Die Fortpflanzung läßt sich vom Wachstum nicht trennen, denn sie
stellt gewissermaßen nur einen speziellen Fall des Wachstums im
weitesten Sinne vor, so daß schon die ältere Embryologie sich veranlaßt
gesehen hat, die Fortpflanzung als ein +Wachstum über das Maß des
Individuums+ hinaus aufzufassen. In der Tat ist der allgemeine
Vorgang, der das Wachstum ausmacht, eine +Vermehrung der lebendigen
Substanz+, und das Wesen der Fortpflanzung liegt ebenfalls nur in der
Vermehrung der lebendigen Substanz. Der Unterschied zwischen dem,
was wir gewöhnlich im engeren Sinne als Wachstum bezeichnen, und dem
Vorgange der Fortpflanzung liegt nur in dem Umstande, daß im ersteren
Falle die neugebildete lebendige Substanz im dauernden Konnex mit
dem ursprünglichen Organismus bleibt und sein Volumen vergrößern
hilft, während im letzteren Falle sich ein Teil der Substanz von
dem ursprünglichen Organismus trennt, sei es, daß er sich, wie in
den meisten Fällen, ganz loslöst, sei es, daß er sich, wie bei der
Vermehrung der Gewebezellen, nur durch eine Scheidewand absondert und
an Ort und Stelle verharrt. Dementsprechend gibt es auch eine große
Zahl von Uebergängen zwischen dem Wachstum im engeren Sinne und der
Fortpflanzung der Zelle. Beispiele dafür liefern besonders manche
vielkernige Zellen, wie z. B. das im Froschdarm lebende Infusorium
+Opalina+, das anfangs einkernig ist und, indem es wächst, durch
fortgesetzte Teilung des Kerns vielkernig wird. Hier kommt es also nur
zu einer Fortpflanzung der Kerne, während das dazu gehörige Protoplasma
bei seinem Wachstum im Zusammenhange bleibt, so daß schließlich eine
sehr große, aber vielkernige Zelle resultiert.
Jede Zelle zeigt, wenn nicht dauernd, doch wenigstens zu einer gewissen
Zeit ihres Lebens Wachstumsvorgänge: die Masse ihrer lebendigen
Substanz vermehrt sich. Das kann nur durch Stoffaufnahme von außen
und Bildung neuer lebendiger Substanz, also durch den Stoffwechsel,
geschehen, und wir können den Begriff des Wachstums dahin präzisieren,
daß wir sagen, +es wird mehr lebendige Substanz im Stoffwechsel
gebildet als zerfällt+. Nun ist aber die Größe jeder Zelle, wie wir
sahen, eine beschränkte. Sie ist durch chemische und physikalische
Momente begrenzt und überschreitet ein gewisses Maß nicht. Vor allem
hat die Größe jeder bestimmten Zellenform eine gerade für diese
Zellenform gegebene Grenze, die wenig variiert. Nimmt daher die Masse
der lebendigen Substanz der Zelle noch weiter zu, so muß das zu einem
„+Wachstum über das individuelle Maß hinaus+“ führen, +die Zellmasse
muß sich teilen, d. h. sie pflanzt sich fort+.
Durch die Teilung vermehrt sich also die Zelle, und jedes der
entstandenen Teilstücke, jede Tochterzelle ist nun entsprechend
kleiner, so daß sie wieder wachsen kann, bis sie die Grenze ihres
individuellen Maßes von neuem erreicht hat. Bei der Fortpflanzung
der Zelle durch Teilung müssen aber von beiden wesentlichen
Zellbestandteilen, also vom Zellkern und Protoplasma, Teile auf die
Tochterzellen übergehen, sonst würden diese keine vollständigen Zellen
vorstellen und könnten daher nicht am Leben bleiben.
Wir werden erst in einem anderen Kapitel dazu kommen, die
tieferliegenden Bedingungen für das Wachstum und für die Begrenzung der
Größe der Zellen aufzusuchen, wenn wir auf die mechanische Analyse der
Lebensäußerungen eingehen. Hier an dieser Stelle kommt es nur darauf
an, einen Ueberblick über die Lebensäußerungen zu gewinnen. Lassen wir
uns aber vorläufig bloß an der Tatsache genügen, daß die Fortpflanzung
nur ein weiteres Wachstum ist, während die Größe der Zelle begrenzt
ist, so folgt daraus, +daß alle Fortpflanzung auf einer Teilung der
lebendigen Substanz der Zelle beruht. Die verschiedensten Formen der
Fortpflanzung sind nichts anderes als Zellteilungen, und ~Virchow~
hat daher den alten ~Harvey~schen Satz: „omne vivum ex ovo“ mit Recht
erweitert in den Satz, der die Grundlage aller modernen Vorstellungen
über die Fortpflanzung der Organismen bildet: „omnis cellula e
cellula“.+
[Illustration: Fig. 79. +Stentor polymorphus.+ _N_ rosenkranzförmiger
Kern, _o_ Mundöffnung, _cv_ kontraktile Vakuole. _I_ Junges Individuum
ausgestreckt, _II_ älteres Individuum in Teilung begriffen,
kontrahiert. Nach ~Stein~.]
