Eine zweite Reihe von Unterschieden, die man zwischen Organismen und
anorganischen Stoffen zu finden geglaubt hat, bezieht sich auf die
+Fortpflanzung+ und +Abstammung+. Allein auch diese Unterschiede
sind durchaus nicht prinzipieller Natur, und es bedarf keiner tiefen
Ueberlegung, um zu erkennen, wie in ihnen kein wirklicher Gegensatz
zwischen beiden Körpergruppen begründet ist.
Es ist als charakteristisches Unterscheidungsmerkmal der Organismen
angesehen worden, daß sie sich +fortpflanzen+, während den
anorganischen Körpern die Fortpflanzungsfähigkeit fehlt. Darin liegt
aber wieder kein +durchgreifender+ Unterschied, denn wir kennen
ganze Reihen von Organismen, welche leben und sich trotzdem nicht
einmal fortpflanzen +können+. So geht bekanntlich den sogenannten
„Arbeiterinnen“, jenen mit verkümmerten Geschlechtsorganen versehenen
Individuen im Ameisen- und Bienenstaat, die sogar die große Hauptmasse
des ganzen Staates bilden, die Fortpflanzungsfähigkeit zeitlebens
ab, und dennoch können wir nicht umhin, sie als lebendige Organismen
zu bezeichnen. Ferner aber, wenn wir zusehen, worin eigentlich die
Fortpflanzung bei den Organismen besteht, so finden wir, daß es
lediglich eine Abgabe einer gewissen Menge von Körpersubstanz ist, eine
Teilung des eigenen Leibes. Am deutlichsten, d. h. am wenigsten durch
begleitende Nebenumstände verdeckt, zeigt sich diese Tatsache bei den
einzelligen Organismen. Eine +Amöbe+ z. B. schnürt sich einfach in
zwei Hälften auseinander, und jede von beiden Hälften lebt als neue
+Amöbe+ weiter. Besteht aber die Fortpflanzung im wesentlichen nur in
einer einfachen Teilung der Substanz, so existiert kein prinzipieller
Unterschied zwischen der Teilung einer lebendigen Zelle und eines
anorganischen Körpers. Ein Wassertropfen, der an einer Dachrinne
hängt und sich allmählich vergrößert, zerreißt jedesmal, wenn er eine
bestimmte Größe erreicht hat, und teilt sich in zwei neue Tropfen, die
immer wieder Wassertropfen sind.
Allein man hat gesagt: +Die Organismen stammen stets von anderen
Organismen ab+, während die anorganischen Körper sowohl von Organismen
wie auch von anorganischen Körpern abstammen können. So gelinge es
nicht, auch nur den einfachsten Organismus künstlich aus anorganischen
Stoffen zusammenzusetzen, während es nicht schwer sei, anorganische
Körper, z. B. das Wasser, auf die verschiedenste Weise sowohl aus
organischen wie aus anorganischen Stoffen zu gewinnen. Das erscheint in
der Tat als ein durchgreifender Unterschied, denn es ist wahr, daß es
trotz aller Bemühungen nicht gelungen ist, zu zeigen, daß Organismen
aus anorganischen Stoffen entstehen können, weder in der Natur noch
im Laboratorium. Dennoch kann auch diese Unterscheidung bei genauerem
Zusehen nicht als wirklich durchgreifend anerkannt werden. Man kann
nämlich zunächst einwenden, daß ja im Pflanzenkörper fortwährend
organische Substanz aus anorganischen Stoffen gebildet wird, denn die
Pflanze baut ihren Körper ausschließlich aus anorganischen Stoffen auf.
Aber darauf hat man erwidert, daß diese Entstehung von organischer
Substanz aus anorganischer nur unter Mithilfe von lebendigen Organismen
möglich ist, und ~Preyer~[90] hat gesagt: die Organismen unterscheiden
sich von den anorganischen Körpern eben dadurch, daß sie immer schon
die Existenz von lebendiger Substanz voraussetzen. Allein auch in
dieser Form gilt die Unterscheidung höchstens für unsere jetzige Zeit.
