4. Chemische Unterschiede.

Erst bei der Vergleichung der chemischen Verhältnisse gewinnen wir

endlich einen Unterschied zwischen Organismen und anorganischen Körpern.

Freilich haben wir gesehen, daß ebensowenig, wie es eine besondere

„Lebens+kraft+“ gibt, im Organismus ein eigenes „Lebens+element+“

existiert. Die chemischen Elemente, die den Organismus zusammensetzen,

kommen ohne Ausnahme auch in der anorganischen Natur vor. Einen

+prinzipiellen+ Gegensatz von organischer und anorganischer Substanz,

d. h. einen Gegensatz, der in einer +elementaren+ Verschiedenheit

beider Körperwelten beruht, werden wir also auch auf chemischem

Gebiet nicht erwarten dürfen. Aber es existiert ein Unterschied in

der +Art der Verbindungen+, zu denen die Elemente zusammentreten.

Wir sahen, daß in der lebendigen Substanz chemische Verbindungen

vorhanden sind, wie die Eiweißkörper, Kohlehydrate und Fette, die

nirgends in der anorganischen Körperwelt vorkommen. +Was aber das

Wichtigste ist, das ist die Tatsache, daß Eine Gruppe von diesen

chemischen Körpern, die Eiweißkörper, allen Organismen ohne Ausnahme

zukommt. Wie es einerseits keinen einzigen Organismus gibt, sei

er lebendig oder tot, in dem die Eiweißkörper fehlten, so gibt es

andererseits kein einziges anorganisches System in der Natur, in dem

ein auch nur annähernd ähnlicher Stoff vorhanden wäre. Der Besitz des

hochkomplizierten Eiweißmoleküls ist in der Tat ein durchgreifendes

Unterscheidungsmerkmal des Organismus gegenüber allen anorganischen

Körpern.+

Man ist aber noch weiter gegangen und hat einen durchgreifenden

Unterschied zwischen Organismen und anorganischen Körpern nicht nur

in der Existenz bestimmter Verbindungen, sondern auch in der Art und

Weise von Anordnung und Aufeinanderfolge der chemischen Vorgänge

im tätigen Organismus finden wollen. Man hat gesagt: Die lebendige

Substanz ist charakterisiert durch ihren „Stoffwechsel“, indem

bestimmte Verbindungen fortwährend entstehen, wieder zerfallen, ihre

Zerfallsprodukte nach außen abgeben und auf Kosten der von außen

als Nahrung aufgenommenen Stoffe wieder neu entstehen, so daß ein

fortwährender Stoffstrom durch die lebendige Substanz geht, der durch

den Aufbau und den Zerfall der betreffenden Verbindungen bedingt ist.

In der Tat ist der „Stoffwechsel“ ein überaus charakteristischer

Vorgang für den lebendigen Organismus, und wir werden später sehen,

daß auf ihm das Leben beruht, aber er ist nur ein Vorgang, der den

+lebendigen+ Organismus vom leblosen unterscheidet, nicht von der

anorganischen Substanz, denn er ist durchaus nicht auf die Organismen

beschränkt, sondern kommt auch im Reiche anorganischer Körper vor.

Ein einfaches Beispiel dafür gibt uns das Verhalten der Salpetersäure

bei der Produktion der „englischen Schwefelsäure“. Bringt man nämlich

Salpetersäure mit dem Anhydrid der schwefligen Säure zusammen, das

bei der Schwefelsäurefabrikation durch Rösten von Schwefelerzen

gewonnen wird, so entzieht die schweflige Säure der Salpetersäure

Sauerstoff, indem sie selbst in Schwefelsäure übergeht, während aus

der Salpetersäure Stickoxyd und Stickstoffdioxyd wird. Wird nun für

den fortdauernden Zutritt von frischer Luft und Wasser gesorgt, so

wird aus dem Stickoxyd und Stickstoffdioxyd immer wieder Salpetersäure

neugebildet, und diese gibt einen Teil ihres Sauerstoffs wieder an

neue Massen schwefliger Säure ab, so daß das Molekül der Salpetersäure

fortwährend durch Sauerstoffabgabe in niedere Oxyde zerfällt und

sich durch Sauerstoffaufnahme wieder herstellt. Auf diese Weise kann

mit derselben Quantität Salpetersäure eine unbegrenzte Menge von

schwefliger Säure in Schwefelsäure übergeführt werden. Hier haben

wir also in einfacherer Form, d. h. an einer einfachen chemischen

Verbindung, eine Aufeinanderfolge von Zerfall und Neubildung einer

Substanz unter Aufnahme und Abgabe von Stoffen, also einen regelrechten

Stoffwechsel, der im Prinzip bis in die Einzelheiten hinein dem

Stoffwechsel der Organismen entspricht, und doch ist die Salpetersäure

eine anorganische Verbindung.

Derartige Vorgänge, die, wie neuere Erfahrungen gezeigt haben, viel

verbreiteter sind in der anorganischen Natur als man früher annahm,

gestatten es nicht, daß wir das Vorhandensein eines Stoffwechsels an

sich als Unterschied zwischen lebendigen Organismen und anorganischen

Körpern hinstellen.

* *

*

Blicken wir hiernach noch einmal zurück auf das Ergebnis unserer

Vergleichung, so finden wir, daß ein durchgreifender Unterschied

zwischen lebendigen Organismen und anorganischen Systemen nur in der

Art der chemischen +Verbindungen+ besteht, die in beiden getroffen

werden. +Gegenüber der Gesamtheit aller anorganischen Körper besteht

das gemeinsame Charakteristikum der Organismen nur in dem ausnahmslosen

Besitz gewisser hochkomplizierter chemischer Verbindungen, vor allem

der Eiweißkörper. Darin liegt aber kein prinzipieller, kein elementarer

Gegensatz zwischen beiden Körpergruppen. Im Gegenteil, die elementare

Analyse zeigt uns in beiden die gleichen Elemente. Wo man daher

irgendeinen allgemein durchgreifenden Gegensatz zwischen lebendigen

Organismen und anorganischen Systemen findet, da hat man die Analyse

noch nicht bis zu Ende geführt+[91].

B. Lebendige und leblose Organismen.

Allgemeine Physiologie · 第 106 / 283 题