2. Die Formen der Zellteilung.

Bei jeder Teilung einer Zelle in selbständige Tochterzellen teilt sich

sowohl der Kern wie das Protoplasma, und die Tochterzellen übernehmen

Substanz von beiden allgemeinen Zellteilen. Während aber die Teilung

des Protoplasmas sehr einfach verläuft, indem sich der Zellkörper nur

durch eine Furche tiefer und tiefer einschnürt, bis das Protoplasma

in zwei Hälften zertrennt ist, erfolgt die Teilung des Kerns nur

in wenigen Fällen so einfach; in den meisten Fällen treten äußerst

komplizierte Veränderungen am Kern auf, die aber merkwürdigerweise

bei den meisten Zellen, sowohl bei tierischen wie bei pflanzlichen

Zellen, im wesentlichen übereinstimmend verlaufen. Ueber die feineren

Vorgänge bei der Kernteilung ist in den letzten drei Jahrzehnten

eine kaum noch übersehbare Literatur entstanden, da man, durch das

höchst eigentümliche Verhalten des Kerns bei der Zellteilung verführt,

irrtümlich zu der Ansicht gelangt war, der Kern sei der allein

wesentliche Zellbestandteil, der auch allein bei der Zellteilung

die Uebertragung der spezifischen Eigenschaften der Zelle, also die

Vererbung vermittele. Die grundlegenden Arbeiten über die Vorgänge

der Zellteilung lieferten die bewunderungswürdigen Untersuchungen von

~Bütschli~[172], ~Flemming~[173], ~Strasburger~[174], ~Hertwig~[175],

~van Beneden~[176], ~Boveri~[177] und anderen, welche die geeignetsten

Objekte für diese Zwecke in den Zellen junger Salamanderlarven,

in den Pollenzellen der Lilien, in den durchsichtigen Eiern des

Pferdespulwurms und der Seeigel fanden.

a) Die direkte Zellteilung.

Die einfachste Form der Zellteilung ist die „+direkte oder amitotische

Zellteilung+“, die aber nur wenig verbreitet ist und außer bei einigen

einzelligen Organismen und Leukocyten nur noch an sehr wenigen anderen

Zellformen angetroffen worden ist. Als Typus kann uns die Teilung

der +Amöben+ dienen (Fig. 83). Während die +Amöbe+ kriecht, nimmt

allmählich der ursprünglich runde Kern eine längliche Form an, wird

dann biskuitförmig, schnürt sich in der Mitte durch, indem die immer

schmaler werdende Verbindungsbrücke zerreißt, und bildet so zwei neue

Kerne, die sich alsbald wieder abrunden. Erst jetzt beginnt die Teilung

des Protoplasmakörpers, indem sich die +Amöbe+ in ähnlicher Weise

semmelförmig zwischen beiden Kernen einschnürt und nach beiden Seiten

auseinander kriecht, bis nur noch ein dünner Protoplasmafaden beide

Hälften verbindet. Auch dieser zerreißt schließlich, so daß nun zwei

neue +Amöben+ mit je einem Kern aus der Teilung hervorgegangen sind.

Freilich erfordert der Vorgang längere Zeit, meist mehrere Stunden, und

geht durchaus nicht immer ganz glatt vor sich, sondern das Protoplasma

fließt öfter wieder zu einem Klumpen zusammen, nachdem schon eine

beträchtliche Einschnürung zustande gekommen war, fließt dann aber

wieder auseinander, bis schließlich einmal die Verbindungsbrücke

durchreißt.

[Illustration: Fig. 83. +Amoeba polypodia in sechs aufeinanderfolgenden

Stadien der Teilung.+ Der dunkle, hellumrandete Körper im Innern ist

der Zellkern, der blasse Körper die kontraktile Vakuole. Nach ~F. E.

Schulze~.]

b) Die indirekte Zellteilung.

