1. Die Nahrungsstoffe.

Alle lebendige Substanz muß, da sie fortwährend von selbst zerfällt,

Stoffe in sich aufnehmen, welche die sämtlichen chemischen Elemente

enthalten, aus denen die lebendige Substanz selbst sich wieder aufbaut.

Ist es so einerseits eine allgemeine Lebensäußerung jeder Zelle,

überhaupt Nahrungsstoffe in sich aufzunehmen, so ist anderseits die Art

dieser Nahrungsstoffe für jede bestimmte Zellenform verschieden. Trotz

aller speziellen Verschiedenheiten der Stoffe aber, die jede einzelne

Zellenform für ihr Leben braucht, lassen sich doch alle Organismen

in einige wenige große Gruppen einreihen, innerhalb deren gewisse

allgemeine Uebereinstimmungen in der Art der Ernährung herrschen.

Schon früh hat man einen fundamentalen Unterschied in der Ernährung

der Pflanzen und Tiere gefunden. +Alle grünen Pflanzen nehmen einfache

anorganische Stoffe aus dem Erdboden und der Luft auf, um daraus

ihre lebendige Substanz aufzubauen; alle Tiere dagegen ohne Ausnahme

bedürfen hochkomplizierter organischer Verbindungen, um ihr Leben

dauernd unterhalten zu können.+

Diese Tatsache ist leicht festzustellen. Um sich zu überzeugen, daß

+Tiere+ ohne organische Nahrung nicht existieren können, braucht man

nur entsprechende Fütterungsversuche anzustellen. Die Tiere gehen bei

Fütterung mit rein anorganischen Stoffen, wie Wasser und Salzen, selbst

wenn diese die chemischen Elemente der lebendigen Substanz sämtlich

in richtigem Verhältnis enthalten, nach kürzerer oder längerer Zeit

stets zugrunde. Dagegen kann man durch geeignete Versuche zeigen, daß

+Pflanzen+ nur auf Kosten von anorganischen Stoffen leben, indem man

sie in sogenannten „Nährlösungen“ wachsen läßt, die in Gestalt von

anorganischen Salzen die chemischen Elemente besitzen, welche zum

Aufbau der lebendigen Substanz nötig sind. Eine solche Nährlösung,

welche die Elemente N, H, O, S, P, Cl, Na, Mg, Ca, Fe, also mit

Ausnahme des Kohlenstoffs alle organischen Elemente, in löslichen

Verbindungen enthält, ist z. B. nach ~Sachs~[98] folgendermaßen

zusammengesetzt:

Wasser 1000 ccm

Salpetersaures Kali 1 g

Chlornatrium 0,5 g

Schwefelsaurer Kalk 0,5 g

Schwefelsaure Magnesia 0,5 g

Phosphorsaurer Kalk 0,5 g

Schwefelsaures Eisenoxydul 0,005 g

Taucht man die Wurzel eines Maiskorns, das man im Wasser zum Keimen

gebracht hat, in einen Zylinder mit dieser Nährlösung, während

die oberirdischen Teile in die Luft ragen (Fig. 53), so wächst

die Pflanze am Licht ganz ausgezeichnet, entwickelt sich zu einer

großen Maisstaude, treibt Blüten und bringt Samen, mit denen man

das Experiment von vorn anfangen kann. Fehlt das Eisensalz in der

Nährlösung, so wächst die Pflanze ebenfalls einige Zeit, bleibt aber

farblos, und die mikroskopische Untersuchung der Blätter zeigt, daß den

Zellen der Chlorophyllfarbstoff fehlt. Erst auf Zusatz von einer Spur

Eisensulfat färben sich die Blätter grün.

[Illustration: Fig. 53. +Maispflanze+ in einem Zylinder mit Nährlösung

wachsend. _N_ Nährlösung, _S_ Maiskorn, _K_ Kork. Nach ~Sachs~.]

