2. Leben und Tod.

Stieß die Fixierung des Unterschiedes zwischen aktuellem und latentem

Leben auf +praktische+ Schwierigkeiten, insofern die experimentelle

Entscheidung, ob bei den eingetrockneten Organismen der Lebensvorgang

in der Tat ganz still steht, nicht eben leicht zu treffen war, so sind

es mehr +theoretische+ Hindernisse, die sich der Feststellung einer

scharfen Grenze zwischen Leben und Tod in den Weg stellen.

Der Praxis des täglichen Lebens fällt es zwar nicht schwer, den toten

Organismus von dem lebendigen zu unterscheiden, denn wir haben den

Begriff des Todes vom Menschen und den höheren Tieren abstrahiert und

sind gewöhnt, +den+ Moment als den Augenblick des Todes zu betrachten,

in dem das sonst nie rastende Herz stillsteht, und der Mensch aufhört

zu atmen. Allein wir fassen dabei, der oberflächlichen Erfahrung des

täglichen Lebens folgend, nur die großen +Unterschiede+ ins Auge,

die sich in diesem Moment gegenüber dem Zustande des ungestörten

Lebens geltend machen, ohne aber die +Fortdauer+ gewisser Vorgänge zu

bemerken, die selbst nach diesem allerdings tief eingreifenden Moment

noch bestehen.

Das Kriterium des Lebens bilden ausschließlich die Lebensäußerungen,

d. h. die verschiedenartigen Seiten, nach denen der Lebensvorgang, der

Stoffwechsel äußerlich wahrnehmbar wird. Aber gerade, wenn wir dieses

Kriterium auf den Menschen anwenden, dann ist er in dem Moment, den wir

gewöhnlich als den „+Moment des Todes+“ bezeichnen, in Wirklichkeit

noch nicht +tot+, wie eine eingehendere Prüfung sogleich zeigt.

Freilich hören die spontanen groben Muskelbewegungen auf, der Mensch

wird schlaff und ruhig. Für äußere Einwirkungen aber bleiben die

Muskeln häufig noch mehrere Stunden empfänglich und antworten darauf

mit Zuckungen und Bewegungen der betreffenden Glieder, zeigen also

Lebensäußerungen. Ja, es tritt sogar ein Moment ein, in dem sich die

Muskeln von selbst noch einmal allmählich zusammenzuziehen beginnen,

das ist die „+Totenstarre+“. Erst wenn diese aufgehört hat, ist das

Leben der Muskeln erloschen. Aber trotzdem ist auch jetzt der Körper

durchaus noch nicht tot. Es sind nur bestimmte Organe, nur Teile von

ihm, nur Zellenkomplexe wie die Zellen des Nervensystems, des Herzens,

der Skelettmuskeln etc., die keine Lebensäußerungen mehr zeigen;

andere Zellen und Zellenkomplexe leben dagegen noch lange, nachdem die

Totenstarre vorüber ist, weiter. Die innere Oberfläche der Luftwege,

also des Kehlkopfs, der Luftröhre, der Bronchien etc., ist bekanntlich

mit einem „Flimmerepithel“ überkleidet, d. h. mit einer Schicht

von dicht aneinander gedrängten zylindrischen Zellen, die an ihrer

Oberfläche feine, härchenförmige Anhänge besitzen, mit denen sie eine

dauernde, rhythmische Schlagbewegung ausführen (vergl. Fig. 25 _a_, S.

90). Diese Flimmerzellen bleiben an der Leiche noch tagelang nach dem

Stillstand des Herzens, also nach dem sogenannten Tode, in normaler

Tätigkeit. Sie „überleben“, wie man sagt. Aber selbst nach einigen

Tagen ist noch immer nicht der ganze menschliche Körper gestorben. Die

weißen Blutkörperchen oder Leukocyten, jene amöboiden Zellen, die nicht

bloß im Blutstrom passiv fortgetragen werden, sondern auch aktiv in

allen Geweben des Körpers umherwandern und im Haushalt des Organismus

eine bedeutsame Rolle spielen, können, wenn man sie unter günstigen

Bedingungen hält, noch länger am Leben erhalten werden.

