2. Genetische Unterschiede.

Eine zweite Reihe von Unterschieden, die man zwischen Organismen und

anorganischen Stoffen zu finden geglaubt hat, bezieht sich auf die

+Fortpflanzung+ und +Abstammung+. Allein auch diese Unterschiede

sind durchaus nicht prinzipieller Natur, und es bedarf keiner tiefen

Ueberlegung, um zu erkennen, wie in ihnen kein wirklicher Gegensatz

zwischen beiden Körpergruppen begründet ist.

Es ist als charakteristisches Unterscheidungsmerkmal der Organismen

angesehen worden, daß sie sich +fortpflanzen+, während den

anorganischen Körpern die Fortpflanzungsfähigkeit fehlt. Darin liegt

aber wieder kein +durchgreifender+ Unterschied, denn wir kennen

ganze Reihen von Organismen, welche leben und sich trotzdem nicht

einmal fortpflanzen +können+. So geht bekanntlich den sogenannten

„Arbeiterinnen“, jenen mit verkümmerten Geschlechtsorganen versehenen

Individuen im Ameisen- und Bienenstaat, die sogar die große Hauptmasse

des ganzen Staates bilden, die Fortpflanzungsfähigkeit zeitlebens

ab, und dennoch können wir nicht umhin, sie als lebendige Organismen

zu bezeichnen. Ferner aber, wenn wir zusehen, worin eigentlich die

Fortpflanzung bei den Organismen besteht, so finden wir, daß es

lediglich eine Abgabe einer gewissen Menge von Körpersubstanz ist, eine

Teilung des eigenen Leibes. Am deutlichsten, d. h. am wenigsten durch

begleitende Nebenumstände verdeckt, zeigt sich diese Tatsache bei den

einzelligen Organismen. Eine +Amöbe+ z. B. schnürt sich einfach in

zwei Hälften auseinander, und jede von beiden Hälften lebt als neue

+Amöbe+ weiter. Besteht aber die Fortpflanzung im wesentlichen nur in

einer einfachen Teilung der Substanz, so existiert kein prinzipieller

Unterschied zwischen der Teilung einer lebendigen Zelle und eines

anorganischen Körpers. Ein Wassertropfen, der an einer Dachrinne

hängt und sich allmählich vergrößert, zerreißt jedesmal, wenn er eine

bestimmte Größe erreicht hat, und teilt sich in zwei neue Tropfen, die

immer wieder Wassertropfen sind.

Allein man hat gesagt: +Die Organismen stammen stets von anderen

Organismen ab+, während die anorganischen Körper sowohl von Organismen

wie auch von anorganischen Körpern abstammen können. So gelinge es

nicht, auch nur den einfachsten Organismus künstlich aus anorganischen

Stoffen zusammenzusetzen, während es nicht schwer sei, anorganische

Körper, z. B. das Wasser, auf die verschiedenste Weise sowohl aus

organischen wie aus anorganischen Stoffen zu gewinnen. Das erscheint in

der Tat als ein durchgreifender Unterschied, denn es ist wahr, daß es

trotz aller Bemühungen nicht gelungen ist, zu zeigen, daß Organismen

aus anorganischen Stoffen entstehen können, weder in der Natur noch

im Laboratorium. Dennoch kann auch diese Unterscheidung bei genauerem

Zusehen nicht als wirklich durchgreifend anerkannt werden. Man kann

nämlich zunächst einwenden, daß ja im Pflanzenkörper fortwährend

organische Substanz aus anorganischen Stoffen gebildet wird, denn die

Pflanze baut ihren Körper ausschließlich aus anorganischen Stoffen auf.

Aber darauf hat man erwidert, daß diese Entstehung von organischer

Substanz aus anorganischer nur unter Mithilfe von lebendigen Organismen

möglich ist, und ~Preyer~[90] hat gesagt: die Organismen unterscheiden

sich von den anorganischen Körpern eben dadurch, daß sie immer schon

die Existenz von lebendiger Substanz voraussetzen. Allein auch in

dieser Form gilt die Unterscheidung höchstens für unsere jetzige Zeit.