In der Nährlösung ist, wie ein Blick auf die darin enthaltenen Stoffe

zeigt, kein Kohlenstoff. Da die Pflanze aber unter allen Umständen

Kohlenstoff zum Aufbau ihrer organischen Substanz braucht, so muß sie

beim Wachsen den Kohlenstoff aus der Luft genommen haben. Deshalb mußte

der Versuch auch so angestellt werden, daß die oberirdischen Teile

in die Luft ragen. Schließt man durch Ueberstülpen einer Glocke die

Luft vollständig ab, so geht die Pflanze in kurzer Zeit zugrunde. Der

Kohlenstoff ist aber in der Luft nur in Form von Kohlensäure enthalten;

die Pflanze muß ihn also aus dieser Verbindung beziehen, und in der Tat

zeigt sich denn auch, daß, wenn man unter die Glocke eine bestimmte

Menge Kohlensäure gelassen hat, nach kurzer Zeit alle Kohlensäure von

der Pflanze verbraucht ist. Diese wichtige Tatsache, daß die Pflanze

ihren Kohlenstoffbedarf nur aus der Kohlensäure der Luft bestreitet,

ist bereits von ~Ingenhouss~ und ~De Saussure~ entdeckt worden und

bildet jetzt, nachdem sie zuerst eine Zeitlang angezweifelt worden war,

eine der wichtigsten Grundtatsachen der ganzen Pflanzenphysiologie.

Der Stickstoff der Pflanze dagegen kann, wie ein dem obigen analoger

Versuch zeigt, nicht aus der Luft bezogen werden, obwohl er hier

bekanntlich in Gasform in großer Menge vorhanden ist; er wird allein

aus den stickstoffhaltigen Salzen des Wassers aufgenommen.

Aus diesen Versuchen geht also hervor, daß die +Pflanzen+ ihre

lebendige Substanz aufbauen aus einfachen anorganischen Verbindungen,

und zwar aus der Kohlensäure der Luft, die von den Blättern aufgenommen

wird, sowie aus dem Wasser mit seinen Salzen, das durch die Wurzeln in

die Pflanzen gelangt. Demgegenüber vermag kein einziges +Tier+ seine

lebendige Substanz aus einfachen anorganischen Verbindungen synthetisch

aufzubauen, selbst wenn alle Elementarbestandteile des tierischen

Körpers darin enthalten sind; vielmehr brauchen alle Tiere ohne

Ausnahme bereits fertiges organisches Material zu ihrem Leben.

Dieser Gegensatz zwischen Tier und Pflanze ist in der Tat von

weittragender Bedeutung, denn er bringt die wichtige Tatsache zum

Ausdruck, +daß die Tierwelt nicht ohne die Pflanzenwelt existieren

kann+. Zwar gibt es eine große Zahl von Tieren, +die Fleischfresser+,

die nur tierische Nahrungsstoffe, vor allem Fleisch brauchen, aber,

verfolgt man weiter, woher wieder diese zur Nahrung dienenden

Tiere ihr Material beziehen, so kommt man schließlich immer zu

+Pflanzenfressern+, und die Pflanzenfresser können ohne Pflanzennahrung

nicht leben. So ist auch der Fleischfresser in letzter Instanz auf die

Existenz der Pflanzen angewiesen. Ohne Pflanzen würde die Tierwelt

zugrunde gehen, denn nur die Pflanzen vermögen aus anorganischen

Stoffen Kohlehydrate, Fette und Eiweiß herzustellen, deren die

Tiere zu ihrer Existenz notwendig bedürfen. Man kann also der alten

Naturphilosophie aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts nicht ganz

Unrecht geben, wenn sie in ihrer gesuchten Ausdrucksweise die ganze

Tierwelt als Parasiten der Pflanzen bezeichnete.

Man hat lange Zeit geglaubt, daß der eben besprochene Unterschied

in der Ernährung der Tiere und Pflanzen ein durchgreifender sei, so

daß man alle lebendigen Zellen nach ihrem Stoffwechsel einfach in

tierische und pflanzliche Zellen trennen könne. Allein es hat sich

herausgestellt, daß dieser Unterschied doch nur innerhalb bestimmter

Grenzen besteht, nämlich nur soweit es sich um tierische Zellen

einerseits und um +grüne+, d. h. chlorophyllhaltige Pflanzenzellen

anderseits handelt, denn diejenigen Bestandteile der Pflanzenzelle,

in denen die Kohlensäure aufgenommen und verarbeitet wird, sind

ausschließlich die grünen Chlorophyllkörper. Es gibt aber Pflanzen ohne

Chlorophyll oder analoge Farbstoffe, wie z. B. die Pilze, die in ihrem

Stoffwechsel gewissermaßen einen Uebergang zwischen den Tieren und den

grünen Pflanzen bilden.