Bei weitem die größte Mehrzahl aller tierischen und pflanzlichen

Zellen dagegen befolgt den Modus der sogenannten „+indirekten oder

mitotischen Zellteilung+“, wobei das Protoplasma sich zwar ebenfalls

einfach durchschnürt, der Kern dagegen sehr auffällige und typische

Veränderungen von großer Regelmäßigkeit erleidet. Es sind von den

einzelnen Autoren verschiedene Stadien unterschieden, die mit

verschiedenen Namen bezeichnet worden sind. Ganz allgemein können wir

zwei Phasen in der Kernteilung erkennen, eine progressive, in der

die Veränderungen ihren Höhepunkt erreichen, und eine regressive, in

der die Veränderungen an den beiden aus der Teilung hervorgegangenen

Kernhälften sich wieder zurückbilden bis zum „Ruhestadium“ des

Kerns, mit dem man den Zustand bezeichnet, in dem der Kern keine

Teilungsvorgänge zeigt. Allein besser als alle Einteilungen und

Beschreibungen führt uns die Abbildung die wichtigsten Stadien der

Kernteilung vor Augen (Fig. 84).

[Illustration: Fig. 84. +Schematische Darstellung der mitotischen

Kernteilung.+ Nach ~Boveri~.]

Gehen wir von dem „ruhenden Kern“ aus, der sich eben zur Teilung

anschickt, so sehen wir, daß die chromatische Substanz, die, wie

wir wissen, aus Nukleinen besteht, sich zu kurzen Fäden, den

„Chromosomen“ anordnet, die lose im Kern liegen. Gleichzeitig teilt

sich das bisher einheitliche Zentrosom und jede seiner Teilhälften

umgibt sich mit einer eigenen feinen Protoplasmastrahlung (Fig. 84

_a_-_c_). Indem sich nun die Kernmembran im Protoplasma auflöst,

rücken die beiden Zentrosomen auseinander und lagern sich an zwei

Polen des Protoplasmakörpers einander gegenüber (Fig. 85), so daß die

Chromosomen im Aequator zwischen ihnen frei im Protoplasma liegen (Fig.

84 _d_, _e_). Die Chromosomenfäden, die dieser Form der Kernteilung

den Namen der mitotischen Teilung gegeben haben, und die sämtlich

ungefähr gleiche Länge haben, spalten sich jetzt ihrer Länge nach, so

daß aus jedem Faden ein Doppelfaden wird (Fig. 84 _f_). Gleichzeitig

wird die Protoplasmastrahlung der Zentrosomen nach den in der Mitte

gelegenen Chromosomen hin deutlicher und bildet so eine spindelförmige

Fadenfigur, die aus der mit dem Protoplasma vermischten achromatischen

Substanz des Kernes stammt. Alsbald ziehen die von den Zentrosomen

ausstrahlenden Spindelfasern die Doppelfäden durch eigene Kontraktion

auseinander, und zwar so, daß die eine Hälfte jedes Doppelfadens nach

dem einen, die andere nach dem anderen Pol hingezogen wird (Fig. 84

_g_, _h_). So weichen die beiden Fasergruppen auseinander und entfernen

sich vom Aequator der Spindelfigur. Damit ist die progressive Phase

der Kernteilung vorüber, und es beginnt die regressive. Die beiden

Gruppen der Chromatinfäden rücken weiter und weiter nach beiden Polen

hin auseinander, so daß der ganze äquatoriale Teil der Spindelfigur

frei wird. Zugleich beginnen auch die Spindelfasern zwischen den

beiden Chromatinfädengruppen undeutlicher zu werden, und die Fasern

krümmen sich wieder zu einer Knäuelform an jedem Pole durcheinander

(Fig. 84 _i_, _k_). Währenddessen hat sich der ganze Zellkörper durch

eine Ringfurche, deren Ebene senkrecht zur Achse der beiden Kernpole

steht, eingeschnürt. Die Furche wird tiefer und tiefer und scheidet

schließlich die ganze Zelle in zwei gleiche Hälften, deren jede in

ihrem Protoplasma einen eigenen Kern besitzt, der sich nun, indem die

Spindelfasern vollständig verschwinden, mit einer neuen Kernmembran

umgibt und so in sein Ruhestadium zurückkehrt (Fig. 84 _i_, _k_). So

sind durch die Teilung der Mutterzelle zwei Tochterzellen entstanden,

die ihrerseits wieder weiterwachsen. Auch im Protoplasma macht sich

während des letzten Stadiums der Teilung eine Veränderung bemerkbar.

