2. Das Protoplasma.

Es ist häufig der Fehler begangen worden, daß man das Protoplasma als

eine chemisch einheitliche Substanz betrachtet hat. Dieser Auffassung

liegt ein doppelter Irrtum zugrunde. Der Begriff Protoplasma, wie

ihn die älteren Zellforscher geschaffen haben, ist einerseits gar

kein chemischer, sondern ein morphologischer Begriff, und anderseits

umfaßte er den +ganzen+ Inhalt der Zelle mit Ausnahme des Kerns.

Dieser Zellinhalt ist aber weder in chemischem noch in morphologischem

Sinne eine einheitliche Substanz, sondern ist ein Gemisch von

vielen, teils flüssigen und gelösten, teils festeren und geformten

Bestandteilen, und es muß immer wieder darauf aufmerksam gemacht

werden, daß eine Einschränkung des Begriffs Protoplasma auf gewisse

Bestandteile der Zelle schon deshalb durchaus unstatthaft ist und

zu ganz schiefen Konsequenzen führt, weil es durchaus falsch wäre,

den einen oder den anderen Bestandteil als nebensächlich aus dem

Begriff auszuscheiden. Die konditionale Betrachtungsweise, die nicht

eine einzige „Ursache“ der Lebensvorgänge kennt, weiß auch nichts

von einer einzigen chemischen Verbindung, an die das Leben geknüpft

wäre. Sie kennt nur eine große Menge von notwendigen Bedingungen und

so sind denn auch alle die Stoffe, die im Protoplasma vorhanden sind

und am Lebensvorgang in irgendeiner Weise teilnehmen, solche inneren

Bedingungen des Lebens, die alle gleichwertig sind, weil sie eben

notwendig sind zum Zustandekommen des Lebens. Der Begriff Protoplasma

ist daher unter allen Umständen in dem ursprünglichen Sinne als ein

morphologischer Sammelbegriff aufrecht zu erhalten; das Protoplasma ist

eine Summe, ein Gemisch der verschiedensten Substanzen. Mag man nach

und nach immer mehr die einzelnen Bestandteile, welche das Protoplasma

zusammensetzen, morphologisch und chemisch charakterisieren, mag man

immerhin bestimmten hochkomplizierten organischen Verbindungen eine

zentrale Stellung anweisen im Lebensprozeß, der Begriff Protoplasma

als Sammelbegriff wird dadurch nicht beseitigt werden. Welche

verschiedenartigen +Leistungen+ die einzelnen Stoffe im Lebensprozeß

der Zelle vollziehen, ist eine ganz andere Frage, die den Begriff

Protoplasma nicht berührt.

[Illustration: Fig. 27. _a_ +Epidermiszellen+ vom Frosch. Die lebendige

Substanz erscheint vollkommen hyalin. _b_ +Clepsidrina blattarum+, eine

einzellige Gregarine aus dem Darm der Küchenschabe. Das Protoplasma ist

ganz mit Körnchen angefüllt.]

Wenn wir den Inhalt des Protoplasmas untersuchen, so können wir bei

oberflächlicher Betrachtung schon zwei Gruppen von Bestandteilen

unterscheiden, einerseits verschiedene einzeln abgegrenzte Körper, wie

Körner, Tröpfchen usw., und anderseits eine gleichmäßige, zähflüssige,

homogen erscheinende Grundmasse, in der die ersteren ebenso wie der

Zellkern eingebettet liegen. Während aber in manchen Zellen die

Grundmasse keine oder nur wenige Einlagerungen geformter Körper zeigt,

wie z. B. bei vielen Epithelzellen (Fig. 27 _a_), ist in anderen vor

lauter körnigen Bestandteilen die homogene Grundmasse kaum zu sehen,

wie das bei manchen Pflanzenzellen und besonders ausgeprägt bei

gewissen parasitär lebenden einzelligen Organismen, den Gregarinen

(Fig. 27 _b_), häufig vorkommt.

a) Die geformten Bestandteile des Protoplasmas.

