1. Leben und Scheintod.

In Indien, dem alten Lande des Wunders und der Zauberei, ist, wie es

scheint, schon seit langer Zeit der Glaube verbreitet, daß manche

Menschen, namentlich einzelne „+Fakire+“, die im Geruch besonderer

Heiligkeit stehen, die wunderbare Fähigkeit besitzen, ihr Leben

willkürlich auf längere Zeit vollkommen zu sistieren, um später

ungestört und unverändert ihr entbehrungsvolles und selbstquälerisches

Dasein fortzusetzen. Eine große Reihe solcher Fälle, in denen sich

die betreffenden Fakire angeblich in diesem Zustand des suspendierten

Lebens haben begraben und nach einer bestimmten Zeit wieder haben

ausgraben lassen, ist von Reisenden aus Indien berichtet worden, und

~James Braid~[92], der bekannte Entdecker der hypnotischen Zustände,

hat einige der am besten beglaubigten Fälle gesammelt und nach

Angabe der Zeugen berichtet. Einer von diesen Fällen, der als Typus

gelten darf, ist folgender: Am Hofe des ~Runjeet Singh~ war in einem

viereckigen Gebäude, das in der Mitte einen ringsherum geschlossenen

Raum besaß, ein Fakir, der sich willkürlich in den leblosen Zustand

versetzt hatte, in einen Sack eingenäht und eingemauert worden,

wobei die einzige Tür des Raumes mit dem Privatsiegel des ~Runjeet

Singh~ versiegelt worden war. (Ein dichter Abschluß der Luft fand

also nach dem Berichte zu urteilen ebensowenig statt, wie in allen

anderen überlieferten Fällen.) ~Runjeet Singh~, der selbst nicht

an die wunderbaren Fähigkeiten der Fakire glaubte, hatte, um jeden

Betrug auszuschließen, außerdem noch einen Kordon seiner eigenen

Leibwache um das Gebäude gelegt, vor dem vier Posten aufgestellt waren,

die zweistündlich abgelöst und fortwährend revidiert wurden. Unter

diesen Bedingungen blieb der Fakir sechs Wochen in seinem Grabe. Ein

Engländer, der als Augenzeuge dem ganzen Vorgange beiwohnte, berichtet

über die nach sechs Wochen erfolgte Ausgrabung folgendes: Als man das

Gebäude in Gegenwart des ~Runjeet Singh~ eröffnete, zeigte sich, daß

das Siegel und die ganze Vermauerung unversehrt war. In dem dunklen

Raum des Gebäudes, der bei Lichtschein untersucht wurde, lag in einem

ebenfalls mit unversehrtem Siegel verschlossenen Kasten der Sack mit

dem Fakir. Der Sack, der ein verschimmeltes Aussehen zeigte, wurde

geöffnet und die zusammengekauerte Gestalt des Fakirs herausgeholt. Der

Körper war völlig steif. Ein anwesender Arzt stellte fest, daß nirgends

am Körper eine Spur von Pulsschlag zu bemerken war. Inzwischen übergoß

der Diener des Fakirs dessen Kopf mit warmem Wasser, legte einen heißen

Teig auf seinen Scheitel, entfernte das Wachs, mit dem die Ohren- und

Nasenlöcher fest zugeklebt waren, öffnete gewaltsam mit einem Messer

die fest aufeinandergepreßten Zähne, zog die nach hinten umgebogene

Zunge hervor, die immer wieder in ihre Stellung zurückschnellte, und

rieb die geschlossenen Augenlider mit Butter. Alsbald fing der Fakir

an, die Augen zu öffnen, der Körper begann konvulsivisch zu zucken, die

Nüstern wurden aufgeblasen, die vorher steife und runzelige Haut nahm

allmählich ihre normale Fülle wieder an, und wenige Minuten später

öffnete der Fakir die Lippen und fragte mit matter Stimme den ~Runjeet

Singh~: „Glaubst Du mir nun?“

