2. Membranfunktionen und osmotische Eigenschaften der Zelle.

Dem Besitz ihrer kolloidalen Verbindungen verdankt die lebendige

Substanz eine Eigentümlichkeit, die für das gesamte Spiel der

Lebensvorgänge von der allergrößten Bedeutung ist, das ist die

Eigentümlichkeit, daß ihre kolloidalen Grenzflächen die Eigenschaften

sogenannter „+semipermeabler Membranen+“ besitzen. Semipermeable

Membranen sind Membranen aus kolloiden Stoffen, welche die Diffusion

bestimmter Stoffe verändern[87]. Bringt man zwischen zwei diffusible

Flüssigkeiten eine vollkommen permeable Scheidewand, etwa von poröser

Kohle oder porösem Ton, so erfolgt der Diffusionsaustausch zwischen

beiden Flüssigkeiten nach den Gesetzen der Diffusion entsprechend

der Diffusionsgeschwindigkeit der beiden Flüssigkeiten. Scheidet man

dagegen die beiden Flüssigkeiten voneinander durch eine semipermeable

Membran aus Kollodium oder Gelatine oder Eiweiß oder irgendeinem

anderen kolloidalen Material, so findet die Diffusion nicht mehr

entsprechend der Diffusionsgeschwindigkeit der beiden Flüssigkeiten

statt, sondern die Membran verändert die Geschwindigkeit der

Diffusion und zwar in sehr verschiedener Weise für verschiedene

Stoffe. Semipermeable Membranen üben also einen elektiven Einfluß

auf die Diffusionsvorgänge aus. Man hat die Bedingungen für diese

Tatsache darin gefunden, daß die kolloidale Substanz der Membran

Lösungsmittel oder gelöste Stoffe absorbiert oder bindet, so daß

Konzentrationsänderungen daraus resultieren. Damit sind zugleich die an

semipermeablen Membranen auftretenden elektrischen Potentialdifferenzen

verständlich, die der Elektrizitätsproduktion der lebendigen Substanz

zugrunde liegen.

Das lebendige Protoplasma hat in seinen kolloidalen Bestandteilen die

Eigenschaften semipermeabler Membranen. Protoplasmaoberflächen üben

daher einen elektiven Einfluß auf die Diffusion bestimmter Stoffe

aus. Dabei hängt das Elektionsvermögen ganz von der Zusammensetzung

des Protoplasmas ab, es kann bei verschiedenen Formen der lebendigen

Substanz sich auf ganz verschiedene Stoffe erstrecken. Für das

Verständnis gewisser Lebensäußerungen sind besonders wichtig einige

Folgen dieses Elektionsvermögens.

