4. Die Entwicklung des vielzelligen Organismus.

Entwicklung im allgemeinen Sinne können wir definieren als eine

fortlaufende Reihe von Veränderungen. Wenn wir von der Fortpflanzung

des vielzelligen Organismus durch Abschnürung ganzer Körperteile,

wie bei der Knospung und Teilung, absehen, wo ja die wesentlichen

Zellgruppen der einzelnen Organsysteme schon direkt bei der Abschnürung

vom elterlichen Organismus auf die Knospen oder Teilstücke übertragen

werden, dann besteht die Bildung des vielzelligen Organismus nur in

seiner +Entwicklung aus der Eizelle+. Mag das Ei unbefruchtet sich

entwickeln, wie bei dem Vorgange der „Parthenogenese“, die der uralten

Legende von der unbefleckten Empfängnis für gewisse niedere Tiere einen

realen Hintergrund verleiht, mag es vorher befruchtet worden sein, wie

das die allgemeine Regel bei der Entwicklung der Tiere und Pflanzen

ist, immer haben wir die Tatsache vor uns, daß sich +der vielzellige

Organismus aus einer einzigen Zelle allmählich entwickelt+.

Eine Entwicklung haben wir freilich schon bei den einzelligen

Organismen, aber hier läuft der ganze Entwicklungskreis an einer

einzigen Zelle ab. Immerhin bildet die Entwicklung der Protisten ein

interessantes Analogon zu der Entwicklung der vielzelligen Organismen,

der Tiere und Pflanzen. Bei den niedrigsten Formen, wie z. B. den

+Amöben+, ist die Entwicklung noch mit dem bloßen Wachstum identisch.

Eine +Amöbe+ verändert sich nur, indem sie an Masse zunimmt und

sich dann teilt. Die Teilhälften beginnen wieder zu wachsen, bis

sie so groß geworden sind, daß sie sich wieder teilen. Der ganze

Entwicklungskreis der +Amöbe+ besteht im Wachstum bis zur Zellteilung.

Wir sehen also, Wachstum und Zellteilung sind die einfachsten

Elemente, welche die Entwicklung erfordert, und in der Tat gibt es

in der ganzen lebendigen Welt keine Entwicklung ohne Wachstum und

Zellteilung. Eine in komplizierteren Formveränderungen sich äußernde

Entwicklung finden wir aber bereits bei allen den Protisten, die sich

durch Sporenbildung fortpflanzen. In diesem Falle müssen die Sporen,

die ja der Mutterzelle durchaus unähnlich sind, erst eine Reihe von

Formveränderungen durchmachen, bis sie der Mutterzelle gleich werden.

Die Entwicklungsgeschichte der Protisten ist in neuerer Zeit bei

einigen Gruppen genauer studiert worden. So haben ~Rhumbler~[193]

von der Infusoriengattung +Colpoda+, und ~L. Pfeiffer~[194],

~Labbé~[195], ~Laveran~[196], ~Grassi~[197] und ~Schaudinn~[198] von

der Sporozoengattung +Coccidium+ die Entwicklungsgeschichte mit großer

Mühe und Geduld verfolgt. Als Beispiel kann uns der von ~Schaudinn~

ermittelte Entwicklungskreis des +Coccidium Schubergi+ dienen, einer

Protistenform, die in den Darmepithelzellen der Tausendfüßergattung

+Lithobius+ parasitär lebt. Die nebenstehende Fig. 97 zeigt in den

römischen Zahlen von _I_–_XX_ den Ablauf der ganzen Entwicklung.

_I_ zeigt das Eindringen der aus einer Cyste (_XX_) entleerten

Sporen in die Darmepithelzellen von +Lithobius+. _II_, _III_, _IV_

sind Entwicklungsstadien, welche die eingedrungenen Sporen in den

Darmepithelzellen durchmachen. Sie wachsen hier zu kugelförmigen

Zellen (_IV_) heran, die dann austreten und durch Zerklüftung der

Kernsubstanz und Abgrenzung des Protoplasmas um die Kernpartikel zur

Vielzellbildung führen (_V_-_VII_), wobei wiederum Sporen (_VIII_-_X_)

frei werden. Diese Sporen dringen wiederum in Epithelzellen ein und

differenzieren sich zu weiblichen und männlichen Sporen (_XI a_ und

_XII a_). Während aus den weiblichen Sporen sich befruchtungsfähige

Eizellen entwickeln (_XI a_, _b_, _c_), gehen aus den männlichen

wiederum durch Kern- und Zellzerfall zahlreiche längliche Schwärmsporen

hervor (_XII a_, _b_, _c_, _d_, _e_), die dann die Eizellen befruchten

(_XIII_). Die befruchtete Eizelle selbst umgibt sich dann mit

einer dicken Cystenmembran und zerfällt in der Cyste wiederum zu

Sporen (_XIV_-_XX_), die ihren Entwicklungskreis wieder von vorn

beginnen. In ähnlicher Weise kompliziert ist auch die Entwicklung des

Malariaparasiten.

[Illustration: Fig. 97. +Entwicklungsgeschichte von Coccidium

Schubergi.+ Nach ~Schaudinn~.]

