II. Die Formbildung[156].

Die Form der Organismen ist keine unveränderliche. Auch abgesehen

von den Formveränderungen, die mit den Bewegungsvorgängen verbunden

sind und die wir an anderer Stelle betrachten wollen, zeigt die

Organismenwelt weitgehende Formveränderungen, die wir als ihre

+Entwicklung+ bezeichnen. Zwei große Reihen von Formveränderungen

sind es, die wir an der lebendigen Substanz feststellen: die

+phylogenetische Entwicklungsreihe+ oder Stammesentwicklung, welche die

Formveränderungen der lebendigen Substanz in ihrer Gesamtheit während

der Erdentwicklung umfaßt, und die +ontogenetische Entwicklungsreihe+

oder Keimesentwicklung, welche die Formveränderungen bezeichnet, die

das einzelne Individuum während seines individuellen Lebens durchläuft.

Beide Reihen stehen, wie ~Haeckel~[157] durch seine bahnbrechenden

und für die moderne Entwicklungslehre grundlegenden Arbeiten gezeigt

hat, in einem engen Zusammenhange untereinander, und zwar ist die

Keimesentwicklung im allgemeinen eine abgekürzte Rekapitulation der

Stammesentwicklung der Organismen.

A. Die phylogenetische Entwicklungsreihe.

Die Formen der lebendigen Substanz auf der Erde sind nicht stets

dieselben gewesen, die wir jetzt auf der Erdoberfläche sehen. Die

moderne Paläontologie, die Erforschung der versteinerten Organismen,

die sich in den verschiedenen Schichten der Erdrinde finden, hat uns

mit einer erdrückenden Fülle von Formen bekannt gemacht, die von

den jetzt lebenden um so mehr abweichen, je älteren Schichten sie

entstammen. Zwar hat die kritische Forschung der letzten Jahrzehnte

eine ganze Zahl der wunderbaren Wesen, mit denen die ältere

Geologie die Erde bevölkerte, ins Reich der Fabel gewiesen und als

Phantasiebilder entschleiert, die mit den seltsamen Tiergebilden,

welche der formenschöpferische Geist der Inder, der Babylonier, der

Mexikaner erschuf, auf gleicher Stufe stehen; dennoch aber hat die

Entdeckung wohlerhaltener fossiler Formen gerade in den letzten

Jahrzehnten uns deutlich bewiesen, wie ganz anders die Organismenwelt

der Erdoberfläche in früheren Perioden der Erdentwicklung

zusammengesetzt war. Wir haben eine überwältigende Formenfülle von

Organismen kennen gelernt, die vor uns Wasser und Land bevölkerten,

aber erst die Deszendenzlehre hat einen inneren Zusammenhang in

diesen Formenreichtum gebracht, indem sie zeigte, daß die fossilen

Organismen nicht als alleinstehende Kuriosa, als „lusus naturae“, als

mißlungene Versuche eines Schöpfers aufzufassen sind, wie es noch das

18. Jahrhundert glaubte, sondern daß sie die ausgestorbenen Zweige

und Aeste eines gewaltigen, mächtig ausgebreiteten Stammbaumes sind,

dessen jüngste und letzte Sprossen die jetzt lebenden Organismen

repräsentieren, dessen älteste Aeste aus einer gemeinsamen Wurzel, dem

Reich der Protisten, entsprungen sind, deren direkte, verhältnismäßig

wenig veränderte Nachkommen wir noch jetzt in dem interessanten

Formengebiet der einzelligen Wesen, der Rhizopoden und Bakterien, der

Infusorien und Algen, vor uns haben. Der modernen Morphologie ist es im

wesentlichen gelungen, durch kritische Forschung ein Bild vom Stammbaum

der Organismen in großen Zügen zu entwerfen, und der Begriff der

natürlichen „Verwandtschaft“, wie er von der früheren systematischen

Morphologie in übertragener Bedeutung vorahnend angewandt worden war,

hat durch die phylogenetische Forschung eine durchaus reale Bedeutung

erhalten. +Unsere jetzige Organismenwelt ist das Produkt einer sich

über ungeheuer lange Zeiträume erstreckenden historischen Entwicklung,

bei der die einen Formen, wie die Wirbeltiere, das Resultat

mannigfaltiger und tiefgehender Umformungen sind, während die anderen

Formen, wie die Protisten, sich in verhältnismäßig wenig veränderter

Gestalt aus frühester Zeit her erhalten haben.+ Der letztere Umstand,

daß wir in den einzelligen Protisten eine Organismengruppe kennen,

welche die Charaktere der alten ehrwürdigen Vorfahren aller Organismen

noch in verhältnismäßig wenig getrübter Reinheit besitzt, läßt uns

übrigens gerade diese einzelligen Mikroorganismen auch physiologisch

als eine besonders wertvolle Gruppe betrachten. Gehen wir aber noch

etwas genauer auf die Tatsachen der Formentwicklung im allgemeinen ein.

Kein Stoff ohne Form. Form und Stoff sind untrennbar miteinander

verknüpft, und jeder Stoff, jede Substanz hat eine bestimmte Form,

welche der Ausdruck chemisch-physikalischer Faktoren ist, die teils

durch die Beschaffenheit des betreffenden Stoffes selbst, teils durch

die Einwirkungen, die der Körper von außen her erfahren hat, gegeben

sind. Die lebendige Substanz ist nur ein Teil des Stoffes, der den

Erdkörper zusammensetzt, und ist ihrer elementaren Beschaffenheit nach

nicht von anderen Stoffen verschieden. Die lebendige Substanz muß also

in ihrer Formbildung ebenso den mechanischen Gesetzen des Stoffes

gehorchen wie alle anderen Körper. Hat aber ein Organismus irgendeine

bestimmte Form, so sind es zwei Momente, deren Wechselwirkung seine

weitere Formentwicklung bestimmt, ein konservatives Moment, das in

formerhaltendem, und ein kommutatives, das in formveränderndem Sinne

wirksam ist. Das formerhaltende Moment äußert sich in der +Vererbung+

der vorhandenen Eigenschaften, das formverändernde in der +Anpassung+

an veränderte Bedingungen.

Allgemeine Physiologie · 第 147 / 283 题