2. Die Anpassung.

Nicht so unmittelbar wie das formerhaltende Moment der Vererbung

tritt uns das formverändernde Moment der Anpassung entgegen, und zwar

vornehmlich deshalb, weil der Vorgang der Anpassung fast immer erst

innerhalb längerer Zeiträume bemerkbar wird, während die Tatsache

der Vererbung uns bei jeder Generation von Organismen vor Augen

tritt. Allein, wenn wir auch meist nicht leicht die Veränderungen der

Anpassung selbst beobachten, so sehen wir doch täglich ihren Erfolg,

der uns auf Schritt und Tritt begegnet, meist allerdings, ohne daß wir

uns dieses Umstandes bewußt sind. Die für die ältere Naturforschung

so wunderbare Tatsache der +Zweckmäßigkeit+ in der lebendigen Natur,

welche noch bis nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts die ratlose

Naturwissenschaft immer wieder der „Teleologie“ in die Arme trieb,

d. h. der Annahme eines vorherbestimmten Schöpfungsplanes, wie ihn die

dogmatische Theologie, altehrwürdige Ideen treulich bewahrend, noch

heute annimmt, diese anscheinend so wunderbare Zweckmäßigkeit in der

Natur ist der einfache Ausdruck oder besser Erfolg der Anpassung der

Organismen an ihre Lebensbedingungen im weitesten Sinne.

Die Wassertiere sind an das Leben im Wasser, die Landtiere an das

Leben im Trocknen, die Flugtiere an das Leben in der Luft in höchst

zweckmäßiger Weise angepaßt. Die Fische haben als Extremitäten Flossen,

die als Ruderorgane überaus vollkommen fungieren, die Landwirbeltiere

haben statt der Flossen Beine zum Gehen und Kriechen auf dem Trocknen,

die Vögel schließlich haben äußerst zweckmäßig gebaute Flügel, mit

denen sie ihren leichten, von lufthaltigen Knochen gestützten Körper

durch die Lüfte schwingen, in einer so vollkommenen Weise, wie es bis

jetzt immer der vergebliche Wunsch aller Erfinder von künstlichen

Flugmaschinen geblieben ist. Aber in einzelnen Fällen nur können

wir in der Entwicklung des +Individuums+ eine Anpassung an andere

Verhältnisse verfolgen. So atmen z. B. die Larven der Amphibien, der

Frösche, solange sie als geschwänzte Kaulquappen im Wasser leben, wie

die Fische durch Kiemen, die in zweckmäßigster und einfachster Weise

konstruiert sind, um die im Wasser gelöste Luft in gasförmigem Zustande

aus dem Wasser zu gewinnen. Sobald sie aber als kleine Frösche auf das

Land kommen, schrumpfen die Schwänze ein, degenerieren die Kiemen und

entwickeln sich die Lungen, mit denen sie, wie alle Landtiere, die Luft

direkt in den Körper aufnehmen. Hindert man die Kaulquappen künstlich,

aufs Trockene zu kriechen, so behalten sie dauernd Schwanz und Kiemen,

ohne daß die Lungen sich weiter entwickelten, trotzdem die Tiere eine

stattliche Größe erreichen. Solche Beispiele zeigen, daß die Organismen

in zweckmäßigster Weise an ihre Lebensverhältnisse angepaßt sind, und

die neuere zoologische und botanische Forschung hat gefunden, daß diese

Anpassungen sich bis auf die feinsten Einzelheiten erstrecken, an die

ein unbefangener Beobachter niemals denken würde.