Aehnliche Fälle werden von mehr oder weniger zuverlässigen Zeugen

in großer Zahl berichtet. Ein ganz analoger Fall ist ferner auch in

Europa beobachtet worden und von ~Braid~ ebenfalls zitiert. Es ist der

bekannte Fall des Oberst ~Townsend~, von dem uns Dr. ~Cheyne~, ein auch

in wissenschaftlichen Kreisen bekannter Arzt aus Dublin, erzählt: „Er

konnte nach Belieben sterben, d. h. aufhören zu atmen, und durch bloße

Willensanstrengung oder sonstwie wieder ins Leben zurückkommen. Er

drang so sehr in uns, den Versuch einmal anzusehen, daß wir schließlich

nachgeben mußten. Alle drei fühlten wir erst den Puls; er war deutlich

fühlbar, obwohl schwach und fadenförmig, und sein Herz schlug

normal. Er legte sich auf den Rücken zurecht und verharrte einige

Zeit regungslos in dieser Lage. Ich hielt die Hand, Dr. ~Baynard~

legte seine Hand aufs Herz und Herr ~Skrine~ hielt ihm einen reinen

Spiegel vor den Mund. Ich fand, daß die Spannung des Pulses allmählich

abnahm, bis ich schließlich auch bei sorgfältigster Prüfung und bei

vorsichtigstem Tasten keinen mehr fühlte. Dr. ~Baynard~ konnte nicht

die geringste Herzkontraktion fühlen und Herr ~Skrine~ sah keine Spur

von Atemzügen auf dem breiten Spiegel, den er ihm vor den Mund hielt.

Dann untersuchte jeder von uns nacheinander Arm, Herz und Atem, konnte

aber selbst bei der sorgfältigsten Untersuchung auch nicht das leiseste

Lebenszeichen an ihm finden. Wir diskutierten lange, so gut wir es

vermochten, diese überraschende Erscheinung. Als wir aber fanden,

daß er immer noch in demselben Zustande verharrte, schlossen wir,

daß er doch den Versuch zu weit geführt habe, und waren schließlich

überzeugt, daß er wirklich tot sei und wollten ihn nun verlassen. So

verging eine halbe Stunde. Gegen 9 Uhr früh (es war im Herbst), als wir

weggehen wollten, bemerkten wir einige Bewegungen an der Leiche und

fanden bei genauerer Beobachtung, daß Puls- und Herzbewegung allmählich

zurückkehrten. Er begann zu atmen und leise zu sprechen. Wir waren

alle auf das Aeußerste über diesen unerwarteten Wechsel erstaunt und

gingen nach einiger Unterhaltung mit ihm und untereinander von dannen,

von allen Einzelheiten des Vorgangs zwar völlig überzeugt, aber ganz

erstaunt und überrascht und nicht imstande, eine vernünftige Erklärung

dafür zu geben.“

Es ist nicht zu leugnen, daß diese Erzählungen, vor allem die von

den indischen Fakiren, von vornherein Mißtrauen zu erwecken geeignet

sind, und eine gesunde Skepsis ist die Grundlage aller guten Kritik.

Das Mißtrauen wird auch noch gesteigert, wenn sich Fälle ereignen,

in denen die Fakire, wie auf der ungarischen Millenniumsausstellung

in Budapest, als Schwindler entlarvt werden. Allein vom Standpunkte

einer vorurteilsfreien Wissenschaft müssen wir doch sagen, daß es

durchaus verkehrt wäre, eine Sache ohne weiteres mit überlegenem

Lächeln als unwahr zu erklären, lediglich weil die Berichte auf den

ersten Blick seltsam klingen und weil ein Betrüger gelegentlich die

Sache benutzt, um Vorteil für sich daraus zu gewinnen. Es entspricht

vielmehr den Gepflogenheiten einer gewissenhaften Forschung, die Dinge

vorerst genauer zu prüfen und vor allem zu sehen, ob sich wirklich

wissenschaftliche Unmöglichkeitsgründe dagegen vorbringen lassen.