Fassen wir zuerst die +geformten Bestandteile des Protoplasmas+ ins

Auge, so sind es körperliche Elemente der allerverschiedensten Natur,

die aber sämtlich +spezielle+ Zellbestandteile sind, also nicht in

allen Zellen vorkommen. Wir finden darunter Körper, die für das Leben

der betreffenden Zelle, in der sie enthalten sind, unbedingt notwendig

sind, Stoffe, die gewissen Zellen geradezu ein charakteristisches

Gepräge aufdrücken; wir finden aber auch Bestandteile, die im

Lebensprozeß nicht weiter Verwendung finden, wie z. B. unverdauliche

Reste der Nahrung. Wir stoßen ferner auf Nahrungsbestandteile, die

noch nicht verändert sind; wir bemerken aber auch Stoffe, die aus der

Nahrung durch den Lebensprozeß bereits in bestimmter Weise umgewandelt

oder sogar neu gebildet und als Reservematerialien aufgespeichert

worden sind, und schließlich treffen wir in manchen Zellen ganz

konstant selbständige Organismen, die als Symbionten oder Parasiten

in ihnen dauernd leben und unter Umständen eine gewisse Rolle im

Lebensprozeß der Zelle spielen können.

[Illustration: Fig. 28. _a_ +Eine Pflanzenzelle mit

Chlorophyllkörpern+. _b_ Ein Chlorophyllkörper in Teilung begriffen.

Nach ~Sachs~.]

Unter den geformten Protoplasmabestandteilen, die eine unentbehrliche

Bedeutung im Leben der betreffenden Zelle haben, die daher als

Organe der Zelle oder, da wir unter Organ ein aus vielen Zellen

zusammengesetztes Gebilde verstehen, besser als „Organoide“ der Zelle

aufgefaßt werden können, sind besonders wichtig die +Chlorophyllkörper+

der Pflanzenzellen. Diese kleinen, meist rundlichen, bisweilen

auch bandförmigen Körper, die in der Grundmasse des Protoplasmas

eingebettet liegen (Fig. 28), sind es, die der Pflanzenzelle und

damit der ganzen Pflanze ihre prachtvolle grüne Farbe geben, denn

ihr weicher, aus Eiweißverbindungen bestehender Körper enthält einen

intensiv grünen Farbstoff. Die Chlorophyllkörper sind unentbehrlich

für das Leben der Pflanzenzelle, denn in ihnen läuft ein bedeutsamer

Teil des Lebensprozesses ab, der die Pflanzenzelle charakterisiert.

Andere Organoide der Zelle, die ebenfalls ein bedeutsames Glied im

Zellleben bilden, stellen die Flüssigkeitstropfen oder +Vakuolen+,

wie sie gewöhnlich, wenn auch wenig treffend, genannt werden, vor.

Unter den Vakuolen lassen sich zwei Arten unterscheiden. Es gibt

Flüssigkeitstropfen, die nur gelegentlich einmal im Protoplasma sich

an einer Stelle ansammeln, wo gerade eine Wasser anziehende Substanz

gelegen ist; es gibt aber auch Vakuolen, die dauernd existieren und

häufig in so großer Menge im Protoplasma vorhanden sind, daß die

Grundsubstanz des Protoplasmas ganz gegen sie zurücktritt und nur

noch dünne Wände für die Vakuolen abgibt, so daß das Protoplasma

förmlich ein schaumiges Aussehen erhält, wie z. B. bei manchen

Pflanzenzellen (Fig. 29 _a_, _b_, _c_) und Radiolarien (Fig. 29 _d_).

Zu den konstanten Vakuolen, die als Zellenorganoide dienen, gehören

schließlich die sogenannten kontraktilen oder pulsierenden Vakuolen,

Flüssigkeitstropfen, die meist rhythmisch im Protoplasma verschwinden

und wieder an derselben Stelle entstehen, indem die Flüssigkeit sich

rhythmisch mit dem Protoplasma mischt und wieder sammelt. Manche

dieser pulsierenden Vakuolen haben komplizierte Abzugskanäle und eine

dauernd bestehende Wandschicht, wie das z. B. bei vielen einzelligen

freilebenden Organismen, besonders den Wimperinfusorien, der Fall ist

(Fig. 30).

[Illustration: Fig. 29. _a_ +Pflanzenzelle+ aus einem Staubfadenhaar

von +Tradescantia+. Nach ~Strasburger~. _b_ und _c_ Pflanzenzelle mit

großen Vakuolen. Nach ~Haberlandt~. _d_ +Thalassicolla nucleata+, eine

Radiolarienzelle.]