Da sich die Verhältnisse auf der Erdoberfläche seit ihrer Glutzeit her

bis jetzt fortdauernd langsam geändert haben, da ferner fortwährend

in lokal beschränkten Gebieten ziemlich schnelle Aenderungen der

äußeren Lebensverhältnisse eintreten, so muß, wenn wir sehen, daß alle

Organismen bis in die kleinsten Einzelheiten hinein in so vollkommener

Weise den allgemeinen und speziellen Verhältnissen zweckentsprechend

gebaut sind, fortwährend eine Anpassung der Organismen an die äußeren

Lebensbedingungen stattfinden, und zwar in demselben Maße, wie

sich die Lebensbedingungen ändern. Bestände diese Proportionalität

zwischen der Aenderung der äußeren Bedingungen und der Aenderung

der Organismenformen nicht, so müßte sich in absehbarer Zeit eine

außerordentliche Unzweckmäßigkeit im Bau der Organismen herausgebildet

haben. Wir wissen aber, daß die Fälle, in denen ein Organ unzweckmäßig

oder auch nur überflüssig zu sein scheint, verhältnismäßig selten sind.

Der Modus der Anpassung der Organismen ist ein doppelter. Wir können

eine individuelle oder persönliche Anpassung und eine phyletische oder

Stammesanpassung unterscheiden. Beide finden in durchaus verschiedener

Weise statt.

[Illustration: Fig. 77. _A_ +Branchipus stagnalis+, Süßwasserform. _B_

+Artemia salina+, Seewasserform desselben Krebses. Aus ~Semper~.]

[Illustration: Fig. 78. +Amoeba limax.+ _a_ kontrahiert; _b_ im Beginn

der Pseudopodienbildung (Proteus-Form); _c_ gewöhnliche Limax-Form;

_d_, _e_, _f_ Formen nach Zusatz von Kalilauge; _d_ im Beginn der

Einwirkung, _e_, _f_ Radiosa-Formen.]

Die +individuelle Anpassung+ bewegt sich nur innerhalb sehr geringer

Breiten und hat für die Formveränderung der phylogenetischen

Entwicklungsreihe vielleicht nur untergeordnete, ja, wenn eine

Vererbung erworbener Eigenschaften nicht stattfindet, überhaupt keine

Bedeutung, denn sie besteht darin, daß die Veränderungen der äußeren

Umgebung direkt auch verändernd auf den Organismus selbst einwirken,

und zwar in der Weise, wie es den verschiedenen Momenten der Umgebung

entspricht. Bei Gewohnheiten, in der Lebensweise etc. spricht sich hier

die Anpassung meistens viel deutlicher aus als in der Form. Ein Mensch,

unter andere Lebensbedingungen, in ein anderes Land, unter andere

Leute versetzt, paßt sich im Laufe der Jahre mehr und mehr seiner

Umgebung an und übernimmt ihre Sitten und Gebräuche, ihre Tätigkeiten

und Lebensweise mehr und mehr. Weit seltener beobachtet man an

Organismen durch individuelle Anpassung an andere Lebensbedingungen

eine Aenderung der Körperformen, und zwar aus dem Grunde, weil dazu

schon viel weitgehendere Aenderungen in den Lebensbedingungen notwendig

sind, die nicht mehr so leicht ertragen werden wie die verhältnismäßig

geringen Aenderungen, die nur zur Anpassung in der Lebensweise führen.