Der Satz ~Virchow~s: „omnis cellula e cellula“, der die im Laufe der
Zeit notwendig gewordene Verallgemeinerung des alten ~Harvey~schen
Satzes: „omne vivum ex ovo“ vorstellt, hat nur Gültigkeit für die
Verhältnisse, die +jetzt+ auf der Erdoberfläche herrschen. Das liegt
auf der Hand. Gehen wir nämlich zurück in der Erdentwicklung, so kommen
wir bald in eine Zeit, wo die Erde noch eine Temperatur hatte, bei der
keine Zelle existieren konnte. Die Zellen müssen also irgendwann einmal
aus Stoffgemengen entstanden sein, die keine Zellen waren. An diesem
Punkt angelangt, stehen wir aber vor folgender Alternative. Entweder
sind, wie die „Urzeugungslehre“ annimmt, die Organismen irgend einmal
aus anorganischen Stoffen entstanden, oder der Begriff des Lebens muß,
wie die „Theorie von der Kontinuität des Lebens“ fordert, auch noch
auf die Körper angewendet werden, aus denen die Zellen sich entwickelt
haben, wenn sie auch noch von der lebendigen Substanz der heutigen
Organismen gänzlich verschieden waren. Nimmt man das erstere an,
so fällt der Unterschied in der Abstammung der beiden Körpergruppen
von selbst fort, +denn dann stammt nicht bloß die anorganische,
sondern auch die organische Natur von lebloser Substanz ab+. ~Preyer~
entschließt sich daher zu der zweiten Annahme, indem er auch die
Stoffgemenge, aus denen die Zellen sich entwickelt haben, ja sogar
schließlich die ganze glühende Masse des Erdballs selbst als lebendig
betrachtet, und sagt, den Satz ~Harvey~s noch weiter ausdehnend: „omne
vivum e vivo“, womit er ausdrücken will, daß das Leben von Ewigkeit
her existiert hat und niemals entstanden ist. Indessen, auch damit
ist die Schwierigkeit, die sich einer durchgreifenden Unterscheidung
der Organismen und anorganischen Körper auf Grund ihrer Abstammung
entgegenstellt, nicht beseitigt. Konsequent seiner Vorstellung, daß
die ganze glühende Masse, die den Erdball einst bildete, als lebendig
zu betrachten sei, nimmt nämlich ~Preyer~ an, daß das Anorganische
aus dem Organischen entstanden sei. Dann aber ist es klar, daß der
oben aufgestellte Unterschied in der Abstammung der beiden großen
Körpergruppen ebenfalls in sich zusammenfällt, +denn dann setzt
nicht nur die organische, sondern auch die anorganische Natur die
Existenz von lebendiger Substanz voraus+. Wir sehen also, daß auch bei
einer Erweiterung des Lebensbegriffs, wie sie ~Preyer~ fordert, der
Unterschied in der Abstammung für die frühere Zeit der Erdentwicklung
nicht aufrecht erhalten werden kann.
Ebensowenig wie in der Fortpflanzung und Abstammung von seinesgleichen
besteht in der +Entwicklung des Organismus+ ein durchgreifender
Unterschied gegenüber den anorganischen Körpern. Unter Entwicklung
verstehen wir eine Reihe von Veränderungen des Organismenkeimes, die
ihn schließlich seinen Erzeugern wieder ähnlich machen. Indessen,
solche Veränderungen kommen in der anorganischen Natur ebenfalls vor
und sind durchaus nicht fundamental davon unterschieden. Schmelzen wir
z. B. ein Stück Schwefel in einem Tiegel über dem Feuer und schütten
wir die geschmolzene Masse in Wasser aus, so bekommen wir eine zähe,
braune, gummiartige Substanz, die mit dem Stück Schwefel, von dem
sie stammt, nicht die geringste äußere Aehnlichkeit hat. Lassen wir
sie aber einen oder zwei Tage liegen, so wird sie allmählich fester
und härter, ihre braune Farbe verblaßt und macht einer gelblichen
Platz, bis die ganze Masse nach einiger Zeit wieder das Aussehen
des gewöhnlichen gelben, harten Schwefels hat. Hier hat das Stück
Schwefel eine Entwicklung durchlaufen, die es dem ursprünglichen
Stück, von dem es abstammte, wieder ähnlich gemacht hat. Aber auch
für die Organismen ist die Entwicklung durchaus kein durchgreifendes
Unterscheidungsmerkmal, denn es gibt Organismen, die leben, +ohne+
sich zu entwickeln, z. B. die +Amöben+. Hier sind, nachdem die +Amöbe+
sich in zwei Teilhälften zerschnürt hat, beide Teile schon ohne
weiteres wieder vollständige +Amöben+ und unterscheiden sich von dem
ursprünglichen Individuum, von dem sie abstammen, nur durch ihre Größe.
Man hat schließlich auch in der +Art des Wachstums+ einen Unterschied
zwischen Organismen und anorganischen Substanzen zu begründen gesucht,
jedoch mit ebenso wenig Erfolg. Zur Aufstellung dieses Unterschiedes
hat wieder die unglückliche Gegenüberstellung des Organismus und des
Kristalls geführt. Man sagte: der Kristall wächst durch „Apposition“,
der Organismus dagegen durch „Intussuszeption“ der Teilchen, d. h. der
Kristall wächst, indem sich an seiner +Oberfläche+ ein Teilchen nach
dem anderen anlagert, wobei das Innere fest und unverändert bleibt,
der Organismus dagegen, indem die Teilchen in das +Innere+ aufgenommen
und zwischen die schon vorhandenen zwischengelagert werden. Wenn man
eine Zelle als Ganzes einem Kristall gegenübergestellt, ist das in der
Tat nicht zu bestreiten; allein nicht alle anorganischen Körper sind
Kristalle, und wir sahen bereits, daß wir die lebendige Substanz der
Organismen ihren physikalischen Eigenschaften nach im wesentlichen nur
mit einer flüssigen Masse in Vergleich setzen dürfen. Flüssigkeiten
aber wachsen stets nur durch Intussuszeption in ihr Inneres, d. h. wenn
man zu einer Flüssigkeit einen löslichen Körper hinzusetzt, etwa Salz
zu Wasser, so löst das Wasser das Salz auf und lagert die Salzmoleküle
durch Diffusion von selbst zwischen seine eigenen Wassermoleküle
hinein. Hier haben wir also genau denselben Vorgang wie beim Wachstum
des Organismus.
Die Vergleichung der genetischen Verhältnisse von Organismen und
anorganischen Körpern liefert daher ebensowenig einen prinzipiellen
Unterschied zwischen beiden, wie die Betrachtung der morphologischen
Verhältnisse, und wir sind wieder gezwungen, weiter zu suchen.