Wenn wir alle die bekannten Geschichten ihres mehr oder weniger

sensationellen Beiwerks entkleiden, bleibt nur die einfache Angabe

übrig, +daß einzelne Menschen sich willkürlich in einen Zustand

versetzen können, in dem durch eine mehr oder weniger oberflächliche

Untersuchung keine Lebensäußerungen mehr nachweisbar sind, um später

wieder zu deutlich sichtbarem Leben zu erwachen+. Dabei ist in

erster Linie zu berücksichtigen, daß alle diese Angaben aus früherer

Zeit stammen, in der die Untersuchungsmethoden der Lebensäußerungen

noch nicht so fein ausgearbeitet waren wie heute. Sodann ist nicht

zu übersehen, daß die Berichterstatter fast ausnahmslos Leute ohne

besondere naturwissenschaftliche oder medizinische Schulung waren. Nun

kennen wir aber aus früherer Zeit genug Fälle, in denen Aerzte mit den

gewöhnlichen Mitteln ihrer Praxis an Menschen durchaus keine Spuren

irgendwelcher Lebensäußerungen mehr aufzufinden vermochten, in denen

weder Puls noch Atmung, weder Bewegung noch Reizbarkeit zu bemerken

war und in denen doch der vermeintliche Tote nach einiger Zeit wieder

zum Leben zurückkehrte. Das sind die Zustände, die gewöhnlich als

„Scheintod“ bezeichnet werden, und der Winterschlaf bei warmblütigen

Tieren ist ein ähnlicher Zustand verminderter Lebenstätigkeit. Wenn wir

also die Tatsache des Scheintodes nicht bestreiten können, so schrumpft

das Wunderbare und Mystische der erzählten Geschichten immer mehr

zusammen und beschränkt sich allein auf die Fähigkeit, +willkürlich+

in einen solchen Zustand übergehen zu können. Aber auch in dieser

Beziehung wissen wir, daß es möglich ist, durch Uebung körperliche

Tätigkeiten, wie z. B. die Bewegung und Hemmung gewisser Muskeln,

die sonst nur unwillkürlich erfolgen, dem Einfluß des Willens zu

unterwerfen. Vor allem aber ist bekannt, daß in gewissen pathologischen

Zuständen, besonders in Fällen schwerer Hysterie, viele Funktionen

unter den Einfluß von Willensvorgängen treten können, die bei normalen

Menschen nicht damit assoziiert werden. Nach alledem sind wir daher

nicht berechtigt, von vornherein die Unmöglichkeit der berichteten

Geschichten zu behaupten, wenn wir auch die fast ausnahmslos von

englischen Offizieren und Beamten stammenden Berichte über die lebendig

begrabenen Fakire nur mit großer Vorsicht und Kritik aufnehmen dürfen.

Es wird daher eine interessante Aufgabe des Physiologen sein, diese

bisher noch so unklaren Dinge genauer zu untersuchen und mit feineren

Methoden zu prüfen, welche Lebensäußerungen und bis zu welchem Grade

sie wirklich herabgesetzt werden, um schließlich zu zeigen, wie diese

+Fälle des willkürlichen Scheintodes+, die durchaus nichts Mystisches

an sich haben, wie vielfach geglaubt wird, physiologisch zu erklären

sind.

Wie wenig man berechtigt ist, ganz allgemein die Fähigkeit gewisser

Organismen zu bezweifeln, ohne die geringsten Lebensäußerungen

lebensfähig bleiben zu können, und zwar so lange Zeit, daß ihre

gewöhnliche Lebensdauer weit übertroffen wird, das zeigt sich, wenn wir

uns von den Wirbeltieren zu den wirbellosen Tierformen wenden, die in

dieser Beziehung sehr genau untersucht worden sind.

[Illustration: Fig. 52. +Macrobiotus Hufelandi+, Bärentierchen; _a_ im

lebendigen Zustande kriechend. Nach R. ~Hertwig~. _b_ im scheintoten

Zustande eingetrocknet.]