+Bei den einzelligen Organismen+ liegt das ohne weiteres auf der Hand.
Sie pflanzen sich einfach durch Teilung ihres Zellleibes fort, indem
jede Teilzelle schon während der Teilung wieder die Gestalt und Form
der Mutterzelle annimmt und, wenn es sich, wie bei den Infusorien, um
Zellen mit verschiedenartigen Anhängen und Organoiden handelt, nach
der Teilung des Körpers die fehlenden Bestandteile wieder regeneriert
(Fig. 79). +Bei den vielzelligen Organismen+, den Tieren und Pflanzen,
dagegen sind besondere Fortpflanzungsorgane entwickelt, deren Zellen
sich abschnüren und als Eier durch fortgesetzte Zellteilung wieder
zu einem gleichartigen Organismus entwickeln (Fig. 80). Bei den
Organismen mit getrennten Geschlechtern sind die Geschlechtszellen
der Fortpflanzungsorgane bei männlichen und weiblichen Individuen
verschieden. Die männlichen Geschlechtszellen sind die Samenzellen
oder +Spermatozoen+, die weiblichen die +Eier+. Zur Erzeugung eines
neuen Individuums mußeine Vereinigung beider Geschlechtszellen, eine
„Befruchtung“, stattfinden, abgesehen von gewissen Fällen, von denen
eine „+Parthenogenese+“ besteht, d. h. wo sich aus unbefruchteten
Eiern lebensfähige Individuen entwickeln können, wie bei manchen
Krebsen, Insekten etc. Schließlich aber gibt es bei niederen
vielzelligen Tieren neben der geschlechtlichen Fortpflanzung noch eine
Art der ungeschlechtlichen Vermehrung, nämlich durch +Teilung+ und
+Knospenbildung+. In beiden Fällen werden ganze Komplexe von Zellen
abgetrennt. Bei der Teilung zerschnürt sich z. B. bei gewissen Würmern
(Fig. 81) der ganze Körper, nachdem er durch Zellteilung eine bestimmte
Größe erreicht hat, in zwei oder mehrere Teile, die sich wieder zu
vollständigen Individuen regenerieren. Bei der Knospung z. B. vieler
Cölenteraten (Fig. 82) bildet sich an einer Stelle des Körpers durch
schnelle Zellvermehrung eine Knospe, die aus den wesentlichen Schichten
des Körpers Zellelemente enthält und sich ebenfalls abschnürt, um sich
zu einem neuen Individuum zu regenerieren.
[Illustration: Fig. 80. _I_ +Eibildung eines Seeigels+. _A_ Stück
eines jungen Eierstocks mit innerem Keimepithel, _B_ Stück eines
älteren Eierstocks, in dem sich die Zellen des Keimepithels zu Eiern
entwickeln, welche sich abschnüren. Nach ~Ludwig~. _II_ +Eiröhre eines
Insektenovariums+. In der Röhre liegen Eier von den verschiedensten
Bildungsstufen. Nach ~Hatschek~.]
[Illustration: Fig. 81. +Myrianida, ein Wurm, in Teilung begriffen.+
Die einzelnen Individuen hängen noch als Glieder einer Kette
zusammen. _a_ Das ursprüngliche Tier, _b_, _c_, _d_, _e_, _f_, _g_
die Teilglieder vom ältesten (_b_) bis zum jüngsten (_g_). Nach
~Milne-Edwards~.]
[Illustration: Fig. 82. +Knospenbildung eines Polypen.+ Nach ~Claus~.]
In allen Fällen also geschieht die Fortpflanzung, mag sie eine
ungeschlechtliche oder eine geschlechtliche sein, immer nur durch
Zellteilung, die auf Wachstum beruht. Verfolgen wir daher die einzelnen
Arten der Zellteilung noch etwas genauer und gehen wir auf die
merkwürdigen Vorgänge ein, die sich dabei an der Zelle abspielen.