper, sei es im Kalorimeter

frei werden. So beträgt z. B. die Verbrennungswärme für 1 g trocknen

Eiweißes 4,998, also rund 5,000 Kilogrammkalorien, für 1 g Rohrzucker

3,348 Kilogrammkalorien und für 1 g Butterfett 7,264 Kilogrammkalorien.

Danach gewinnt man einen Begriff davon, wie große Energiemengen

z. B. beim Menschen täglich in den Körper eingeführt werden, wenn man

etwa das von ~Voit~ angegebene Kostmaß zugrunde legt, das für einen

mittelgroßen Arbeiter 118 g Eiweiß, 500 g Kohlehydrate und 56 g Fett

beträgt.

Allgemeine Physiologie · 第 164 / 283 题