Die Vererbung ist eine der bekanntesten Tatsachen, so bekannt, daß
wir sie im täglichen Leben kaum beachten, und uns ihrer nur bewußt
werden in besonders charakteristischen Fällen. Die Vererbung ist
einfach die Tatsache, daß sich die Eigenschaften der Eltern bei
der Fortpflanzung auf die Kinder übertragen, so daß die Nachkommen
den Vorfahren im allgemeinen gleichen. Die Nachkommen eines Käfers
werden immer wieder Käfer von derselben Form; aus den Eiern eines
Huhnes entwickelt sich immer wieder ein Huhn; ein Hund kann immer nur
Hunde, ein Mensch nur Menschen erzeugen, niemals andere Wesen. Diese
Vererbung der Eigenschaften der Eltern auf die Nachkommen geht bis
in die feinsten Einzelheiten, und nicht bloß die äußere Körperform,
sondern auch bestimmte Bewegungsformen, Haltungen, Gewohnheiten etc.
vererben sich. Am deutlichsten sehen wir das beim Menschen, weil
beim Menschen durch Uebung in der Unterscheidung unser Blick am
meisten selbst für Kleinigkeiten geschärft ist. Es fällt uns aber
die Tatsache der Vererbung in der Regel nur auf, wenn es sich um
besonders charakteristische Merkmale handelt, wenn wir eigentümliche
Gesichtszüge, Abnormitäten des Körpers, wie z. B. überzählige Finger,
Behaarung des ganzen Körpers oder ungewöhnlicher Teile, körperliche
Defekte etc. sich von den Eltern auf die Kinder übertragen sehen.
Allein nicht immer sehen wir die Vererbung +aller+ Eigentümlichkeiten.
Viele speziellere Eigenschaften vererben sich überhaupt nicht, andere
übertragen sich nicht von den Eltern auf die nächste Generation,
sondern erst wieder auf die zweite oder dritte. Dieses Wiederauftreten
von Eigenschaften in der zweiten, dritten oder in noch späteren
Generationen mit Ueberspringung der dazwischenliegenden ist als
Rückschlag oder „+Atavismus+“ bekannt. So beobachtet man beim
Menschen nicht selten, daß die Kinder wieder Eigentümlichkeiten
ihrer Großeltern haben, die ihren Eltern zeitlebens fehlten. Ja,
manche Eigentümlichkeiten können, nachdem sie viele Hunderte von
Generationen hindurch latent geblieben waren, plötzlich wieder in
einer Generation auftreten. Das wird besonders oft beobachtet bei
Haustieren und Kulturpflanzen, die durch allmähliche Veredlung aus
wilden Formen künstlich gezüchtet worden sind. Diese schlagen, wenn man
sie verwildern läßt, in der Regel wieder in die wilde Stammform zurück,
und jeder Tierzüchter, jeder Gärtner kennt eine Unzahl von Beispielen
dafür. Es würde zu weit führen, diese Tatsachen hier ausführlicher zu
behandeln, und es würde überflüssig sein, da durch die unsterblichen
Werke ~Darwin~s[158], sowie durch die Arbeiten der Morphologie, die
im Anschluß an die Deszendenztheorie entstanden sind, eine Fülle von
Beispielen ganz allgemein bekannt geworden ist.
