3. Physikalische Unterschiede.

Eine dritte Gruppe von Unterschieden, die zwischen Organismen und

anorganischen Körpern behauptet worden sind, umfaßt die Vorgänge

der +Bewegung+. Die Bewegung, jene augenfälligste unter den

Lebensäußerungen, galt schon in früher Zeit als ein charakteristisches

Merkmal für das Leben, und die Naturvölker sahen, in konsequenter Weise

diese Unterscheidung durchführend, dementsprechend auch Wind und Welle

als lebendige Wesen an. Indessen, wir bezeichnen jetzt das wogende Meer

nicht mehr als einen lebendigen Organismus und kennen andererseits in

den ruhenden Pflanzensamen etc. Zustände von Organismen, die nicht die

geringste Bewegung erkennen lassen, ohne doch tot zu sein. So ist in

unserer Zeit der Unterschied der Bewegung in seiner primitiven Form

fallen gelassen worden. Dafür sind speziellere Verhältnisse in den

Bewegungsvorgängen als unterscheidende Merkmale zwischen Organismen und

anorganischen Körpern angesprochen worden, sofern sich beide überhaupt

bewegen.

Man glaubte einen Unterschied in den „+Ursachen+“ erblicken zu

müssen, die einerseits die Bewegungen der Organismen, anderseits die

Bewegungen der anorganischen Körper erzeugen. Die ersteren, wie die

Muskelbewegungen, sollten durch „innere Ursachen“ veranlaßt werden,

die ihren Sitz im Organismus selbst haben, die letzteren, wie das

Treiben der Wogen und Wolken, durch „äußere Ursachen“, die wie der

Wind von außen her auf das Objekt einwirken. Sehen wir ab von dem

unglücklichen Ursachenbegriff, den wir verworfen haben, so hatte man

hier mehr oder weniger bewußt die mystische „Lebenskraft“ vor Augen.

Wir haben uns indessen schon früher von der Nichtexistenz einer

besonderen „Lebenskraft“ überzeugt, und dementsprechend läßt sich

auch der Unterschied in den „Ursachen“ der Bewegung nicht in dieser

Weise aufrecht erhalten. Im übrigen dürfte eine scharfe Grenze zwischen

inneren und äußeren „Ursachen“ in vielen Fällen auch schwer zu ziehen

sein. Denkt man z. B. nicht gerade an Wind und Wellen, sondern an eine

Dampfmaschine, so läßt sich in der Tat hier mit demselben Rechte wie

vom Organismus sagen: sie arbeitet aus „inneren Ursachen“, denn die

Dampfspannung, die den Stempel treibt und die Räder in Bewegung setzt,

befindet sich im Inneren ihres Dampfkessels.

Allein man hat gesagt, der Unterschied zwischen den bewegenden

Faktoren in der Dampfmaschine und im Organismus bestehe darin, daß die

Dampfmaschine dennoch nicht arbeiten könne, wenn sie nicht von außen

geheizt würde, während der Organismus +von selbst arbeite+. Das ist

aber schlechterdings falsch. Auch der Organismus muß geheizt werden,

wenn er in Tätigkeit, d. h. am Leben bleiben soll, genau so wie die

Dampfmaschine. Seine Heizung besteht in der Zufuhr von Nahrung. Ja, die

Analogie zwischen der Heizung der Dampfmaschine und der Ernährung des

Organismus geht sogar sehr weit. Die kohlenstoffhaltige Nahrung wird im

Organismus verbrannt, wie die Kohlen in der Dampfmaschine, d. h. die

Nahrungsstoffe werden mit dem durch die Atmung aufgenommenen Sauerstoff

oxydiert, allerdings in etwas anderer Weise, als die Kohle oxydiert

wird, aber wir bekommen in beiden Fällen als Endprodukt Kohlensäure.

Wird die Zufuhr der Nahrung unterbrochen, so hört die Tätigkeit des

Organismus nach einiger Zeit, wenn alle aufgenommene Nahrung verbraucht

ist, ebenso auf wie die der Dampfmaschine: in beiden erlischt die

Bewegung.

Als ein allgemeines Charakteristikum aller Organismen gegenüber den

anorganischen Körpern hat man schließlich die „+Irritabilität+“

bezeichnet. Wir haben bei unserem Ueberblick über die

Entwicklungsgeschichte der physiologischen Forschung gesehen, daß

mit dem Worte Irritabilität anfangs sehr unklare Vorstellungen

verbunden wurden, und müssen daher, um Mißverständnisse zu verhüten,

den Begriff in einer bestimmteren Form definieren. Wir können dann

nur ganz allgemein sagen: Irritabilität ist die Fähigkeit eines

Körpers, auf äußere Einwirkungen mit irgendeiner Veränderung seines

Zustandes zu reagieren, wobei die Größe der Reaktion zu der Größe der

Einwirkung in keinem bestimmten Maßverhältnis steht. In der Tat ist

eine solche Irritabilität oder Reizbarkeit Allgemeingut sämtlicher

lebendigen Substanz, sei es, daß der Organismus mit Steigerung oder

mit Herabsetzung oder gar Stillstand seiner Lebensäußerungen auf die

äußere Einwirkung antwortet. Allein diese Irritabilität ist wieder

kein ausschließlicher Besitz der Organismen, denn auch leblose

Stoffe sind irritabel und antworten auf äußere Einwirkungen mit

bestimmten Veränderungen, z. B. mit Produktion bestimmter Stoffe oder

Energieformen, wobei die Größe der Produktion durchaus nicht immer

mit der Größe des äußeren Anstoßes in einem bestimmten Verhältnis

steht. Das deutlichste Beispiel dafür liefern die explosiblen Stoffe.

Das Nitroglyzerin zerfällt bei einer Erschütterung unter gewaltiger

Energieentwicklung in Wasser, Kohlensäure, Sauerstoff und Stickstoff,

antwortet also mit einer enormen Produktion von Energie und mit einer

entsprechenden stofflichen Veränderung auf die äußere Einwirkung.

Auch die Irritabilität ist demnach kein durchgreifendes Merkmal für

die Unterscheidung von Organismen und anorganischen Körpern, und

wir sehen, daß uns die dynamischen Verhältnisse ebensowenig wie die

morphologischen und genetischen feste Anhaltspunkte für die Aufstellung

eines prinzipiellen Gegensatzes zwischen Organismen und anorganischen

Stoffen bieten. Suchen wir noch weiter.

Allgemeine Physiologie · 第 105 / 283 题