Der Satz ~Virchow~s: „omnis cellula e cellula“, der die im Laufe der

Zeit notwendig gewordene Verallgemeinerung des alten ~Harvey~schen

Satzes: „omne vivum ex ovo“ vorstellt, hat nur Gültigkeit für die

Verhältnisse, die +jetzt+ auf der Erdoberfläche herrschen. Das liegt

auf der Hand. Gehen wir nämlich zurück in der Erdentwicklung, so kommen

wir bald in eine Zeit, wo die Erde noch eine Temperatur hatte, bei der

keine Zelle existieren konnte. Die Zellen müssen also irgendwann einmal

aus Stoffgemengen entstanden sein, die keine Zellen waren. An diesem

Punkt angelangt, stehen wir aber vor folgender Alternative. Entweder

sind, wie die „Urzeugungslehre“ annimmt, die Organismen irgend einmal

aus anorganischen Stoffen entstanden, oder der Begriff des Lebens muß,

wie die „Theorie von der Kontinuität des Lebens“ fordert, auch noch

auf die Körper angewendet werden, aus denen die Zellen sich entwickelt

haben, wenn sie auch noch von der lebendigen Substanz der heutigen

Organismen gänzlich verschieden waren. Nimmt man das erstere an,

so fällt der Unterschied in der Abstammung der beiden Körpergruppen

von selbst fort, +denn dann stammt nicht bloß die anorganische,

sondern auch die organische Natur von lebloser Substanz ab+. ~Preyer~

entschließt sich daher zu der zweiten Annahme, indem er auch die

Stoffgemenge, aus denen die Zellen sich entwickelt haben, ja sogar

schließlich die ganze glühende Masse des Erdballs selbst als lebendig

betrachtet, und sagt, den Satz ~Harvey~s noch weiter ausdehnend: „omne

vivum e vivo“, womit er ausdrücken will, daß das Leben von Ewigkeit

her existiert hat und niemals entstanden ist. Indessen, auch damit

ist die Schwierigkeit, die sich einer durchgreifenden Unterscheidung

der Organismen und anorganischen Körper auf Grund ihrer Abstammung

entgegenstellt, nicht beseitigt. Konsequent seiner Vorstellung, daß

die ganze glühende Masse, die den Erdball einst bildete, als lebendig

zu betrachten sei, nimmt nämlich ~Preyer~ an, daß das Anorganische

aus dem Organischen entstanden sei. Dann aber ist es klar, daß der

oben aufgestellte Unterschied in der Abstammung der beiden großen

Körpergruppen ebenfalls in sich zusammenfällt, +denn dann setzt

nicht nur die organische, sondern auch die anorganische Natur die

Existenz von lebendiger Substanz voraus+. Wir sehen also, daß auch bei

einer Erweiterung des Lebensbegriffs, wie sie ~Preyer~ fordert, der

Unterschied in der Abstammung für die frühere Zeit der Erdentwicklung

nicht aufrecht erhalten werden kann.

Ebensowenig wie in der Fortpflanzung und Abstammung von seinesgleichen

besteht in der +Entwicklung des Organismus+ ein durchgreifender

Unterschied gegenüber den anorganischen Körpern. Unter Entwicklung

verstehen wir eine Reihe von Veränderungen des Organismenkeimes, die

ihn schließlich seinen Erzeugern wieder ähnlich machen. Indessen,

solche Veränderungen kommen in der anorganischen Natur ebenfalls vor

und sind durchaus nicht fundamental davon unterschieden. Schmelzen wir

z. B. ein Stück Schwefel in einem Tiegel über dem Feuer und schütten

wir die geschmolzene Masse in Wasser aus, so bekommen wir eine zähe,

braune, gummiartige Substanz, die mit dem Stück Schwefel, von dem

sie stammt, nicht die geringste äußere Aehnlichkeit hat. Lassen wir

sie aber einen oder zwei Tage liegen, so wird sie allmählich fester

und härter, ihre braune Farbe verblaßt und macht einer gelblichen

Platz, bis die ganze Masse nach einiger Zeit wieder das Aussehen

des gewöhnlichen gelben, harten Schwefels hat. Hier hat das Stück

Schwefel eine Entwicklung durchlaufen, die es dem ursprünglichen

Stück, von dem es abstammte, wieder ähnlich gemacht hat. Aber auch

für die Organismen ist die Entwicklung durchaus kein durchgreifendes

Unterscheidungsmerkmal, denn es gibt Organismen, die leben, +ohne+

sich zu entwickeln, z. B. die +Amöben+. Hier sind, nachdem die +Amöbe+

sich in zwei Teilhälften zerschnürt hat, beide Teile schon ohne

weiteres wieder vollständige +Amöben+ und unterscheiden sich von dem

ursprünglichen Individuum, von dem sie abstammen, nur durch ihre Größe.

Man hat schließlich auch in der +Art des Wachstums+ einen Unterschied

zwischen Organismen und anorganischen Substanzen zu begründen gesucht,

jedoch mit ebenso wenig Erfolg. Zur Aufstellung dieses Unterschiedes

hat wieder die unglückliche Gegenüberstellung des Organismus und des

Kristalls geführt. Man sagte: der Kristall wächst durch „Apposition“,

der Organismus dagegen durch „Intussuszeption“ der Teilchen, d. h. der

Kristall wächst, indem sich an seiner +Oberfläche+ ein Teilchen nach

dem anderen anlagert, wobei das Innere fest und unverändert bleibt,

der Organismus dagegen, indem die Teilchen in das +Innere+ aufgenommen

und zwischen die schon vorhandenen zwischengelagert werden. Wenn man

eine Zelle als Ganzes einem Kristall gegenübergestellt, ist das in der

Tat nicht zu bestreiten; allein nicht alle anorganischen Körper sind

Kristalle, und wir sahen bereits, daß wir die lebendige Substanz der

Organismen ihren physikalischen Eigenschaften nach im wesentlichen nur

mit einer flüssigen Masse in Vergleich setzen dürfen. Flüssigkeiten

aber wachsen stets nur durch Intussuszeption in ihr Inneres, d. h. wenn

man zu einer Flüssigkeit einen löslichen Körper hinzusetzt, etwa Salz

zu Wasser, so löst das Wasser das Salz auf und lagert die Salzmoleküle

durch Diffusion von selbst zwischen seine eigenen Wassermoleküle

hinein. Hier haben wir also genau denselben Vorgang wie beim Wachstum

des Organismus.

Die Vergleichung der genetischen Verhältnisse von Organismen und

anorganischen Körpern liefert daher ebensowenig einen prinzipiellen

Unterschied zwischen beiden, wie die Betrachtung der morphologischen

Verhältnisse, und wir sind wieder gezwungen, weiter zu suchen.

Allgemeine Physiologie · 第 104 / 283 题