Nach alledem: Welchen Moment soll man als den Moment des Todes

bezeichnen? Wenn man die Existenz von Lebensäußerungen als Kriterium

verwendet, so kann man konsequenterweise den Augenblick, in dem die

spontane Muskelbewegung, speziell die Herztätigkeit aufhört, noch nicht

als Moment des Todes betrachten, denn andere Zellenkomplexe leben

noch lange Zeit ungestört weiter. Wir sehen also, es gibt nicht einen

bestimmten Zeitpunkt, in dem das Leben aufhört und der Tod beginnt,

sondern es ist ein allmählicher Uebergang vom normalen Leben zum

völligen Tode vorhanden, der sich häufig schon während einer Krankheit

bemerkbar zu machen beginnt. +Der Tod entwickelt sich aus dem Leben.+

Die Geschichte des Todes bei verschiedenen Tierklassen ist sehr

verschieden. Während sich bei den Warmblütern, infolge der großen

Abhängigkeit aller Gewebezellen von ihrer Ernährung durch den

Blutstrom, der Tod verhältnismäßig schnell nach dem Stillstand der

Blutzirkulation entwickelt, geht der Organismus der Kaltblüter

durchschnittlich viel langsamer vom Leben zum Tode über, ja die

Ausbildung des definitiven Todes, d. h. des Zustandes, in dem keine

einzige Lebensäußerung mehr am Körper wahrzunehmen ist, erfolgt in

manchen Fällen erst Monate, nachdem das Tier eine irreparable, tödliche

Verletzung erfahren hat. Entsprechend der größeren Unabhängigkeit

der einzelnen Organe von der Blutzirkulation sowohl als voneinander

können von allen Kaltblütern auch einzelne abgeschnittene Teile lange

Zeit überleben, ehe sie zugrunde gehen, eine Eigentümlichkeit, auf

der die besondere Brauchbarkeit solcher Tiere, wie z. B. der Frösche,

für physiologische Untersuchungen beruht. Man kann bekanntlich aus

einem Frosch einen Muskel mit seinem Nerv herausschneiden und unter

geeigneten Bedingungen tagelang in erregbarem Zustande für Versuche

am Leben erhalten. Hier tritt die Tatsache, daß der Tod nicht ein

Zustand ist, der momentan einsetzt, sondern der sich ganz allmählich

entwickelt, noch viel deutlicher hervor als beim Menschen.