Was sich bei den Protisten an einer einzigen Zelle abspielt, das

verläuft bei der Entwicklung des vielzelligen Organismus an einer

großen Summe von Zellen. Nach unseren Betrachtungen über die

Fortpflanzung kann die Entwicklung des vielzelligen Organismus aus

dem einzelligen Ei nicht anders geschehen als durch fortgesetzte

Zellteilung. Dabei aber spielen zwei Momente eine wichtige Rolle, das

ist einerseits die Tatsache, daß sich die aus der Teilung der Eizelle

hervorgehenden Teilungsprodukte nicht wie bei den meisten Protisten

voneinander trennen, sondern miteinander im Zusammenhang bleiben, und

anderseits die Tatsache, daß die Teilungsprodukte einander nicht immer

gleich sind, sondern durch inäquale Teilung zwei voneinander und von

der Mutterzelle ganz verschiedene Zellformen bilden können. Auf diese

Weise wird nicht nur die Entstehung eines vielzelligen Organismus

überhaupt, sondern die Entstehung eines vielzelligen Organismus mit

Differenzierung der verschiedenartigsten Gewebe und Organe ermöglicht.

Wäre nur das erste Moment wirksam und das zweite nicht, dann würde ein

Zellenstaat resultieren, bestehend aus vielen Zellen, die aber alle

einander gleich wären. Auch solche Organismen existieren tatsächlich im

Reiche der Protisten (Fig. 98) und werden als Zellkolonien aufgefaßt,

die vollkommen republikanische Verfassung haben, d. h. in denen jede

Zelle der anderen genau gleichgestellt ist. Diese Formen bilden die

Zwischenglieder zwischen den wirklich einzelligen Organismen und

den Tieren oder Pflanzen. Im Körper der Tiere und Pflanzen sind,

selbst bei den niedrigsten, die Zellen nicht mehr alle gleich, und

diese Differenzierung, durch die überhaupt nur die Entwicklung eines

komplizierter gebauten Zellenstaates ermöglicht wird, beruht auf der

Wirksamkeit des zweiten Moments, der inäqualen Zellteilung. +Also

Zellteilung, und zwar sowohl äquale wie inäquale, und Zusammenbleiben

der Zellen sind die Faktoren, welche die Entwicklung eines

differenzierten Zellenstaates hervorbringen.+

[Illustration: Fig. 98. _A_ +Eudorina elegans+. _B_ +Magosphaera

planula+. Nach ~Haeckel~. Zwei vielzellige Organismen, aus

gleichartigen Zellen bestehend.]

Wir können nicht auf die speziellen Vorgänge in der individuellen

Entwicklung der verschiedenen Tiere und Pflanzen näher eingehen und

müssen zu diesem Zwecke auf die ausführlichen Werke von ~Haeckel~[199],

~Hertwig~[200], ~Bonnet~[201], ~Korschelt~ und ~Heider~[202] verweisen,

welche die Embryologie als selbständige Wissenschaft behandeln. Dagegen

müssen wir noch einen Blick auf jenes wichtige Gesetz werfen, das, wie

wir schon sahen, der individuellen Entwicklung ihre bestimmten Wege

vorschreibt, auf das „+biogenetische Grundgesetz+“.

Schon ~Karl Ernst von Baer~, der Begründer der Embryologie, hatte

gefunden, daß in der Embryonalentwicklung ganz verschiedener

Tierformen Entwicklungsstadien vorkommen, die sich täuschend

ähnlich sehen und nach ~Darwin~s epochemachender Tat sprach bereits

~Fritz Müller~[203] mit klaren Worten die Tatsache aus, daß die

Entwicklungsgeschichte des Individuums eine kurze Wiederholung des

ganzen Entwicklungsganges vorstellt, den die betreffende Art während

der Entwicklung durchgemacht hat. Es war dann ~Haeckel~s Verdienst,

das „+biogenetische Grundgesetz+“ schärfer formuliert und das Bestehen

eines Zusammenhanges zwischen der ontogenetischen und phylogenetischen

Entwicklungsreihe betont zu haben. ~Haeckel~[204] zeigte nämlich, daß

die individuelle Entwicklung oder Ontogenie nur in groben Umrissen

eine Wiederholung oder „+Palingenie+“ der Stammesentwicklung oder

Phylogenie vorstellt, daß aber vielfach diese Wiederholung verwischt

oder gefälscht wird durch das Auftreten von Eigenschaften, die nicht in

der phylogenetischen Entwicklungsreihe der betreffenden Form vorhanden

waren, und die er deshalb als Ausdruck einer Fälschungsentwicklung

oder „+Cenogenie+“ bezeichnete. Wir haben also in der individuellen

Entwicklungsreihe einer jeden Organismenform zweierlei Bestandteile zu

unterscheiden, einerseits die palingenetischen Bestandteile, welche

die Stammesentwicklung der betreffenden Form kurz rekapitulieren, und

anderseits die cenogenetischen Bestandteile, die erst durch Anpassung

nachträglich entstanden sind und den Verlauf der palingenetischen

Vorgänge abgeändert und verwischt haben.

Die Erklärung für diese Tatsachen liegt zweifellos in den beiden

Momenten, die, wie wir gesehen haben, die ganze Entwicklung des

organischen Lebens beherrschen, in dem formerhaltenden Moment der

+Vererbung+ und in dem formverändernden Moment der +Anpassung+. Welche

Mechanismen freilich im einzelnen der Wiederholung der Ahnenformen

in der Ontogenie und welche der Abänderung und Umformung derselben

zugrunde liegen, welche chemischen und physikalischen Faktoren in

beiden Momenten ihren Ausdruck finden, das im einzelnen zu untersuchen,

bleibt noch der zukünftigen entwicklungsphysiologischen Forschung

vorbehalten. Jedenfalls können wir mit ~Haeckel~[205] das biogenetische

Grundgesetz kurz folgendermaßen formulieren:

„+Die Keimesentwicklung ist ein Auszug der Stammesentwicklung; um

so vollständiger, je mehr durch Vererbung die Auszugsentwicklung

beibehalten wird; um so weniger vollständig, je mehr durch Anpassung

die Fälschungsentwicklung eingeführt wird.+“

Allgemeine Physiologie · 第 157 / 283 题