1. Gesetz des Energieumsatzes bei chemischen Prozessen.

Da über den Energieumsatz bei chemischen Vorgängen vielfach etwas

unklare Vorstellungen verbreitet sind, so wird es zweckmäßig sein,

zunächst überhaupt erst einen Blick auf die allgemeinen Tatsachen des

Energiewechsels bei chemischen Umsetzungen zu werfen.

Unter chemischer Energie verstehen wir die Arbeitsleistungen der

Atome. Die chemische Energie besitzt in der chemischen Affinität ihren

Intensitätsfaktor. Jedes Atom, wenn wir es uns einmal isoliert denken

wollen, repräsentiert demnach ein kleines energetisches System, ein

Energiemagazin. Die chemische Energie eines isoliert gedachten Atoms

wäre potentiell, solange das Atom nicht Gelegenheit hätte, durch seine

Affinität ein anderes Atom an sich zu binden. Sobald sich aber zwei

Atome miteinander verbinden, geht ein der Stärke ihrer Affinität

entsprechender Teil von potentieller Energie in aktuelle Energie über,

die in Gestalt von Wärme, Licht, mechanischer Energie etc. frei wird.

Da ferner die chemische Affinität eines Atoms zu verschiedenartigen

anderen Atomen sehr verschieden groß ist, so wird um so mehr Energie

frei werden, je stärker die Affinitäten sind, die gebunden werden. Eine

chemische Verbindung muß also um so weniger frei verfügbare potentielle

Energie enthalten, je stärker die Affinitäten sind, welche ihre Atome

zusammengeführt haben. Umgekehrt: Sollen zwei miteinander verbundene

Atome getrennt werden, so wird dazu eine gewisse Menge Energie

gebraucht, und diese selbe Menge von aktueller Energie, welche jetzt

verbraucht wird, um die Atome zu trennen, erscheint nach der Spaltung

wieder in Form von potentieller chemischer Energie, meßbar durch die

freigewordenen Affinitäten der Atome.

Ein Beispiel wird das Verhältnis noch anschaulicher machen. Haben

wir über einer Quecksilberwanne einen starken Glaszylinder, der in

einem kleinen vom Quecksilber freigelassenen Raume ein Gasgemisch aus

zwei Dritteilen Wasserstoff und einem Dritteil Sauerstoff enthält,

so haben wir ein Gemisch von Molekülen, deren Atome große Mengen

potentieller Energie in Form von chemischen Affinitäten zueinander

beherbergen. Stellen wir nun die Bedingungen her, daß sich die

Sauerstoff- und Wasserstoffatome miteinander vereinigen können, so

stürzen sie gierig aufeinander los, ziehen sich an und geben ihren

gesamten Vorrat an potentieller Energie in Form von Wärme, Licht und

mechanischer Energie nach außen ab. Es entsteht eine Flamme, der

Zylinder wird stark erwärmt, und das Quecksilber wird mit Gewalt nach

unten getrieben, steigt aber bald wieder höher und höher, denn der

aus der Vereinigung von Wasserstoff- und Sauerstoffatomen entstehende

Wasserdampf verdichtet sich mit zunehmender Abkühlung zu tropfbarem

Wasser, das schließlich nur einen winzigen Raum im Zylinder einnimmt.

So ist bei der Synthese des Wassers aus Wasserstoff und Sauerstoff die

potentielle Energie der chemischen Affinitäten in aktuelle Energie

umgesetzt und als Wärme, Licht etc. frei geworden. Das Wassermolekül

hat also diese genau bestimmbare Energiemenge an die Umgebung verloren.

Umgekehrt können wir die Atome des Wassers wieder voneinander trennen

in Wasserstoff- und Sauerstoffatome, wenn wir dieselbe Energiemenge

von außen her wieder zuführen. Am besten eignet sich dazu die Form

der elektrischen Energie. Leiten wir einen elektrischen Strom

durch das Wasser, so werden in demselben Maße, wie die elektrische

Energie verschwindet, an den Polen der Drähte Wasserstoff- und

Sauerstoffatome frei. Es wird also Energie verbraucht, um die Atome des

Wassermoleküls voneinander zu spalten, aber diese Energie erscheint

in den freiwerdenden Atomen als potentielle chemische Energie wieder,

denn wenn wir den freiwerdenden Sauerstoff und Wasserstoff wieder

zur Vereinigung bringen, dann gewinnen wir dadurch von neuem wieder

aktuelle Energie usf.

Diese Betrachtung ist sehr wichtig, denn es ergibt sich daraus ein Satz

von weittragender Bedeutung, der meist nicht klar genug formuliert

wird, nämlich der Satz: +Bei der Verbindung von Atomen wird aktuelle

Energie frei, zur Trennung von Atomen dagegen wird aktuelle Energie

verbraucht.+

Dieser Satz, der eine notwendige Konsequenz aus dem Gesetz von der

Erhaltung der Energie vorstellt, muß als Grundsatz für alle chemischen

Umsetzungen betrachtet werden und bildet auch den Ausgangspunkt für das

Verständnis aller Energieumsetzungen im lebendigen Organismus. Daß er

in der Regel nicht mit genügender Klarheit hingestellt und angewendet

worden ist, liegt vielleicht an der Tatsache, daß er in gewissen Fällen

auf den ersten Blick scheinbar eine Ausnahme erleidet. Es ist zur

Klarstellung dieser Verhältnisse nicht überflüssig, wenigstens kurz

darauf einzugehen.