Schon eine verhältnismäßig geringe Aenderung der Zusammensetzung des

Wassers, in dem die Wassertiere leben, führt in den meisten Fällen den

Tod herbei. Meerestiere in Süßwasser und Süßwassertiere in Meerwasser

gesetzt, gehen meistens zugrunde; nur wenige Formen, besonders

solche, die in den Flußmündungen leben, wie viele Fische, haben sich

an beides angepaßt. Sehr interessant ist in dieser Beziehung ein

Krebs, die +Artemia salina+. ~Schmankewitsch~[166] nämlich stellte

die eigentümliche Tatsache fest, daß sich dieser kleine, im Seewasser

lebende Krebs durch langsame Gewöhnung an Süßwasser in eine andere

Krebsform, und zwar in verdünntem Meerwasser zunächst in die +Artemia

Milhauseni+, in reinem Süßwasser schließlich in den +Branchipus

stagnalis+, Formen mit durchaus verschiedenen Charakteren, umwandeln

läßt (Fig. 77). Auch von der einzelnen Zelle sind ähnliche Fälle

bekannt. So haben ~A. Schneider~, ~Brass~ und ~Zacharias~[167] an

Spermatozoen, Darmepithelzellen und Amöben durch Zusatz verschiedener

Lösungen zum Medium bedeutende Formveränderungen erzeugt. Ueberhaupt

bieten einzellige Organismen, besonders Infusorien und Rhizopoden,

viele günstige Objekte für das Studium der Formveränderungen, welche

die Körperform bei Veränderung des umgebenden Mediums erfährt. Sehr

interessant ist folgendes Beispiel[168], aus dem hervorgeht, daß die

verschiedenen Amöbenformen, die man nach der Gestalt der Pseudopodien

zu unterscheiden pflegt, durchaus nicht immer als besondere Arten im

Sinne der Systematik aufgefaßt werden dürfen. In faulenden Heuaufgüssen

findet man an der aus Bakterienfilzen bestehenden Oberflächenhaut oft

unzählige Massen kleiner Amöben. Auf den Objektträger gebracht besitzen

die Hunderte und Tausende von Amöben zunächst im wesentlichen Kugelform

(Fig. 78 _a_). Allmählich beginnen sie breitlappige Pseudopodien

auszustrecken, und zwar nach verschiedenen Richtungen hin, so daß sie

die Form einer Amöbe annehmen, die als +Amoeba proteus+ (princeps)

Fig. 78 _b_ bekannt ist. Allein, bald bildet sich eine Hauptrichtung

des Kriechens heraus, indem die ganze Amöbe gewissermaßen ein einziges

langes Pseudopodium vorstellt und die Form der +Amoeba limax+ annimmt.

(Fig. 78 _c_). In dieser Form kriechen die Amöben sämtlich dauernd

umher, solange sie nicht gestört werden. Verändert man nunmehr die

Zusammensetzung des Mediums, indem man das Wasser durch Zusatz von

Kalilauge sehr schwach alkalisch macht, so beobachtet man folgendes.

Die Amöben ziehen sich zunächst sämtlich wieder kugelig zusammen, aber

bald darauf treten an den Kugeloberflächen feine, spitze Pseudopodien

hervor (Fig. 78 _d_), die länger und länger werden und schließlich

wie lange, spitze Dornen erscheinen. So nehmen die Amöben im Laufe

von etwa 15–20 Minuten die Gestalt einer sehr charakteristischen

Amöbenform an, die unter dem Namen +Amoeba radiosa+ (Fig. 78 _e_,

_f_) als besondere, sehr gut abgegrenzte Amöbenform in der Systematik

bekannt ist, und in dieser Form, deren Bewegungen sehr träge sind,

verharren die Amöben, solange die alkalische Beschaffenheit des

Mediums andauert. Bringt man sie wieder in ihr gewöhnliches Wasser,

so wandelt sich ihre Gestalt allmählich wieder zu der gewöhnlichen

Limax-Form um. Ganz ähnlich verhalten sich manche Schimmelpilze, die

man an das Leben in +konzentrierten Salzlösungen+ gewöhnen kann, wenn

diese genügend Nährstoffe für den +Mucor+ enthalten. Die Pilzfäden

werden alsdann in der Regel bedeutend dünner und schlanker als in

gewöhnlichem Wasser. Eine sehr interessante, zwar nicht die Form,

sondern die Farbe der Organismen betreffende Anpassung haben vor kurzem

~Engelmann~ und ~Gaidukov~[169] gefunden und experimentell studiert,

das ist die Farbenveränderung der +Oscillarienfäden+ unter dem Einfluß

von farbigem Licht. Bei diesen Versuchen hat sich eine Gesetzmäßigkeit

der Farbenanpassung herausgestellt, die ~Engelmann~ als das Gesetz

der „+komplementären chromatischen Adaptation+“ bezeichnet, und die

in dem Sinne zum Ausdruck kommt, „daß das Absorptionsvermögen des

Chromophylls für die in der einwirkenden Strahlung dominierenden

Wellenlängen zunimmt, für die relativ geschwächten abnimmt“, d. h.