+Eine+ Frage ist in neuerer Zeit im Vererbungsproblem in den
Vordergrund des Interesses getreten und äußerst lebhaft diskutiert
worden, das ist die Frage nach der +Vererbung erworbener Eigenschaften+
bei vielzelligen Organismen. Werden Eigentümlichkeiten, die während
des individuellen Lebens durch Einwirkung äußerer Einflüsse
entstanden sind, also z. B. Verstümmelungen, Krankheiten etc., auf die
Nachkommen vererbt oder werden nur angeborene Eigenschaften, d. h. die
Eigenschaften, die während der Entwicklung des Organismus ohne äußere
Einwirkungen aufgetreten sind, übertragen? Während ~Darwin~[159],
~Haeckel~[160], ~Eimer~[161], ~R. von Wettstein~[162] und andere die
Ansicht vertreten, daß auch erworbene Eigenschaften erblich sind, hat
~Weismann~[163] in einer langen Reihe von Arbeiten zu zeigen gesucht,
daß nur solche Eigenschaften vererbt werden, die bereits in ihrer
Anlage in den Keimzellen des Organismus vorhanden waren, und ~H. de
Vries~[164] ist in einer Reihe botanischer Untersuchungen zu demselben
Ergebnis gekommen. Es muß auf den ersten Blick verwundern, daß eine
solche Frage, die scheinbar so leicht zu beantworten ist, Gegenstand
so entgegengesetzter Vorstellungen sein kann; denn nichts scheint
einfacher, als durch das Experiment zu entscheiden, ob sich etwa
Verstümmelungen, die man an einem erwachsenen Tier anbringt, auf die
Nachkommen vererben. In der Tat sind von ~Weismann~ und anderen solche
Versuche gemacht worden. ~Weismann~ schnitt zwölf weißen Mäusen, von
denen sieben weiblichen und fünf männlichen Geschlechts waren, die
Schwänze ab und züchtete fünf Generationen von Nachkommen, im ganzen
849 Mäuse, von diesen schwanzlosen Eltern, aber keine einzige unter
ihnen kam ohne Schwanz auf die Welt; die Schwänze hatten sämtlich bei
den ausgewachsenen Tieren ihre völlig normale Länge. Solche Versuche
sind mehrfach angestellt worden, aber sie beweisen nichts anderes, als
daß +in den betreffenden Fällen die Verstümmelungen+ nicht vererbt
wurden. Daß überhaupt keine erworbenen Eigenschaften vererbt werden,
darf daraus noch nicht geschlossen werden. Demgegenüber ist von der
anderen Partei eine Anzahl von Beispielen beigebracht worden, aus
denen hervorzugehen schien, daß gewisse erworbene Eigentümlichkeiten
vererbt worden waren. Allein +Weismann+ hat alle diese Fälle wieder
einer sehr sorgfältigen Kritik unterzogen und zu zeigen versucht,
daß sie aus verschiedenen Gründen nicht als beweiskräftig angesehen
werden dürfen. So ist die Frage bisher noch immer nicht entschieden.
Eine Entscheidung aber kann in der Tat nur durch das Experiment
herbeigeführt werden. Freilich nicht durch Experimente wie die an den
Mäusen. Es ist von vornherein im höchsten Grade unwahrscheinlich,
daß sich die Verstümmelung des Schwanzes oder des Fingers oder
ähnlicher Körperteile vererben sollte, denn es ist kaum anzunehmen,
daß die betreffenden Organe mit den Geschlechtszellen, durch die
allein eine Fortpflanzung und Vererbung geschieht, in einer solchen
Beziehung stehen, daß ihre Verstümmelung überhaupt einen Einfluß
auf die Geschlechtszellen ausüben sollte, und ein solcher wäre die
erste Voraussetzung für eine Vererbung. Bei künftigen Experimenten
müßten also Verstümmelungen an solchen Organen angebracht werden,
die nachweislich mit den Geschlechtsorganen in Korrelation stehen,
nur dann wäre an die Möglichkeit einer Vererbbarkeit zu denken.
