3. Die Befruchtung.

Der Akt der Befruchtung ist mit dem tiefen Mysterium, das der

Menschheit mächtigste Motive umgibt, innig verknüpft. In der Tat -- der

Naturforscher darf das aussprechen -- einer der gewaltigsten Faktoren,

die das ganze organische Leben beherrschen, die geschlechtliche Liebe

in ihrer natürlichen Form, zielt, ohne daß wir uns dessen bewußt sind,

auf den mikroskopischen Akt der Befruchtung der weiblichen Eizelle

durch die männliche Samenzelle hin. Es könnte wunderbar erscheinen,

daß so gewaltige Motive, wie sie die Triebfedern der Geschlechtssphäre

im Menschenleben vorstellen, darin gipfeln, einen winzigen Vorgang

herbeizuführen, der nicht einmal mit bloßen Augen wahrzunehmen ist;

allein, wenn man berücksichtigt, was auf der anderen Seite aus

diesem mikroskopischen Akt der Vereinigung von Ei- und Samenzelle

resultiert, was für eine unendlich lange Kette von komplizierten

Prozessen und Veränderungen bei der Entwicklung des neuen Organismus

aus dem Ei durch die Befruchtung angeregt wird, was schließlich das

Endergebnis dieser langen Reihe von Entwicklungsprozessen ist, das

hochkomplizierte Tier, der Mensch, mit dem unermeßlichen Reichtum

seines Lebensinhalts, dann verliert diese Tatsache ihr Wunderbares,

und wir gelangen vielmehr dazu, dem winzigen Akt der Befruchtung eine

unabsehbare Bedeutung beizulegen, die er in potentia enthält. Kein

Wunder daher, wenn schon seit alten Zeiten Aerzte und Naturforscher

den Vorgang der geschlechtlichen Zeugung, der das äußerliche Beiwerk

des Befruchtungsvorgangs vorstellt, auf den er hinzielt, vielfach zum

Gegenstand tiefen Nachdenkens gemacht haben. Indessen, erst nachdem

~Leeuwenhoek~ das Mikroskop konstruiert hatte, entdeckte sein Schüler

~Ludwig van Hammen~ die Samenzellen, die wegen ihrer lebhaften

Eigenbewegungen als „Samentierchen“ oder „Spermatozoen“ bezeichnet

wurden, und erst die ungeahnte Vervollkommnung der Mikroskope in

unserer Zeit machte die glänzenden Arbeiten von ~Bütschli~, ~Hertwig~,

~van Beneden~, ~Boveri~ und anderen möglich, die uns bis über die

feinsten Einzelheiten des Befruchtungsvorgangs Aufschluß gegeben haben.

Beim Menschen und den höheren Tieren ist der Vorgang der Befruchtung

nicht zu beobachten, weil er sich im Innern des weiblichen Körpers

verbirgt, und weil die Möglichkeit, die Eizellen außerhalb des Körpers

am Leben zu erhalten, um sie mit Sperma zu befruchten, nicht gegeben

ist. Das letztere gelingt aber bei gewissen niederen Tieren, und so hat

man an Eiern, die besonders groß und durchsichtig sind, wie die der

Seeigel und des Pferdespulwurmes, den ganzen Verlauf des interessanten

Befruchtungsvorgangs in lückenloser Folge genau studieren können.

[Illustration: Fig. 92. +Eizellen.+ _I_ Runde Eizelle eines Seeigels.

Nach ~Hertwig~. _II_ Amöboide Eizelle eines Kalkschwammes. Nach

~Haeckel~.]