die ursprüngliche Farbe wird unter der Einwirkung farbigen Lichts

mehr und mehr komplementär zu der des einwirkenden Lichts. Diese

Verfärbung bleibt aber auch nach dem Ueberführen der angepaßten

Algenfäden in gewöhnliches Licht noch monatelang bestehen und scheint

sich sogar auf die folgenden Zellgenerationen zu übertragen. Sollte

sich die letztere Wahrnehmung bei weiterer experimenteller Verfolgung

bestätigen, so würde hier wirklich ein experimenteller Beweis für die

Vererbung erworbener Eigenschaften vorliegen. Indessen bleiben erst die

weiteren Versuche über die Frage abzuwarten. In vielen Fällen wirkt

die Veränderung der Lebensbedingungen nicht unmittelbar auf die Form

des Individuums, sondern in nicht sichtbarer Weise auf das Keimplasma

der Geschlechtszellen ein, so daß erst die Nachkommen andere Formen

annehmen, als sie unter den früheren Bedingungen gehabt hätten, ein

Moment, das aber schon mehr für die phyletische Anpassung in Betracht

kommt.

Die +phyletische Anpassung+, d. h. die allmähliche Anpassung der

Formen+reihen+ an die jeweiligen Lebensbedingungen, hat für den

Formwechsel in der phylogenetischen Entwicklungsreihe eine ungleich

größere, vielleicht allein maßgebende Bedeutung. Sie erfolgt auf

eine durchaus andere Weise, und +es ist die unsterbliche Tat+

~Darwin~s[170], +indem er die Art und Weise dieser Anpassung aufdeckte,

für das Wunder der Zweckmäßigkeit in der organischen Welt den Weg

einer natürlichen Erklärung gezeigt zu haben+. Nach der ~Darwin~schen

Selektionstheorie kommt die Anpassung der Organismen an die äußeren

Verhältnisse nicht durch unmittelbare Veränderung des einzelnen

Individuums zustande, sondern durch „+natürliche Auslese+“ (natural

selection) unter vielen Individuen, in derselben Weise wie bei der

Rassenveredlung durch künstliche Auswahl von seiten des Züchters.

Ausgehend von der Tatsache der „individuellen Variabilität“, d. h. der

Tatsache, daß unter jeder Nachkommengeneration desselben Elternpaares

nicht ein einziges Individuum dem anderen völlig gleicht, wenn auch

unserer Beobachtung vielleicht die Unterschiede häufig sehr klein

erscheinen, findet ~Darwin~ als notwendige Konsequenz des „Kampfes

ums Dasein“ (struggle for life) eine Auslese, eine Selektion unter

den verschiedenen Individuen jeder Generation nach dem Maße ihrer

Lebensfähigkeit. Bekanntlich werden von allen Organismen ausnahmslos

mehr Nachkommen im Keime erzeugt, als im erwachsenen Zustande

genügende Lebensbedingungen finden würden. Um ein drastisches Beispiel

anzuführen, hat man berechnet, daß, wenn von den mehreren Millionen

Eiern, die ein Störweibchen ablegt, sich nur eine Million zu Weibchen

entwickelte und in gleicher Weise fortpflanzte, bereits die dritte

Generation auf der Erdoberfläche keinen Platz mehr finden würde,

während die vierte Generation eine Portion Kaviar produzieren würde,

die größer wäre als das Volumen der Erde! Allein, dieser wundervolle

Zustand ist illusorisch, denn es kann eben nur eine ganz beschränkte

Zahl von Individuen ihre Existenzbedingungen finden, alle anderen gehen

zugrunde. Aber es sind nicht beliebige Individuen, die zugrunde gehen

in diesem teils passiven, teils aktiven Kampf um die Existenzmittel,

sondern fast ausschließlich diejenigen, die weniger lange den

Kampf aushalten können, die weniger für die gegebenen Verhältnisse

„passen“. Diejenigen dagegen, die am stärksten, am kräftigsten, am

fähigsten sind, unter den betreffenden Bedingungen zu leben, werden

die Konkurrenz überstehen und schließlich allein am Leben bleiben.