Füllen wir eine Flasche, die statt des Bodens eine +einfache

Membran+, etwa aus Pergamentpapier, besitzt, mit einer konzentrierten

Kochsalzlösung und schließen wir sie, nachdem sie bis zum Rande

gefüllt ist, mit einem durchbohrten Gummistopfen, durch den ein

senkrechtes Steigrohr geht, so können wir, wenn wir dieses System

mit der Membran in eine Schale mit destilliertem Wasser tauchen, die

reine Wirkung der Diffusion beobachten. Zwischen beiden durch die

Membran getrennten Flüssigkeiten besteht eine große Differenz des

osmotischen Druckes. Der osmotische Druck einer Lösung ist nach dem

bekannten Gesetz von ~Avogadro~ und nach ~van ’t Hoff~s klassischen

Untersuchungen bei gleicher Temperatur abhängig von der Anzahl der in

der Flüssigkeit enthaltenen Moleküle des gelösten Stoffes. Durch die

Diffusion erfolgt nun bekanntlich eine Durchmischung der miteinander

in Verbindung tretenden Flüssigkeiten so lange, bis die Differenz

vollkommen ausgeglichen ist, d. h. bis beide Flüssigkeiten in allen

Punkten die gleiche Zusammensetzung und Konzentration haben. Da aber

Wasser durch die Membran der Flasche viel schneller hindurchtritt

als Kochsalz, so wird zunächst viel mehr Wasser von der Schale in

die Flasche hineintreten, als Kochsalz aus der Flasche in die Schale

herausdiffundiert. Die Folge davon wird sein, daß die Flüssigkeitsmenge

in der Flasche mehr und mehr zunimmt. Dementsprechend steigt der

hydrostatische Druck in der Flasche, was sich an dem Steigrohr direkt

bemerkbar macht. An dem hydrostatischen Druck haben wir hier einen

Maßstab für den osmotischen Druck. Wäre die Flasche oben geschlossen,

so würde der steigende Druck in der Flasche die Membran immer mehr nach

außen vorpressen, event. bis zum Platzen. Es können durch Osmose auf

diese Weise ganz bedeutende Druckwerte erzielt werden.

[Illustration: Fig. 49. +Dialyseflasche mit Steigrohr.+ Die unten mit

einer einfachen Pergamentpapiermembran verschlossene Flasche ist mit

Kochsalzlösung gefüllt und mit ihrem unteren Ende in eine Schale mit

Wasser gehängt.]

[Illustration: Fig. 50. ~Pfeffer~sche +Zelle im Längsschnitt+. Die

Tonzelle, welche eine Niederschlagsmembran enthält, ist in ein

Wassergefäß gehängt und trägt seitlich einen Tubus, der sie mit einem

Manometer verbindet. Oben ist sie mittels einer zugeschmolzenen

Glasröhre von der Luft abgeschlossen.]

Läßt man indessen eine Dialyseflasche, wie sie hier geschildert

wurde, einige Zeit stehen, so bemerkt man, daß die Flüssigkeitssäule,

nachdem sie ein Maximum erreicht hatte, wieder zu sinken beginnt,

weil allmählich auch immer mehr Kochsalz aus dem Innern der

Flasche durch die Membran in das umgebende Wasser diffundiert.

Der osmotische Druck bleibt also nicht konstant, da die Membran

auch für Kochsalz durchlässig ist. Nehmen wir dagegen statt der

einfachen Pergamentmembran eine +halbdurchlässige Membran+, die

zwar Wasser aber nicht die gelöste Substanz durchläßt, so erhalten

wir nach einiger Zeit einen stationären Druckwert, der nur die

Höhe des osmotischen Druckes angibt. Man verfährt dazu am besten

in der von ~Pfeffer~ beschriebenen Weise, indem man in einer

gewöhnlichen Tonzelle, wie sie für galvanische Elemente dient, eine

Niederschlagsmembran herstellt, die semipermeablen Charakter hat.

Eine kleine, gut gereinigte und unter der Luftpumpe getrocknete

Tonzelle wird mit einer Kupfersulfatlösung getränkt und dann in

eine Ferrocyankaliumlösung getaucht. Ferrocyankalium bildet mit

Kupfersulfat eine Niederschlagsmembran, die sich in den feinen Poren

der Tonzelle ablagert. Nun kann man die Tonzelle abspülen, innen mit

einer Kupfersulfatlösung füllen und dann in reines Wasser hängen. Um

den osmotischen Druck der Kupfersulfatlösung zu bestimmen, verbindet

man eine solche mit einem seitlichen Tubus versehene Tonzelle mit einem

Barometer in der nebenstehend angegebenen Weise und schließt die Zelle

oben luftdicht durch einen Kautschukstopfen, der eine Glasröhre trägt,

die nach vollkommener Füllung der Tonzelle mit Kupfersulfatlösung

abgeschlossen wird, so daß das System jetzt vollkommen geschlossen ist.

Hängt man dann die Tonzelle mit ihrem unteren Teil in ein Glasgefäß

mit Wasser, so beginnt nun das Wasser in die Kupfersulfatlösung

hineinzudiffundieren, während das Kupfersulfat die Niederschlagsmembran

der Tonzelle nicht passieren kann. Infolgedessen steigt der Druck

in der Tonzelle bis zu einem Maximum an, und zwar solange, bis der

Quecksilberdruck dem osmotischen Druck das Gleichgewicht hält. Dann

bleibt der Druck in der Tonzelle stationär und man kann seine Größe an

dem Quecksilberstande des Barometers ablesen.