Neben solchen dauernd bestehenden Formelementen des Protoplasmas

trifft man nun in vielen Zellen geformte Bestandteile, die nur

vorübergehend als solche vorhanden sind. Hierhin gehören vor allem

die +Nahrungskörper+, welche in Zellen zu finden sind, die sich durch

Aufnahme geformter Nahrungsbestandteile ernähren. Einzellige, nackte

Organismen, wie Amöben, weiße Blutzellen, Infusorienzellen und andere,

zeigen in ihrem Körperinhalt nicht selten kleine +Algen+, +Bakterien+,

+Infusorien+, die sie von außen her aufgenommen haben (Fig. 31

_I_), und die zuweilen kaum von anderen geformten Bestandteilen

des Protoplasmas zu unterscheiden sind. Diese Nahrungsorganismen

werden allmählich verdaut und verschwinden dann als geformte

Protoplasmabestandteile.

[Illustration: Fig. 30. +Paramaecium aurelia+, eine

Wimperinfusorienzelle. _b_₁ und _b_₂ die beiden alternierend

pulsierenden Vakuolen, von denen _b_₁ gerade im Stadium der Diastole,

_b_₂ im Stadium der Systole sich befindet. Bei _b_₂ sind die radiären

Kanäle deutlich zu sehen. Die übrigen Buchstaben bezeichnen: _a_ den

Zellkern (Makronucleus), _c_ den Zellmund, _d_ den Zellpharynx, _e_ den

Zellafter, _f_ die Trichocysten, _g_ die Basalkörperchen der Wimpern,

_h_ Nahrungsballen, die mit dem Protoplasma in der Richtung der Pfeile

_k_ zirkulieren, und _i_ das Peristomfeld. Nach einer Zeichnung von ~A.

Pütter~.]

[Illustration: Fig. 31. _I_ +Leukocyten+ oder weiße Blutzellen vom

Frosch, die ein Bakterium enthalten. Nach ~Metschnikoff~. _II_

+Pflanzenzelle+ mit Stärkekörnern. _III_ +Stärkekörner+ isoliert. _a_

von der Kartoffel, _b_ vom Mais, _c_ von der Erbse.]

Dafür treten als +Produkte der Nahrungsumwandlung+, sowohl bei Zellen,

die geformte, als auch bei Zellen, die nur flüssige Nahrung aufnehmen,

häufig wieder bestimmte, meist rundliche Körnchen im Zellkörper auf,

Körnchen der allerverschiedensten Natur (Fig. 7), die ~Altmann~ zum

Teil unter dem Namen +Granula+ zusammengefaßt hat, und die er, wie wir

bereits oben sahen, für die Elementarorganismen, die letzten lebendigen

Elemente der Zelle, hält. Der größte Teil dieser Stoffwechselprodukte

der lebendigen Substanz, die in Form von Granulis den Protoplasmakörper

zusammensetzen helfen, ist seiner chemischen Natur und seiner Bedeutung

nach noch nicht bekannt. Dagegen sind andere sehr genau charakterisiert

und leicht zu erkennen, wie z. B. die konzentrisch geschichteten

+Stärkekörnchen+ in den Pflanzenzellen (Fig. 31 _II_ und _III_), die

+Fetttröpfchen+ in den Zellen der Milchdrüsen, die +Glykogenkörnchen+

in den Leberzellen, die +Pigmentkörnchen+ in den Pigmentzellen der

Haut vieler gefärbter Tiere (Fig. 22 _d_), die aus Eiweiß bestehenden

+Aleuronkörner+ in den Zellen keimender Pflanzensamen, die Kristalle

von +Kalkoxalat+ in Pflanzenzellen, von +Guaninkalk+ in Pigmentzellen

und viele andere, deren spezielle Aufzählung zu weit führen würde.

[Illustration: Fig. 32. +Amöbenzelle+, die eine Diatomeenschale und

zwei Sandkörnchen in ihrem Protoplasma enthält.]

[Illustration: Fig. 33. +Paramaecium bursaria+, eine

Wimperinfusorienzelle, deren Exoplasma mit kleinen parasitären

Algenzellen (Zoochlorellen) erfüllt ist.]

Eine vierte Gruppe von geformten Elementen finden wir im Inhalt mancher

Zellen. Elemente, die am Lebensprozeß der Zelle überhaupt nicht oder

nicht mehr beteiligt sind. Das sind die gelegentlich aufgenommenen

unverdaulichen Körper, wie +Sandkörnchen+ (Fig. 32), die man in manchen

Amöben trifft, ferner die unverdaulichen Reste der Nahrungsstoffe, wie

+Schalen+, +Skelette+, +Hülsen von Nahrungsorganismen+, und endlich die

+Exkretstoffe+, die als unbrauchbare Nebenprodukte oder als Endprodukte

des Stoffwechsels noch eine Zeitlang im Zellkörper verharren, und nach

und nach ausgeschieden werden.