Die +Pilze+ haben nämlich nicht die Fähigkeit der chlorophyllführenden

Pflanzen, ihren Kohlenstoff aus der Kohlensäure der atmosphärischen

Luft zu beziehen; sie brauchen vielmehr, um ihren Kohlenstoffbedarf

zu decken, ebenso wie die Tiere organische Stoffe, wie Eiweiß,

Kohlehydrate etc., denen sie den Kohlenstoff entnehmen. Dagegen

verhalten sich die Pilze wie Pflanzen, insofern sie ihren Bedarf an

Stickstoff auch aus anorganischen Salzen dem Boden entnehmen können,

während die Tiere zur Deckung ihres Stickstoffbedarfs allein auf die

Eiweißkörper und deren Derivate angewiesen sind. Diese Tatsachen

ergeben sich aus Versuchen mit Nährstofflösungen, in denen Pilze

nicht wachsen, wenn ihnen kein organisches Material zur Verfügung

steht, dagegen vortrefflich gedeihen, wenn ihnen beispielsweise neben

einfachen stickstoffhaltigen Salzen noch Zucker geboten wird. Somit

haben wir in den Pilzen eine Gruppe von Organismen, die in ihrem

Stoffwechsel halb tierische, halb pflanzliche Charaktere vereinigen.

Aber auch damit sind noch nicht alle tatsächlich vorkommenden

Verhältnisse erschöpft. In der Welt der Mikroorganismen kommen

zahlreiche Formen vor, die ganz ähnliche Uebergangsglieder vorstellen,

und je mehr wir die höchst eigenartigen Lebensverhältnisse dieser

mikroskopischen Wesen, vor allem der +Bakterien+, erforschen, um so

mehr scheint es, als ob in der Gruppe dieser kleinsten Organismen

die Verhältnisse des Stoffwechsels überhaupt noch nicht so einseitig

differenziert sind wie bei den höher organisierten Tieren und Pflanzen.

So hat zuerst der ausgezeichnete Bakterienforscher ~Winogradsky~[99]

Bakterienformen entdeckt, die in der Erde leben und ganz aus

anorganischem Material, nämlich hauptsächlich aus kohlensaurem Ammon

und einigen Mineralstoffen, ihre lebendige Substanz aufbauen. Diese

merkwürdigen Stickstoffbakterien (+Nitromonas+) verhalten sich also

genau wie die grünen Pflanzen, obwohl sie kein Chlorophyll besitzen,

während hingegen andere Bakterienformen ohne organische Nahrung nicht

bestehen können.

Werfen wir noch einen Blick auf die speziellere Ernährung der +Tiere+,

so herrscht auch hier in bezug auf die organischen Nahrungsstoffe

eine ziemlich bedeutende Verschiedenheit zwischen den einzelnen

Tierformen. Nur in +einem+ Punkte herrscht allgemeine Uebereinstimmung:

+Alle Tiere ohne Ausnahme brauchen Eiweiß oder wenigstens die das

Eiweiß aufbauenden Aminosäuren in ihrer Nahrung.+ Schon seit langer

Zeit ist bekannt, daß unter allen Nahrungsstoffen nur das Eiweiß

als ausschließliche Nahrung, wie z. B. bei den Fleischfressern,

hinreicht, um den Bedarf aller zum Aufbau des Körpers erforderlichen

Elementarstoffe zu decken, und ~Pflüger~[100] hat durch eingehende

Versuche gezeigt, daß sogar Hunde selbst dann noch dauernd von

reiner Eiweißnahrung leben können, wenn sie täglich harte Arbeit

verrichten müssen. Die Hunde verlieren bei diesen Versuchen schon

nach kurzer Zeit fast alles Körperfett, bleiben aber im höchsten Maße

leistungsfähig, kräftig und gesund. Dagegen ist es unmöglich, Tiere

allein mit Kohlehydraten oder mit Fetten oder auch mit beiden zusammen

am Leben zu erhalten. Die Tiere zehren dann trotz reichlichster Fett-

oder Kohlehydratnahrung von ihrem eigenen Körpereiweiß, wie das

die fortdauernde Stickstoffausscheidung im Harne zeigt, und gehen

schließlich unfehlbar zugrunde. Diese Tatsache ist ohne weiteres

verständlich, denn da die lebendige Substanz fortwährend von selbst in

bestimmtem Maße zerfällt, muß sie immer wieder neu aufgebaut werden,

wenn das Tier leben soll. Das kann nicht geschehen, wenn dem Tier

kein Stickstoff geliefert wird, der ja den Kohlehydraten und Fetten

fehlt. Aus anorganischen Verbindungen können die Tiere, wie wir

sahen, keinen Stickstoff aufnehmen. Es bleiben also für die Deckung

des Stickstoffbedarfs beim Tier nur organische Stickstoffverbindungen

übrig, und unter diesen sind es die Eiweißkörper, die das Tier ganz

allgemein mit Stickstoff versorgen. Da indessen die Eiweißkörper der

Nahrung bei der Verdauung erst in einfachere Bestandteile gespalten

werden, ehe sie zum Aufbau der lebendigen Substanz zur Verwendung

kommen, so ist in neuerer Zeit die Frage entstanden, ob nicht auch

mit einfacheren stickstoffhaltigen Spaltungsprodukten des Eiweiß der

Stickstoffbedarf des Tieres gedeckt werden kann. In der Tat ist das

der Fall. Von den Peptonen wußten wir schon lange, daß sie die nativen

Eiweißkörper in der Nahrung ersetzen können. In neuester Zeit hat aber

~Otto Loewi~[101] durch höchst interessante Versuche gezeigt, daß

auch stickstoffhaltige Spaltungsprodukte, die nicht mehr Eiweißnatur

haben, wie die Aminosäuren, im stande sind, den Stickstoffbedarf

des Tieres zu decken, und zahlreiche Forscher wie ~Abderhalden~ und

~Rona~, ~Henderson~ und ~Dean~, ~Lüthje~ u. a. haben die von ~Loewi~

entdeckte Tatsache bestätigt. +Wir können also demnach die wichtige

Tatsache feststellen, daß von allen organischen Substanzen allein die

Eiweißkörper und ihre nächsten stickstoffhaltigen Spaltungsprodukte bis

zu den Aminosäuren herab für die Ernährung der Tiere unentbehrlich,

aber auch in gewissen Fällen allein ausreichend sind, um das Leben der

Tiere dauernd zu erhalten.+

Neben der Aufnahme der eigentlichen Nahrung im engeren Sinne ist die

Aufnahme von +Sauerstoff+ fast allen Organismen gemeinsam, mit Ausnahme

einer kleinen, nur den niederen Organismengruppen angehörigen Zahl von

Organismen, die in eigentümlicher Weise an das Leben ohne Sauerstoff

angepaßt sind und daher den Namen der „+anaeroben Organismen+“ erhalten

haben. Der Vorgang der Sauerstoffaufnahme und des Verbrauchs von

Sauerstoff zu Oxydationsprozessen in der lebendigen Substanz wird

als ein besonderer und wichtiger Teilprozeß des Stoffwechsels seit

altersher mit dem besonderen Namen der „+Atmung+“ bezeichnet. Freilich

beziehen nicht alle sauerstoffatmenden Organismen den Sauerstoff in

gleicher Weise und aus gleicher Quelle. Die Landorganismen nehmen ihn

in Gasform aus der Luft, die Wasserorganismen verbrauchen den im Wasser

gelösten Sauerstoff, die Gewebezellen entnehmen ihn dem Blute resp. der

Lymphe.

Schließlich nehmen alle Organismen ohne Ausnahme +Wasser+ in sich auf

und teils mit dem Wasser, teils mit der festen Nahrung gewisse +Salze+,

die ebenfalls unentbehrlich sind für die Erhaltung des Lebens, wenn

auch in bezug auf die Art der erforderlichen Salze unter den einzelnen

Organismen weitgehende Verschiedenheiten herrschen. Unentbehrlich

aber scheinen allen Organismen zu sein die phosphor-, schwefel-,

kohlenstoff- und chlorhaltigen Salze des Natriums, Kaliums, Magnesiums,

Kalks und Eisens.

Das ist ein kurzer Ueberblick über die Nahrungsstoffe der Organismen.

Betrachten wir jetzt, wie die einzelne Zelle diese Nahrung erlangt.

Allgemeine Physiologie · 第 139 / 283 题