Allein man könnte sagen, in allen angeführten Fällen handelt es

sich um vielzellige Tiere, in denen die eine Zellenart früher, die

andere später dem Tode anheimfällt; wie verhält es sich dagegen mit

der einzelnen Zelle, die selbst bereits einen lebendigen Organismus

vorstellt? Die Geschichte des Zelltodes entspricht genau der

Todesentwicklung beim vielzelligen Organismus, nur daß hier die

einzelnen wichtigen Punkte noch klarer zum Ausdruck kommen. Wir sehen

auch hier, daß der Tod nicht momentan eintritt, sondern daß das

normale Leben mit dem definitiven Tode durch eine lange Reihe von

lückenlos ineinander greifenden Uebergangszuständen verbunden ist,

deren Verlauf häufig mehrere Tage und nicht selten mehrere Wochen in

Anspruch nehmen kann. Wir sind bereits mehrfach der Tatsache begegnet,

daß kernlose Protoplasmamassen, die man von einer Zelle auf operativem

Wege abgetrennt hat, nicht am Leben bleiben. Verfolgt man ein solches

abgeschnittenes Stück Protoplasma, das keinen Kern besitzt, dessen

Schicksal also besiegelt ist, unter dem Mikroskop, so kann man sich

überzeugen, wie es nur ganz allmählich von seinem normalen Verhalten

zum völligen Stillstand aller Lebensäußerungen übergeht[96]. Sehr

geeignet für diesen Zweck sind gewisse marine Rhizopodenformen,

z. B. +Orbitolites+, die aus den Poren ihrer Kalkschale Büschel

von nackten, kernlosen Protoplasmafäden oder „Pseudopodien“ von

beträchtlicher Länge herausstrecken, mit denen sie sich bewegen,

Nahrungsorganismen festkleben und die Nahrung verdauen. Schneidet

man eine solche Pseudopodienmasse von einem +Orbitolites+ unter dem

Mikroskop ab, so fließt das Fadennetz zuerst zu einem rundlichen

Tröpfchen zusammen, das aber alsbald wieder neue Pseudopodien von der

gleichen Form wie der unverletzte +Orbitolites+ ausstreckt und sich

bewegt wie im Zusammenhange mit dem kernhaltigen Körper. Die neuen

Pseudopodien fangen auch noch Nahrungsorganismen, aber sie haben

nicht mehr die Fähigkeit, sie zu verdauen. Das ist sehr wichtig, denn

daraus folgt, daß das kernlose Protoplasmatröpfchen fernerhin keine

neue Körpersubstanz mehr zu bilden imstande ist. Dabei bleiben die

Bewegungen des mikroskopisch kleinen Klümpchens noch Stunden lang

normal, und auch die Irritabilität ist erhalten. Erst ganz allmählich

werden die Pseudopodien mehr und mehr eingezogen, während keine neuen

mehr ausgestreckt werden. Infolgedessen zieht sich die Masse nach und

nach wieder zu einem kugeligen Klumpen zusammen. Aber noch können wir

immer nicht sagen, die Protoplasmamasse wäre tot, denn noch am nächsten

Tage können wir äußerst langsam verlaufende, schwache Formveränderungen

feststellen, wenn wir das Objekt im Zwischenraum von mehreren Stunden

beobachten. Erst nach einigen Tagen zerfällt das Protoplasmatröpfchen

unter Aufquellung zu einem locker zusammenhängenden Körnerhaufen.

Der Tod tritt also auch in der Zelle nicht unvermittelt ein, sondern

ist nur das Endglied einer langen Reihe von Prozessen, die, von

einer irreparablen Schädigung des normalen Körpers beginnend, nach

und nach zum vollständigen Aufhören aller Lebensäußerungen führen.

Da aber auch während des Ablaufs dieser Prozesse einerseits noch

Lebensäußerungen bemerkbar sind, anderseits der Tod infolge der

Schädigung unausbleiblich ist, so ist es zweckmäßig, die Zeit vom

Eintritt der tödlichen Schädigung bis zum definitiven Tode auch durch

den Namen als eine Zeit lückenloser Uebergänge zu charakterisieren und

sie mit Erweiterung eines von ~K. H. Schultz~ und ~Virchow~[97] in die

Pathologie eingeführten Begriffs als die Zeit der „+Nekrobiose+“ zu

bezeichnen.

Wir sehen also, daß es unmöglich ist, eine scharfe Grenze zwischen

Leben und Tod zu ziehen, daß Leben und Tod nur die beiden Endglieder

einer langen Reihe von Veränderungen sind, die nacheinander an einem

Organismus ablaufen. Aber lassen wir, nachdem wir das festgestellt

haben, die Uebergangsglieder einmal außer Betracht, und fassen wir nun

die beiden Endglieder selbst ins Auge, den unversehrten, lebendigen

Organismus einerseits, und anderseits etwa den gleichen Organismus mit

allen Mitteln der modernen Technik fixiert und in Alkohol konserviert,

so können wir diese beiden Glieder sehr scharf unterscheiden dadurch,

daß im ersteren der Lebensvorgang in ungestörtem Gange ist, wie sich

aus der Entfaltung aller Lebensäußerungen ergibt, während im letzteren

der Lebensvorgang vollkommen und dauernd still steht, wie das Fehlen

der geringsten Lebensäußerung zeigt.