Wie wir bereits sahen, sind die männlichen und weiblichen

Geschlechtszellen überaus verschieden differenziert. Während die Eier

fast immer große runde oder amöboide Zellen vorstellen, mit einem

bläschenförmigen Kern und sehr viel Protoplasma, das die Bildungsstoffe

für die weitere Entwicklung enthält, sind die Spermatozoen im

Verhältnis zu der Größe der Eier äußerst winzig, denn ihnen fehlt

die ganze große Masse des passiven Nähr- oder Dottermaterials, das

den Protoplasmakörper der Eizelle so umfangreich macht. Es liegt

hier offenbar eine praktische Anpassungstatsache vor, die eine

Arbeitsteilung von Spermatozoon und Eizelle zum Ausdruck bringt. Wenn

die Eizelle eine genügende Menge passiven Nährmaterials besitzt, so

kann die Spermatozoenzelle dasselbe entbehren, denn sie macht ja

ihre weitere Entwicklung mit der Eizelle vereinigt durch. Auf der

anderen Seite hat die Spermatozoenzelle dafür den Vorteil, daß ihre

Beweglichkeit, die zum Aufsuchen der Eizelle nötig ist, nicht durch

unnötige Massen passiver Stoffe behindert wird. Die Spermatozoen

bestehen zum großen Teil aus Kernsubstanz, welche die Hauptmasse des

Körpers bildet, und haben nur eine dünne Protoplasmahülle, die sich

in den meisten Fällen in eine bewegliche Geißel fortsetzt, welche als

„Schwanz“ vom übrigen Körper, dem „Kopf“ unterschieden wird und zur

Bewegung des Spermatozoons beim Aufsuchen des Eies dient. Die feinere

Struktur der Spermazellen ist, wie die eingehenden Untersuchungen von

~Retzius~[181] und ~Ballowitz~[182] in neuerer Zeit gezeigt haben,

sehr kompliziert, und bei den verschiedenen Tierformen finden sich

die mannigfaltigsten Differenzierungen. Die vorstehenden Abbildungen

mögen einige Beispiele dafür liefern (Fig. 93), können aber nur in

sehr unvollkommener Weise die Feinheit der wirklichen Verhältnisse zum

Ausdruck bringen. Es ist, wenn man einen Begriff von der komplizierten

Differenzierung im Bau der Spermatozoen gewinnen will, unerläßlich, die

herrlichen Tafelfiguren von ~Retzius~ zu betrachten, deren Durchsicht

nicht bloß ein hohes wissenschaftliches Interesse, sondern auch einen

ebenso großen ästhetischen Genuß gewährt.

Wenn nun auch bei den weitgehenden Differenzierungen des

Spermatozoenkörpers das Protoplasma gegenüber der Kernmasse etwas in

den Hintergrund tritt, so sind doch immer +die Spermatozoen ebenso

wie die Eier vollständige Zellen und enthalten beide wesentlichen

Zellbestandteile: Protoplasma und Kern, eine Tatsache, auf die

besonderer Nachdruck zu legen ist+.

[Illustration: Fig. 93. +Verschiedene Spermatozoenformen.+ _a_ Von

einer +Fledermaus+ (Vesperugo nocturna). Nach ~Ballowitz~. _b_ u.

_c_ Vom +Frosch+, _d_ vom +Finken+, _e_ vom +Schaf+, _f_ u. _g_ vom

+Schwein+. Nach ~Schweigger~-~Seidel~. _h_ Von einer +Meduse+, _i_ von

einem +Affen+ (Cercopithecus), _l_ von einer +Krabbe+. Nach ~Claus~.

_k_ Vom +Spulwurm+. Nach ~Boveri~.]

Ehe die Befruchtung eintritt, in einigen Fällen auch erst während des

Beginns der Befruchtung, erfolgt der +Reifungsprozeß des Eies+, der

darin besteht, daß durch zwei hintereinander verlaufende Kernteilungen

zwei Knospen, die „Polzellen“ oder „Richtungskörperchen“, gebildet und

abgestoßen werden (Fig. 91, p. 236). Die Befruchtung besteht also in

der Verschmelzung einer +reifen+ Eizelle mit einer Samenzelle, wobei

die letztere die Eizelle aufsucht, durch eigene Lokomotionen, die wir

später bei Betrachtung der Bewegungstypen der Zelle kennen lernen

werden.

[Illustration: Fig. 94. +Konjugation von Paramaecium in verschiedenen

aufeinanderfolgenden Stadien.+ _K_ Hauptkern, _nk_ Nebenkern. I. Beginn

der Konjugation. II. Der Nebenkern hat sich zweimal hintereinander

geteilt. III. Von den vier Teilstückchen des Nebenkerns gehen drei

zugrunde, der vierte teilt sich nochmals in einen männlichen (_m_) und

einen weiblichen (_w_) Kern. IV. Während der Hauptkern zerfällt, werden

die beiden männlichen Kerne 1 _m_ und 5 _m_ ausgetauscht und vereinigen

sich mit den weiblichen zu einem Kern, V. _t_, der sich wieder teilt in

_t_′ und _t_″. VI. _t_′ und _t_″ teilen sich nochmals. VII. Aus dieser

Teilung entstehen die Anlagen des neuen Hauptkerns (_pt_) und des

neuen Nebenkerns (_nk_′). Der alte Hauptkern geht zugrunde. Nach ~R.

