Erst bei der Vergleichung der chemischen Verhältnisse gewinnen wir
endlich einen Unterschied zwischen Organismen und anorganischen Körpern.
Freilich haben wir gesehen, daß ebensowenig, wie es eine besondere
„Lebens+kraft+“ gibt, im Organismus ein eigenes „Lebens+element+“
existiert. Die chemischen Elemente, die den Organismus zusammensetzen,
kommen ohne Ausnahme auch in der anorganischen Natur vor. Einen
+prinzipiellen+ Gegensatz von organischer und anorganischer Substanz,
d. h. einen Gegensatz, der in einer +elementaren+ Verschiedenheit
beider Körperwelten beruht, werden wir also auch auf chemischem
Gebiet nicht erwarten dürfen. Aber es existiert ein Unterschied in
der +Art der Verbindungen+, zu denen die Elemente zusammentreten.
Wir sahen, daß in der lebendigen Substanz chemische Verbindungen
vorhanden sind, wie die Eiweißkörper, Kohlehydrate und Fette, die
nirgends in der anorganischen Körperwelt vorkommen. +Was aber das
Wichtigste ist, das ist die Tatsache, daß Eine Gruppe von diesen
chemischen Körpern, die Eiweißkörper, allen Organismen ohne Ausnahme
zukommt. Wie es einerseits keinen einzigen Organismus gibt, sei
er lebendig oder tot, in dem die Eiweißkörper fehlten, so gibt es
andererseits kein einziges anorganisches System in der Natur, in dem
ein auch nur annähernd ähnlicher Stoff vorhanden wäre. Der Besitz des
hochkomplizierten Eiweißmoleküls ist in der Tat ein durchgreifendes
Unterscheidungsmerkmal des Organismus gegenüber allen anorganischen
Körpern.+
Man ist aber noch weiter gegangen und hat einen durchgreifenden
Unterschied zwischen Organismen und anorganischen Körpern nicht nur
in der Existenz bestimmter Verbindungen, sondern auch in der Art und
Weise von Anordnung und Aufeinanderfolge der chemischen Vorgänge
im tätigen Organismus finden wollen. Man hat gesagt: Die lebendige
Substanz ist charakterisiert durch ihren „Stoffwechsel“, indem
bestimmte Verbindungen fortwährend entstehen, wieder zerfallen, ihre
Zerfallsprodukte nach außen abgeben und auf Kosten der von außen
als Nahrung aufgenommenen Stoffe wieder neu entstehen, so daß ein
fortwährender Stoffstrom durch die lebendige Substanz geht, der durch
den Aufbau und den Zerfall der betreffenden Verbindungen bedingt ist.
In der Tat ist der „Stoffwechsel“ ein überaus charakteristischer
Vorgang für den lebendigen Organismus, und wir werden später sehen,
daß auf ihm das Leben beruht, aber er ist nur ein Vorgang, der den
+lebendigen+ Organismus vom leblosen unterscheidet, nicht von der
anorganischen Substanz, denn er ist durchaus nicht auf die Organismen
beschränkt, sondern kommt auch im Reiche anorganischer Körper vor.
Ein einfaches Beispiel dafür gibt uns das Verhalten der Salpetersäure
bei der Produktion der „englischen Schwefelsäure“. Bringt man nämlich
Salpetersäure mit dem Anhydrid der schwefligen Säure zusammen, das
bei der Schwefelsäurefabrikation durch Rösten von Schwefelerzen
gewonnen wird, so entzieht die schweflige Säure der Salpetersäure
Sauerstoff, indem sie selbst in Schwefelsäure übergeht, während aus
der Salpetersäure Stickoxyd und Stickstoffdioxyd wird. Wird nun für
den fortdauernden Zutritt von frischer Luft und Wasser gesorgt, so
wird aus dem Stickoxyd und Stickstoffdioxyd immer wieder Salpetersäure
neugebildet, und diese gibt einen Teil ihres Sauerstoffs wieder an
neue Massen schwefliger Säure ab, so daß das Molekül der Salpetersäure
fortwährend durch Sauerstoffabgabe in niedere Oxyde zerfällt und
sich durch Sauerstoffaufnahme wieder herstellt. Auf diese Weise kann
mit derselben Quantität Salpetersäure eine unbegrenzte Menge von
schwefliger Säure in Schwefelsäure übergeführt werden. Hier haben
wir also in einfacherer Form, d. h. an einer einfachen chemischen
Verbindung, eine Aufeinanderfolge von Zerfall und Neubildung einer
Substanz unter Aufnahme und Abgabe von Stoffen, also einen regelrechten
Stoffwechsel, der im Prinzip bis in die Einzelheiten hinein dem
Stoffwechsel der Organismen entspricht, und doch ist die Salpetersäure
eine anorganische Verbindung.
Derartige Vorgänge, die, wie neuere Erfahrungen gezeigt haben, viel
verbreiteter sind in der anorganischen Natur als man früher annahm,
gestatten es nicht, daß wir das Vorhandensein eines Stoffwechsels an
sich als Unterschied zwischen lebendigen Organismen und anorganischen
Körpern hinstellen.
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Blicken wir hiernach noch einmal zurück auf das Ergebnis unserer
Vergleichung, so finden wir, daß ein durchgreifender Unterschied
zwischen lebendigen Organismen und anorganischen Systemen nur in der
Art der chemischen +Verbindungen+ besteht, die in beiden getroffen
werden. +Gegenüber der Gesamtheit aller anorganischen Körper besteht
das gemeinsame Charakteristikum der Organismen nur in dem ausnahmslosen
Besitz gewisser hochkomplizierter chemischer Verbindungen, vor allem
der Eiweißkörper. Darin liegt aber kein prinzipieller, kein elementarer
Gegensatz zwischen beiden Körpergruppen. Im Gegenteil, die elementare
Analyse zeigt uns in beiden die gleichen Elemente. Wo man daher
irgendeinen allgemein durchgreifenden Gegensatz zwischen lebendigen
Organismen und anorganischen Systemen findet, da hat man die Analyse
noch nicht bis zu Ende geführt+[91].
B. Lebendige und leblose Organismen.