* *

*

Nach allen diesen Betrachtungen sind wir nunmehr in der Lage,

den Schlußstein in unsere Charakteristik der lebendigen Substanz

einzufügen, mit anderen Worten, den Lebensvorgang selbst allgemein zu

charakterisieren.

Es hat sich gezeigt, daß ein prinzipieller Unterschied, d. h. ein

Unterschied in den Elementarstoffen und Elementarvorgängen, zwischen

den +Organismen+ und den +anorganischen Körpern+ nicht existiert.

Die Lebensäußerungen der Organismen müssen also auf denselben

allgemeinen mechanischen Gesetzen beruhen wie das Geschehen in der

anorganischen Welt. Dagegen besteht ein Unterschied zwischen beiden

großen Körpergruppen in bezug auf die Art der chemischen Verbindungen,

zu denen die Elementarstoffe zusammengefügt sind, insofern in den

Organismen ganz allgemein gewisse hochkomplizierte Verbindungen,

besonders die in keiner lebendigen Substanz fehlenden Eiweißkörper

vorkommen, die in der anorganischen Körperwelt nirgends gefunden

werden. Allein es liegt auf der Hand, daß dieser Unterschied nur von

derselben Art ist wie die Unterschiede, die auch zwischen einzelnen

anorganischen Körpern selbst bezüglich ihrer chemischen Zusammensetzung

bestehen. Immerhin haben die Organismen allen anorganischen Körpern

gegenüber in dem Besitz der komplizierten Stoffe der Eiweißgruppe etwas

Gemeinsames.

Es hat sich ferner gezeigt, daß die +lebendigen+ Organismen sich von

den +leblosen+, sei es, daß letztere sich im Zustande des latenten

Leben befinden oder tot sind, unterscheiden durch ihren Stoffwechsel,

d. h. durch die Tatsache, daß ihre Substanz fortwährend von selbst

zerfällt und sich wieder regeneriert und dementsprechend fortwährend

Stoffe nach außen abgibt und andere Stoffe von außen her in sich

aufnimmt. Die Art der aus dem Zerfall hervorgehenden Produkte läßt

aber erkennen, daß es sich um stickstoffhaltige Verbindungen handelt,

und zwar speziell um Eiweißkörper. Da wir schließlich wissen, daß

die stickstoffhaltigen Eiweißkörper mit ihren Trabanten, welche

letzteren teils von den Eiweißkörpern abstammen, teils zu ihrem Aufbau

nötig sind, von allen organischen Verbindungen die einzigen Körper

vorstellen, die in keiner lebendigen Substanz fehlen, überall ihre

Hauptmasse ausmachen und allein zum Aufbau lebendiger Substanz genügen,

so können wir sagen, daß alle lebendigen Organismen charakterisiert

sind durch den Stoffwechsel von Eiweißkörpern.

+Damit haben wir das Fazit aus unseren bisherigen Betrachtungen gezogen

und zugleich dem Problem der ganzen Physiologie einen einfacheren

Ausdruck gegeben. Der Lebensvorgang besteht im Stoffwechsel von

Eiweißkörpern. Ist das richtig, so ist die gesamte physiologische

Forschung eine Probe darauf und hat die Aufgabe, diesen Stoffwechsel

bis in seine Einzelheiten zu verfolgen und die verschiedenen

Lebensäußerungen als einen Ausdruck dieses Lebensvorganges zu erkennen,

die sich mit derselben eisernen Notwendigkeit aus ihm ergeben müssen,

wie die Vorgänge in der anorganischen Natur aus den chemischen und

physikalischen Veränderungen der anorganischen Körper.+

Drittes Kapitel.

Von den elementaren Lebensäußerungen.

Allgemeine Physiologie · 第 108 / 283 题