Hertwig~.]

Der Prozeß der Vereinigung zweier Zellen ist ein Vorgang, der

sich nicht bloß bei der geschlechtlichen Fortpflanzung findet,

sondern sich bis tief in das Reich der einzelligen Organismen hinab

verfolgen läßt, bis zu Formen, bei denen von einer geschlechtlichen

Differenzierung noch keine Rede ist. Hier, bei den Protisten, ist sie

unter dem Namen der „+Konjugation+“ bekannt. Schon bei den einzelligen

schalentragenden Rhizopoden, z. B. bei den mit zierlichem Gehäuse

versehenen +Difflugien+, kommt eine Konjugation vor, indem diese trägen

Protoplasmawesen zu zweien, aber auch bisweilen zu dreien, vieren

oder noch mehreren dicht aneinander herankriechen, worauf sich ihre

Protoplasmaleiber aneinanderlegen und zu einer gemeinschaftlichen Masse

verschmelzen, um sich, nachdem eine Vermischung des beiderseitigen

Protoplasmas und gewisse Veränderungen der Kerne Platz gegriffen

haben, wieder zu trennen[183]. Am genauesten sind die Vorgänge bei

der Konjugation in neuerer Zeit von ~Bütschli~[184], ~Balbiani~[185],

~Maupas~[186], ~A. Gruber~[187] und ~R. Hertwig~[188] an

Wimperinfusorien studiert worden.

+Paramaecium+ ist eine längliche Infusorienform, die über

und über bewimpert ist und ein ungemein günstiges Objekt für

zellularphysiologische Untersuchungen der mannigfaltigsten Art abgibt.

Die sehr gut mit bloßem Auge wahrnehmbaren +Paramäcien+ lassen sich

in faulenden Heuaufgüssen stets in großen Massen kultivieren und

vorrätig halten. Dabei beobachtet man häufig, daß in der ganzen Kultur

plötzlich eine „Konjugationsepidemie“ auftritt, so daß man fast nur

konjugierte Individuen findet. Die Vorgänge bei der Konjugation

verlaufen dann folgendermaßen: Zwei Individuen legen sich parallel

aneinander, an ihren Mundöffnungen (Fig. 94, I, _o_) tritt eine

Verschmelzung des Protoplasmas zu einer Brücke ein, und es beginnen

sehr charakteristische Veränderungen der Kerne. Wie bereits früher

bemerkt, haben die Wimperinfusorien zwei Kernformen, einen Makronucleus

oder Hauptkern, und einen oder mehrere Mikronuclei oder Nebenkerne. Der

Hauptkern geht während der Konjugation ganz zugrunde, indem er zerfällt

und sich im Protoplasma auflöst. Haben wir eine +Paramäcien+form mit

nur +einem+ Nebenkern, wie +Paramaecium caudatum+, wo die Verhältnisse

am einfachsten liegen, so teilt sich der Nebenkern in jedem Paarling

zweimal hintereinander, so daß vier Teilkerne daraus entstehen. Drei

davon lösen sich ebenfalls im Protoplasma auf, der vierte aber teilt

sich in jedem Paarling noch einmal und läßt die eine Hälfte (den

„männlichen“ Kern) über die Protoplasmabrücke in den anderen Paarling

hinübertreten, so daß jeder Paarling jetzt einen „weiblichen“ Kern

von sich selbst und einen „männlichen“ vom anderen Paarling enthält.

Diese beiden Kerne verschmelzen alsbald zusammen und teilen sich

darauf wieder, indem aus der einen Teilhälfte ein neuer Makronucleus,

aus der anderen ein neuer Mikronucleus entsteht. Nach dem Austausch

der beiderseitigen Kernhälften trennen sich die Paarlinge wieder

voneinander, und die Konjugation ist beendet.

Die Konjugation der geschlechtslosen, einzelligen Organismen ist

derjenige Vorgang, von dem sich die Befruchtungsvorgänge bei der

geschlechtlichen Fortpflanzung phylogenetisch ableiten, denn wir

finden bei der Befruchtung im wesentlichen dieselben Tatsachen wie

bei der Konjugation. Der Befruchtungsvorgang verläuft übrigens an

verschiedenen Objekten nicht ganz gleichartig, wenigstens sind an den

beiden Objekten, die bisher am genauesten untersucht worden sind, am Ei

der Seeigel und des Pferdespulwurms, einige kleine Verschiedenheiten

beobachtet worden, wenn auch alle wesentlichen Momente durchaus

übereinstimmen.