Solche Korrelationen sind aber nur wenige bekannt. So z. B. steht
beim Menschen die Entwicklung des Kehlkopfes in Korrelation mit den
Geschlechtsorganen. Männer, die in der Jugend durch Kastration die
Hoden verloren haben, behalten zeitlebens einen in der Entwicklung
zurückgebliebenen Kehlkopf und eine hohe Kinderstimme. Die herrlichen
Soprane in der Peterskirche zu Rom, deren gesangskünstlerische
Leistungen jährlich Tausende von Fremden anlocken, haben oft Beispiele
dafür geliefert. Aehnliche Korrelationen müssen vor allem erst mehr
erforscht und dann zu Versuchen benutzt werden, soll nicht das
Experimentieren ein planloses Umhertasten bleiben, das die Entscheidung
dem Zufall überläßt. Daß Einwirkungen auf die Geschlechtszellen,
also auf Ei und Spermatozoon, die weitere Entwicklung in hohem Grade
beeinflussen, ist von vornherein einleuchtend und zudem in neuerer
Zeit durch eine große Zahl ausgezeichneter Versuche, besonders von
den Brüdern ~Hertwig~[165], gezeigt worden. Wenn also Verstümmelungen
am hochentwickelten Tiere oder an der Pflanze angebracht werden
können, welche die lebendige Substanz der Geschlechts- oder Keimzellen
verändern, dann erst wäre die +Möglichkeit+ gegeben, experimentell
zu entscheiden, ob sich die Verstümmelungen als solche durch ganz
bestimmte Beeinflussung der Geschlechtszellen vererben, oder ob sie die
Geschlechtszellen nur insoweit beeinflussen, als aus ihnen Nachkommen
mit irgendwelchen anderen Defekten und Abnormitäten hervorgehen, die
nicht der angebrachten Verstümmelung gleichen. Im ersteren Falle würde
eine wirkliche Vererbung erworbener Eigenschaften vorliegen, im zweiten
nicht. Von vornherein wäre es allerdings als höchst unwahrscheinlich zu
bezeichnen, daß irgendeine Veränderung an einem Organ des Körpers, das
mit den Geschlechtsdrüsen in Korrelation steht, gerade eine derartige
Veränderung in den Geschlechtszellen hervorbringen sollte, daß bei
der folgenden Entwicklung gerade wieder die gleiche Veränderung des
betreffenden Organs resultierte. Man hätte nach unseren bisherigen
Erfahrungen keine Möglichkeit, sich irgendeinen Begriff von einer
derartigen Beeinflussung der Geschlechtszellen zu machen. Indessen ist
eine experimentelle Entscheidung noch immer nicht getroffen, und so
bleibt die Frage nach der Vererbung erworbener Eigenschaften immer noch
offen. Was man bisher im bejahenden oder verneinenden Sinne geäußert
hat, sind nichts als mehr oder weniger wahrscheinliche Vermutungen.
Allerdings scheint es auf den ersten Blick schwer, sich manche
allgemeine Tatsache der Formenbildung ganz ohne die Annahme einer
Vererbung erworbener Eigenschaften zu erklären. Man könnte z. B.
folgende Ueberlegung anstellen. Die individuellen Variationen unter
den Organismen einer und derselben Art können offenbar bei solchen
Organismen, die sich wie die niedrigsten Lebewesen ungeschlechtlich
fortpflanzen, in letzter Instanz nur durch direkte Einwirkung
äußerer Faktoren auf das Keimplasma derselben entstehen. Sie sind
also erworbene Eigenschaften, und wenn sich diese erworbenen
individuellen Eigenschaften nicht vererben könnten, dann wäre
überhaupt jede Möglichkeit einer Formenentwicklung der Organismen auf
der Erdoberfläche ausgeschlossen, denn die ersten und einfachsten
Organismen auf der Erde würden dann ihre Formen immer nur wieder durch
Vererbung repetiert haben und könnten niemals Ausgangspunkte für die
Entwicklung der ungeheuren Formenfülle sein, die aus ihrer allmählichen
Umbildung entstanden ist. Man könnte hier freilich einwenden, daß
die erworbenen Eigenschaften sich durchaus nicht notwendigerweise
+vererbt+ haben müssen, sondern vielmehr durch das Bestehenbleiben
der Faktoren, welche sie bei den Vorfahren erzeugten, +auch bei
den Nachkommen immer wieder direkt erzeugt und erhalten würden+,
solange überhaupt diese wirksamen Faktoren in der äußeren Umgebung
dauern. Allein, auch damit würde man noch nicht gut um die Annahme
einer Vererbung erworbener Eigenschaften herumkommen, denn wäre eine
solche tatsächlich nirgends vorhanden, so müßten die betreffenden
Eigenschaften nach Wegfall der äußeren Faktoren, welche sie erzeugten,
ebenfalls wieder wegfallen, und die Organismenform würde sofort
wieder zu ihrer Urform zurückkehren. Das ist zwar bei kurzdauernden
Einwirkungen tatsächlich vielfach der Fall (siehe unten +Artemia+
und +Amoeba+), das trifft aber nicht zu für die Eigenschaften, die
sich im Laufe von Jahrtausenden und Jahrmillionen festgesetzt haben.