Schon ~Leeuwenhoek~[93] machte die überaus merkwürdige Beobachtung,

daß im Staube der Dachrinnen kleine Tierchen existieren, die

vollständig eintrocknen können, ohne die Fähigkeit zu verlieren, bei

Anfeuchtung mit Regenwasser wieder zu frischem Leben zu erwachen. Seit

ihrer Entdeckung durch ~Leeuwenhoek~ ist diese Tatsache von einer

großen Zahl von Beobachtern bestätigt und immer genauer beschrieben

worden. In der Tat ist es nicht schwer, sich von ihrer Wahrheit

zu überzeugen. Schabt man aus einer alten Dachrinne oder von der

moosbedeckten Seite alter Baumstämme etwas von ihrer Staubkruste ab

und begießt das trockene Pulver mit reinem Regenwasser, so kann man

oft schon im Laufe einiger Stunden unter dem Mikroskop eine Anzahl

von kleinen Tieren munter zwischen den Schlammteilchen umherkriechen

sehen. Es sind meistens Vertreter aus der Gruppe der +Rädertierchen+

oder Rotatorien, deren fernrohrartig ausgezogener Körper an seinem

Vorderende ein mit dicken Wimpern besetztes Bewegungsorgan besitzt, das

wegen der scheinbar räderartigen Bewegung der Wimpern als „Räderorgan“

bezeichnet worden ist. Neben den Rotatorien finden sich aber auch die

sogenannten +Bärentierchen+ oder Tardigraden, plumpe, mit vier Paaren

kurzer, klauentragender Fußstummel versehene milbenartige Tiere, die

ebenso wie die Rotatorien bereits mit Nervensystem, Verdauungsapparat

etc. begabt sind (Fig. 52_a_). Solange diese sonderbaren Tierformen

im Wasser sind, entfalten sie sämtliche Lebensäußerungen in derselben

Weise wie andere Tiere. Isoliert man sie aber und läßt sie auf einer

Glasplatte langsam eintrocknen, so sieht man, wie ihre Bewegungen, je

mehr das Wasser verdunstet, um so träger werden, bis sie schließlich,

sobald der Tropfen eingetrocknet ist, ganz aufhören. Alsdann schrumpft

der Körper allmählich vollkommen ein, die Haut wird runzelig und bildet

Falten; die Form des Tieres verliert sich bis zur Unkenntlichkeit,

und einige Zeit, nachdem es eingetrocknet ist, kann man das Tier von

einem Sandkörnchen kaum noch unterscheiden (Fig. 52 _b_). In diesem

eingetrockneten Zustande können die Tiere viele Jahre lang liegen

bleiben, ohne daß sie die geringste Veränderung durchmachen. Benetzt

man sie wieder mit Wasser, so kann man unter dem Mikroskop verfolgen,

wie nach langem, tiefem Schlaf das Leben wieder in den eingetrockneten

Körper zurückkehrt. Das „Erwachen“ des Bärentierchens oder die

„+Anabiose+“, wie ~Preyer~[94] diesen Vorgang genannt hat, verläuft

etwa folgendermaßen. Zuerst quillt der Körper wieder auf und streckt

sich, die Falten und Runzeln verschwinden langsam, die Extremitäten

treten hervor, und bald hat das Tier seine normale Körperform wieder

gewonnen. Anfangs bleibt es noch still liegen, aber je nach der Dauer

der Trockenzeit, bald schon nach einer Viertelstunde, bald erst

nach mehreren Stunden treten erst langsame, träge, dann kräftigere

Eigenbewegungen auf, die allmählich häufiger werden, bis nach einiger

Zeit das Tier unbeholfen von dannen kriecht, um nach langem Schlafe

sein Leben an dem Punkte wieder fortzusetzen, wo es unterbrochen worden

war.

Diese höchst merkwürdigen Tatsachen des +Scheintodes+ und der

+Anabiose+ sind aber nicht bloß auf die Rotatorien und Tardigraden

beschränkt. Im Laufe späterer Untersuchungen, die in großer Zahl der

~Leeuwenhoek~schen Entdeckung folgten, sind sie an verschiedenen

anderen Organismen ebenfalls konstatiert worden. Man hat sie beobachtet

an den sogenannten +Kleisterälchen+ oder Anguilluliden, jenen kleinen

aalförmig gestalteten Würmern, die in kranken Weizenkörnern leben; man

hat sie festgestellt bei +Infusorien+ und +Amöben+, und man kennt sie

schließlich auch von +Bakterien+.

Auch die längst bekannte Fähigkeit der Pflanzensamen, trocken viele

Jahre lang unverändert zu bleiben, ohne dabei ihre Keimfähigkeit zu

verlieren, gehört in die Reihe dieser Tatsachen; ja man hat sogar

geglaubt, daß Pflanzensamen unbegrenzt lange Zeit keimfähig bleiben

können. Bekannt sind die Angaben, daß Weizenkörner, die in ägyptischen

Mumiengräbern gefunden wurden, nach mehrtausendjähriger Ruhe noch zum

Keimen gebracht und wieder zu blühendem Leben erweckt worden seien. Es

hat sich indessen herausgestellt, daß diese Angaben auf einer Täuschung

beruhen, denn ~Mariette~, der bekannte Aegyptologe, hat gezeigt,

daß mit echtem +Mumienweizen+ diese Versuche immer fehlschlagen, da

bereits alle aus den Gräbern entnommenen Weizenkörner ein verkohltes

Aussehen haben und in Wasser gebracht zu einem lehmigen Brei zerfallen.

Dagegen scheint es nach mehreren Beobachtungen sicher, daß manche

Pflanzensamen, wenn sie völlig trocken aufbewahrt werden, über hundert

Jahre, vielleicht über zweihundert Jahre ihre Keimfähigkeit erhalten

können.