[Illustration: Fig. 95. +Befruchtung des Spulwurmeies (Ascaris

megalocephala) in sechs aufeinanderfolgenden Stadien.+ Gleichzeitig

erfolgt die Reifung des Eies, d. h. die Ausstoßung der

Richtungskörperchen (Polzellen). Nach ~O. Hertwig~.]

Fassen wir zuerst +die Befruchtung des Spulwurmeies+ ins Auge,

so erfolgt hier die Reifung des Eies, d. h. die Ausstoßung der

Richtungskörperchen, erst wenn die Samenzelle in das Ei eindringt.

Während die Samenzelle in das Protoplasma des Eies tritt (Fig. 95 _I_),

wandert der bisher in der Mitte gelegene Eikern an die Oberfläche

des Eies (Fig. 95 _II_), wo er sich zweimal hintereinander teilt und

zur Ausstoßung der Richtungskörperchen Anlaß gibt (Fig. 95 _III_ u.

_IV_). Inzwischen hat sich das _Protoplasma_ der Samenzelle mit dem

Protoplasma der Eizelle vermischt und sich der weiteren Beobachtung

entzogen. Der Sperma+kern+ dagegen ist in die Mitte des Eies

gewandert, wohin ihm nach Angabe der Richtungskörperchen der Eikern

von der Peripherie her wieder entgegenkommt. Beide Kerne legen sich

jetzt nebeneinander, umgeben sich mit einem durchsichtigen Hof und

zeigen nun deutlich je zwei große Chromatinschleifen. Gleichzeitig

machen sich zwei Zentrosomen bemerkbar, die sich zu beiden Seiten

der Kerne mit einem Strahlenkranz zu umgeben beginnen (Fig. 95 _V_).

Eine Verschmelzung der Kernsubstanzen tritt beim Spulwurm nicht ein,

sondern es entwickelt sich, von den beiden Zentrosomen ausgehend, die

bekannte Kernteilungsspindel, deren Spindelfasern nach beiden Seiten

je eine Chromatinschleife des Eikerns und eine des Spermakerns an die

Pole hinziehen, so daß also jede Hälfte der Eizelle einen Kernanteil

vom Ei und einen vom Spermatozoon bekommt (Fig. 95 _VI_). Damit ist

die Befruchtung beendet und zugleich die erste Teilung der Eizelle

vorbereitet, die nun in der gewöhnlichen Weise erfolgt, indem sich im

Aequator der Spindel das Ei durchschnürt, während die Kerne in beiden

Hälften ihre Ruheform annehmen.

+Die Befruchtung des Seeigeleies+ zeigt in einzelnen Punkten ein

etwas abweichendes Verhalten. Hier ist die Reifung des Eies bereits

vollendet, wenn das Spermatozoon eindringt. Ferner verschmelzen hier

Eikern und Spermakern vollständig zu einem einzigen Kern, ehe die

Teilung in die beiden ersten Furchungshälften der Eizelle eintritt.

Was das Schicksal der Zentrosomen bei der Befruchtung betrifft,

so hat ~Boveri~[189] und in Uebereinstimmung mit ihm ~Wilson~ und

~Mathews~[190] an Seeigeleiern, sowie ~Mead~[191] an Eiern von

Röhrenwürmern (Chaetopterus pergamentaceus) gefunden, daß das Zentrosom

der Eizelle ohne eine Rolle zu spielen zugrunde geht (~Mead~)

und verschwindet, während das Zentrosom der Spermazelle nach der

Befruchtung sich allein in der Eizelle in zwei Zentrosomata teilt,

deren jedes ein Zentrum für die Protoplasmastrahlung und die darauf

folgende Teilung der befruchteten Eizelle bildet (Fig. 96).