So findet also eine Auslese der für die gegebenen Lebensverhältnisse

passendsten Individuen statt, und indem sich diese Auslese, ebenso wie

bei der Züchtung, über viele und schließlich unzählige Generationen

fortsetzt, während die ausgelesenen Individuen ihre Eigentümlichkeiten

durch Vererbung fortpflanzen, tritt eine allmähliche Anpassung der

Individuen an die äußeren Verhältnisse ein, deren Folge oder Ausdruck

die bis ins kleinste gehende Zweckmäßigkeit der Organismen in Hinsicht

auf die Bedingungen ist, unter denen sie leben. Bleiben die äußeren

Verhältnisse eine Zeitlang unverändert, so wirkt auch die Anpassung in

konservativem Sinne; ändern sich die Verhältnisse, sei es lokal und

plötzlich, sei es allgemein und allmählich, wie bei der Entwicklung

der ganzen Erdoberfläche, so findet auch durch selektive Anpassung

im Kampf ums Dasein eine proportional laufende Abänderung der Formen

statt. Die Probe auf die Richtigkeit dieser Theorie liegt in den

Experimenten der Tier- und Pflanzenzüchter, die so weit sind, daß sie

durch künstliche Selektion nach bestimmten Gesichtspunkten gewisse neue

Haustier- und Nutzpflanzenvarietäten, mit diesen oder jenen gewünschten

Eigenschaften, im Laufe einiger Jahre auf Bestellung liefern können.

Hier vertritt die +künstliche+ Selektion des Züchters die Rolle der

+natürlichen+ Selektion, die in der freien Natur der Kampf ums Dasein

vollzieht.

In neuerer Zeit hat ~Hugo de Vries~[171] die ~Darwin~sche

Selektionstheorie durch seine „+Mutationstheorie+“ noch mehr auszubauen

und weiterzuführen gesucht. Wie schon ~Darwin~ unterscheidet ~de

Vries~ bei der individuellen Variabilität kleine fluktuierende

Variationen, wie sie immer unter den Nachkommen eines jeden Organismus

auftreten, und große, plötzlich im Laufe längerer Generationen einer

Organismenform auftretende Variationen, die nur zu einer bestimmten

Zeit der langen Reihe von Generationen, also gewissermaßen sprungweise

zum Vorschein kommen und die er als „+Mutationen+“ bezeichnet. In

der Tat läßt sich ein solches plötzliches Mobilwerden oder eine

solche plötzliche „Explosion“ einer durch lange Generationsreihen

im wesentlichen konstant gebliebenen Organismenform durch die

Erfahrung mehrfach feststellen und auch zahlreiche andere Forscher

haben schon auf diese Tatsache aufmerksam gemacht. So befindet

sich z. B. augenblicklich die großblumige Nachtkerze (+Oenothera

Lamarckiana+) in einer Mutationsperiode und hat ~de Vries~ ein

günstiges Material für seine experimentellen Untersuchungen geliefert.