Schließlich sind unter den geformten Elementen des Protoplasmas in

gewissen Zellen, besonders im Wasser lebender Tiere, nicht selten

symbiotische oder parasitäre einzellige Organismen, die zwar genau

genommen nicht zum Protoplasma der betreffenden Zelle gehören, die aber

in einzelnen Fällen eine wichtige Rolle im Leben ihres Wirtes spielen.

Solche symbiotische Organismen sind vor allem manche Algen, die

+Zooxanthellen+ und +Zoochlorellen+, über deren Natur als selbständige

Organismen lange Zeit gestritten worden ist. Sie finden sich zahlreich

in den Zellen niederer Tiere und besonders vieler Infusorien und

Radiolarien, denen sie durch die Tätigkeit ihrer Chlorophyllkörper den

Sauerstoff liefern, so daß ihre Wirte in ihrer Atmung in hohem Grade

unabhängig von dem Sauerstoffgehalt des Mediums werden, in dem sie

leben (Fig. 33).

Wir wollen hier nicht in ermüdender Aufzählung jedes einzelne geformte

Element anführen, das in dieser oder jener Zelle anzutreffen ist.

Eine solche Liste würde viele Druckseiten füllen müssen. Es kommt uns

hier nur darauf an, zu sehen, wie verschiedener Natur die geformten

Bestandteile des Protoplasmas sind, die in einzelnen Zellen auftreten

können, und wie unberechtigt es daher ist, das Protoplasma als eine

einheitliche Substanz aufzufassen. Verlassen wir also die Reihe der

geformten Protoplasmaelemente, und wenden wir uns zur Betrachtung der

homogenen Grundsubstanz.

b) Die Grundsubstanz des Protoplasmas.

Wie bereits bemerkt, erscheint die +Grundsubstanz des Protoplasmas+, in

der die Granula etc. eingebettet sind, bei oberflächlicher Betrachtung

vollständig homogen. Man kann das am besten an solchen Zellen sehen,

die in ihrer Grundsubstanz nur wenig geformte Bestandteile eingelagert

enthalten, besonders bei vielen +Amöben+, jenen freilebenden, am Boden

stehender Gewässer umherkriechenden Zellen, deren nackte, fortwährend

ihre Form wechselnde Protoplasmakörper die niedrigsten und einfachsten

Organismen vorstellen, die überhaupt unsere Erdoberfläche bewohnen.

Diese interessanten Elementarorganismen bilden in der Regel völlig

granulafreie Vorwölbungen oder Pseudopodien (Scheinfüße) an ihrer

Oberfläche von breiter, finger- oder lappenförmiger Gestalt, die

vollkommen hyalin und strukturlos erscheinen (Fig. 21, p. 87 und Fig.

34). In der Tat ist wohl auch bei den +Amöben+ das hyaline Protoplasma

nicht selten vollkommen strukturlos. Wenigstens haben alle bisherigen

Untersuchungen, die mit den besten mikroskopischen Untersuchungsmitteln

vorgenommen worden sind, keinerlei Struktur erkennen lassen.

[Illustration: Fig. 34. +Amöbenzelle+ mit vollkommen hyalinem und

homogenem Pseudopodien-Protoplasma. Neben dem Kern liegt im Endoplasma

eine blasse, kontraktile Vakuole (Flüssigkeitstropfen).]

Aber die wirkliche Homogenität der Grundsubstanz des Protoplasmas ist

jedenfalls nicht die Regel, vielmehr zeigt sich bei Anwendung starker

Vergrößerungen, daß die überwiegende Mehrzahl aller Zellen in ihrer

scheinbar homogenen Grundmasse in Wirklichkeit eine äußerst feine und

charakteristische Struktur besitzt.

