Die Form der Organismen ist keine unveränderliche. Auch abgesehen
von den Formveränderungen, die mit den Bewegungsvorgängen verbunden
sind und die wir an anderer Stelle betrachten wollen, zeigt die
Organismenwelt weitgehende Formveränderungen, die wir als ihre
+Entwicklung+ bezeichnen. Zwei große Reihen von Formveränderungen
sind es, die wir an der lebendigen Substanz feststellen: die
+phylogenetische Entwicklungsreihe+ oder Stammesentwicklung, welche die
Formveränderungen der lebendigen Substanz in ihrer Gesamtheit während
der Erdentwicklung umfaßt, und die +ontogenetische Entwicklungsreihe+
oder Keimesentwicklung, welche die Formveränderungen bezeichnet, die
das einzelne Individuum während seines individuellen Lebens durchläuft.
Beide Reihen stehen, wie ~Haeckel~[157] durch seine bahnbrechenden
und für die moderne Entwicklungslehre grundlegenden Arbeiten gezeigt
hat, in einem engen Zusammenhange untereinander, und zwar ist die
Keimesentwicklung im allgemeinen eine abgekürzte Rekapitulation der
Stammesentwicklung der Organismen.
A. Die phylogenetische Entwicklungsreihe.
Die Formen der lebendigen Substanz auf der Erde sind nicht stets
dieselben gewesen, die wir jetzt auf der Erdoberfläche sehen. Die
moderne Paläontologie, die Erforschung der versteinerten Organismen,
die sich in den verschiedenen Schichten der Erdrinde finden, hat uns
mit einer erdrückenden Fülle von Formen bekannt gemacht, die von
den jetzt lebenden um so mehr abweichen, je älteren Schichten sie
entstammen. Zwar hat die kritische Forschung der letzten Jahrzehnte
eine ganze Zahl der wunderbaren Wesen, mit denen die ältere
Geologie die Erde bevölkerte, ins Reich der Fabel gewiesen und als
Phantasiebilder entschleiert, die mit den seltsamen Tiergebilden,
welche der formenschöpferische Geist der Inder, der Babylonier, der
Mexikaner erschuf, auf gleicher Stufe stehen; dennoch aber hat die
Entdeckung wohlerhaltener fossiler Formen gerade in den letzten
Jahrzehnten uns deutlich bewiesen, wie ganz anders die Organismenwelt
der Erdoberfläche in früheren Perioden der Erdentwicklung
zusammengesetzt war. Wir haben eine überwältigende Formenfülle von
Organismen kennen gelernt, die vor uns Wasser und Land bevölkerten,
aber erst die Deszendenzlehre hat einen inneren Zusammenhang in
diesen Formenreichtum gebracht, indem sie zeigte, daß die fossilen
Organismen nicht als alleinstehende Kuriosa, als „lusus naturae“, als
mißlungene Versuche eines Schöpfers aufzufassen sind, wie es noch das
18. Jahrhundert glaubte, sondern daß sie die ausgestorbenen Zweige
und Aeste eines gewaltigen, mächtig ausgebreiteten Stammbaumes sind,
dessen jüngste und letzte Sprossen die jetzt lebenden Organismen
repräsentieren, dessen älteste Aeste aus einer gemeinsamen Wurzel, dem
Reich der Protisten, entsprungen sind, deren direkte, verhältnismäßig
wenig veränderte Nachkommen wir noch jetzt in dem interessanten
Formengebiet der einzelligen Wesen, der Rhizopoden und Bakterien, der
Infusorien und Algen, vor uns haben. Der modernen Morphologie ist es im
wesentlichen gelungen, durch kritische Forschung ein Bild vom Stammbaum
der Organismen in großen Zügen zu entwerfen, und der Begriff der
natürlichen „Verwandtschaft“, wie er von der früheren systematischen
Morphologie in übertragener Bedeutung vorahnend angewandt worden war,
hat durch die phylogenetische Forschung eine durchaus reale Bedeutung
erhalten. +Unsere jetzige Organismenwelt ist das Produkt einer sich
über ungeheuer lange Zeiträume erstreckenden historischen Entwicklung,
bei der die einen Formen, wie die Wirbeltiere, das Resultat
mannigfaltiger und tiefgehender Umformungen sind, während die anderen
Formen, wie die Protisten, sich in verhältnismäßig wenig veränderter
Gestalt aus frühester Zeit her erhalten haben.+ Der letztere Umstand,
daß wir in den einzelligen Protisten eine Organismengruppe kennen,
welche die Charaktere der alten ehrwürdigen Vorfahren aller Organismen
noch in verhältnismäßig wenig getrübter Reinheit besitzt, läßt uns
übrigens gerade diese einzelligen Mikroorganismen auch physiologisch
als eine besonders wertvolle Gruppe betrachten. Gehen wir aber noch
etwas genauer auf die Tatsachen der Formentwicklung im allgemeinen ein.
Kein Stoff ohne Form. Form und Stoff sind untrennbar miteinander
verknüpft, und jeder Stoff, jede Substanz hat eine bestimmte Form,
welche der Ausdruck chemisch-physikalischer Faktoren ist, die teils
durch die Beschaffenheit des betreffenden Stoffes selbst, teils durch
die Einwirkungen, die der Körper von außen her erfahren hat, gegeben
sind. Die lebendige Substanz ist nur ein Teil des Stoffes, der den
Erdkörper zusammensetzt, und ist ihrer elementaren Beschaffenheit nach
nicht von anderen Stoffen verschieden. Die lebendige Substanz muß also
in ihrer Formbildung ebenso den mechanischen Gesetzen des Stoffes
gehorchen wie alle anderen Körper. Hat aber ein Organismus irgendeine
bestimmte Form, so sind es zwei Momente, deren Wechselwirkung seine
weitere Formentwicklung bestimmt, ein konservatives Moment, das in
formerhaltendem, und ein kommutatives, das in formveränderndem Sinne
wirksam ist. Das formerhaltende Moment äußert sich in der +Vererbung+
der vorhandenen Eigenschaften, das formverändernde in der +Anpassung+
an veränderte Bedingungen.