4. Die optischen Eigenschaften der lebendigen Substanz.

Werfen wir schließlich noch einen flüchtigen Blick auf die optischen

Eigenschaften der lebendigen Substanz, so finden wir, daß das

Protoplasma in den meisten Fällen durchaus farblos, grau, in dünnen

Schichten, die von geformten Einschlüssen frei sind, durchscheinend, in

dicken Schichten undurchsichtig ist, und das Licht etwas stärker bricht

als Wasser.

Im einzelnen verhalten sich aber die mannigfaltigen Formen der

lebendigen Substanz je nach der Beschaffenheit ihrer Bestandteile

verschieden. Einzelne geformte Elemente, wie Fetttröpfchen,

Wassertropfen, Chlorophyllkörner, können intensiv gefärbt sein, so daß

die Zellen, in denen sie in größerer Anhäufung vorhanden sind, gelb,

rot, grün etc. gefärbt sind, wie z. B. bei den Pflanzengeweben. Ebenso

ist das Lichtbrechungsvermögen der einzelnen Bestandteile verschieden,

das der Wassertröpfchen in den Vakuolen geringer, das der Fetttröpfchen

größer als das der Grundsubstanz. Im Leben der Zelle spielen diese

Farbstoffe unter Umständen eine bedeutende Rolle, insofern sie

Licht- und Wärmeeinwirkungen in bestimmter Weise regulieren, wie das

namentlich in weitgehendem Maße im Pflanzenleben der Fall ist. Es

würde zu weit führen, auf alle einzelnen Fälle einzugehen, doch ist

es von Interesse, das Verhalten +einer+ Form der lebendigen Substanz,

nämlich das der sogenannten kontraktilen Substanz, d. h. derjenigen

Substanz, die, wie das amöboide Protoplasma, die Flimmerhaare und die

Muskelfasern, bestimmte Formveränderungen (Kontraktionen) ausführt,

näher ins Auge zu fassen.

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fand ~Boeck~, daß

gewisse Bestandteile der quergestreiften Muskelfaser doppelbrechend

sind, d. h. das Vermögen haben, einen Lichtstrahl zu zerlegen in zwei

Strahlen, die beide mit verschiedener Geschwindigkeit fortgepflanzt

werden, eine Fähigkeit der Muskelsubstanz, die besonders ~Brücke~

später genauer untersuchte. Seitdem hat ~Engelmann~[89] die Beobachtung

gemacht, daß nicht nur diese Schichten des quergestreiften Muskels,

sondern überhaupt alle faserig differenzierten kontraktilen Substanzen,

wie die der glatten und quergestreiften Muskelzellen, der kontraktilen

Fasern oder Myoide des Infusorienkörpers, sowie der Wimperhaare und

Geißelfäden aller Flimmerzellen, positiv einachsig doppelbrechend

sind, und zwar in der Weise, daß ihre optische Achse mit der

Faserrichtung zusammenfällt. Diese Tatsache weist darauf hin, daß die

Molekularstruktur aller dieser Fasergebilde in der Faserrichtung eine

andere sein muß als in den übrigen Richtungen, eine Folgerung, die für

das Verständnis der Kontraktionsvorgänge an diesen Objekten vielleicht

Bedeutung besitzt. An dem nackten kontraktilen Protoplasma der

Rhizopoden, z. B. der +Amöben+, hat ~Engelmann~ keine Doppelbrechung

auffinden können. Nur auf den graden, strahlenförmigen Pseudopodien von

+Aktinosphaerium Eichhornii+, einem zierlichen Süßwasserrhizopoden,

beobachtete er Doppelbrechung, die aber hier höchst wahrscheinlich

nicht von dem kontraktilen Protoplasma herrührt, sondern von starren

Strahlen, die sich als Stützorgane in der Achse der Pseudopodien

befinden und nachweislich mit der Kontraktion nichts zu tun haben.

* *

*

Fassen wir schließlich die Hauptpunkte von allem, was unsere eingehende

Untersuchung ergeben hat, zu einem übersichtlichen Bilde von der

lebendigen Substanz zusammen, so können wir sagen: Die lebendige

Substanz, wie sie jetzt auf der Erdoberfläche existiert, tritt nur auf

in Form von teils einzeln lebenden, teils zu größeren zusammenhängenden

Staaten vereinigten Elementarorganismen, den +Zellen+. Jede Zelle ist

ein meist mikroskopisch kleines Klümpchen +flüssiger Substanz+, in der

verschiedene, teils geformte, teils gelöste Bestandteile eingelagert

sind. Als allgemeine Zellbestandteile, die in allen Zellen zu finden

sind, können nur die dickflüssige Grundmasse selbst, das +Protoplasma+,

und eine darin eingelagerte, etwas festere Substanz, der +Zellkern+,

betrachtet werden. Ein Klümpchen Protoplasma mit einem Kern ist bereits

eine vollständige Zelle und anderseits gibt es keine Zelle, die nicht

Kern +und+ Protoplasma besäße. Ebenso, wie sich morphologisch in der

lebendigen Zellsubstanz die verschiedensten Bestandteile nebeneinander

unterscheiden lassen, ebenso sind in der lebendigen Substanz auch die

verschiedensten chemischen Körper vorhanden. Die +Elementarstoffe+, aus

denen die lebendige Substanz besteht, sind nur solche, wie sie auch in

der unbelebten Körperwelt existieren, doch ist ihre Zahl eine geringe,

und es sind hauptsächlich die Elemente mit niedrigstem Atomgewicht,

welche die lebendige Substanz zusammensetzen. Ein besonderes

Lebenselement existiert nicht. Dagegen sind viele +Verbindungen+, zu

denen diese Elementarstoffe zusammentreten, für die lebendige Substanz

charakteristisch und finden sich nicht in der anorganischen Welt.

Vor allem sind es die +Eiweißkörper+, die kompliziertesten unter

allen organischen Verbindungen, die aus den Elementen C, H, O, N, S

bestehen und in +keiner+ lebendigen Substanz fehlen. Daneben kommen

noch andere komplizierte organische Verbindungen, wie Kohlehydrate,

Fette und einfachere Stoffe vor, die sämtlich entweder aus dem

Zerfall der Eiweißkörper stammen oder zu ihrem Aufbau notwendig sind,

sowie schließlich anorganische Stoffe, wie Salze und Wasser. Die

Eiweißkörper verleihen zugleich der lebendigen Substanz der Zelle ihre

kolloidalen Eigenschaften und der Zelloberfläche die Eigentümlichkeiten

semipermeabler Membranen. Das Wasser ferner gibt der lebendigen

Substanz ihre flüssige Konsistenz, mit der das Leben untrennbar

verknüpft ist. Die Salze endlich regulieren auf osmotischem Wege den

Wassergehalt und damit die Erregbarkeit der Zelle.

Das ist in groben Zügen das Bild, das uns die anatomische, die

mikroskopische, die chemische und die physikalische Untersuchung der

lebendigen Substanz ergeben hat.

Allgemeine Physiologie · 第 101 / 283 题