Schon 1844 hatte ~Remak~[44] beobachtet, daß nicht nur die

Nervenfäden, sondern auch die Ganglienzellen des Zentralnervensystems

eine sehr feine faserige oder fibrilläre Struktur erkennen lassen, eine

Beobachtung, die von einer großen Reihe von Forschern, besonders ~Max

Schultze~[45], und in neuerer Zeit von ~Apáthy~[46] und ~Bethe~[47]

bestätigt und erweitert wurde. Später fand man auch in einzelnen

anderen Zellen, in Drüsenzellen, Epithelzellen, Muskelzellen etc., eine

streifige Struktur des Protoplasmas, und so bildete sich bei einzelnen

Forschern die Vorstellung heraus, daß eine fibrilläre Struktur des

Protoplasmas weit verbreitet wäre, eine Ansicht, die noch heute

besonders von ~Flemming~, ~Ballowitz~ und ~Camillo Schneider~ vertreten

wird.

Indessen schon früh erfuhr diese Lehre vom fibrillären Bau des

Protoplasmas eine Modifizierung. ~Frommann~ besonders hat seit

1867 in einer langen Reihe von Arbeiten zu zeigen gesucht, daß die

feinere Struktur des Protoplasmas aller Zellen nicht eigentlich eine

fibrilläre, sondern eine netzförmige sei, eine Ansicht, die fast

gleichzeitig auch von ~Heitzmann~ aufgestellt wurde und bald eine

weitere Verbreitung fand. Nach dieser Vorstellung soll das Protoplasma

ein Netzwerk oder besser ein Maschenwerk bilden, dessen Knotenpunkte

uns als einzelne Körnchen erscheinen. Das ganze Maschenwerk der Zelle

ist nach außen offen, und zwischen seinen Fäden befindet sich eine

Flüssigkeit, die aber von der Flüssigkeit des Mediums, in dem die Zelle

lebt, also vom Wasser oder von den Körpersäften etc., verschieden

ist. Es ist schwer, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie es die

Anhänger der Lehre von der Netzstruktur des Protoplasmas für möglich

halten, daß sich die innere Zellflüssigkeit bei membranlosen Zellen,

wie es die Leukocyten des Blutes und die Amöben sind, an denen gerade

die Netzstruktur von ~Heitzmann~ sehr eingehend geschildert worden war,

trotz ihres großen Wassergehalts nicht fortwährend mit dem umgebenden

Medium mischt. Versuche, membranlose lebendige Protoplasmamassen mit

bestimmten Farbstofflösungen zu färben, zeigen jedenfalls deutlich,

daß die Färbeflüssigkeit nicht in das lebendige Protoplasma eindringt.

Diese und ähnliche Schwierigkeiten, die sich aus der Auffassung des

Protoplasmas als eines nach allen Seiten hin offenen Maschenwerks

ergeben, haben denn auch viele Forscher zu einer sehr ablehnenden

Haltung gegenüber der Lehre von der Netzstruktur des Protoplasmas

veranlaßt, obwohl von verschiedenen Seiten das netzförmige +Aussehen+

des Protoplasmas vieler Zellen bestätigt wurde.

[Illustration: Fig. 35. _a_ +Schaumstruktur im intrakapsulären

Protoplasma von Thalassicolla nucleata+. _b_ +Schaum aus Olivenöl und

Rohrzucker+. _c_ +Protoplasmastruktur auf einer Pseudopodienausbreitung

einer Foraminiferenzelle (Miliola)+. _d_ +Protoplasmastruktur einer

Epidermiszelle des Regenwurms+. Nach ~Bütschli~.]