Sonst wäre es kaum verständlich, daß in ein und demselben Meerwasser,
in ein und demselben Teich dauernd verschiedene Organismenformen
unter völlig gleichen Bedingungen nebeneinander lebten. Diese ganze
Betrachtung kann aber von einem anderen Standpunkte aus auch wieder
erschüttert werden. Man kann nämlich sagen, daß die individuellen
Variationen bei einzelligen Organismen, die sich nur durch Teilung
fortpflanzen, ebenso wie bei vielzelligen Organismen, die sich durch
besondere Geschlechtszellen vermehren, bereits im Keimplasma selbst
vorhanden wären, auch wenn die äußeren Faktoren immer und überall
die gleichen blieben, denn die Eigenschaften des Keimplasmas sind
nicht bloß abhängig von den äußeren, sondern ebenso von den inneren
Bedingungen, sie sind eben das Produkt +sämtlicher+ Bedingungen. Die
inneren Bedingungen sind aber bei zwei Teilhälften einer Zelle, selbst
wenn die äußeren Bedingungen unverändert bleiben, niemals vollständig
gleich, denn die Teilung der Zelle verläuft niemals in mathematisch
genauer Weise. Wird nun ein Organismus unter veränderte äußere
Lebensbedingungen gebracht, unter denen er selbst andere Eigenschaften
erwirbt und Nachkommen erzeugt, die diese erworbenen Eigenschaften
weiter fortpflanzen usf. durch Jahrtausende und Jahrmillionen hindurch,
so könnte man die Tatsache, daß diese Eigenschaften schließlich auch
noch fortbestehen nach Fortfall der Faktoren, die sie ursprünglich
hervorriefen, auch erklären ohne die Annahme einer Vererbung neu
erworbener Eigenschaften, nämlich durch die Jahrtausende hindurch
geübte +Selektion+ unter den individuell variierenden Keimen, die
immer nur diejenigen Keime sich entwickeln und weiter fortpflanzen
läßt, die den veränderten Bedingungen am meisten entsprechen, bis
schließlich die Nachkommen, nicht durch die Vererbung der erworbenen
Eigenschaften ihrer Vorfahren, sondern durch langdauernde natürliche
Zuchtwahl unter den auf Grund der inneren Bedingungen des Keimplasmas
variierenden Geschwistern den bestehenden Bedingungen angepaßt sind.
(Vergl. den folgenden Abschnitt.) Indessen, alles das sind bloße
Betrachtungen und Spekulationen, die nur mehr oder weniger plausible
Wahrscheinlichkeitsgründe beibringen können. Ein exakter Beweis oder
eine experimentelle Widerlegung der einen oder anderen Ansicht fehlt,
wie gesagt, bis heute vollständig.
Bei dem Ausbleiben der Vererbung handelt es sich in allen Fällen
immer nur um einzelne spezielle Eigentümlichkeiten. Die allgemeinen
Charaktere eines jeden Organismus, die schon lange Generationen
hindurch immer fortgepflanzt worden sind, mögen sie nun ausschließlich
angeboren oder mögen sie wirklich einst von irgendeinem Vorfahren
erworben sein, werden im wesentlichen auch immer wieder auf die
Nachkommen übertragen. Eine Veränderung derselben findet so langsam
statt, daß wir sie innerhalb weniger Generationen, die während eines
oder weniger Menschenalter zur Beobachtung kommen, ja sogar innerhalb
vieler Generationen, wie aus der Identität der in ägyptischen Gräbern
gefundenen Tierwelt mit der jetzigen hervorgeht, kaum bemerken können.
+So repräsentiert die Tatsache der Vererbung ein Moment, das in der
phylogenetischen Entwicklungsreihe die Erhaltung der einmal vorhandenen
Eigentümlichkeiten der Form bedingt.+