Diese Mutationen nun bilden nach ~de Vries~ das Hauptmaterial, an dem

der Selektionsprozeß einsetzt und aus dem er neue Organismenformen

züchtet, während die kleinen fluktuierenden Variationen zwar auch der

Selektion unterliegen, aber wenig zur Veränderung einer Organismenform

beitragen. Eine Organismenform, die sich durch viele Generationen,

abgesehen von den kleinen fluktuierenden Variationen, die aber keine

wesentliche Veränderung derselben herbeiführen, konstant erhalten

hat, fängt plötzlich an, ganz ungeheuer stark zu variieren und in

ihren Varietäten sehr verschiedenartige und ganz neue Eigenschaften

zu zeigen. Von diesen Varietäten werden die den augenblicklichen

äußeren Lebensbedingungen am wenigsten entsprechenden durch natürliche

Selektion im Kampfe ums Dasein beseitigt. Die überlebenden pflanzen

sich fort und variieren in ihren Nachkommen weiter so stark usf.,

so lange wie die Mutationsperiode anhält. Dann wird die nun ganz

neu entstandene Organismenform oder die verschiedenen aus dem

Selektionsprozeß hervorgegangenen neuen Formen wieder stabil und

erhalten sich lange Generationen hindurch, abgesehen von den kleinen

fluktuierenden Variationen, konstant, bis eine neue Mutationsperiode

auftritt. Dieser glückliche Gedanke von ~de Vries~ beseitigt mit

einem Male eine vielfach betonte Schwierigkeit für die Erklärung

der Züchtung neuer Eigenschaften durch Selektion, das ist die

Schwierigkeit, die darin besteht, die ersten Anlagen irgendeines neuen

Organs, wie z. B. eines elektrischen Organs, die noch gar keinen

Nutzen für den Organismus haben können, durch Züchtung auf selektivem

Wege zu erklären. Durch das sprungweise, plötzliche Auftreten sehr

stark abweichender und ganz neuer Eigenschaften bei einer in Mutation

begriffenen Organismenform wird diese Schwierigkeit beseitigt.

Wie ~Weismann~, so findet auch ~de Vries~ die Bedingungen für die

individuelle Variabilität und also auch für die Mutationen in der

Zusammensetzung des Keimplasmas, nicht in den Einflüssen der Faktoren

des umgebenden Mediums.

* *

*

Die ~Darwin~sche Theorie gestattet es uns, ein übersichtliches und

zusammenhängendes Bild von dem Zustandekommen des Formwechsels der

lebendigen Substanz zu gewinnen, wie er sich vollzog von ihren

einfachsten Formen, welche die Erdoberfläche belebten, an bis zu

unserer jetzigen Organismenwelt. Die phylogenetische Entwicklung

der Pflanzen und Tiere von den einzelligen Protisten an, einerseits

durch die Kryptogamen und Monokotylen bis zu den höchstentwickelten

Blütenpflanzen, anderseits durch die Cölenteraten und Würmer hindurch

bis zu den hochentwickelten Arthropoden und Wirbeltieren, läßt sich

auf natürliche Weise verstehen, wenn man die wenigen formbedingenden

Momente in ihrer Wirkung erkannt hat.

Die Bemühungen der letzten Jahrzehnte, die Selektionstheorie durch das

eingehendere Studium ihrer einzelnen Faktoren immer weiter auszubauen,

haben in manchen Köpfen die Vorstellung erweckt, als ob es sich dabei

darum handelte, die Selektionstheorie zu beseitigen. Ja, auf einer

gewissen Seite, der die natürliche und mechanische Erklärung der

Entstehung von Organismen Unbequemlichkeiten und Unbehagen bereitet,

hat man, ohne genauer zu prüfen, schon frohlocken zu können geglaubt,

weil die Selektionstheorie und sogar die Deszendenzlehre nun durch

neue Forschungen überwunden worden sei. Von alledem kann gar keine

Rede sein. Kein kritischer Naturforscher, der nicht durch irgendwelche

Dogmen gebunden und voreingenommen ist, bestreitet heute mehr die

Wirksamkeit der Selektion und die natürliche Deszendenz der Organismen.