Erst die ausgezeichneten Untersuchungen, mit denen ~Bütschli~[48] vor

einer Anzahl von Jahren die wissenschaftliche Welt überrascht hat,

haben uns vollständige Klarheit über die wirkliche Beschaffenheit der

so vielfach beobachteten Protoplasmastrukturen gegeben. Betrachtet

man das Protoplasma einer Zelle, die so viele Vakuolen oder

Flüssigkeitstropfen einschließt, daß ihr Inhalt ein schaumiges Ansehen

besitzt, mit stärkeren Vergrößerungen unter dem Mikroskop, so erhält

man nicht das Bild vieler dichtgedrängter Vakuolen oder Blasen,

sondern das Bild eines Netzwerkes, dessen Fäden die Querschnitte der

dünnen Vakuolenwände bilden. Es liegt das daran, daß man mit starken

Vergrößerungen immer nur Flächen, nie Körper sehen kann. Das Mikroskop

zeigt von Körpern immer nur optische Querschnitte. Der optische

Querschnitt durch einen Schaum aber stellt ein Netzwerk vor. So kommt

es, daß stark vakuolisiertes Protoplasma bei stärkeren Vergrößerungen

als Netzwerk erscheint. Diese Tatsache führte ~Bütschli~ zu der

Ueberzeugung, daß auch das feine netzförmige Aussehen des bei schwacher

Vergrößerung homogen erscheinenden Protoplasmas, wie es bei so vielen

Zellen bereits beobachtet worden war, nur der optische Ausdruck einer

äußerst feinblasigen Schaumstruktur sei. Um diese Frage zu entscheiden,

versuchte ~Bütschli~ mikroskopische Schäume künstlich herzustellen

von gleicher Feinheit wie die fraglichen Protoplasmastrukturen, und

das gelang ihm in der wünschenswertesten Weise. ~Bütschli~ benutzte

zu diesen Versuchen Oel, das mit Pottasche oder Rohrzucker sehr fein

verrieben worden war. Kleine Tröpfchen von diesem Oelbrei, auf einer

Glasplatte in einen Wassertropfen gesetzt, mit einem Deckgläschen

bedeckt und unter dem Mikroskop beobachtet, nahmen alsbald eine

äußerst feinschaumige Struktur an, indem die Pottaschen- oder

Rohrzuckerteilchen, die fein in dem Oeltröpfchen verteilt waren,

durch das Oel hindurch auf dem Wege der Diffusion Wasserteilchen von

außen her anzogen, so daß sich sehr feine Wassertröpfchen um sie

herum dichtgedrängt im Oeltropfen ansammelten und diesen in einen

überaus feinen Oelschaum verwandelten. Die auf diese Weise gewonnenen

Oelschäume zeigten nun eine so auffallende Uebereinstimmung mit der

Struktur des Protoplasmas, daß sie kaum davon zu unterscheiden waren.

Die umstehenden Figuren 35 _a_ und _b_, die von ~Bütschli~ entlehnt

sind, lassen die völlige Identität in der Struktur beider Objekte auf

den ersten Blick erkennen. Nach den sehr sorgfältigen und umfassenden

Untersuchungen, die ~Bütschli~ in seinem großen Werke veröffentlicht

hat, und nach den zahlreichen Bestätigungen, die seine Entdeckung durch

Forscher wie ~Schaudinn~ und andere erfahren hat, kann es jetzt keinem

Zweifel mehr unterliegen, daß die in Frage stehenden feinen Strukturen

des Protoplasmas in Wirklichkeit Schaumstrukturen sind, die darauf

beruhen, daß in einer gleichartigen Grundmasse eine ungeheure Menge

äußerst feiner, fast an der Grenze der mikroskopischen Wahrnehmbarkeit

liegender Vakuolen eingebettet ist, die so dicht aneinander gedrängt

sind, daß ihre Wände nur verhältnismäßig dünne Lamellen bilden.

~Bütschli~ hat ferner diese Schaumstruktur des Protoplasmas bei einer

so großen Zahl der verschiedensten Zellformen (Fig. 35 _a_, _c_, _d_)

nachgewiesen, daß ihre weite Verbreitung jetzt nicht mehr bestritten

werden kann.

Nach allen diesen Untersuchungen der neueren Zeit können wir uns jetzt

folgendes Bild von dem feineren morphologischen Bau des Protoplasmas

machen. +Das Protoplasma besteht aus einer in manchen Fällen

anscheinend vollständig homogenen, in vielen Fällen aber sehr fein

schaumartig oder wabenartig strukturierten Grundmasse, in der eine mehr

oder weniger große Menge der verschiedenartigsten geformten Elemente

oder Granula eingeschlossen liegt. Bei dem schaumartigen Protoplasma

liegen die Granula immer in den Ecken und Kanten, wo die Schaumvakuolen

zusammen stoßen, niemals in der Flüssigkeit der Schaumwaben selbst.

Schließlich enthält das Protoplasma in seiner Grundmasse in einzelnen

Fällen fibrilläre und grob retikuläre Differenzierungen.+

Von der Auffassung ~Altmann~s, der die Granula allein für die

Elementarteile des Protoplasmas, die Zwischensubstanz zwischen den

Granulis aber für nicht lebendig hält, haben wir bereits oben[49]

gesprochen. Ihre Unhaltbarkeit tritt nach den ~Bütschli~schen

Untersuchungen nur um so augenfälliger hervor.

Allgemeine Physiologie · 第 79 / 283 题