Fassen wir nach alledem die wesentlichen Momente des

Befruchtungsvorganges zusammen, so müssen wir sagen: +Die normale

Befruchtung besteht in der Vereinigung zweier Zellen, der Eizelle

und der Samenzelle, bei der das Protoplasma mit dem Protoplasma, und

der Zellkern mit dem Zellkern verschmilzt, so daß bei der darauf

folgenden Teilung der befruchteten Eizelle jede Teilhälfte Substanz von

beiden verschmolzenen Zellen sowohl vom Protoplasma als auch vom Kern

mitbekommt.+

[Illustration: Fig. 96. Schema des Befruchtungsvorganges beim Seeigel

in 7 aufeinanderfolgenden Stadien _a_-_g_. Nach ~Boveri~.]

Der Akt der Befruchtung ist bei allen geschlechtlich sich

fortpflanzenden Organismen die gewöhnliche Einleitung für die

Entwicklung der Eizelle. Durch die Einführung der Substanz des

Spermatozoons erhält die Eizelle den Anstoß zu der charakteristischen

Reihe von Veränderungen, die ihre Entwicklung ausmachen. Indessen

muß hier erwähnt werden, daß bei vielen Pflanzen und wirbellosen

Tieren, die sich gewöhnlich geschlechtlich fortpflanzen, unter

gewissen Bedingungen auch das +unbefruchtete+ Ei sich zu einem

vollkommenen normalen Organismus entwickeln kann, eine Tatsache,

die, wie bereits erwähnt, als „+Parthenogenese+“ bezeichnet worden

ist. Häufig folgen, wie z. B. bei gewissen niederen Krebsen, eine

große Anzahl von ungeschlechtlichen Generationen, die sich immer

wieder aus unbefruchteten Eiern entwickeln, hintereinander, bis

endlich eine geschlechtliche Generation aus befruchteten Eiern

entsteht. Die Bedingungen, von denen die Parthenogenese abhängig ist,

scheinen sehr verschiedener Art zu sein. Unter normalen Verhältnissen

sind sie wohl meist in den Nahrungsverhältnissen, der chemischen

Zusammensetzung und dem osmotischen Verhalten des umgebenden Mediums

zu suchen. Auf letztere Momente weist auch die Tatsache hin, daß

es einer ganzen Reihe von Forschern gelungen ist, durch bestimmte

chemische Einwirkungen unbefruchtete Eier zu einer parthenogenetischen

Entwicklung bis zu gewissen Stadien anzuregen. So hat ~Tichomiroff~

die Eier von Schmetterlingen durch Eintauchen in konzentrierte

Schwefelsäure, ~Dewitz~ Froscheier durch Sublimatbehandlung, ~Klebs~

Algen- und Pilzsporen durch Einwirkung von Salz- und Zuckerlösungen,

~Hertwig~ Seeigeleier durch Strychninlösungen, ~Loeb~ Seeigeleier

durch Magnesiumchloridlösungen zu parthenogenetischer Entwicklung

veranlaßt. Besonderes Interesse aber im Hinblick auf die Theorie der

Befruchtung verdient schließlich die kürzlich von ~H. Winkler~[192]

festgestellte Tatsache, daß sich Seeigeleier durch ein Extrakt von

Spermatozoen der gleichen Art in Meerwasser, das keine lebendigen

Spermatozoen mehr enthält, zur Entwicklung anregen lassen, wenn auch

vorläufig bei den Versuchen die Entwicklung nicht über gewisse Stadien

hinausging. Daß es sich indessen hierbei um die Wirkung eines Enzyms

handle, das im Spermatozoon enthalten sei und auch bei der normalen

Befruchtung auf fermentativem Wege die Entwicklung anrege, ist eine von

~Raphael Dubois~ und ~Piéri~ gemachte Hypothese, die sich durch nichts

stützen läßt und offenbar nur auf eine Verkennung des Enzymbegriffs

zurückzuführen ist, mit dem leider schon so viel gesündigt worden ist.

Nach den zahlreichen Erfahrungen, die gerade über diesen Punkt in den

letzten Jahrzehnten gemacht worden sind, muß man schließen, daß die

Eier verschiedener Tierformen eine sehr verschieden große Neigung

zu parthenogenetischer Entwicklung besitzen, indem die einen sehr

leicht, die anderen schwerer, die dritten gar nicht durch äußere

Einwirkungen dazu veranlaßt werden können. Man könnte die Tierformen

nach der Leichtigkeit, mit der sich ihre Eier zur parthenogenetischen

Entwicklung durch äußere Eingriffe anregen lassen, leicht zu einer

kontinuierlichen Stufenleiter anordnen.

Allgemeine Physiologie · 第 156 / 283 题