1. Morphologische Unterschiede.

Man hat bei der Vergleichung der Organismen mit den anorganischen

Substanzen mit Vorliebe den Fehler begangen, den Organismus einem

Kristall gegenüberzustellen, statt ihn mit einer Substanz zu

vergleichen, die ähnliche Konsistenz, überhaupt ähnliche physikalische

Verhältnisse bietet wie die lebendige Substanz, also etwa mit einer

dickflüssigen Masse. Aus diesem fehlerhaften Vergleich ist dann eine

Reihe von Unterschieden entnommen worden, deren Unhaltbarkeit auf der

Hand liegt.

So hat man gesagt, indem man die Kristalle im Auge hatte: Die

anorganischen Körper haben nach einfachen +mathematischen Gesetzen

konstruierte Formen+ mit genau bestimmten Winkeln, Ecken und Kanten,

während die Organismen mathematisch nicht darstellbare Körpergestalten

besitzen. Man braucht nicht gerade das „kristallisierte Menschenvolk“

zu zitieren, das ~Mephistopheles~ in seinen Wanderjahren gesehen hat;

die Unhaltbarkeit dieser Unterscheidung wird von selbst klar, wenn

man daran denkt, daß einerseits wirklich auch unter den Organismen

mathematisch sehr einfache Körperformen vorkommen, wie unter den

Rhizopoden bei den mit so überaus zierlichen Kieselskeletten versehenen

Radiolarien sowie bei vielen polyedrisch aneinandergedrängten

Gewebezellen oder schließlich bei vollkommen kugelförmigen Eizellen,

und daß anderseits in der anorganischen Natur sämtlichen Flüssigkeiten

die mathematisch feste Körperform abgeht.

Man hat ferner behauptet: Die anorganischen Körper, wie die Kristalle,

haben keine +Organe+, ein Besitz, der dagegen sämtliche Organismen

kennzeichnet. Auch das ist nicht richtig. Es gibt nicht nur Organismen

ohne eigentliche Organe, wie die +Amöben+ oder noch besser die +roten

Blutzellen+, bei denen der ganze flüssige Protoplasmakörper selbst

Organ für alles ist, es gibt auch anorganische Gebilde mit wirklichen

Organen, wie die Maschinen, bei denen die einzelnen Teile eine ganz

bestimmte Funktion versehen, und dennoch wird niemand im Ernste

die Blutzellen für anorganische Körper oder die Dampfmaschinen für

lebendige Organismen halten.

Einen anderen Unterschied wollte man darin finden, daß die Organismen

im Gegensatz zu allen anorganischen Körpern zusammengesetzt sind aus

den charakteristischen Elementarbausteinen aller lebendigen Substanz,

den +Zellen+. Es ist richtig, daß die Zelle ein spezifisches Element

der gesamten Organismenwelt ist. Aber was diesen Elementarbestandteil

der lebendigen Welt charakterisiert, was ihn unterscheidet von der

ganzen anorganischen Welt, ist nicht seine bloße morphologische

Abgrenzung. Objekte, die aus gesonderten Formelementen zusammengesetzt

sind, können wir auch aus anorganischen Stoffen mit Leichtigkeit

herstellen, und solche Objekte hat die Natur in großem Maßstabe

hergestellt in den Gesteinen, die, wie der Granit, aus einem

Gemenge von lauter isolierten Kristallen bestehen. Was die Zelle

charakterisiert, sind vielmehr ihre chemischen Eigenschaften.

Durchgreifende morphologische Unterschiede liefert uns dieses Moment

nicht.

Man hat schließlich gesagt: die anorganischen Körper besitzen eine

sehr einfache gleichmäßige Struktur, die Organismen dagegen eine

hochkomplizierte „+Organisation+“. Sobald man unter „Organisation“

nur den mehr oder weniger komplizierten Aufbau der Organismen aus

verschiedenartigen Elementarbausteinen, den Zellen, versteht, trifft

das innerhalb gewisser Grenzen zu, wenn auch der Unterschied einem

zusammengesetzten Gestein gegenüber dann immer nur ein gradueller

wäre. Aber wir müssen ja eben schon die einzelne Zelle zum Vergleich

heranziehen, denn sie ist selbst bereits ein vollkommener Organismus.

Will man aber den Begriff der komplizierten „Organisation“ auf die

Zelle anwenden, so kann man damit nur die große morphologische

Mannigfaltigkeit und chemische Komplikation ihrer Inhaltsbestandteile

meinen, und eine solche können wir im Reagenzglas bei komplizierten

chemisch-physikalischen Gemischen ebenfalls herstellen. Versteht man

dagegen unter „Organisation“ eine besondere +Art+ der Aneinanderfügung

der einzelnen Inhaltsbestandteile, wie sie in der anorganischen

Natur nicht vorkäme, so enthält der Begriff mehr oder weniger ein

Stück Mystik, die freilich vielfach noch immer für die Erklärung der

Lebensvorgänge beliebt ist. Wir können aber diesem Vorgang in der

Wissenschaft nicht folgen, denn Wissenschaft und Mystik schließen sich

aus.

Wir sehen: +wesentliche+ Unterschiede liefert uns die Vergleichung der

Bauverhältnisse von lebendiger und anorganischer Substanz nicht, und

wenn wir nicht durchaus der Neigung nachgeben, die lebendige Substanz

immer nur mit dem Kristall zu vergleichen, sondern mit flüssigen

Gemischen, so finden wir, daß sie sich in ihren Bauverhältnissen nicht

+mehr+ von leblosen Flüssigkeitsgemischen unterscheidet, wie diese

untereinander, ja nicht einmal so sehr wie diese von einem Kristall.

Allgemeine Physiologie · 第 103 / 283 题