[Illustration: Fig. 51. +Schema des Zellturgors einer Pflanzenzelle.+

_h_ Zellmembran, _p_ Primordialschlauch, _k_ Zellkern, _c_

Chlorophyllkörper, _s_ Zellsaft, _e_ eindringende Salzlösung. Bei

_A_ Zelle in voller Turgeszenz, der Primordialschlauch liegt der

Zellmembran fest an. Bei _B_ hat der Turgor infolge einwirkender

Salzlösung abgenommen, die Zelle ist kleiner geworden, aber der

Primordialschlauch liegt der Zellmembran noch an. Bei _C_ ist der

Turgor noch geringer geworden, der Primordialschlauch beginnt sich von

der Zellhaut, die ihre geringste Größe erreicht hat, abzuheben. Bei _D_

hat der Primordialschlauch sich vollständig zusammengezogen, weil die

osmotische Wirkung der von außen her einwirkenden Salzlösung _e_ sehr

hohe Werte erreicht hat. Nach ~de Vries~.]

Die lebendige Zelle repräsentiert nun ein ähnliches System wie die

Tonzelle im obigen Versuch. Sie kann aufgefaßt werden als eine

Flüssigkeitsmasse, in der osmotisch wirksame Stoffe gelöst sind und

die umgeben ist von einer semipermeablen Membran, die für Wasser gut,

für die im Zellinhalt gelösten Stoffe aber gar nicht durchlässig

ist. Ein ideales Paradigma dieser Verhältnisse bietet z. B. die

Pflanzenzelle. Bekanntlich stellt die Pflanzenzelle eine zylindrische

Kapsel vor, deren Wände von einer elastischen Zellulosehaut gebildet

werden (Fig. 51). Die Zellulosehaut entspricht der Tonwand des

Zylinders im obigen Versuch. Die Innenhaut der Zellulosekapsel ist

mit einer dünnen aber kontinuierlichen Protoplasmaschicht, dem

sogenannten „Primordialschlauch“ überzogen, der wie ein Sack oder

eine Blase eine Flüssigkeit, den „Zellsaft“, umschließt und in der

Regel Stränge von Protoplasma quer- und längsverzweigt mitten durch

diese große Zellsaftvakuole hindurchsendet (auf der nebenstehenden

schematischen Figur sind diese Protoplasmastränge fortgelassen). Der

Primordialschlauch hat semipermeable Eigenschaften und entspricht

der Niederschlagsmembran im obigen Versuch. Im Zellsaft gelöst sind

verschiedene osmotisch wirksame Stoffe wie Salze, Zucker etc.,

die im Lebensprozeß der Zelle produziert werden. Sie entsprechen

der Kupfersulfatlösung im obigen Versuch. Für diese Stoffe ist

das Protoplasma als semipermeable Membran im normalen Zustande

undurchlässig. Sie können also nicht von innen nach außen durch den

Primordialschlauch hindurchdiffundieren. Dagegen kann Wasser von

außen nach innen in die Zelle hineindiffundieren. Wenn also beim

Stoffwechsel der Zelle mehr osmotisch wirksame Moleküle im Zellsaft

aufgehäuft werden als in dem umgebenden Medium sich befinden, wird

von außen solange Wasser in das Innere der Zelle hineintreten, bis

die Druckdifferenzen ausgeglichen sind. Osmotische Druckdifferenzen

zwischen Zellinhalt und äußerem Medium können nicht auf die Dauer

bestehen, sie gleichen sich durch Diffusion immer von selbst aus,

sobald sie auftreten. Im vorliegenden Falle muß daher der Druck in der

Zelle durch die Wasseraufnahme steigen, d. h. der Primordialschlauch

wird ausgedehnt. Aber nicht nur der Primordialschlauch, sondern auch

die elastische Zellulosekapsel erfährt eine Dehnung, so daß die ganze

Zelle an Volumen zunimmt. Der Druck, der auf diese Weise in der Zelle

entsteht, wird als „+Turgor+“ der Zelle bezeichnet. Es ist klar, daß

der Turgor der Zelle ganz abhängig ist von dem osmotischen Druck.