Wenn wir die Energie, die bei einem chemischen Prozeß umgesetzt wird,

im Wärmemaß ausdrücken[206], so haben wir Prozesse, bei denen Wärme

frei wird, und Prozesse, bei denen Wärme verbraucht wird. Nach der

Ausdrucksweise der „Thermochemie“ bezeichnen wir die Produktion von

Wärme bei einem chemischen Prozeß als „+positive Wärmetönung+“, den

Verbrauch von Wärme dagegen als „+negative Wärmetönung+“. Nach unserer

eben angestellten Betrachtung sollten wir also erwarten, daß alle

synthetischen Prozesse, d. h. alle Prozesse, bei denen sich Körper

miteinander verbinden, unter positiver Wärmetönung verlaufen, denn

es werden ja bei jeder Synthese Atome verbunden, und bei Verbindung

von Atomen wird Energie frei; umgekehrt wäre zu erwarten, daß alle

Spaltungsprozesse, d. h. alle Prozesse, bei denen verbundene Atome

getrennt werden, mit negativer Wärmetönung einhergehen. Das ist, wenn

man die Begriffe Synthese und Spaltung in ihrer reinen Bedeutung

anwendet, auch immer der Fall. Dennoch scheint es auf den ersten

Blick gewisse Ausnahmen von dieser Regel zu geben. Es sind nämlich

einerseits einige Synthesen in der Chemie bekannt, die wie z. B.

die Synthese von Jodwasserstoff, mit Wärmeverbrauch verbunden sind,

andererseits gibt es viele Spaltungen, namentlich komplizierterer

Verbindungen, wie etwa des Nitroglyzerins oder anderer explosibler

Stoffe, bei denen eine gewaltige Energieproduktion stattfindet. Das

sind unbestreitbare Tatsachen. Allein, analysieren wir die Einzelheiten

bei diesen Vorgängen etwas genauer, so klärt sich das scheinbare

Paradoxon ohne weiteres auf und bestätigt vielmehr das Gesetz. Es

liegt nämlich auf der Hand, daß, soweit nicht entweder freie Atome

untereinander oder aber ganze Moleküle ohne Umlagerung ihrer Atome

zu einer Verbindung zusammentreten oder aus einer Verbindung als

präformierte Gruppen abgespalten werden, jeder Synthese eine Spaltung

der aktiven Moleküle in ihre Atome vorhergehen und jeder Spaltung eine

Synthese der freigewordenen Atome zu neuen Molekülen folgen muß. In

diesen Fällen verläuft also keine Synthese ohne vorhergehende Spaltung,

und keine Spaltung ohne nachfolgende Synthese. Hiernach leuchtet es

ein, daß unter Umständen bei einer Synthese eine negative Wärmetönung

bestehen kann, wenn nämlich, wie im Jodmolekül, die Jodatome oder im

Wasserstoffmolekül die Wasserstoffatome zueinander größere Affinität

haben als die Jodatome zu den Wasserstoffatomen. Dann wird mehr

Energie verbraucht, um die Atome des Jodmoleküls und die Atome des

Wasserstoffmoleküls voneinander zu spalten, als frei wird, wenn

die Jod- und Wasserstoffatome sich zu einem Jodwasserstoffmolekül

vereinigen, und da ja bei jedem kalorimetrischen Experiment nur der

Enderfolg zur Beobachtung gelangt, nie die Zwischenprozesse, so

erklärt es sich, weshalb am Ende der Reaktion sich ein Wärmeverbrauch,

eine negative Wärmetönung herausstellen muß. Das Umgekehrte ist

bei den Spaltungsvorgängen mit positiver Wärmetönung der Fall. Das

Nitroglyzerin (Salpetersäure-Triglyzerid) explodiert bekanntlich

bei Erschütterungen unter ungeheurer Energieentwicklung, indem

es in Wasser, Kohlensäure, Sauerstoff und Stickstoff zerfällt.

Diese Zerfallsprodukte sind aber strukturchemisch nicht im

Nitroglyzerinmolekül präformiert, sondern gehen erst durch synthetische

Umlagerung der Atome aus demselben hervor. Da die Atome des Wassers,

der Kohlensäure, des Sauerstoffs und des Stickstoffs in dieser

Anordnung aber viel größere Affinitäten zueinander haben als in der

Lagerung, die sie im Nitroglyzerinmolekül hatten, so genügt eine kleine

Energiemenge, um den Zerfall des Nitroglyzerinmoleküls herbeizuführen,

während aus den Umlagerungssynthesen eine außerordentlich große

Energiemenge frei wird. Daher erhalten wir als Endresultat eine

positive Wärmetönung. Also ebensowenig, wie streng genommen bei der

Jodwasserstoffsynthese der Wärmeverbrauch auf Rechnung der Synthese zu

setzen ist, ebensowenig stammt in Wirklichkeit die Energieproduktion

bei der Dynamitexplosion aus der Spaltung des Nitroglyzerinmoleküls.

Es ist notwendig, daß man sich diese Tatsache einmal klar gemacht hat.

Da aber nun allgemein, wenn von einer Synthese gesprochen wird, die

vorhergehende Spaltung, und wenn von einer Spaltung gesprochen wird,

die nachfolgende Synthese unberücksichtigt gelassen wird, so ist es

genauer, das Grundgesetz des Energiewechsels bei chemischen Prozessen

in folgender Form auszusprechen: +Werden bei einem chemischen Prozeß

stärkere Affinitäten gebunden als getrennt, so wird aktuelle Energie

frei; werden dagegen stärkere Affinitäten getrennt als gebunden, so

verläuft der Prozeß mit Energieverbrauch.+

Allgemeine Physiologie · 第 163 / 283 题