Alle lebendige Substanz muß, wie jeder Körper, irgendeine Form haben,

die durch ihre Beziehungen zu den chemischen und physikalischen

Verhältnissen der Umgebung bedingt ist. Blieben die Beziehungen

zwischen Organismen und Außenwelt immer gleich, so würde in der

phylogenetischen Reihe keine Veränderung der Organismenformen zustande

kommen, und da die lebendige Substanz die Eigenschaft der Fortpflanzung

hat, so würden durch Vererbung die Nachkommen immer wieder den

Vorfahren vollständig gleich sein. Da sich aber auf der Erdoberfläche

wie auf jedem Weltkörper die Bedingungen fortwährend verändern, und da

die Form der lebendigen Substanz, wie jedes Körpers, unter dem Einfluß

seiner Umgebung steht, so muß sie sich ebenfalls fortwährend durch

Anpassung an die neuen Bedingungen verändern. So sind es die beiden

sich entgegenwirkenden Momente der Vererbung und Anpassung, deren

Resultate im Formwechsel der phylogenetischen Entwicklungsreihe zum

Ausdruck kommen.

B. Die ontogenetische Entwicklungsreihe.

Der alte Mythos von den Verwandlungen des vielgestaltigen

~Proteus~ findet nirgends eine schönere Verwirklichung als in der

Entwicklungsgeschichte des Individuums. Wie die Organismenwelt als

Ganzes im Laufe ungezählter Jahrtausende einen ununterbrochenen

Formenwechsel durchgemacht hat, so durchläuft auch das einzelne

Individuum, vor allem das vielzellige Tier, während seiner Entwicklung

zum erwachsenen Organismus in der kürzesten Zeit eine lange Reihe von

überaus mannigfaltigen Formen, bis es endlich seinen Erzeugern gleich

oder ähnlich geworden ist. Es gehört nicht zur Aufgabe der allgemeinen

Physiologie, den „Entwicklungskreis“ der einzelnen Organismengruppen

genauer zu verfolgen, da sich die Lehre von der individuellen oder

ontogenetischen Entwicklungsgeschichte der Organismen durch ihr

mächtiges Aufblühen seit ~Darwin~s und ~Haeckel~s grundlegenden Ideen

zu einer selbständigen Wissenschaft, der Embryologie, entwickelt

hat, von deren hoher Bedeutung für das Verständnis unserer jetzigen

organischen Formenwelt die letzten Jahrzehnte ein glänzendes Bild

entworfen haben. Kein moderner Naturforscher oder Arzt, der sich nicht

einem blinden Spezialistentum in die Arme wirft, kommt heute mehr ohne

embryologische Kenntnisse aus. Allein, wenn auch die Beschäftigung mit

den spezielleren Tatsachen der ontogenetischen Formentwicklung dem

Embryologen als wohlerworbenes Recht zuerkannt werden muß, so hat doch

die Physiologie auf gewisse allgemeine und elementare Lebensäußerungen

einzugehen, die der Entwicklung des Individuums zugrunde liegen. Das

sind +die Tatsachen der Fortpflanzung+.

Wir müssen die Fortpflanzungsvorgänge an der +Zelle+ studieren, wie wir

ja überhaupt immer mehr danach streben müssen, alle Lebensäußerungen

der zellularphysiologischen Methode zugänglich zu machen. Gerade auf

dem Gebiete der Fortpflanzungsvorgänge aber hat sich gezeigt, wie

erfolgreich die zellularphysiologische Behandlungsweise ist, denn

die Morphologie, die das Gebiet der Fortpflanzungsvorgänge für sich

zu erobern wußte, hat die glänzenden Erfolge, die sie aufzuweisen

hat, allein mit ihrer zellularen Methode errungen. Leider nur hat die

Erforschung dieses ganzen Gebietes etwas darunter gelitten, daß es fast

ausschließlich von Morphologen bearbeitet worden ist, obwohl es sich

doch dabei in erster Linie um ein physiologisches Geschehen handelt.

Dadurch ist eine gewisse Einseitigkeit der Betrachtung in dieses Gebiet

hineingekommen, die erst in neuerer Zeit eine allmähliche Korrektur

erfährt.

Allgemeine Physiologie · 第 149 / 283 题