Die von den Zentrosomen ausgehende Protoplasmastrahlung wird wieder

undeutlich und verschwindet schließlich fast ganz.

[Illustration: Fig. 85. +Zentrosomen mit Protoplasmastrahlung bei der

Teilung der Eizelle.+ Nach ~Boveri~.]

Die hier gegebene schematische Darstellung des mitotischen

Zellteilungsvorgangs erfährt bei verschiedenen Zellformen

mannigfaltige, aber nur geringe und unwesentliche Abänderungen, die

wesentlich in Verschiedenheiten der Chromosomenzahl und in Variationen

der zeitlichen Zusammenordnung der einzelnen Vorgänge bestehen. Im

übrigen ist bei allen mitotischen Zellteilungen der Vorgang im Prinzip

der gleiche.

Während im allgemeinen sowohl die mitotische wie die amitotische

Kernteilung je an ganz bestimmte Zellformen geknüpft ist, in der

Weise, daß die eine Zellart nur mitotisch, die andere nur amitotisch

sich teilt, sind in neuerer Zeit Fälle festgestellt worden, in denen

ein und dieselbe Zellart das eine Mal mitotisch, das andere Mal

amitotisch sich fortpflanzt, je nach den äußeren Bedingungen, unter

denen sie sich teilt. So hat ~Pfeffer~[178] gefunden, daß die Zellen

der Fadenalge +Spirogyra+, die sich sonst stets mitotisch teilen, wenn

man sie in Wasser mit ca. 1–0,5-proz. Aether züchtet, was durchaus

unschädlich ist, sich nunmehr rein amitotisch fortpflanzen. Dabei

bleiben die sämtlichen übrigen Lebensäußerungen vollkommen unverändert.

Die Ansicht von ~E. H. Ziegler~ und ~vom Rath~, daß die amitotische

Teilungsart ein Degenerationssymptom sei, wird damit hinfällig, um so

mehr, als ~Gerassimoff~ auch unter natürlichen Lebensverhältnissen

bei +Spirogyra+ amitotische Zellteilungen beobachten konnte, ohne daß

irgendwelche Störungen im Leben der Algen bemerkbar gewesen wären.

[Illustration: Fig. 86. _I_ +Teilung des Froscheies+. _P_ Pigmentierte

Oberfläche des Eies, _pr_ protoplasmatischer Pol, _d_ dotterreicher

Eipol, _sp_ Kernspindel. Nach ~O. Hertwig~. _II_ +Inäquale Teilung

des Eies eines Wurmes+ (+Fabricia+). _A_ protoplasmatischer, _V_

dotterreicher Pol. Nach ~Haeckel~.]

Bei den +einzelligen+ Organismen verläuft der Modus der Kernvermehrung

nicht immer genau nach dem gewöhnlichen Schema der mitotischen oder

amitotischen Kernteilung. Es finden sich hier, wie namentlich durch

die sorgfältigen Untersuchungen von ~Schaudinn~[179] nachgewiesen

worden ist, eine ganze Reihe von verschiedenartigen und gänzlich

abweichenden Kernteilungsmodi, die im einzelnen nicht näher besprochen

werden können, die aber deutlich zeigen, daß in jener primitiven Gruppe

von Organismen, aus der sich erst die Metazoen entwickelt haben,

die Kernteilungsverhältnisse noch nicht so einseitig konsolidiert

sind wie bei den Ei- und Gewebezellen der Metazoen. Während bei den

+Ei- und Gewebezellformen+ der Metazoen, wie gesagt, der Modus der

mitotischen Kernteilung in allen wesentlichen Bestandteilen überall

der gleiche ist, verläuft +die Teilung des Zellganzen+ nicht immer in

völlig übereinstimmender Weise. Besonders kommen bei der Teilung von

Eizellen, die viel Nährmaterial (Dotter) enthalten, in verschiedenen

Fällen Abweichungen vom Typus vor. Mit ~O. Hertwig~[180] können wir

übersichtlich die sämtlichen Formen der Zellteilung, die überhaupt

bekannt sind, in vier Typen unterbringen:

Allgemeine Physiologie · 第 151 / 283 题