Bringt man die Zelle in ein Medium, das einen geringeren osmotischen

Druck hat als der Zellinhalt, das also weniger osmotisch wirksame

Moleküle gelöst enthält als der Zellsaft, so wird der Turgor der Zelle

durch Wasseraufnahme steigen. Infolgedessen nimmt das Volumen der Zelle

zu, die Zellmembran wird gedehnt. Erhöht man umgekehrt die Zahl der

osmotisch wirksamen Moleküle im Medium, so wird der Turgor der Zelle

durch Wasserabgabe sinken. Die Wasserabgabe kann dabei so stark werden,

daß sich der Primordialschlauch beim allmählichen Zusammenziehen

ganz von der vollständig entspannten und auf ein geringeres Volumen

reduzierten Zellulosekapsel abhebt (Fig. 51 _D_). Man spricht dann

in der Pflanzenphysiologie wenig zutreffend von „+Plasmolyse+“. Der

Turgor der Pflanzenzellen ist für die Erhaltung der Festigkeit und

Widerstandsfähigkeit und dadurch der Stellung der Pflanzenteile, wie

Stengel, Blätter, Blüten etc. von der größten Bedeutung. Pflanzen, in

deren Zellen der Turgor sinkt, werden welk.

Noch nach einer anderen Richtung hin spielen die osmotischen Vorgänge

im Leben der Zelle eine tief eingreifende Rolle. Die Osmose reguliert

den Wassergehalt der lebendigen Substanz. Vom Wassergehalt aber

ist wiederum die Fähigkeit der lebendigen Substanz, auf Reize zu

reagieren, in engster Abhängigkeit. Jede Zellform hat einen unter

normalen Verhältnissen für sie ganz spezifischen Wassergehalt, der

auf osmotischem Wege bestimmt wird einerseits durch die Menge der

Salze und anderen osmotisch wirksamen Stoffe, welche die Zelle

enthält, und andererseits durch die Menge der osmotisch wirksamen

Stoffe im umgebenden Medium. Bei ungestörtem Stoffwechsel sind diese

Mengenverhältnisse konstant. Dem entspricht ein ganz bestimmter

Grad der Erregbarkeit der Zelle durch Reize. Entzieht man aber auf

osmotischem Wege der Zelle Wasser, so daß der Wassergehalt ihrer

lebendigen Substanz sinkt, so nimmt ihre Erregbarkeit zu, steigert

man umgekehrt ihren Wassergehalt über die Norm, so sinkt ihre

Erregbarkeit. Das zeigt z. B. sehr deutlich der Muskel. Durchspült man

einen Muskel mit einer +hyper+tonischen Salzlösung, d. h. mit einer

Salzlösung, die einen höheren osmotischen Druck hat als die normale

Spülflüssigkeit des Muskels, das Blut, so rufen dieselben Reize, die

vorher eben nur eine schwache Reaktion erzeugten, alsbald heftige

Kontraktionen hervor. Durchspült man dagegen umgekehrt den Muskel mit

einer +hypo+tonischen Salzlösung, so wirken alsbald die stärksten Reize

nicht mehr.

Schließlich dürften die osmotischen Vorgänge in der Zelle und speziell

die elektiven Eigenschaften der semipermeablen Protoplasmaoberflächen

einen wichtigen Faktor bilden bei der Entstehung der elektrischen

Ströme, die wir unter gewissen Bedingungen an lebendigen Objekten

auftreten sehen. Indem beim Zerfall elektrisch indifferenter Moleküle

elektrisch positiv und elektrisch negativ geladene Atome resp.

Atomgruppen, die „+Kationen+“ und „+Anionen+“ entstehen, und indem

die semipermeablen Membranen die eine Ionenart leichter durchlassen

als die andere, ist stets Gelegenheit zur Entstehung elektrischer

Potentialdifferenzen an verschiedenen Stellen eines lebendigen

Objektes gegeben. Es ist aber kaum zweifelhaft, daß sich in Zukunft

noch zahlreiche andere Vorgänge im Zellleben werden auffinden lassen,

die von den Verhältnissen der Osmose und den Eigenschaften der

Protoplasmaflächen als semipermeabler Membranen in tiefeinschneidender

Weise beherrscht werden.

Allgemeine Physiologie · 第 99 / 283 题