Für die Fixierung des Lebensbegriffs sind diese seltsamen Tatsachen von

hervorragender Bedeutung und fordern zu tiefgehenden Untersuchungen

auf. Es handelt sich nämlich darum, ob wir die Organismen in diesem

eigentümlichen Zustande wirklich für leblos erklären dürfen.

Theoretisch stößt die Unterscheidung von lebendigen und leblosen

Organismen in ihrer allgemeinsten Fassung auf keine großen

Schwierigkeiten. Der Lebensbegriff ist gebildet worden auf Grund

der Beobachtung von gewissen Veränderungen, die sich nur an

lebendigen Organismen zeigen, auf Grund der +Lebensäußerungen+.

Wo wir die Lebensäußerungen beobachten, da sprechen wir von einem

lebendigen Organismus. Ja, wir können sogar diese Charakteristik des

Lebensbegriffs noch vereinfachen. Fassen wir nämlich die ganze Fülle

der verschiedenartigen Lebensäußerungen ins Auge, so finden wir, daß

sich dieselben in drei große Gruppen einordnen, in die Tatsachen

des Stoffwechsels, des Formwechsels und des Energiewechsels, denn

jeder lebendige Organismus zeigt einen Wechsel der Stoffe, die ihn

zusammensetzen, indem er fortwährend Stoffe von außen in sich aufnimmt

und andere Stoffe nach außen abgibt; er zeigt ferner einen Wechsel

seiner Form, indem er sich entwickelt, wächst und sich unter Umständen

durch Abschnürung gewisser Teile fortpflanzt, und er zeigt schließlich

einen Wechsel von Energie, indem er die aufgenommene Energie umsetzt in

andere Energieformen. Aber Stoffwechsel, Formwechsel und Energiewechsel

sind nicht drei verschiedene Vorgänge, die unabhängig voneinander

beständen, sie sind vielmehr nur die verschiedenartigen Aeußerungen

eines und desselben Vorgangs, denn kein Stoff existiert ohne Form

oder Energie. Stoff, Form und Energie sind nur die drei Seiten, nach

denen wir die Körperwelt betrachten, und es hängt lediglich von dem

Indikator ab, mit dem wir einen Vorgang prüfen, ob uns derselbe als

stoffliche oder energetische oder Formveränderung entgegentritt. Werfe

ich ein Natriumstück auf Wasser, und untersuche ich den Vorgang, der

sich da abspielt, mit chemischen Methoden, so spreche ich von einer

stofflichen Veränderung, untersuche ich ihn im Kalorimeter, so rede ich

von einem energetischen Prozeß, und beobachte ich ihn mit bloßem Auge,

so bezeichne ich den Vorgang als eine Formveränderung. Am tiefsten

in die Einzelheiten dringt im allgemeinen die chemische Untersuchung

und so ist es berechtigt, wenn man rein konventionell auch als den

+Lebensvorgang+ den +Stoffwechsel+ bezeichnet. Es darf dabei nur nicht

übersehen werden, daß auch die energetische und die morphologische

Untersuchung uns wieder andere Seiten des Lebensvorganges zeigen, die

bei der chemischen Untersuchung nicht so sinnfällig hervortreten. Wir

können aber der Kürze halber sagen, daß der +Lebensvorgang+, als dessen

äußeren Ausdruck wir die verschiedenen +Lebensäußerungen+ wahrnehmen,

der „+Stoffwechsel+“ (im allgemeinen Sinne) ist. +Demnach ist es der

Stoffwechsel, durch den sich der lebendige vom leblosen Organismus

unterscheidet.+

Praktisch, d. h. im konkreten Falle, gestaltet sich diese

Unterscheidung jedoch nicht immer so einfach. Das zeigen uns gerade

die eingetrockneten Organismen; denn nach unserer eben angestellten

Ueberlegung handelt es sich darum, ob diese Organismen in ihrem

eigentümlichen Zustande wirklich keinen Stoffwechsel besitzen, oder

ob ihr Stoffwechsel nur auf ein so geringes Maß herabgesetzt ist,

daß er für unsere unbewaffneten Sinne nicht in der Gestalt von

Lebensäußerungen bemerkbar wird, d. h. ob der Lebensvorgang wirklich

stillsteht, oder ob nur eine „vita minima“ vorliegt. Die Entscheidung

dieser Frage ist nur mittels der feinsten und sorgfältigsten

