3. Das spezifische Gewicht der lebendigen Substanz.

Unter den physikalischen Eigenschaften der lebendigen Substanz

besitzt ferner für das Verständnis gewisser Lebensäußerungen ihr

spezifisches Gewicht eine bemerkenswerte Bedeutung. Wenn man Zellen der

verschiedensten Art oder möglichst reine Gewebestücke in destilliertes

Wasser fallen läßt, so beobachtet man fast ganz allgemein, daß sie im

Wasser zu Boden sinken. Es stellt sich also heraus, daß +der Zellinhalt

als Ganzes im allgemeinen spezifisch schwerer ist als Wasser+, d. h.

ein größeres spezifisches Gewicht besitzt als 1. ~Jensen~[88] hat vor

einiger Zeit eine etwas genauere Bestimmung des spezifischen Gewichts

der einzelligen Wimperinfusorienform +Paramaecium aurelia+ ausgeführt,

und zwar in folgender Weise. Bekanntlich kann man durch Zusatz von

löslichen Salzen das spezifische Gewicht einer Flüssigkeit erhöhen und

durch Steigerung der Konzentration sehr fein abstufen. ~Jensen~ setzte

also die +Paramäcien+ in eine schwache Lösung von Kaliumkarbonat,

deren Konzentration er so lange erhöhte, bis die +Paramäcien+ darin

eben nicht mehr zu Boden sanken, sondern mitten in der Lösung schweben

blieben, ein Zeichen, daß jetzt die Lösung dasselbe spezifische Gewicht

besaß, wie die +Paramäcienkörper+. Dann wurde mittelst eines Aräometers

das spezifische Gewicht der Lösung bestimmt, und so fand sich, daß

der Zellkörper der +Paramäcien+ ein spezifisches Gewicht von ungefähr

1,25 besitzt. Im allgemeinen dürfte wohl das spezifische Gewicht der

lebendigen Substanz überhaupt nicht viel höhere Werte aufweisen. Soweit

bis jetzt Erfahrungen vorliegen, handelt es sich immer nur um Werte,

die wenig größer sind als 1.

Allein, es gibt gewisse Fälle, in denen das +Gesamtgewicht+ der Zelle

Abweichungen von diesem allgemeinen Verhalten zeigt, in denen +die

Zelle als Ganzes spezifisch leichter ist als 1+. Diese Fälle sind

ohne weiteres verständlich, wenn wir uns wieder erinnern, daß das

Protoplasma keine homogene Substanz ist. Vergegenwärtigen wir uns z. B.

Zellen, bei denen Fetttröpfchen in der Grundsubstanz des Protoplasmas

eingelagert sind, so ist es möglich, daß, obwohl die Grundsubstanz

spezifisch schwerer ist als Wasser, doch die Zelle als Ganzes ein

geringeres spezifisches Gewicht besitzt, wofern nur die Ansammlung des

Fettes, das spezifisch bedeutend leichter ist als Wasser, eine solche

Größe erreicht, daß sie die Schwere des übrigen Protoplasmakörpers

überwiegt. Solche Fälle sind realisiert in den Fettzellen des

Unterhautbindegewebes beim Menschen und vielen Tieren, die, wenn man

sie ins Wasser wirft, an der Oberfläche schweben bleiben. Fettleibige

Menschen haben aus diesem Grunde beim Schwimmen geringere Anstrengungen

zu machen, um sich über Wasser zu erhalten, als magere. Dieselbe Rolle

wie das Fett können im Zellkörper noch andere Stoffe spielen, vor allem

Gasblasen, die das spezifische Gewicht des Gesamtkörpers der Zelle

unter Umständen enorm herabsetzen können, ein Verhältnis, das z. B.

bei manchen schalentragenden Rhizopoden des Süßwassers (+Arcella+,

+Difflugia+) vorkommt.

Es ergibt sich aus dieser Tatsache, daß die Zelle durch Anhäufung

leichterer oder schwererer Stoffe ihr spezifisches Gewicht unter

Umständen aktiv verringern oder erhöhen und dadurch ohne Benutzung

irgendwelcher Lokomotionsorgane aktiv im Wasser aufsteigen oder

niedersinken kann, eine Fähigkeit, die für das Leben der betreffenden

Organismen unter manchen Verhältnissen, z. B. wenn an der Stelle,

an der sie leben, die Lebensbedingungen ungünstig werden, von

großer Bedeutung ist. +In allen Fällen aber, wo man Zellen findet,

die spezifisch leichter sind als Wasser, sind immer nur bestimmte

Bestandteile, niemals das ganze Protoplasma, spezifisch leichter.+ Die

Grundmasse des Protoplasmas scheint stets um ein Geringes schwerer zu

sein als Wasser.

Allgemeine Physiologie · 第 100 / 283 题