Untersuchungsmethoden möglich. Zwar hat stets die Mehrzahl der Forscher

die Ueberzeugung gehabt, daß man es bei den eingetrockneten Organismen

wirklich mit einem vollkommenen Stillstand des Lebens zu tun habe,

aber es war doch immer noch der Einwand möglich, daß der Stoffwechsel

in diesem Zustande nur ein so geringer sei, daß er bei der Kleinheit

der meisten Objekte mit unseren gewöhnlichen Untersuchungsmethoden

nicht nachgewiesen werden könne. Allein diesen Einwand dürften die von

~Kochs~ angestellten Versuche beseitigt haben. Bei den eingetrockneten

Tieren, die isoliert auf einer reinen Glasplatte aufgehoben werden,

ist eine +Aufnahme+ von fester und flüssiger Nahrung von selbst

ausgeschlossen, und ebenso leicht überzeugt man sich durch direkte

Beobachtung, daß auch keine +Abgabe+ von flüssigen oder festen Stoffen

stattfindet. Daß aber auch nicht eine Atmung, d. h. eine Aufnahme

von Sauerstoff und eine Abgabe von Kohlensäure vorhanden ist, das

hat ~Kochs~[95] auf folgende Weise nachgewiesen. Er wählte zu seinen

Versuchen verschiedene vollkommen trockene Pflanzensamen und tat

eine größere Quantität davon in ein weites Glasrohr, das er auf der

Luftpumpe möglichst luftleer machte und dann zuschmolz. Wäre in

diesen Samen auch nur ein geringer Stoffwechsel vorhanden gewesen, so

hätte man bei ihrer erheblichen Quantität wenigstens eine Spur von

ausgeatmeter Kohlensäure finden müssen. Als aber ~Kochs~ den Inhalt

der Glasröhren +nach mehreren Monaten+ mittels der feinsten Methoden

untersuchen ließ, fand sich auch nicht die geringste Spur ausgeatmeter

Kohlensäure oder sonst eines anderen Stoffwechselprodukts in den

Röhren. Und diese Versuche wurden stets mit dem gleichen Erfolge

wiederholt. Dennoch waren die Samen lebensfähig geblieben und keimten

nach ihrer Aussaat.

Nach den Ergebnissen dieser Versuche können wir keinen Zweifel mehr

hegen, daß in den eingetrockneten Organismen das Leben in der Tat

vollkommen still steht. Aber können wir darum die Organismen in diesem

eigentümlichen Zustande als +tot+ bezeichnen? Die eingetrockneten

Organismen sind in Wirklichkeit zwar leblos, aber nicht tot, denn es

ist bei ihnen nach Zufuhr von Wasser eine Anabiose möglich. Der tote

Organismus dagegen ist durch nichts wieder zum Leben zurückzubringen.

Der Unterschied zwischen dem eingetrockneten und dem toten Organismus

liegt darin, daß beim ersteren noch alle inneren Lebensbedingungen

erfüllt und nur die äußeren zum Teil fortgefallen sind, daß dagegen

beim toten Organismus die inneren Lebensbedingungen irreparable

Störungen erfahren haben, während die äußeren sämtlich erfüllt sein

können. Sehr treffend hat ~Preyer~ diesen Unterschied veranschaulicht.

Er vergleicht den eingetrockneten Organismus mit einer Uhr, die

aufgezogen, aber angehalten ist, so daß es nur eines Anstoßes bedarf,

um sie wieder in Gang zu setzen, den toten Organismus dagegen mit einer

Uhr, die zerbrochen ist und durch keinen Anstoß mehr zum Weitergehen

veranlaßt werden kann. Wir müssen also zwischen den eingetrockneten

Organismen und den +toten+ Organismen scharf unterscheiden. Anderseits

aber können wir diese Organismen auch nicht +lebendig+ nennen, denn

sie zeigen keine Lebensäußerungen, und, wie wir sahen, sind die

Lebens+äußerungen+ das Kriterium des Lebens+vorganges+ oder des

Lebens selbst. Den Zustand in dem sich die eingetrockneten Organismen

befinden, hat ~Claude Bernard~ als „+vie latente+“ bezeichnet. Es

wird zweckmäßig sein, diesen Ausdruck anzunehmen und demnach die drei

Zustände, in denen sich Organismen befinden können, zu unterscheiden

als +aktuelles Leben+, +latentes Leben+ und +Tod+.

Allgemeine Physiologie · 第 107 / 283 题